31. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Porno! Schlimm! Verboten! · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , ,

Ich brauche mich nicht zu beschweren. Wenn ich mich auf zwielichten Websites rumtreibe, wenn ich der Meinung bin, dass ein Freeware-Virenscanner und die Windows-eigene Firewall einen Rechner schon ausreichend schützen dürften, wenn ich in blöd antiamerikanischer Ignoranz Produkten aus dem Hause Apfel grundsätzlich die kalte Schulter zeige, dann brauche ich mich nicht zu beschweren, wenn über kurz oder lang ein böser Trojaner sich auf meiner Festplatte festsetzt. Und solange ich mich in der Rolle des Technik-Laien sonne, brauche ich mich auch nicht zu beschweren, wenn ich den Schädling selbst nicht mehr losbekomme und den Rechner entsprechend zum Computerladen schleppen muss, wo ich spöttisch gemustert werde, „Entschuldigung, ich habe mir einen Trojaner eingefangen, bitte helfen Sie mir“, um dann einen horrenden Stundenlohn abzudrücken. Ich bin ja selbst schuld.

Worüber ich mich aber beschwere, das ist die Argumentation, mit der der (sinnigerweise als „BKA-Trojaner“ bezeichnete) Trojaner an mein Geld will. Weil das Ding nämlich behauptet, dass ich mich auf pornografischen Seiten rumgetrieben hätte, was ja schon per se verwerflich ist, wenngleich nicht ganz klar wird, wie das zur Folge haben könnte, dass mein „Computersystem an eine kritsche Grenze angekommen“ ist, egal. Es geht hier nicht um Technik, es geht darum, dass der Virus einem ein schlechtes Gewissen einzuimpfen versucht, Porno!, Schlimm!, Verboten!, obwohl, ist Pornographie denn verboten? Egal. (Es gibt anscheinend auch eine Variante des Trojaners, die versucht, einem einzureden, dass das BKA den Rechner stillgelegt habe, weil auf der Festplatte schwarz gebrannte Software gefunden worden sei, was noch einen Tacken perfider ist, weil es sich dabei ja tatsächlich um eine Straftat beziehungsweise ein Vergehen handeln würde.) Die Computerkriminellen suchen sich also gezielt Opfer, die ein schlechtes Gewissen wegen ihres Verhaltens haben, Opfer, die sich ein paar nackte Brüste auf dem Bildschirm angeschaut haben und jetzt vor Angst zittern, weil sie entdeckt wurden. Was ein wenig an einen jungen Mann erinnert, der seiner Familie nach Jahren des Verdruckstseins gesteht, schwul zu sein, worauf die Familie ihn nach dem ersten Schreck anfleht, das Ganze bloß unter den Tisch zu kehren: „Lass das besser niemanden wissen!“ Womöglich fällt dem jungen Mann ein, dass Homosexualität straffrei ist, aber die Familie erinnert sich noch an die Adenauer-Jahre und lässt solche juristischen Feinheiten nicht gelten: „Das kann sich ganz schnell wieder ändern!“ Besser, man kehrt so ein verfehltes Begehren ganz tief unter den Teppich, besser man schämt sich auch ein wenig dafür, dass man ist, wie man ist, love the sinner, hate the sin. (Wobei mir S. vor kurzem einen Artikel zukommen ließ, der eben das beschreibt: wie Gesetze auf den Weg gebracht werden, die zwar nicht die Homosexualität als solche unter Strafe stellen, wohl aber das selbstbewusste Reden darüber, in Russland zwar, aber trotzdem.)

Solche Menschen sind die bevorzugten Opfer obiger Trojaner-Attacke. Menschen, die es ohnehin nicht leicht haben im Leben, Menschen, die sich ihrer Position in der Gesellschaft unsicher sind, Menschen, die sich dafür schämen, dass sie sind, wie sie sind. Und so etwas finde ich, tut mir leid, zum Heulen ungerecht. (Surprise: Kriminelle verhalten sich nicht gerecht!)

Wie hätte ich eigentlich reagiert, wäre ich tatsächlich über Pornoseiten gesurft (und nicht auf anderen, eigentlich viel peinlicheren Seiten)? Hätte ich den geforderten Betrag gezahlt, nur um hinterher den Trojaner natürlich nicht loszuwerden? Bin ich weniger typisches Opfer, nur weil ich (auf Grund der arg eigenwilligen Rechtschreibung auf der obigen Warnseite) recht schnell gemerkt habe, dass da etwas faul ist? Ich brauche mich überhaupt nicht weit aus dem Fenster zu lehnen. Und zu beschweren brauche ich mich auch nicht.

Edit: Eine weiter Infoseite mit Hilfsangeboten findet man hier.