lieferandoIch weiß, dass es die wirklich Bösen nicht gibt, in diesem Kontext. Nicht die Firma Lieferando, die doch nur der Makler ist, der Mittelsmann, der den Kontakt herstellt zum nächsten Pizzabringdienst. Nicht der Bringdienst, der nimmt eigentlich auch keine anderen Dienste in Anspruch als der Immobilienbesitzer, der sich nicht selbst um die Vermietung seiner Wohnung kümmern will oder die Schauspielerin, die nicht selbst bei den Filmproduzenten Klinken putzen will: Die nutzen ja auch Agenten. Und Lieferando ist dann eben der Agent für den griechischen Lieferservice Santorini (der eigenartigerweise am anderen Ende der Stadt liegt, trotzdem nennt ihn mir Lieferando als nahe), Spezialist für „Bier, Burger, Calzone, Croques“, typisch griechisch also. Schuld ist nicht einmal die Marketingagentur, die die momentan überall in der S-Bahn hängenden Plakate entworfen hat, wobei man schon seltsam finden kann, dass die zuständige Agentur nicht auffindbar ist: Das Fachmedium Werben & Verkaufen behauptet, die „Berliner Agentur 111 Media“ würde den Werbeauftritt verantworten, es gibt aber nur eine einzige Agentur namens 111 Media, und die sitzt in München. Mysteriös. Aber auch egal.

Weil das nämlich keine widerlichen Einzelaspekte sind, das ist alles so widerlich, als Gesamtheit. Diese Plakate sind der perfekte Ausdruck einer durch und durch widerlichen Zeit. Die blöde Jugendsprache-Anwanzerei „Deine Mudda kocht“, die klarstellt, dass ja wohl nichts so uncool ist wie Kochen. Die ästhetische Anspruchslosigkeit der Plakatgestaltung. Die billige Darreichung der abgebildeten Essensbeispiele. Die Annahme, dass der Lieferservice Santorini einem bis vom Horner Steindamm, einer öden Ausfallstraße im Osten Hamburgs, irgendetwas Essbares liefern könnte. Die Behauptung, dass Essen das Gegenteil von Kultur ist, die Behauptung, dass Essen nur ein Reinschaufeln von Kohlehydraten ist, vor dem Bildschirm, während einem das Fett aus den Mundwinkeln läuft und man seinem „Buddy“ High-five gibt, „Deine Mudda kocht, Alder!“ Höhö.

Ich geh‘ jetzt Kotzen. Es ist so widerlich.

14 Kommentare

  1. die funktioniert auch nicht. sohn (14) hat mich letztens gefragt, wieso, wenn seine mutter kochen würde, er was bestellen sollte.

    • Du meinst, ich sollte die Hoffnung in die Menschheit noch nicht aufgeben? (Sei stolz auf deinen Sohn, wirklich.)

  2. Mach dir keine Sorgen, diese Werbekampagne ist insgesamt unterste Schublade und kommt eh nicht gut an. Schon gar nicht bei der plump anvisierten Zielgruppe, die es nämlich gar nicht mag, wenn man ihre Mutter beleidigt. Konsumenten für dumm verkaufen geht anders.

  3. es ging ja um diese werbung, die wir unterwegs gesehen haben und er war irritiert und ich auch und wir brauchten eine weile, bis wir verstanden, was überhaupt damit gesagt werden sollte, weil das so abwegig und unverständlich ist. deshalb denke ich, die werbung funktioniert nicht. auf so eine blöde anbiederei lassen sich nicht mal teenager ein. und die meisten teenager essen gern bei mudda und mögen auch nicht, wenn man das kritisiert. deshalb funktioniert das auf keiner ebene und nicht mal für prolls.

  4. the gab ist mir zuvorgekommen. genau.

    • Ihr wollt mir jetzt aber nicht wirklich erzählen, dass die Welt gar nicht so verachtenswert ist wie ich denke, oder?

      • Es ist nicht die Welt, die verachtenswert ist. Es sind diejenigen Menschen, die verächtlich mit ihr umgehen. Was ich schlimm finde an dieser Kampagne (es gibt ein Video auf youtube, das noch schlimmer ist als das Plakat), ist, dass sie eine tiefe Verachtung für Menschen ausdrückt, für Frauen, Mütter, deren Kinder, die Familie, Armut, unsere Nahrungsmittel, Vernunft, Kreativität, Inspiration, Liebe. Wer auch immer sich diese Kampagne ausgedacht und abgenickt hat, ist von Neid, Gier und Missgunst getrieben. Das spürt man. Sie soll wohl witzig sein, haha, aber darauf fällt eben nicht jeder rein.

  5. „die welt ist schön. ich lebe gern.“

  6. Ähnlich wie die Redcoon-Werbung ist es einfach sehr plump und in der Ausführung extrem billig gemacht. Ich glaube, dieses krampfhafte Ranwanzen an eine imaginierte jugendliche Zielgruppe wird so auch nicht funktionieren. Die rufen dann doch den Pizzaservice oder kaufen Elektronik da, wo es auf dem Weg liegt oder einfach noch günstiger ist. Wer kochen wirklich so uncool findet, der investiert auch keine Zeit, um bei einem Lieferservice lange nach Bringgerichten zu suchen.

    • Außerdem, sobald „Jugendsprache“-Ausdrücke erst mal öffentlich gedruckt dastehen, und dann noch auf einem Werbeplakat!, sind sie eh sofort verbrannt und der, der sie druckt, ist lächerlich. (Mist, ich beschäftige mich schon wieder mit dieser Sache, das hat die gar nicht verdient 😉

    • (Hoffe ich mal ;-))

      • Aber Lieferando übernimmt doch die Aufgabe des Pizzaservice, der unkompliziert angerufen wird … Es sei denn, die kleinen Dumpfbacken werden von der Angebotsvielfalt so überrollt, dass sie quasi als Übersprungshandlung denken. „Boah, ist das kompliziert, ich kann mich gar nicht entscheiden. Dann koch‘ ich mir lieber selbst was.“