München wieder. Da mag es Frankfurt geben, Kiel, noch einmal Hamburg, und man wird begeistert sein, es ist egal. Wenn der Bayerische Rundfunk einen “Tatort” zeigt, dann ist der in der Regel von einer Qualität, dass die übrigen Sendeanstalten eigentlich aufhören könnten, Filme zu drehen, da kommen sie ohnehin nicht ran. “Tatort” aus München, das ist: ein Buddymovie ohne Kriminalistenkarikaturen wie in Münster. Ein Thesenkrimi ohne Didaktik wie in Ludwigshafen oder Köln. Ein Großstadtkrimi ohne billige Urbanitätspose wie in Berlin oder Stuttgart. Wenn die Münchner “Tatorte” gut sind, wenn sie wirklich gut sind (viele sind auch nicht so gut. Besser als Stuttgart und Berlin zusammen sind sie dann immer noch), dann zeigen Sie ein München (und zwar nur München! Nirgendwo anders als in der bayerischen Landeshauptstadt können diese Filme spielen!) auf der absoluten Höhe der Zeit, das München von Laptop und Lederhose, allerdings mit Fokus auf die Menschen, die von dieser Mischung aus liberaler Fortschrittsbegeisterung und konservativer Heimattümelei nicht mitgenommen werden. Was wird aus den einfachen Handwerkern im Glockenbachviertel und in Sendling, wenn die Grundstückspreise in der Boomtown durch die Decke gehen, nur mal so zwischenrein gefragt? Und könnten solche Umstände vielleicht auch Basis für einen Fernsehkrimi hergeben?

Vor etwas über einem Jahr zeigte der BR “Nie wieder frei sein”, wahrscheinlich der bemerkenswerteste Münchner “Tatort” der jüngeren Geschichte, in der ein (wegen eines Verfahrensfehlers frei gekommener) Vergewaltiger umgebracht wurde. Shenja Lacher spielte diesen unscheinbaren jungen Mann so ultrabrutal und fies, dass man nicht anders konnte, dass man denken musste: Ja, der hat den Tod verdient. Ja, manchmal hilft der Rechtsstaat nicht mehr, manchmal hilft nur noch, dass der Verbrecher stirbt. “Nie wieder frei sein” erhielt den Grimmepreis zu Recht, aber ein ungutes Gefühl hatte man doch, nachdem man diesen Film halbwegs verdaut hatte. Auch im heute gezeigten “Tatort: Der traurige König” stirbt ein Verbrecher. Ein junger Mann bedroht zunächst eine junge Polizistenauszubildende (Sylta Fee Wegmann) und dann Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl). Und der schießt.

“Der traurige König” zeigt: Es gab wohl keine Alternative zu den Schüssen, richtig sind sie damit aber noch lange nicht. Der Tote ist ein Verbrecher, ja – böse ist er nicht, zumindest nicht von Grund auf. Was man aber nicht wissen kann, wenn man eine Knarre vor die Stirn gehalten bekommt. Selten hat man solch einen differenzierten Krimi gesehen, selbst die immer wieder schnell als Unsympath angelegte Rolle des Internen Ermittlers (Torsten Michaelis) muss zwar Leitmayr anklagen, bekommt aber dann eine Szene von erschütternder Ehrlichkeit geschenkt: “Lieber beschuldige ich zehn gute Polizisten zu unrecht, als dass ich einmal einen schlechten laufen lasse, der denkt, nur weil er eine Uniform trägt, muss er sich nicht an die Regeln halten!” Holla! Und so etwas im konservativen Genre Fernsehkrimi!

