Hier entstehen Eigenheime

Hier entstehen Eigenheime

Jadrankas Eltern hatten ein Grundstück in der Gegend von Dubrovnik. Jeden Sommer in den Schulferien fuhr die Familie nach Süden, um am Häuschen zu bauen, Wände hochzuziehen, Dächer abzudichten, Leitungen zu verlegen: sich ein Heim zu basteln. Mit Blick auf die Adria vielleicht, ich erinnere mich nicht mehr, Jadranka erzählte viel von Dubrovnik, aber ich schmeiße einiges durcheinander. In der Oberstufe verloren wir uns aus den Augen, und dann wurde Dubrovnik bombardiert, zu Beginn des Kroatienkrieges, ich weiß nicht, ob das einen Einfluss hatte auf die Heimkonstruktion von Jadrankas Familie. Ich weiß nicht, wo und wie Jadranka jetzt lebt, ob im Haus auf dem Hügel über dem blauen Meer oder ob in einer Mietwohnung in einer deutschen Großstadt. Ich nehme einfach mal an: letzteres. Denn das Heim an der Adria, das ist eine Illusion.

Ich komme aus einer Gegend, in der es noch ziemlich lange zum üblichen Lebenslauf gehörte, mit spätestens 40 (nach den Stationen Ausbildung, Berufseinstieg und Familiengründung) ein Eigenheim zu erwerben, besser noch: selbst zu errichten. Machte man in meiner Familie ebenfalls so, war „normal“. Und das hat ja auch seinen Reiz: Nie mehr abhängig zu sein vom Vermieter, frei zu sein, sich die (kleine) Welt so herrichten, wie man sie sich wünscht.

Nur funktioniert das leider alles nicht.

Man ist ja nicht unabhängig, wenn man sich ein Haus baut, man ist höchstens unabhängig vom Vermieter. Ein normal verdienender Haushalt kann sich den Hausbau nicht so einfach leisten, also nimmt man einen Kredit auf. Den man abbezahlt, in der Regel das gesamte Erwerbsleben lang. Und aus dem man nicht so einfach wieder rauskommt. Eine Mietwohnung kostet unverschämt viel, ja, und am Ende seines Lebens hat man nichts, aber dafür ist man verhältnismäßig frei. Falls sich die Lebensumstände ändern, dann kann man mehr oder weniger unaufwändig die Wohnung kündigen und dorthin ziehen, wo es besser passt, in ein billigeres Viertel, in eine größere Wohnung, in eine Stadt, in der man leichter Arbeit findet. Wenn man ein Eigenheim hat, dann kann man das theoretisch auch, allerdings mit deutlich mehr Umständen (wer aus, sagen wir: Cottbus wegzieht, weil er in Reutlingen einen Job gefunden hat, der hat es wahrscheinlich schwer, seine Butze in Cottbus zu verkaufen – da ziehen ja alle weg, weil es schlicht keine Jobs gibt). Und wer das Ganze nicht nur als Dach über dem Kopf versteht, sondern als „Heim“, das man als Trutzburg gegen die Unbill des Alltags aufgebaut hat, der bekommt das ohnehin nicht hin. Das Heim zu verlassen, das ist wie den Lebenspartner zu verlassen. Und schon ist man in der Falle. Gezwungen, das Leben exakt so weiterzuführen, wie es vorgezeichnet ist, und eine kleine Irritation hat den Zusammenbruch des Ganzen zur Folge.

Die großartige arte-Miniserie „Zeit der Helden“ zeigt zwei Familien in jeweils ihrer eigenen Krise. Man könnte interpretieren, dass die Krisen entstehen aus individuellem beruflichen und privaten Scheitern: Der Elektroinstallateur Arndt Brunner (Oliver Stokowski) leidet darunter, dass seine Familie sich auseinanderlebt, der Lichtdesigner Gregor Anders (Thomas Loibl) leidet darunter, dass er aus seiner Firma gedrängt werden soll, okay. Aber das sind Schicksale, die überall hinpassen, „Zeit der Helden“ berührt darüber hinaus noch einen Aspekt, der nicht so verallgemeinerbar ist, und das ist der Spielort. Weinheim. 44000 Einwohner, Rhein-Neckar-Kreis, nicht mehr Dorf, noch nicht Stadt. Und in Weinheim spielt die Serie fast ausschließlich in einer vielleicht zwanzig Jahre alten Siedlung, Einfamilienhäuser, die wohl angeordnet da stehen, und in denen nach 20 Uhr das Grauen einzieht. Auf der Straße sieht man vielleicht noch den Nachbar mit dem Hund Gassi gehen, ansonsten sind die Figuren hier alleine. Und stellen fest, dass sie längst so weit in ihren Umständen festgezurrt sind, dass sie da auch nicht mehr mit Gewalt rauskommen.

Und dann kapieren sie, dass dieses Eigenheimgefängnis die perfekte Disziplinierungsmaßnahme ist, besser als jede soziale Kontrolle, besser als die normativen Strukturen der heterosexuellen Kleinfamilie, besser als jede Staatsgewalt. Weil es einen einfach nicht mehr rauslässt.

1 Kommentar

  1. Halleluja. Ja!