Vielleicht musste der Superbulle ja so enden: mit einem ganz großen Wurf. Mit einer Auftragskillerin (Corinna Harfouch), die erstens autistisch ist und zweitens todkrank, Leukämie wahrscheinlich. Einem Mörderinnensohn (Jonas Nay), der eine Mischung aus Norman Bates und Schanzenjüngling darstellt und nach der Hälfte von der Mutter beiläufig gemeuchelt wird. Eine Bankerrunde, die heftigst overacted, besoffen vom Adrenalin. Einer Superbullenfreundin (die wunderbare Anna Bederke), die den gesamten Film über barfuß, blutbesudelt und derangiert durch die Szene stolpert. Und dem Superbullen selbst, Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), der schon in den ersten Szenen dieses “Tatorts: Die Ballade von Cenk und Valerie” erschossen wird. Groß. Pathetisch. Heftig.

Die Figur des Cenk Batu ist eine starke Setzung im “Tatort”-Konzert: kein Kommissar bei der Mordkommission, wie die ganzen Kollegen von München bis Leipzig, sondern ein verdeckter Ermittler, ein geschichtsloser Zombie in einem Penthouse dieses von mir immer mehr gehassliebten Hamburg, der von Fall zu Fall in bestimmte Szenen eingeschleust wird. Das macht die Geschichten mit Batu schwierig, weil der Aufbau solch eines Krmis immer ähnlich ist: 1. Verdeutlichung des Themas 2. Einschleusen Batus bei den Bösen 3. Überraschende Wendung 4. Aufdeckung der wahren Identität Batus 5. Schluss/Action. Irgendwann dürfte solch eine stark formatierte Drehbuchästhetik langweilen, entsprechend ist es sinnvoll, dass Regisseur und Drehbuchautor Matthias Glasner die Figur sterben lässt, nach nur fünf Krimis (wenn ich richtig gezählt habe). Selbst um den Preis, dass ich immer noch nicht so richtig verstanden habe, was diesen Batu eigentlich antreibt, dass da noch einiges ist, das nicht erzählt wurde. Zum Beispiel der Migrationshintergrund Batus: im ersten Fall (“Auf der Sonnenseite”, 2008) war der noch Thema, ebenso wie in “Der Weg ins Paradies” (2011), wo der verdeckte Ermittler unter Islamisten geriet, aber sonst? Ist dieser Batu denn Muslim? Immerhin trinkt er Alkohol. Aber womöglich ist das genau die Qualität dieser kurzen Krimreihe: dass Fragen offen bleiben, dass eine Figur gar nicht wirklich erkannt wird. Weil ein Erkennen viel zu kompliziert ist, um es in fünf Mal 90 Minuten zu erfassen.

Die Krimis waren nicht immer stimmig, das nicht. Woher hat Batu überhaupt sein Wissen, um in kürzester Zeit in unterschiedlichsten Szenen als Insider durchzugehen? Und weswegen wird er überhaupt in seiner Heimatstadt eingesetzt, der Stadt, in der ihm jeden Augenblick ein Bekannter auf der Straße begegnen könnte? Auch Matthias Glasner ist da ein wenig schlampig, wo er eine Gruppe hochgepushter Banker auftreten lässt, mit Dreitagebart und durchschlafenem T-Shirt, während der einzige, der hier im Anzug auftritt, der verdeckte Ermittler ist – und keiner stellt fest, “Moment mal, der gehört ja gar nicht zu uns”? Aber: Das ist egal. Weil es hier um etwas ganz anderes geht.

Es geht hier darum, eine ganz große Geschichte zu erzählen. Eine vollkommen unironische Geschichte von einem Mann, der zutiefst liebt (und der es entsprechend nicht aushält, als seine Liebe in einer politischen Strategie aufs Spiel gesetzt wird). Eine Geschichte von einem Mann, der scheitern muss. Ein Liebesduell: Die Killerin nimmt ihren Gegner als erotischen Partner wahr, nicht erst, als sie ihn “Liebster” nennt, sondern schon zu Beginn, als sie ihn außer Gefecht setzt und nicht etwa schnöde fesselt, sondern in einem Shibari-Bondage-Ritual kunstvoll verschnürt. Den Tod sowohl der Killerin als auch des Superbullen verstehen wir nicht nur als Höhepunkt des Krimis, sondern eben auch als vergrößerte Form des “kleinen Todes”, als gemeinsames Kommen, und das ist schon sehr radikal.

“Die Ballade von Cenk und Valerie” ist radikal, ein großer Wurf. Eine Radikalität, die man keinem anderen “Tatort”-Team so zutrauen würde, ich meine, Münster? Köln? Ich werde Cenk Batu vermissen.

(“Unfreiwillig komisch”: Torsten Thissen auf Welt Online. “Metaphernschweres Melodram”: Christian Buß auf SpOn. “Verdammt ernst”: Heinz Zimmermann auf tatort-forum.de. “Grandioser Schmarrn”: Matthias Dell im Freitag. “Im Grunde ein Klassiker”: der Wahlberliner. “Schnüff. Und uff”: Mark Heywinkel.)

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