Es gibt so viel zu loben an “Der traurige König” (den Titel allerdings nicht, den habe ich einfach nicht verstanden – edit: Leser Hochofen klärt mich in den Kommentaren auf). Die kluge Zeichnung des Millieus der kleinen Leute, Eisenwarenhändler, die, obwohl sie längst in Rente sein müssten, den Eckladen noch weiter betreiben. Man müsste das Schauspiel loben, Wolfgang Hübsch und vor allem Elisabeth Orth, der der schönste Satz dieses Films gebührt, “Gott segne Sie, Franz Leitmayr!”, als Leitmayr ihr endlich gesteht, dass er es war, der den auf die schiefe Bahn geratenen Sohn erschossen hat, Vergebung! Vergebung! Man möchte die stille Regie (Thomas Stiller, no jokes with names!) loben und die Kamera Philipp Sichlers, die genau weiß, was für Bilder man braucht, für eine Verfolgungsjagd an einem hellen Sommernachmittag, in einem staubigen Stall: heftigstes Gegenlicht. Man könnte bemängeln, dass Leitmayrs eigentlich gleichberechtigter Kommissarskollege Ivo Batic (Miroslav Nemec) ein wenig an den Rand gedrängt ist, in diesem Krimi, kaum wirklich etwas zur Handlung beiträgt. Andererseits: Der hält das schon aus, demnächst gibt es auch wieder einen Film, bei dem er im Mittelpunkt steht.

(Sehenswert: Holger Gertz in der Süddeutschen. Trauma-Thriller: Christian Buß auf SpOn. Träge: Matthias Dell im Freitag. (Fast) Film noir: Wilfried Geldner auf tatort-fundus.de. Spannend auf die anspruchsvolle Art: der Wahlberliner. Besserer Durchschnitt: der Stadtneurotiker.)

5 Kommentare

  1. Volle Zustimmung – nur, was gibts am Titel nicht zu verstehen? Das Märchen vom traurigen König, das Batic Leitmayr erzählt, ist doch DIE Metapher des Films und wird im Schlussbild mit Franzens Kopfstand auf den Punkt gebracht. Von wegen, die vordergründig schlimmen Dinge mal aus der anderen Perspektive zu betrachten.

    • Das Märchen, natürlich! Hatte ich vollkommen verdrängt, anscheinend denke ich nicht so sehr in Metaphern. Ich suchte verzweifelt nach einer Figur im Film, die den Nachnamen “König” trägt.

  2. Vielleicht bin ich nur zu alt. Aber ein Tatort, der von wackelnden Handkameras leben will oder der billige Mätzchen zur Kust erhebt, sowas geht mir einfach auf den Sa… .
    Da war dieser ruhig erzählte und blendend gespielte Tatort genau das richtige für mich. Und wenn Kritiker das “alte Paar” aus München in Pension sehen wollen, ich will das nicht. Mindestens einmal im Jahr setzen sie ein Glanzlicht und die anderen Fälle sind immer noch mindestens gut.

    • Hm Ich bin ja durchaus der Meinung, dass Kriterium für einen guten Tatort nicht die wackelnde Handkamera beziehungsweise der Verzicht auf dieselbe sein sollte. Es gibt tolle Krimis, die auf künstlerische Ambitionen setzen, und es gibt tolle Krimis, die diese Ambitionen hintenanstellen. Und es gibt in beiden Fällen viele, viele schlechte Krimis. Aber eigentlich geht es doch darum, dass Regie, Kamera, Drehbuch und Darsteller wiessen sollten, weswegen sie wann was machen. Und wenn dieses Wissen da ist, dann läuft das schon.

      • Die Handkamera war auch nur als Beispiel gedacht, wo ein Stilmittel um seiner selbst Willen eingesetzt wird, weil es eben gerade mal angesagt ist. Wo so ein Stilmitel sinnvoll und unterstützend eingesetzt wird, da habe ich auch gar nichts dagegen. Ich sehe aber des öfteren, auch in Tatorten, dass solche Sachen ohne Sinn und Verstand eingesetzt werden.
        Da lobe ich mir dann einen Krimi wie den traurigen König, der in der Machart fast altmodisch daherkommt, wo aber alles wirklich stimmig ist.
        So meinte ich das.

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