Der etwas andere Wahlzettel: Einladung zur Olaf-Matzel-Ausstellung im Hamburger Kunstverein.

Der etwas andere Wahlzettel: Einladung zur Olaf-Metzel-Ausstellung im Hamburger Kunstverein.

Nicht wählen.

Weil man keine Lust hat, weil man sich nicht identifiziert, weil man keine Rechte gegenüber diesem Land, diesem Volk, diesem System hat, keine Rechte, keine Pflichten.

Wegen Merkel, wegen Trittin, wegen Steinbrück, wegen Rösler.

Nicht wählen, nicht wählen, weil.

Weil die Deutschen doch den Bach runter gehen sollen. Sollen sie doch AfD wählen, jedes Land hat die Politiker, die es verdient, und wenn Deutschland nicht Bernd Lucke verdient hat, wer denn sonst?

Nicht wählen: weil alles so hässlich ist. Die atemberaubende Hässlichkeit des Kapitalismus. Die Hässlichkeit dieser Visagen. Die Hässlichkeit des Feelgood, des Alles-wird-gut-Positivismus. Die hässlichen Menschen, die hässlichen Städte, die hässlichen Gedanken. Nur gute Nachrichten, Springerpresse, Schweine, Schweine.

Nicht wählen, weil, ich bin längst woanders.

Will Kanzler werden, behauptet, Sozialdemokrat zu sein. Foto: © Peer Steinbrück

Will Kanzler werden, behauptet, Sozialdemokrat zu sein. Foto: © Peer Steinbrück

Während Isabel Bogdan ihr (ohnehin immer lesenswertes) Blog erfolgreich in ein literarisches Sexblog verwandelt hat, krebse ich weiterhin mit Politikthemen knapp oberhalb der Wahrnehmungsgrenze vor mich hin. Es ist ein Kreuz, weil, über Politik zu schreiben macht längst nicht soviel Spaß wie über Sex, von der Recherche gar nicht zu reden. Aber es hilft nichts, es muss etwas raus, was mich seit einigen Wochen beschäftigt: Ich habe an dieser Stelle behauptet, dass ich bei der kommenden Bundestagswahl nicht wählen und damit Angela Merkel eine weitere Legislaturperiode ermöglichen werde.

Und das stimmt natürlich nicht.

Natürlich ist SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ein Mann des Kapitals, natürlich würde er (im unwahrscheinlichen Fall eines Wahlsiegs) rein gar nichts am Wirtschaftssystem dieses Staates ändern (wir erinnern uns, wer den gnadenlosesten neoliberalen Umbau der Bundesrepublik verantwortete: Gerhard Schröder, ein SPD-Kanzler). Und eigentlich gehört die SPD dafür bestraft, dass sie glaubt, nur mit einem Spitzenmann von weit rechts mehrheitsfähig zu sein. Aber andererseits: Schwarz-gelb dürfte als Wahlsieger ebensowenig das soziale Gewissen im Rechtsliberalismus entdecken, eine weitere Kanzlerschaft Merkels wäre aus sozialpolitischer Perspektive genauso fatal wie ein Sieg Steinbrücks.

Bleiben die weichen Politikfelder, „Gedöns“, wie Steinbrücks Genosse Gerhard Schröder es in unsympathischsten Maskulinismus einst lächerlich machte. Für Gedöns hat Steinbrück keinen Sinn, allerdings auch keine Leidenschaft, die ihn solche Themen ablehnen lässt, weswegen ich die Hoffnung hege, dass sich da im Windschatten vielleicht doch noch etwas ändern ließe. Zum Beispiel in der Frage einer zeitgemäßen Familienpolitik, die nach dem Grundsatz verfährt „Familie ist da, wo Kinder sind“ und die nicht die heterosexuelle Zweierehe gegenüber anderen Verbindungen ungerecht bevorzugt. Zum Beispiel in der Frage eines Staatsbürgerschaftsrechts, das das unsägliche „Volks“-Geschwafel endlich durch die Erkenntnis ersetzt, dass wir es hier mit einer Bevölkerung zu tun haben. Vielleicht.

Ich weiß, dass es schwierig wird, in Peer Steinbrück jemanden zu sehen, der solch eine Politik durchsetzt. Dennoch werde ich ihn wählen. Und am allerschlimmsten wird sein, dass das überhaupt nichts bringt. Denn Kanzler wird Steinbrück ohnehin nicht.

