26. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Jamboree/Ich bin Thilo Sarrazin · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Die Premiereneinladung kam per Facebook. Was ungewöhnlich ist, existieren doch mehrere berufliche Mailadressen, über die man mich ganz problemlos kontaktieren kann. Andererseits: Irgendwie passt diese Form der Kontaktaufnahme auch zu diesem, äh, naja: Theaterstück?, „Die Generalversammlung der Welt“ von Meyer&Kowski, im Museum für Völkerkunde. Immerhin auch mal eine Gelegenheit, diesen Ort zu besuchen, einen riesigen Jugendstilklotz in Rotherbaum, dessen Inneneinrichtung einen sofort berührt, ach, ich mag Jugendstil. Was hier überhaupt nichts zur Sache tut.

„Die Generalversammlung der Welt“ ist, das merkt man recht schnell, ein großer Fake. Also: Der chinesische Lehrer Lobo Chan reist durch die Welt, um die Menschheit zu überzeugen, sich friedlich zu treffen, im Jahr 2050, am besten in Australien, weil, in Australien ist ausreichend Platz. Im Völkerkundemuseum hören wir einen von Lobos Vorträgen, er sucht nach „Botschaftern“ für sein Vorhaben, also beschreibt er, wie er auf die Idee besagter Generalversammlung kam und was er damit bezwecken möchte. (Insbesondere bei letzterem Punkt bleiben die Ausführungen extrem unkonkret, was der Vortrag durch ein gehöriges Maß an Sympathie wieder wett macht.) Lobo ist begeistert, er ist auch ein wenig missionarisch, kurz überlegt man, in eine sektenähnliche Erweckungssituation geraten zu sein, aber dann übernimmt das theatrale Element, wir merken, alles ist nur Spiel. (Überhaupt, missionarisch, Lobo Chan ist doch überhaupt kein Lehrer aus Hunan, wie er behauptet, Lobo Chan ist ein britischer Opernsänger und Schauspieler, und für die, die das bis zum Schlussapplaus noch nicht kapiert haben, singt er noch eins!)

Wobei die Rafinesse des Theaterduos Meyer&Kowski (was ein hübsches Wortspiel ist und eigentlich den Regisseur Marc von Henning und die Dramaturgin Susanne Reifenrath meint) darin besteht, erstens das Gemachte ihrer Produktion nicht zu verstecken, wahrscheinlich niemand im Saal glaubt wirklich, es hier mit einem Vortrag und keinem Theaterstück zu tun zu haben – und zweitens die Inhalte dieser „Generalversammlung der Welt“ dennoch nicht zu denunzieren. Was Lobo da vorn erzählt, kommt bei einem an, auch wenn man weiß, was hier gespielt wird. Und was da ankommt, das ist nicht schön.

Denn die Idee, 2050 in Australien (beziehungsweise in Argentinien, im Verlauf des Stücks gerät das ein wenig durcheinander) zusammenzukommen, alle 50 Milliarden Weltbürger, hat in ihrer Monströsität etwas Erschreckendes. Was sollte diese Generalversammlung denn miteinander anfangen? Bestenfalls sich gleich die Köpfe einschlagen, schlimmstenfalls beieinander stehen, ohne Ahnung, was man miteinander reden soll, und über kurz oder lang vor Langeweile sterben? Zwei Meinungen zum Thema, wie Menschen miteinander umgehen, stehen sich unversöhnlich gegenüber: Die einen glauben, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, sozialen Kontexts einfach grundätzlich nicht miteinander auskommen können und man deswegen allen Beteiligten etwas Gutes tut, wenn man dafür sorgt, dass sie sich nicht über den Weg laufen. Thilo Sarrazin zum Beispiel denkt so. Die anderen glauben, dass die Menschen, wenn sie sich nur einmal Auge in Auge gegenüber stehen, schon den Freund im Anderen erkennen werden, das ist die Idee des Jamboree, das ist die Idee, die die Lobo-Chan-Figur uns mit glühendem Blick nahebringen möchte. Ich aber möchte nicht den Freund im Gegenüber erkennen, falls das Gegenüber George W. Bush sein sollte, meine Güte, ich möchte mich ja nicht einmal mit einem Christdemokraten im gleichen Raum aufhalten!

Mein Gott, ich bin Thilo Sarrazin!

Wobei soziale Netzwerke wie Facebook tatsächlich eine Art „Generalversammlung der Welt“ im Kleinen herstellen. Was mir dieser, ja doch: Theaterabend mit auf den Heimweg gab, ist auch eine Erklärung, weswegen mir Facebook nicht ganz geheuer ist: weil sich da nämlich nicht nur sympathische Gruppen wie Gays against Guido tummeln, sondern halt leider auch der echte Guido Westerwelle. (Wenn ich nicht aufpasse, werde ich wirklich soziophob. Ich meine, will ich eigentlich noch mit einem Zug fahren, wenn womöglich die Gefahr besteht, dass in meinem Waggon auch ein FDP-Mitglied sitzt?) Es passiert nicht häufig, dass ich nach einem Theaterstück stundenlang über mich, über meine Weltsicht nachgrübelte – dass „Die Generalversammlung der Welt“ das geschafft hat, dafür kann man Meyer&Kowski durchaus loben.

Ach so, dafür, dass dieses Stück unter ganz klassischen Entertainmentaspekten funktioniert hat, dafür natürlich auch.

(„Die Generalversammlung der Welt“, 27. 1., 17., 18., 24. und 25. 2., Großer Hörsaal im Museum für Völkerkunde, Hamburg)

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