30. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für „Oh, Danke!“, freut sich der Beamte · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , ,

Es gibt „Tatort“-Teams, bei denen freue ich mich auf jede neue Episode, München etwa, Kiel, immer noch Frankfurt. Es gibt ein Team, das ich boykottiere, Leipzig, ich mag das einfach nicht mit ansehen, wie sich der tolle Martin Wuttke an Drehbüchern, Regie, Mitspielern aufreibt. Es gibt ein oberes Mittelfeld, aus dem immer mal wieder spannende Episoden kommen, Berlin, Köln, Wien. Und es gibt ein ganz breites unteres Mittelfeld, ein Feld der Enttäuschung, das ich nicht aufgeben will, das allerdings praktisch nicht mehr lohnt, geschaut zu werden: Ludwigshafen, Münster, Stuttgart. Und Konstanz. Konstanz, womöglich der dankbarste Tat-Ort, in einer Landschaft, die unverwechselbar ist, einer Landschaft, so schön, dass man den Atem anhalten möchte, außerdem direkt an der Grenze gelegen, der einzig echten Grenze, die dieses Land noch hat, an der Schweizer Grenze. Was könnte man daraus machen!

Und was macht der unselige SWR am Ende draus? Postkartenbildchen einer Urlaubsregion. Knallchargieren einer Theaterschauspielerin, Eva Mattes, die in jeder Szene zeigen muss, dass dieser Fernsehkram nun wirklich unter ihrer Würde ist. Drehbücher voll dunkeldörflicher Klischeeszenerie, für die selbst ein Bienzle sich vor 15 Jahren geschämt hätte. Ein-, zweimal gab es Ausbrüche zum Trash, da durfte La Mattes vollkommen unrealistische Verfolgungsjagden im deutschschweizer Grenzgebiet vollziehen, und der Kanton Thurgau durfte so tun als ob er Manhattan sei, 16 Blocks rheinabwärts. Das war lustig, führte das öde Krimigedümpel aber auch nirgendwo hin.

Aber wir sind nicht am Ende der Fahnenstange, wir sind nicht in Leipzig, wir sind nur im Feld der Enttäuschung, und aus diesem Feld gibt es Ausreißer, nach oben, ebenso, wie es aus dem oberen Mittelfeld auch immer wieder, ja, viel zu häufig, Enttäuschungen gibt. Im „Tatort: Schmuggler“ nämlich passt einiges ganz gut, das Setting Grenzkaff Konstanz ist tatsächlich in seiner Eigenart ernst genommen in dem Sinne, dass in diesem Krimi geschmuggelt wird, was hier eben wirklich geschmuggelt wird, Schwarzgeld nämlich aus der Bunderepublik in die Schweiz, Schwarzgeld von wohlhabenden Spießbürgern, die mit bösem Witz vorgeführt werden. Und auf der anderen Seite bekommen dann eben auch diejenigen ein Gesicht, die unter der Geldgier besagter Steuersparspießer zu leiden haben: die kleine Zollbeamtin (die ganz, ganz wunderbare Julia Koschitz, die sich langsam in meinen Kreis der gegenwärtig hübschesten wie carmantesten Filmschauspielerinnen vorspielt), die mit 1800 Euro brutto erstens Schulden und zweitens eine Teenietochter zu wuppen hat, worunter sie folgerichtig zusammenbricht. Aber auch die ökonomisch bessergestellten Hauptkommissare, die sich von einem fettigen Wurstfabrikanten sagen lassen müssen, dass ordentliche Polizeiarbeit doch auch mit weniger Etat gehen muss. Die Art, wie besagter Protokapitalist am Ende ausgespielt wird, hat Humor, geht aber am Thema vorbei, weil doch nicht die eine, fiese Wurst schuld an der Misere ist, sondern das System als Ganzes, aber so weit mag man beim christdemokratischen SWR vielleicht doch nicht gehen, von wegen Kapitalismuskritik. Schön wird aber gezeigt, wie leicht man sich in solch einem Effizienzsystem in Korruptionsbeziehungen verstrickt, einmal mit der Figur des halbbösen Zollamtschefs (Falk Rockstroh, klar, dass solch ein großer Schauspieler nicht nur einen kurzen Auftritt als Behördenleiter hat), der beschreibt, wie er sich vom Schweizer Banker erst einen Cognac spendieren lässt, dann ein Abendessen mit Freunden, und schließlich einen regelmäßigen Umschlag, gegen kleine Gefälligkeiten. Und einmal mit der Figur des (auf ewig unsympathischen) zweiten Kommissars (Sebastian Bezzel), dem auf Recherche im Luxusrestaurant eine Rehrückenterrine angeboten wird, „selbstverständlich aufs Haus“. „Oh, Danke!“, freut sich der Beamte.

Was auf der Strecke bleibt, ist da irgendwo der Krimi. War der tote Zöllner jetzt korrupt oder tatsächlich eine LIchtgestalt? Und wer brachte ihn nochmal um? Es ist nicht so, dass man das nicht verstanden hätte, es interessierte einen nur nicht wirklich. Außerdem, eine Kleinigkeit: Zwar ist Julia Koschitz schon 1974 geboren, wirkt aber selbst noch so jugendlich, dass man ihr nicht wirklich glaubt, eine halbwüchsige Tochter zu haben. Aber das ist eine lässliche Sünde, die man wohl nicht einmal Regisseur Jürgen Bretzinger vorwerfen muss, sondern, wenn überhaupt, dem Casting. Und um Krimiqualitäten geht es ja ohnehin kaum, wenn man „Tatort“ guckt, nicht wahr? Ein wenig geht es nämlich auch darum, wie der Bodensee diesmal aussieht. Und man muss sagen: Er sieht toll aus, mit diesen winterlichen Schwänen, die da über die spiegelglatte Wasserfläche schwäneln.

(Klassisch: Katharina Gamer auf tatort-fundus.de. Ruhig: Matthias Dell im Freitag. Eindringlich: der Wahlberliner. Antriebslos: Christian Buß auf SpOn. Stangenware: der Stadtneurotiker.)

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