13. Januar 2013 · Kommentare deaktiviert für Weswegen ich Angela Merkel eine weitere Wahlperiode ermöglichen werde · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , , , , , , , ,

2013 wird es eine Premiere in meinem politisch bewussten Leben geben. 2013 findet eine Bundestagswahl statt, und ich werde zum ersten Mal auf mein Wahlrecht (das ich immer auch als Wahlpflicht verstanden habe) verzichten. Es ist nicht so, dass es daran liegt, dass ich mich nicht mit einem Wahlprogramm identifizieren könnte, solche Probleme hatte ich schon häufig, dann habe ich strategisch gewählt oder das kleinere Übel, irgendwas ging immer. Aber dieses Jahr ist es so, dass es kein kleineres Übel geben wird. Alle angetretenen Parteien überbieten sich in ihrer abgrundtiefen Schlechtheit. Und dieses Jahr gibt es keine Strategie, die ich verfolge, ich habe tatsächlich Angst vor jedem denkbaren Wahlergebnis, vor jeder denkbaren Koalition.

2013 werde ich nicht wählen.

Dass ich CDU und FDP nicht wählen werde, versteht sich von selbst. Ich bin ein Linker, ich stehe für Werte wie Emanzipation, Solidarität, Arbeitnehmerrechte, ich stehe für Kunst und Kreativität, für Hedonismus und Lust. Ich werde sicher nicht rechts wählen.

Genauso wenig wie ich Die Linke wählen werde. Alte Männer, deren Rhetorik von internationaler Solidarität einem bräsigen Die-eigenen-Schäfchen-ins-Trockene bringen gewichen ist, Lafontaine, Gysi, Wagenknecht, Konservative, die nur so tun als ob sie links seien.

Ich werde Die Grünen nicht wählen, weil ich in Hamburg wohne, und in Hamburg habe ich gesehen, wozu Grüne fähig sind. In Hamburg sind die Grünen mit der CDU ins Bett gestiegen, mit der gleichen CDU, die nur ein paar Jahre zuvor eine Koalition mit der rechtspopulistischen Schill-Partei eingegangen ist, in Hamburg brach die damalige Grünen-Chefin und Zweite Bürgermeisterin Christa Goetsch (all meine Verachtung für Sie, Frau Goetsch!) in Tränen aus, als die Koalition der Schande zerbrach. Grüne und Rechte, bei euch wächst zusammen, was zusammen gehört, und dass ich gerade so voller Aversionen bin, liegt auch daran, dass ich lange Jahre der Meinung war, ihr wärt die richtigen.

Ich werde die Piraten nicht wählen, weil ich nicht an dieses „Wir stehen jenseits von rechts und links“ glaube. Ich will eine Politik, die sich entscheidet, wo sie steht, und ich will die wählen, die sich entschieden haben, links zu stehen.

Und deswegen wähle ich auch die SPD nicht. Ja, wegen Steinbrück, dem ich in keiner Weise abnehme, eine linke Agenda zu vertreten. Aber auch wegen der Restpartei, in der ein Steinbrück mehrheitsfähig ist und der ich entsprechend auch nicht mehr glauben kann, unter einem rechten Kanzler Steinbrück (den es, gottlob!, ohnehin nicht geben wird) irgendwelche linken Programmpunkte zu verstecken. Ich wähle die SPD auch nicht wegen Sarrazin und Buschkowsky. Wegen Thierse, der alle Probleme des Neoliberalismus wegwischt mit einem billigen „Die Berliner Schwaben sind schuld“. Ich wähle die SPD als Hamburger nicht, wegen Johannes Kahrs, der den Bundestagswahlkreis Hamburg-Mitte (meinen Wahlkreis!) immer schön nach rechts offen hält. Und ich wähle die SPD nicht, weil sie die Chance einer strukturellen linken Mehrheit in dieser Republik seit Jahrzehnten verstreichen lässt und lieber mit der CDU koaliert als mit den Linken. Ihr seid nicht meine Partei, wahrscheinlich nie gewesen.

Und deswegen wähle ich dieses Jahr nicht, deswegen werde ich Angela Merkel eine weitere Wahlperiode lang einer rechten Koalition vorstehen lassen, mit welchem Partner auch immer. Und es wird mir wehtun, aber mich haben alle Alternativen verloren.

