Der „Tatort“ aus Bremen hat irgendwie keinen so besonders guten Ruf. Keine Ahnung, woran das liegt, vielleicht: Weil Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) nicht ins Fernsehformatklischee passt, weder jung ist noch sexy noch wirklich sympathisch? Und gleichzeitig all das zusammen, na gut, bis auf die Jugend, wobei die 58-Jährige da in aller Coolness auch gar nicht mitzuschwimmen versucht? Weil Bremen das in der Regel von rechts gedeutete Genre Kriminalfilm immer mal wieder von links denkt, ganz im Gegensatz zur Mehrzahl der den „Tatort“ bestückenden ARD-Anstalten, ganz im Gegensatz zu Hannover, Ludwigshafen, Konstanz? Und weil das dem meist auch eher konservativen „Tatort“-Schauer unangenehm aufstößt, dieses Bewusstsein: Der Feind steht meist rechts? Oder, vielleicht doch: Weil die Fälle aus Bremen doch von arg schwankendener Qualität sind, mal ein wunderbarer Herbstfilm wie „Stille Tage“ (2006), mal eine über jedes Ziel hinausschießende 9/11-Verschwörungstheorie wie „Sheherazade“ (2005), mal ein vollkommen durchgeknallter Schmonzes wie „Requiem“ (2005). Und dann leider auch ein unausgegorener Genremix wie „Hochzeitsnacht“, der aktuelle Fall.

„Hochzeitsnacht“ gehört zum Subgenre „Stadtkommissare fahren aufs Land“. Das gibt es bei nahezu jedem Team mal, Hannover baut ausschließlich auf solche Fälle, die eigentlich immer als groß besetzte Ensemblefilme daherkommen, allerdings auch schnell Gefahr laufen, allzu formatiert zu wirken. Immer geht es um dunkle Geheimnisse auf dem Dorf, von denen niemand etwas erfahren darf, immer sind irgendwie alle schuldig, immer ist das erotische Begehren ein dumpfes, dunkles Gruseln. In „Hochzeitsnacht“ wird dieses Subgenre allerdings gepimpt, indem es mit einem weiteren Subgenre verschmolzen wird: dem Geiselnahme-Thriller. Kommissarin Lürsen ist irgendwo in der platten niedersächsischen Einöde auf einer Hochzeit, als Begleitung ihres Untergebenen Stedefreund (Oliver Mommsen): Der Sohn von Stedefreunds Ex-Ruderkumpel heiratet, und der Eingeladene nimmt seine Chefin mit. (Macht man das so? Wenn man Single ist und zu wildfremden Menschen aufs Dorf fährt, dass man dann seine Vorgesetzte bittet, einen zu begleiten? Ich meine, nichts gegen meine Chefin, aber das passt irgendwie nicht.) Die Hochzeit wird überfallen, von Simon (Sascha Reimann aka Ferris MC) und Wolf (Denis Moschitto), der aus dem Kaff stammt und vor Jahren beschuldigt wurde, die Dorfschönheit umgebracht zu haben. Simon will nur die Kohle der Hochzeitsgäste (was nicht unbedingt für seine Intelligenz spricht: Er glaubt, dass ein Raubüberfall im Dorfgemeinschaftshaus wahnsinnige Reichtümer versprechen dürfte), Wolf will den wahren Mörder fangen. Die Handlung macht so ihre Kapriolen, Stedefreund verliert seine Hose und begegnet einem Wolf (einem Tier, nicht dem Geiselnehmer) irgendwo in der wunderschön gefilmten nordwestdeutschen Moorlandschaft, da rutscht der Film ganz kurz in Richtung Klamotte, dann aber gibt es wieder Szenen von arger Brutalität, der Film zeigt stellenweise eine Härte, die man dem Sonntagabendprogramm nicht zugetraut hätte. Und: Der wahre Mörder geht ebenfalls um, im Dorfgemeinschaftshaus. Erst wird ein Mitwisser gemeuchelt, dann beinahe noch Kommissarin Lürsen, derweil Stedefreund sich vor der Tür mit dem aus Bremen eingetroffenen SEK kabbelt. (Weswegen eigentlich aus Bremen? Polizei ist doch Ländersache, da müssten die doch aus Hannover oder aus Osnabrück oder wo auch immer herkommen, aber doch nicht aus dem polizeilichen Ausland Bremen?) Am Ende stürmen die Polizisten die Hochzeitsgesellschaft, und weil noch zehn Minuten über sind, wird der wahre Mörder ebenfalls noch gestellt. Es ist so uninteressant.

