Also. Der September war ein ganz akzeptabler Monat, von den Besucherzahlen her. Ach, was soll die Koketterie: Der September war besucherzahlenmäßig ein toller Monat, hier, auf der Bandschublade. Was allerdings damit zu tun hatte, dass die „Tatort“-Saison begonnen hat: Die nach der Homepage häufigsten Zugriffe verzeichnete der Post „Der Betonfleck an der Förde“, der den großartigen Kieler Krimi „Borowski und der stille Gast“ behandelt. Das muss man leider so sagen: Abseits von den „Tatort“-Rezensionen ist die Bandschublade absolutes Nischenprogramm. Und jetzt? Schreibe ich ausschließlich über den „Tatort“, weil ich das große Publikum will? Schreibe ich überhaupt nicht mehr über den „Tatort“, weil mich das große Publikum anwidert? Oder wäre es vielleicht am Besten, wenn ich alles so lasse, wie es ist? Vielleicht.

1. „sophie rois nackt“ Ich zähle nicht mehr, wie häufig nach Brüsten, Titten, Busen der doofen Sophia Thomalla gesucht wird. Bei der Suche nach der nackten Sophie Rois hingegen drücke ich ein Auge zu, weil, da habe ich Verständnis für, wenn jemand diese tolle Schauspielerin nackt sehen möchte. Vor einem Monat habe ich auch ein paar Tipps gegeben, wo sich dazu Gelegenheit bietet.

2. „fabio mauri documenta“ Es gab eine ganze Reihe Künstlersuchen in Verbindung mit der documenta, die meisten in Bezug auf den 2009 gestorbenen Italiener Fabio Mauri. Wer das wohl sucht? Galeristen, die wissen wollen, wie über ihren Schützling berichtet wird? Kunststudentinnen, die zu faul waren, selbst nach Kassel zu fahren?

3. „sarah wagenknecht privat“ Ja, was wird da wohl sein? Voll die Schreckschraube, mit der man es keine fünf Minuten in einem Raum aushält? Voll die kluge Gesprächspartnerin, mit der man sich tagelang über Goethe, zeitgenössische Kunst und Geschlechterdekonstruktionen unterhalten kann? Voll die charmante Gastgeberin, die einen sa-gen-haften Marmorkuchen macht? Man weiß es nicht.

4. „schwul islam“ Das ist ein Thema, was mich auch mal interessieren würde. Darüber geschrieben habe ich allerdings nie etwas, was nachvollziehbar ist, weil ich hier absolut keine Ahnung habe. Falls jemand mehr weiß: Hier sind schon zwei, die sich über Infos freuen würden.

5. „katalanischer modernismus“ Da weiß ich durchaus was. Eine Stilrichtung in Architektur, Design und Kunst, die in Katalonien ziemlich viele Städte prägt und dort „Modernisme“ genannt wird. Andernorts heißt sie Art Déco oder Jugendstil, wobei diese drei Begriffe nicht deckungsgleich sind, aber parallel verwendet werden können. Wichtigstes Bauwerk ist die Basílica de la Sagrada Família in Barcelona von Antoni Gaudí.

6. „rene pollesch schwul“ beziehungsweise „devid striesow schwul“ Boah, Kinder, wird euch das nicht langweilig, langsam mal? Also, soweit ich weiß, der eine ja, der andere nein, um genaueres zu erfahren, solltet ihr einfach mal direkt fragen, die meisten Leute sind da ja nicht so etepetete und erzählen durchaus, was Sache ist. Traut ihr euch aber nicht, oder? (Ich will übrigens niemanden verurteilen, der auf die Frage „schwul oder nicht?“ eine eindeutige Antwort hat, allein: Spannender finde ich ja die Leute, bei denen die Antwort schillert, bei denen eben nichts eindeutig ist, Leute wie Jens Friebe, Andreas Spechtl, von mir aus auch Pollesch oder Striesow.) Ich beschäftige mich in der Regel auf fachlicher Ebene mit Leuten wie Striesow oder Pollesch, und weil auch das privateste Politisch ist, mag da nicht zuletzt Sexualität mit reinspielen – in der aktuellen theater heute bespreche ich die Premiere von Polleschs „Neues vom Dauerzustand“ am Hamburger Schauspielhaus (Link funktioniert nur für Abonnenten), und, doch, da geht es auch um Sex:

Die politische Schärfe früher Arbeiten wurde abgelöst von einem umfangreichen Liebesdiskurs, bei dem selbst klassische Pollesch-Slogans nicht mehr so zünden wie gewohnt. „Denkst du etwa, von einer 26-jährigen Großbusigen einen geblasen zu bekommen, wäre ein Vergnügen für mich?“, das ist auf den ersten Blick witzig und auf den zweiten ziemlich blöde, trotz der genderpolitischen Souveränität, mit der der Autor diesen Satz eine Frau sagen lässt.