Ich bin mir so unsicher. Bei jeder Gelegenheit betonen Polizei und Verfassungsschutz, dass rechte Gewalt ja wohl gleich schlimm sei wie linke Gewalt, und die freundlichen Helfer von Springer beten das sofort nach: Keinesfalls dürfe man auf dem linken Auge blind sein, man sehe ja schon an den ständigen Autobränden, wie böse diese Linken sind. So. Nur in Hamburg nicht. In Hamburg sprechen alle von „erlebnisorientierten Jugendlichen“, die voll unpolitisch auf die Kacke hauen würden. Selbst Bild, sonst ein enger Freund der Rechts-Links-Austauschbarkeit, schrieb vor einem Jahr (Normalerweise wird dieses Blatt auf meinem Blog nicht verlinkt, hier aber doch, von wegen Quellenangabe. Guttenberg vergaß das ja, ach, ich bin mir so unsicher):

Viele der rund 1500 Störer haben gar kein Interesse an der links-politischen Ausrichtung des Schanzenviertels. Sie kommen nur zum Randalieren. Unter den 42 Festgenommenen ist nicht einer, der im Viertel lebt. Die meisten sind laut Polizei „erlebnisorientierte Jugendliche“, viele haben Migrationshintergrund, waren auffällig gut gekleidet.

Was soll das? Wollen die Konservativen gerade in Hamburg, gerade im Schanzenviertel bloß nicht den Eindruck aufkommen, da hätte jemand womöglich ein berechtigtes Anliegen und würde nur die falschen Mittel wählen? „Erlebnisorientierte Jugendliche“, das sind doch nur Bengel, mit denen man sich nicht weiter zu beschäftigen braucht, denen gibt man ein paar hinter die Ohren und schickt sie dann nach Hause, nein? Oder was? Und: Wie stehe ich eigentlich zu diesen Leuten? Sind das Linke? Oder wirklich dumme Kinder? Ich bin mir so unsicher.

Ich weiß doch gar nichts. Grundsätzlich finde ich ja gut, wenn darauf hingewiesen wird, dass das Schanzenviertel, überhaupt: die Innenstadt, kein kommerzieller Raum ist, dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass Mövenpick ein Luxushotel in einen denkmalgeschützten Wasserturm baut, mitten im Naherholungsgebiet für die Anwohner. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Rote Flora zum Objekt von Immobilienspekulation wird. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Stadt, ihr Lebensraum, geprägt wird vom Kapital und sonst von nichts. Ich finde gut, wenn man sich wehrt.
Aber: Wehrt man sich, indem man gewalttätig wird? Funktioniert das überhaupt, ist nicht die Staatsmacht in jedem Fall stärker, haben die nicht Knüppel, wenn wir Fäuste haben, haben die nicht Knarren, wenn wir Knüppel haben, haben die nicht Panzer, wenn wir Knarren haben? Mal ehrlich?
Ähnlich ist die Sache mit den brennenden Autos. Was soll das denn bringen? Das soll das bringen: Verunsicherung der Herrschenden. Denen zu sagen, dass sie nicht auf Solidarität zählen können, sie sind der Feind. „Siehst du die Reichen und Mächtigen?/Lass ihre Wagen brennen“ singt Jochen Distelmeyer, und bei dem muss man natürlich fünfmal um die Ecke denken, um zu kapieren, was er eigentlich meint. In einer Großstadt braucht man kein Auto, wer doch eines hat, der betreibt damit ein Zeichenspiel der sozialen Segregation, ja? Und ist das wirklich so? Wenn in, sagen wir, Eimsbüttel der alte Daimler vom Besuch des Nachbarn in Flammen aufgeht und durch Funkenflug der Polo von der netten jungen Frau aus dem Erdgeschoss gleich mit, ist das dann Widerstand? Die Reichen und Mächtigen, also, echt jetzt? Ich bin mir so unsicher.

Erstmals wurde eine Gruppe mutmaßlicher Auto-Brandstifter verhaftet. Und endlich sprechen die Medien auch wieder von „links-autonomen Tätern“, die Welt ist in Ordnung. Und Frau Merkel freut sich, nicht darüber, sondern darüber, dass in Pakistan ein alter, politisch anscheinend weitgehend machtloser Mann erschossen wurde. Sollen sie, zumindest wird die Welt so wieder ein Stück weit übersichtlicher.
Wird sie?

20. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für The Geek shall inherit the Earth · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , , , , ,

Ein Klassenfoto.

Ich bin der, der da in der Ecke steht. Ein bisschen rundlich, mit den dicken Brillengläsern und der Zahnspange. Ich bin der, bei dem man nicht so recht weiß, ob er wirklich dazu gehört, der Unsichere, der, der nicht selbstgewiss den Fotografen angrinst. Ich bin der Geek.
Spätestens ab dem Studium störte mich das nicht mehr. Spätestens ab 19 war mir klar, dass mein Leben interessanter werden würde als das der Mittelpunktjungs, spätestens ab 19 wohnte ich in den interessanteren Städten, beschäftigte ich mich mit den interessanteren Dingen und, ja, spätestens ab 19 küssten mich auch die interessanteren Menschen. Die Mittelpunktjungs, das zeichnete sich da schon ab, studierten Maschinenbau oder Wirtschaft und hingen ab 25 im Umfeld der Heimatstadt fest, mit Frau und Kind und Bausparvertrag. (Ich komme aus Schwaben, da trifft das Klischee durchaus zu, tut mir leid.) Ein wenig kultivierte ich mein Geektum, und irgendwie sah es so aus, als ob andere, manchmal tatsächlich überaus coole und spannende, Menschen da mitziehen würden. Das ist jetzt vorbei. Keine Geeks mehr, plötzlich wieder: Alphatierchen, die zum Workout rennen und sich fit machen, das Gegenüber wegzubeißen.