Und wenn ich nicht wüsste, dass die Macher dieses Films, Florian Baxmeyer (Regie) und vor allem Jochen Greve (Buch), auch ganz anders können, zumal Greve auch „Stille Tage“ geschrieben hat, dann würde ich übersehen, was für eine tolle Performance Sascha Reimann da abliefert, dann würde ich einstimmen in den Chor der Bremen-Verächter. So sage ich: War eben nichts, diesmal.

„Das Ergebnis ist ein Desaster“: Christian Buß auf SpOn. „Fancy Rollladenrunterlassen mit dem Teppichmesser“: Matthias Dell im Freitag. „Wie die Protagonisten fängt man sich auch als Zuschauer sehr bald an, nach seinem Bett zu sehnen“: Jakob Hein auf tatort-fundus.de. „Überwiegend blass“: der Wahlberliner.

3 Kommentare

  1. Eine sehr oberflächliche Kritik, der ich mich nicht anschließen kann!
    Herrn Baxmeyer ist in „Hochzeitsnacht“ der Spagat zwischen Skurrilem und Brutalität sehr gut gelungen.
    Der Haupthandlungsstrang spielte sich an einem einzigen Ort ab, eine große dramaturgische Herausforderung.
    Herrn Greves Überzeichnung der Dorfcharaktere, hier besonders Shakin Rainer, brachte das Spießer- und Denunziantentum glaubhaft zum Ausdruck.

    Frau Postel spielte ihre Rolle sehr unprätentiös ohne jemals die der Figur eigenen Souveränität aufzugeben. Und wer bitte behauptet, dass diese Inga Lürsen nicht sexy ist? Eine Vermutung? Weil sie keinen tiefen Ausschnitt trägt? Weil sie nicht minutenlang von hinten in knackengen Jeans gezeigt wird, obwohl sie sich das durchaus leisten könnte? Sie ist durchaus sexy, nur eben auf viel subtilere Art. Da muss man sich dann eben mal die Mühe machen und etwas genauer hinschauen.

    Stedefreund diesmal sehr skurril, sorgte dafür, dass die klaustrophobische Stimmung im Gasthof relativiert wurde.
    Fazit: Ich habe einen sehr spannenden Tatort gesehen mit einer sehr attraktiven Ermittlerin!

    Die Einschaltquote betrug 8,88 Mio. und spricht für sich.

    MfG Hotte

    • Lieber Hotte, Danke für ihren Kommentar, gerade weil dieser eine andere Meinung als meine formuliert. Nur ein kurzer Hinweis: Ziemlich viele Fernsehzuschauer behaupten, Inga Lürsen sei nicht sexy, lesen Sie einmal die Kommentare in den einschlägigen Foren wie tatort-forum.de oder unter http://forum.daserste.de/forumdisplay.php?f=221. Wer das nicht behauptet, bin ich, im Gegenteil, ich behaupte, dass Sabine Postel eben nicht auf vordergründige Sexiness setzt und dadurch solche Kategorien elegant (und dabei alles andere als unsexy) unterläuft. Bei dieser Frage sind wir also einer Meinung.

      Bei allen anderen Fragen aber nicht. Und das ist auch gut so.

  2. Eine falsche Interpretation meinerseits, ich bitte um Entschuldigung.
    Die einschlägigen Foren sind für mich nicht relevant, da ich der Überzeugung bin, dass sich in erster Linie das jüngere Volk dort tummelt. Dass die eine 58jährige schöne Frau nicht „erkennen“, ist nicht überraschend.
    Danke für die Kommunikation und die Akzeptanz für meinen Beitrag!

    MfG Hotte

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