7. „katzen hängen übern gartenzaun“ Ich möchte gar nicht wissen, was diese Suchanfrage motiviert hat. Aber Cat Content geht ja immer.

8. „nackte penisse auf der bühne“ Ich sah einmal ein Stück, in dem eine klagende „Wandermöse“ auftrat, gildet das auch?

Und dann nur leise Saalmusik. Und dann kaum Licht, und dann plötzlich viel Licht, undifferenziertes, hartes Licht. Und dann Nebel. Und dann diese Texte, auf Deutsch, naja, auf Austriakisch, auf Englisch, naja, sorry for my bad english/but my german’s even worse. Und dann gespenstische Visuals, schöne, nicht ganz daseiende Menschen unter der Kreuzberger Hochbahn. Und dann Rotwein direkt aus der Flasche, und dann Rückopplungen, und dann Blues und Jazz und Gospel und Indierock, ganz grauenhafte Genres, die einem da in Fetzen von der Bühne herabgeworfen werden, ein Fetzen Orgel bitte, ein Fetzen Gitarre, ein Fetzen Call and Response.

Ach, Ja, Panik waren in der Stadt, waren im Uebel & Gefährlich, waren wunderbar.

Ja, Panik, Kritikerband, über die mein verehrter Kollege Carsten zuletzt eine wahre Eloge schrieb, Querköpfe, Burgenländer (Kommander Kaufmann sagt, nirgendwo seien die Österreicher so schlimm wie im Burgenland, und die muss es wissen), die aus der Provinz nach Wien geschmissen wurden und aus Wien nach Berlin, wo sie den Nukleus bilden einer kleinen aus der Zeit gefallenen Szene um Hans Unstern und Christiane Rösinger (Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl war ein ganz wichtiger Protagonist auf Rösingers Solo-CD „Songs of L. and Hate“ und begleitete die Britta-Sängerin auch auf Tour am Piano, vor einem Vierteljahr am gleichen Ort). Aber auch: Ja, Panik, eine Band, die selbst das nicht gerade eine Riesenlocation zu schimpfende Uebel & Gefährlich gerade mal zu einem Drittel ausverkauft. Ah, Wurscht.
Denn Ja, Panik spielen, sie spielen diese schönen, diese zerstörten Songs, das herzzerreißende „Nevermind“, das chansoneske „Barbarie“ (zum Halbplayback vor Videostreichern), das slicke „Mr. Jones & Nora Desmond“, in einer guten Stunde alle Songs aus ihrer großen, schweren, aktuellen CD „DMD KIU LIDT“, zum Abschluss dann auch noch den abgründigen, kakophonischen, viertelstündigen Titelsong (der sagen will: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“, groß!), sie lassen sich „Ficken für ein Handgeld“, sie schreien, sie fahren zur Hölle, und dann ist endlich Ruh‘.

Und dann kommen sie doch noch auf die Bühne, wieder, trinken Wein, verteilen Blumen ins Publikum, „Jetzt ist die Messe ja vorbei, da können wir wieder miteinander reden“, und dann schrubben sie noch ihre Hits runter, „Zwischen 2 und 4“, „Alles hin, hin, hin“, schnell und räudig, und man weiß gar nicht, ob man das jetzt gut finden soll, weiß man nicht, nein.

Die Geschichte geht so: Es war einmal ein unsicherer junger Mann, der verehrte eine ältere Dame. Er beobachtete, was sie so machte, er bewunderte sie aus der Ferne, aber lange Zeit gab es keine Gelegenheit, ihr zu sagen, wie toll er sie eigentlich findet. Dann endlich fand er einen Weg, er formulierte seine Bewunderung, so, dass sie es, dachte er, eigentlich gar nicht missverstehen konnte. Sie aber verstand miss, im Gegenteil, sie fühlte sich zutiefst angegriffen. Und beschimpfte ihn. Worauf sein Selbstvertrauen angeknakst war, er empfand sich noch kleiner als er ohnehin war, er fürchtete, dass er alles falsch machen würde, was sich falsch machen ließ. Aber es half nichts: Er fand dennoch toll, was die Dame machte, er bewunderte sie weiterhin, trotz des Beschimpfens. Er gab ihr sogar noch neue Chancen, wenn sie einmal etwas machte, was nicht ganz so toll war, denn es könnte ja sein, dass sie das nächste Mal etwas umso tolleres machen würde. Und, tatsächlich, sie machte umso tolleres.

