12. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Jeder ordentliche Revolutionär sollte als erstes das Bier verbieten · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Tillmann beschreibt auf seinem Blog Tristesse Deluxe, wie er 14 Tage ohne Alkohol lebt. Es geht ihm nicht um die Beschreibung eines Entzugs (was für ein großes Wort!), er missioniert nicht, er heroisiert seine Abstinenz nicht. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann hatte er am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages keine Lust auf das obligatorische Glas und nahm sich deswegen eine Saftschorle – und weil der soziale Druck dann da ist, „warum trinkst du denn nichts?“, will er die Sache ein wenig ausreizen, „Drei-Vier Wochen fasten vielleicht. Oder nennen wir es besser bewusste Abstinenz.“ Und dann beschreibt er: wie ihm das Feierabendbier fehlt. Wie er eine Verabredung mit einem Freund absagt, „Ach, ich hätte schon Lust, mit Michi ein Bier zu trinken. Das bleibt ja aber nie bei einem Bier, also gehe ich früh mit Comicbuch und Orangensaft ins Bett.“ Wie er Saftschorlen nicht mehr sehen, riechen, schmecken kann. Es passiert eigentlich nichts, er trinkt eben keinen Alkohol, das ist völlig unspektakulär, aber es ist ein Blogpost, wie er sein soll: ultrasubjektiv, alltäglich, mit einem Twist, der ein Nachdenken über etwas ermöglicht, das hinter dem eigentlich Beschriebenen steht. (Davon abgesehen, ist der Text auch noch überaus gut geschrieben.) Es ist ein Blogpost, der gestern absolut zurecht vom Bildblog verlinkt wurde.

Allerdings ist eine Verlinkung durch das Bildblog nicht irgendeine Verlinkung. Eine Verlinkung durch das Bildblog bedeutet, dass Tillmann gestern mehr Besucher auf seinem Blog hatte als im gesamten Jahr 2010. Und das zieht augenscheinlich auch eine ganze Menge schwieriger Charaktere an. Die dann kommentieren. Los geht es harmlos, mit Tipps für leckere alkoholfreie Getränke, mit dem Ratschlag, vergleichbare Abstinenz auch beim Internet zu üben. Und der fünfte Beitrag beginnt dann, den Autor zu pathologisieren: „Wenn ich so deutlich merken würde, dass ich nen Monat lang nüchtern war, würde mir das bisschen Sorgen bereiten“, schreibt „Hmm?“. Von da ab wird es nicht mehr lustig, weil von da ab

  1. dem Autor nur noch geraten wird, sich professionelle Hilfe wegen seiner augenfälligen Suchterkrankung zu holen
  2. dem Autor vorgeworfen wird, einen langweiligen Text geschrieben zu haben, weil 14 Tage Alkoholabstinenz ja wohl total normal seien, und wenn sie nicht normal seien, dann müsse ihn das beunruhigen – was uns wieder zu Punkt 1. führt.
  3. sich die Kommentarschreiber darin überbieten, wie lange sie schon keinen Alkohol mehr getrunken hätten („seit ca. 3 Jahren“, schreibt TT, „über das Jahr gerechnet vielleicht 2-4 Gläser Bier und 1-2 Gläser Wein/Sekt, wenn überhaupt“, schreibt „Carnosaurus“, „habe (…) in meinem Leben bislang zweimal Alkohol probiert und es aber bald komplett gelassen“, schreibt „Andreas Abermann“), und was für eine großartige Leistung das sei.
  4. wie wild die verschiedenen Arten, Alkohol zu trinken, durcheinander geschmissen werden, Komasaufen, mal ein Glas Wein zum Essen, bewusster Rausch, alles ist eins.
  5. plötzlich auch noch der blödeste Berliner-Hipster-Hass ausgepackt wird: „Ich weiß nicht ob das an diesem Berliner-Medien-Milieu liegt, aber auch ich finde diese Darstellung von 14 Tagen Alkoholabstinenz als etwas spektakulärem höchst befremdlich“, schreibt „Malte“. Zur Stunde 83 Kommentare lang geht das immer so weiter.

Was ich an Tillmanns Text so großartig finde: dass er es sich nicht einfach macht. Er beschreibt die Strukturen, in denen Alkohol fließt, als Strukturen, die in meinem Umfeld genauso wirksam sind. Natürlich ist ein gutes Essen kein wirklich gutes Essen ohne das entsprechende Glas Wein dazu, natürlich ist ein Clubabend kein wirklicher Clubabend ohne ein, zwei, viele Bier. Und natürlich ist ein erhitztes Gespräch über Politik, Sex, Kunst kaum vorstellbar ohne dass man immer wieder die Kehle mit Alkoholischem befeuchtet.

Das ist nicht unproblematisch, da will man weiter denken: Weswegen ist das so? Finde ich das gut? Dass Alkohol gesundheitlich keine tolle Sache ist – wissen wir. Dass alkoholisierte Menschen dem nicht alkoholisierten Teil der Menschheit gehörig auf den Sack gehen können – weiß jeder, der einmal Samstagabends im S-Bahnhof Reeperbahn auf die Bahn gewartet hat. Und schließlich, aus systemkritischer Perspektive: Nichts hilft dem System mehr als dumpf narkotisierte Massen, jeder ordentliche Revolutionär sollte als erstes das Bier verbieten. Tillmann denkt da weiter, er eckt bewusst an, auch bei seiner eigenen Lebensführung, für eine bestimmte Zeit. Er verzichtet für zwei Wochen auf Alkohol und lenkt dabei den Blick auf die Gelegenheiten, zu denen Alkohol fließt. Er wendet sich nicht explizit gegen diese Gelegenheiten, er stellt sie nur in Frage. Und weiß dabei nicht einmal annähernd, ob sein „Drei-Vier Wochen fasten“ nicht womöglich eine ganz blöde Idee ist.

