22. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Offene Beziehung · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte

Seit einem Dreivierteljahr bin ich nicht mehr anonym. Seit einem Dreivierteljahr läuft die Bandschublade auf einem Server mit meinem Namen, ist hübsch geworden, nicht wahr? Auch wenn die Ladezeiten hier verhältnismäßig lange dauern, auch wenn ich es nicht gebacken bekomme, Google Analytics befriedigend zu installieren und deswegen weiterhin auf die nur halbwegs vertrauenswürdigen WordPress-Statistiken vertrauen muss, wenn ich etwas über meine Besucher erfahren will: Ich möchte das nicht mehr missen, hier.

Seit einem Dreivierteljahr lebe ich beruflich in einer offenen Beziehung, das ist noch in Erinnerung? Also: Seit einem Dreivierteljahr schreibe ich neben meiner Redakteurstätigkeit für uMag und kulturnews auch noch für andere Medien, was man daran merkt, dass ich an dieser Stelle immer wieder auf Texte verweise, die ich andernorts veröffentlicht habe. Das bringt ökonomisch wenig, stresst dafür umso mehr und macht dennoch ganz großen Spaß. Was damit zu tun hat, dass das ein wenig der Existenzform des Intellektuellen nahe kommt, wie ich sie reizvoll finde: ungebunden, frei die Positionen wechselnd, ein unsicherer Kantonist. (Ein unsicherer Kantonist, der allerdings ganz gerne einen Wein trinkt, der nicht aus dem Tetrapack kommt und der entsprechend die Sicherheit einer Festanstellung zu schätzen weiß.) Ich habe drei Medien, die mir hin und wieder Texte abkaufen, viel ist das nicht, ein echter Freier könnte nicht davon leben, bei mir ist es aber ein ganz angenehmes Zubrot, und: Ein echter Freier hat auch mehr Zeit für die Akquise zur Verfügung, bei dem muss es nicht bei drei Abnehmern bleiben. Bei mir ist das okay mit den Dreien, auch damit ich hin und wieder zum Schlafen komme. Aber auch, weil ich alle drei aus bestimmten Gründen schätze.

Das Netzfeuilleton. Ein Onlinemedium, genauer: das einzige Onlinemedium im Kulturbereich, das zumindest halbwegs gut zahlt. Ich glaube ja an Online, ich glaube, dass der Journalismus nur dann eine Zukunft hat, wenn er in diesem Bereich konsequent und professionell ist. Zudem: Die Texte im Netzfeuilleton sind oft sehr gut, und als Meinungsbildner ist die Seite emminent wichtig. Ich bin durchaus stolz, da hin und wieder vorzukommen.

Das Fachblatt. Wenn das Netzfeuilleton wichtig ist, dann ist das Fachblatt ultrawichtig. Schlichtweg: der Meinungsführer im Theaterbereich, abseits von wissenschaftlichen Publikationen. Ich habe die immer schon gerne gelesen und finde es schön, dass man mich dort mittlerweile auch liest, zudem ist die tiefer gehende Beschäftigung mit Inszenierungen im Monatsmagazin eine andere als ich sie andernorts, von den ultraschnellen Online- bis zu den mehr oder weniger schnellen Tagesmedien, gewohnt bin. Wobei meine Netzaffinität hier eher weniger gefüttert wird: Die Website ist eine bloße Verlängerung der Printausgabe, ohne interaktive Elemente und ohnehin nur für Abonnenten zugänglich.

Die linke Tageszeitung. Alte Freunde, ja, aber nicht nur. In der Linkspartei-nahen Tageszeitung kann ich über Themen schreiben, über die ich bei den monothematischen anderen Abnehmern meiner Texte nichts sagen kann: über Kunst. Und über Pop. Zudem gehe ich hier mit dem typischen Minderwertigkeitskomplex des Kulturjournalisten um, der sich im Gegensatz zu den Kollegen in der Politik- und Wirtschaftsredaktion nie vernünftig politisch positionieren kann. Indem ich in der linken Tageszeitung veröffentliche, sage ich: Ich bin ein orthodoxer Marxist! Indem ich mich aber aufs Feuilleton beschränke, sage ich: Kinder, wir haben Postmoderne, das mit dem orthodoxen Marxismus ist doch nur ein Rollenspiel!

Und dann eben noch kulturnews und uMag. Bei denen ich ganz anders arbeite, nicht primär als Autor, sondern als Redakteur. Mit denen bin ich verheiratet, bei denen bin ich viel tiefer drin in der Entwicklung beider Medien, bei denen bin ich glücklich, wenn etwas funktioniert, bei denen leide ich wie ein Tier, wenn etwas nicht funktioniert. Als ich angefangen habe, zweigleisig zu fahren, war ich der Meinung, ich würde hin und wieder einen Seitensprung wagen. Heute weiß ich: Das ist kein Seitensprung, das ist eine klassische offene Beziehung. In der Regel tut so ein Arrangement der Beziehung auf lange Sicht, doch, eher gut.

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