Christiane Rösinger war in meiner musikalischen Sozialisation eigentlich immer da, ähnlich wie The Cure, Die Sterne oder, ähem, Depeche Mode. Anfang der Neunziger spielte Rösingers damalige Band Lassie Singers im Ulmer Cat Café, damals der Ort, an dem sich alle Ulmer trafen, die das unbestimmte Gefühl hatten, anders zu sein. Fand ich ganz nett, den Auftritt, aber irgendwo auch nicht anders genug, so ein wenig wie die Ärzte auf weiblich, was natürlich nicht stimmte, aber zeigte, wie wenig Ahnung ich eigentlich hatte.
Ende der Neunziger war ich nach Berlin gezogen, die Lassie Singers hatten sich gerade aufgelöst, Thomas Groß schrieb in der taz einen überzeugenden Artikel, weswegen diese Band das Beste des zu Ende gehenden Jahrzehnts gewesen sei, Christof Meueler schrieb in der jungen Welt einen überzeugenden Artikel, weswegen Rösingers Nachfolgeband Britta das Beste des kommenden Jahrzehnts sei, und ich ließ mich von der Begeisterung mitziehen („Begeisterung“ in Anführungszeichen: Britta blieben immer ein Nischenphänomen, Feuilletonlieblinge, die eng vernetzt in Musikerkreisen waren, aber nie großen Massenerfolg hatten). Ich war auf der Releaseparty der ganz großartigen ersten Britta-CD „Irgendwas ist immer“ im damals noch tollen Maria, ich hörte Britta im Vorprogramm von Blumfeld auf der „Old Nobody“-Tour in der doofen Kalkscheune, ich hörte Britta mit ihrer zweiten CD „Kollektion Gold“ vor einer Handvoll Zuschauer im winzigen Hamburger Molotow. Und ich schrieb, endlich eine Rezension über Brittas dritte CD „Lichtjahre voraus“, 2003. Ein heftiges Lob, eine Ehrerbietung. Dachte ich.
Christiane Rösinger dachte das nicht. Rösinger dachte schon bei den ersten Sätzen: was für ein Arschloch! Die ersten Sätze lauteten: „Eine halbe Stunde Britta gehört und schon mies gelaunt – klasse CD!“ Klasse CD, ich nahm an, man könne das nicht falsch verstehen, Rösinger aber schrieb mir eine wütende Mail in die Redaktion, von Herzen verletzt. Schlimmer noch, ein paar Tage später spielten Britta im Indra, und Rösinger beschimpfte mich von der Bühne herab. Ich war verzweifelt. (So verzweifelt, dass ich nichte einmal in der Lage war, zu realisieren, dass Rösinger, geboren in Rastatt, ja aus Baden kam, ich hingegen aus Schwaben, was doch jedes Missverständnis erklären würde, denn Schwaben und Badenser, das geht einfach nicht.)
Aber nicht verzweifelt genug. Weil Britta ja trotz allem eine tolle Band waren, „Lichtjahre voraus“ war meine CD des Jahres, auch wenn das anscheinend nicht so klar rüber kam. Und dann eben: der Zusammenbruch. 2004 ging der Vertrieb EFA pleite, was auch das Aus für das bandeigene Label FLittchen Records bedeutete, Ende des Jahres starb Schlagzeugerin Britta Neander überraschend, die Band befand sich im Zustand der Auflösung. Trotzdem oder gerade deswegen: Die letzte Britta-CD „Das schöne Leben“ schlug sogar „Lichtjahre voraus“, inklusive der Jahrtausendzeilen „Ist das noch Bohème/oder schon die Unterschicht?“ („Wer wird Millionär?“), ein textliches und musikalisches Meisterwerk aus schlechter Laune, Galgenhumor, Abgrund. Ich hörte ein letztes Britta-Konzert, 2007, mit Jens Friebe am Schlagzeug, im Hamburger Uebel und Gefährlich, die Band war desintegriert, es lief nicht rund, die Ansagen funktionierten nicht, der Sound war schlecht. Aber vielleicht konnte da noch was kommen, vielleicht?

Es kam: Christiane Rösingers atemberaubendes Soloalbum, „Songs of L. and hate“. Eine Songplatte, warm aber sparsam instrumentiert, Akustikgitarre, Schlagzeug, manchmal noch eine Elektrische dazu. Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl spielt das Boogie-Piano, das mir schon bei seiner angestammten Band immer ein wenig auf die Nerven geht, egal, die Platte ist rund. Manchmal frage ich mich, ob die schlechte Stimmung Rösingers Pose ist, oder ob es dieser Frau tatsächlich sehr, sehr schlecht geht, aber dann sehe ich sie beim Konzert, wie sie lächelnd einen Song wie „Desillusion“ spielt, wie sie „Sinnlos“ spielt und wie „Es geht sich nicht aus“, und mir wird klar: Diese Frau hat es geschafft, eine Ästhetik der schlechten Stimmung zu entwickeln, und sie lebt diese Ästhetik mit Lust. Sie genießt sie.

Ich verehre Christiane Rösinger.

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