Nur mal zum Mitschreiben. Damit ich wirtschaftlich verhältnismäßig unbeleckte Kulturnase auch mal etwas kapiere: Was passiert hier eigentlich gerade? Was für Verwerfungen, was für Zusammenbrüche, Europa?

1. Wir sehen ein kleines Land am Rande des Kontinents, ein kleines Land, das Teil eines größeren Staatenbundes ist. Dieses kleine Land geriet vor vier, fünf Jahren in wirtschaftliche Schieflage. Zum Teil konnten die Bewohner nichts dafür, ökonomisch sieht es gerade nirgendwo auf der Welt gut aus, zum Teil waren die Probleme aber auch hausgemacht: Über Jahrzehnte haben die Eliten des Landes ein System aufgebaut, irgendwo zwischen Günstlingswirtschaft und offener Korruption, ein System, das wirtschaftlich unglaublich ineffektiv war und sich nur deswegen so lange halten konnte, weil der Staatenbund den korrupten Eliten immer wieder unter die Arme griff. Man brauchte das kleine Land in Zeiten der Systemkonfrontation als Bollwerk des kapitalistischen Westens gegen den sozialistischen Osten, ebenso wie man das kleine Land heute als Bollwerk des christlichen Europas gegen das islamische Asien braucht.

(Habe ich soweit alles richtig verstanden?)

2. Auf ewig konnte das nicht gut gehen. Und so brach die Wirtschaft des Landes in den größeren Unbillen der Weltwirtschaft zwangsläufig zusammen. Die Führer des Staatenbundes waren entsetzt, plötzlich trat die Misswirtschaft zu Tage, die zuvor niemandem aufgefallen war. Für den Staatenbund gab es nur ein Heilmittel: massive soziale Einschnitte, Lohnzurückhaltung, Rentenkürzungen. Mit anderen Worten, für den Staatenbund schien es alternativlos, die Leute für die Krise bezahlen zu lassen, die am wenigsten für sie konnten: Arbeitnehmer, Studenten, Rentner, Arbeitslose.

3. Alternativlos? Eine Partei wagte es, die Frage zu stellen, ob es womöglich doch Alternativen geben könnte, zum Beispiel: die Eliten an den Kosten der Krise zu beteiligen, zum Beispiel mit Steuererhöhungen. Mochte der Chef besagter Partei noch so unsympathisch sein, die Reaktion des Staatenbundes rechtfertigte das nicht: Sollte die Partei bei den kommenden Wahlen die Mehrheit erlangen, dürfe das kleine Land am Rande des Kontinents eben nicht mehr im Bund mitspielen, forderten sie, aus der wirtschaftlichen Solidargemeinschaft würde es dann eben ausgeschlossen. Und dann wurde gewählt.

4. Und dann wurde gewählt, und besagte Partei landete nur auf dem zweiten Platz, zumindest wurde das so bekanntgegeben. Die Wahl gewonnen hatten angeblich die Konservativen, also die Vertreter der Eliten, die schon im Vorfeld der Krise die Verantwortung für das Land trugen. Die dann auch postwendend mit der Regierungsbildung beauftragt wurden, während im Staatenbund aufgeatmet wurde: Alle großen Zeitungen kommentierten am Folgetag, dass die Wahl eine Entscheidung der Vernunft gewesen sei, dass das kleine Land sich, endlich!, zu Reformen bereit zeigen würde, die ja eigentlich keine Reformen sind, sondern schlicht Kürzungen, die massive Verelendungen der Bevölkerung nach sich ziehen werden, ja, natürlich, aber SIE! SIND! ALTERNATIVLOS! (Und wer an diese Alternativlosigkeit immer noch nicht glauben mochte, dem würde man es schon beibringen, mit Polizeiknüppeln und Tränengas. Auch mit solchen Mitteln hatte der Westen ja schon seine Erfahrungen, auch in diesem kleinen Land, im Kampf gegen die kommunistische Gefahr.) Auch die Wirtschaft zeigte sich erleichtert, diejenigen, die immer schon die Mittel hatten und die sie weiterhin haben werden. Und, tut mir leid, wenn Wahlen so aussehen wie hier, dann fick dich, Demokratie.

(Hintergrundinformationen: Die Ergebnisse der Wahl in Griechenland am 17.6.2012. Das Blog von Michalis Pantelouris, der konstatiert: „Diejenigen, die das Land in die Situation gebracht haben, in der die Bevölkerung stärker als jede andere in Europa unter der Schuldenkrise leidet, sind belohnt worden.“ Eine europäische Presseschau auf sueddeutsche.de. Und das Hamburger Künstlerkollektiv Schwabinggrad Ballett, das momentan in Athen recherchiert.)

1 Kommentar

  1. Es ist tatsächlich sehr ironisch, dass die an die Macht gebracht wurden, die die Krise wirklich selbst mitverschuldet haben. Die Wähler lernen auch nicht dazu.