Kein Tatortteam hat es geschafft, sein Image so nachhaltig zu versauen, wie die Berliner. Jahrelang war man an der Spree besoffen von der eigenen Metropolenhaftigkeit, ließ die (ungeschickt als Buddie-Team konzipierten) Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) zwischen Bundespolitik und Hochfinanz ermitteln, inszenierte Berlin als Stadt, die New York sein wollte und sich nach Frankfurt streckte – und ignorierte dabei, dass der Reiz Berlins weniger in den Glasfassaden des Potsdamer Platzes lag als vielmehr in den verrottenden Altbauten Kreuzbergs, in der am Boden liegenden Ökonomie, der Migrationsgesellschaft, vielleicht auch der Party- und der Kunstszene. Mit anderen Worten: Das Berlin, das sich der RBB da erträumte, war ein Wunschbild der Neunzigerjahre, während das Stadtmarketing mit Wowereits “Arm aber sexy” schon ein paar Schritte weiter war. Da half es auch nichts, dass das Berliner Team zuletzt mit Folgen wie der zu Recht hochgelobten Hinterhoffolge “Hitchcock und Frau Wernicke” den Blick in die sträflich vernachlässigten Viertel öffnete, konkret nach Neukölln: Eine Ausnahme war das, ungeachtet der Tatsache, dass den Inszenierungen, vor allem aber dem Spiel Raackes nach und nach immer stärker eine wohltuende Altersmelancholie eingeschrieben war, wissend um die Tatsache, dass die eigene Attraktivität so sehr schwindet wie die westberliner Heimeligkeit. Wir ignorierten, dass die Folgen immer mehr die Lebenslüge thematisierten, dass man in einer echten Weltmetropole sein Kommissarsdasein fristen würde – Berlin, das würden immer die Möchtegerncoolen bleiben.

Der “Tatort: Alles hat seinen Preis” geht diesen Weg weiter. Auch der jüngste Berliner Krimi spielt in einem ungenannten aber westberlintypischen Kiez, Kreuzberg wohl nicht, vielleicht Moabit: Die Gewerbehöfe sind runtergeritten, die Altbauten schön siffig, aber im Vorderhaus versucht sich ein Feinkostladen. Der allerdings so wenig eine Zukunft hat wie der kleine Taxibetrieb, dessen Chef zu Beginn in seinem Blut gefunden wird: Die fies kapitalistische Bank (da haben wir wieder die Glasfassaden, die uns der RBB jahrelang als typisch Berlin verkaufen wollte. Diesmal passen sie aber, weil, es gibt sie ja mittlerweile wirklich, diese Banken!) gibt nämlich einem Shoppingmallprojekt auf der anderen Straßenseite einen Kredit, und nicht dem lieben Serranoschinkengeschwisterpaar Ziska (Alwara Höfels) und Pit Zuckowski (Christian Blümel). Dieses Millieu ist klug beobachtet, und außerdem bekommt die traurige Geschwisterballade von Ziska und Pit noch einen sanft homoerotischen Unterton, das gefällt. Wobei die Milleuzeichnung eigentlich das einzige ist, was wirklich gefällt an diesem Tatort von Florian Kern (Regie) und Michael Gantenberg sowie Hartmut Block (Buch).

Das muss man leider sagen: “Alles hat seinen Preis” ist kein guter Film. Dass der Film als Krimi ein bieder runtergedrehter Whudunit ist, dessen Auflösung (ein klassisches Familien-Langzeitgeliebte-Eifersuchtsdrama) kaum hinterm Ofen vorlockt – geschenkt, ich schaue “Tatort” als letztes wegen des nervenzerrenden Thrilleransatzes. Aber dass die Kapitalismuskritik so billig daher kommt wie hier, in einer Zeit, in der Kritik an Bankgebahren, Gentrifizierung und Kapitalkonzentration nicht nur in Berlin auf der Straße liegt, das ärgert dann doch. Dass die Figuren zum Gotterbarmen chargieren, müsste nicht sein: Wenn ein eigentlich schön ironischer Darsteller wie Oktay Özdemir trotz einiger guter Sätze nur den Klischee-Aggro-Türken geben darf, wenn die eigentlich als Episodenstar eingekaufte Nicolette Krebitz immer nur somnambul ins Weite starren darf, dann fragt man sich schon, wo hier eigentlich die Schauspielerführung geblieben ist. Und wenn dem Drehbuch zum Themenkomplex Taxifahren-Großstadt kein anderer Running Gag einfällt als zwei Kommissare, die sich Wettrennen Fahrrad-Dienstwagen durch die baustellengeplagte Hauptstadt liefern, dann … ach, dann weiß ich auch nicht.

Aber vielleicht muss ich schon dankbar sein, dass man bei Berliner Krimis mittlerweile mitbekommt, dass sie auch wirklich in Berlin spielen. Andererseits: muss ich?

“Mit erfrischend leichter Hand und viel Sinn für Ästhetik”: Frank Rauscher auf tatort-fundus.de. “Fatalistisch dahermackernd”: Matthias Dell im Freitag. “Arg bedächtiges Requiem”: Christian Buß auf SpOn. “Der Berliner Tatort verschläft die Gegenwart”: der Wahlberliner. “Mit jeder Minute langweiliger”: der Stadtneurotiker. “Aufdringlich sozialkritisch”: Eco.

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