Und dann blöken die Idioten, die schon immer alles ganz genau gewusst haben. Die Leute, bei denen man sich fragt, ob man mit ihnen über Politik, Sex, Kunst diskutieren möchte, obwohl, das fragt man sich nicht. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass „egal“ jemals über irgendetwas von Belang diskutiert haben mag, nachdem man seinen vor Selbstgewissheit strotzdenden Beitrag gelesen hat:

Ich bin fit, schlank, habe volles, ungraues Haar, keinen Bauch (all das eher untypisch für 48) und bin glücklich langzeitliiert – somit voll zufrieden mit mir, zumal ich sehen darf, was Alkohol, Rauchen und Fleisch aus meinen Bekannten gemacht haben: mit Bierflasche versehen, dickbäuchige Grillmenschen.

Ich finde es nicht unbedingt toll, zu trinken. Ich finde gesellschaftliche Konditionierungen grundsätzlich problematisch, also finde ich auch die Konvention „Alkohol“ problematisch. Es gibt viele gute Gründe, nichts zu trinken. Aber es gibt einen, alles überstrahlenden Grund, sich dann doch hemmungslos zulaufen zu lassen: selbstzufriedene Dumpfbacken, besagte Kommentatoren. Nüchtern sind sie nicht zu ertragen.

Ein einziges Mal in meinem Leben bin ich auf einem Junggesellenabschied. C. will heiraten, ich kenne C. flüchtig, aber A. ist eng mit ihm befreundet, und weil ich bei A. in Dortmund zu Besuch bin, fahre ich mit. Die Brüder von C.s Braut (die ich überhaupt nicht kenne) haben einen Abend organisiert, das heißt, wir treffen uns am Düsseldorfer Hauptbahnhof und spazieren in die Altstadt, vier Jungs, eine Frau. Eine Kneipe nach der anderen, Kneipen, so touristisch und gewöhnlich, dass ich nie einen Fuß in sie gesetzt hätte, wir trinken Altbier um Altbier, später dann eigenartige Schnäpse, wir lachen und wir sind wohl auch ein bisschen doof. Am frühen morgen nehmen A. und ich die erste S-Bahn zurück nach Dortmund, wir kichern, die Fahrt ist lang, ich überlege, ob es eine gute Idee wäre, sich in die Bahn zu übergeben, ich verwerfe die Idee, irgendwann zwischen Essen und Bochum schlafe ich ein. Ein schöner Abend.

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Junggesellenabschiede. Ich habe ja nie verstanden, was das soll, so: ein Abschied von einem Lebensabschnitt, bei dem man bewusst entschieden hat, dass er nichts mehr für einen wäre. Wenn man diesen Abschied so schlimm findet, dass man ihm biersatt hinterherweinen müsste, dann kapiere ich nicht, warum man ihn überhaupt aufgibt, aber vielleicht fehlt mir hier ja nur der Sinn für Tradition. Ich kapiere ja auch nicht, weswegen man als unverheirateter 30-Jähriger ausgerechnet den Rathausplatz fegen sollte.

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Wir sitzen in der Mutter, eine größere Gruppe. Es ist spät, es ist verraucht, wir rufen quer über den Tisch, was machst du am Wochenende? Kichern, Brüllen, wer will noch ein Bier? Wir unterhalten uns über: Sternzeichen, Wohnungseinrichtung, weswegen kleine Schwänze besser sind als große, wir sind unglaublich peinlich. Gegen halb drei reiße ich mich los, gerade noch rechtzeitig, ich radle durch St. Pauli, und als ich zu Hause ankomme, singt ein Vogel unterm Balkon ohrenbetäubend. Ein schöner Abend.

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Ich will nicht den abstinenten Moralisten raushängen lassen, aber irgendwo ist das schon eindeutig: Unter Alkohol wird man ganz klar unangenehm für seine Mitmenschen. Und gleichzeitig ist auch eindeutig: Unangenehm, das sind immer nu die anderen. Man selbst ist nicht unangenehm, man selbst ist auf eine möglicherweise etwas zu laute Weise gelöst. Knackpunkt.

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Die schöne, kluge Frau und ich nutzen die ersten Sonnenstrahlen des Jahres und fahren am späten Sonntagvormittag zur Strandperle. Und schon auf der Fähre fallen sie uns auf, vier rotgesichtige Jungs, eine Tusse auf hohen Absätzen, einer brüllt. Ihr Fotzen! Kaum schaffen sie es vom Fähranleger ans Ufer, sie torkeln, einer hängt sich an die Tusse, einer brüllt, ihr Fotzen!, einer starrt übers Geländer ins Brackwasser, seine Augen sind weit aus den Höhlen vorgetreten. Sie haben etwas rotes über die Gesichter geschmiert, zuerst denke, dass das Blut ist, aber anscheinend ist es eher Lippenstift, der Breiteste von den Vieren trägt ein Shirt, auf das ungelenk „S. + A. – Schluss mit lustig“ gekritzelt ist. Schluss mit lustig. Auf dem Strandweg überholen wir die Gruppe, ich habe ein wenig Angst vor ihnen. Als wir an der Strandperle angekommen sind, schnappen sich die schöne, kluge Frau und ich einen Tisch im Sand und zwei Kaffee und beobachten, wie sie uns nachfolgen. Nach zehn Minuten haben sie uns erreicht, aber sie bleiben nicht stehen, sie stolpern einfach weiter, still, mit leerem Blick, elbabwärts. In eine Richtung, in der eigentlich nichts mehr kommt. Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube: Der Abend war nicht wirklich schön.