Machs gut, Alphamann. Hallo, Alphamann.

Nur kurz zur Erinnerung, in welchem Bereich ich mich beruflich bewege: Journalismus. Und dann eine kurze Überlegung, wer eigentlich die wirklich wichtigen Journalisten dieses Landes sind, gehen wir doch einfach mal die Chefredakteure einiger Medien (was keine Aussage über deren Qualität sein soll, natürlich) durch: Thomas Osterkorn und Andreas Petzold (Stern), Hans Werner Kilz (Süddeutsche), Claus Strunz (Hamburger Abendblatt), Matthias Müller von Blumencron und Georg Mascolo (Spiegel), Jan-Eric Peters (Die Welt), Kai Diekmann (Bild, wird hier nicht verlinkt), Giovanni di Lorenzo (Die Zeit), Joachim Frank und Rouven Schellenberger (Frankfurter Rundschau), Sven Gösmann (Rheinische Post), Uwe Vorkötter (Berliner Zeitung) … Ermüdet? Ja, weil das eigentlich immer das gleiche ist (und so auch ewig weiter gehen könnte): In den Chefsesseln sitzen Männer. Fast ausschließlich: Einzig die taz leistet sich mit Ines Pohl eine Chefin, die kleine, gute taz. Ansonsten sind die großen, überregionalen Printmedien dieses Landes in fester Männerhand.
Ds ist ja nicht schlimm, ich bin kein Sexist, gleiche Chancen für alle, und wenn der Zufall eben gerade lauter Männer in bestimmte Positionen spült, dann bin ich der letzte, der eine Quote fordert, um da was dran zu ändern. Auch glaube ich nicht, dass Frauen bessere Menschen/Chefs/Journalisten als Männer sind, so. Ich glaube aber, dass weibliche (oder besser: als weiblich konnotierte) Prinzipien durchaus hin und wieder nicht schaden könnten, beispielsweise in der Wirtschaftswelt, beispielsweise im Journalismus: dass man immer wieder an sich selbst zweifelt, dass man kein Platzhirsch ist, dass man eher still urteilt, dass man um die eigene Fehleranfälligkeit weiß und das auch thematisiert. Die oben aufgezählten Chefredakteure aber sind keine Männer, die diese weiblichen Prinzipien kultivieren, es sind durch die Bank Alphatiere: selbstgewiss, autoritär, vor Testosteron strotzend (bei Vorkötter und di Lorenzo würde ich da eine Ausnahme machen, vielleicht). Möglicherweise braucht man das, um in strengen Hierarchien nach oben zu kommen, bloß: Es ist noch gar nicht lange her, da wurde behauptet, dass strenge Hierarchien auf dem freien Markt ein Wettbewerbsnachteil seien. Das scheint vorbei zu sein.
Es ist eigenartig: Gerade in einer Zeit, in der die explizite Männlichkeit im öffentlichen Diskurs an Bedeutung verloren hat, als wir eine Frau als Kanzlerin haben und einen verheirateten, durchaus effeminierten Schwulen als Außenminister, drängt sich das explizite Männlichkeitsgehabe durch die Hintertür wieder in die Diskussion. Vielleicht ist es ja so, dass die genannten Politiker sich so unmöglich benehmen, dass man sich von ihnen deutlich abgrenzen möchte? Danke auch.
Man könnte das Spiel von oben nochmal spielen: Welche wichtigen deutschsprachigen Theater werden eigentlich von Frauen geleitet? Schauspiel Köln (von Karin Beier) und Schauspiel Zürich (von Barbara Frey), gut, aber sonst? Sonst sitzen überall die begnadeten Netzwerker, Ulrich Khuon am DT Berlin, Oliver Reese in Frankfurt, Hasko Weber in Stuttgart, Typen, die genau wissen, wem man bei der Premierenfeier wie lange die Hand schütteln sollte (und die, das sollte man auch nicht verschweigen, mit diesem Händeschütteln teilweise ganz großartiges Theater ermöglichen). Dazu kommen noch die klassischen Testosteronschleuder-Künstler, Claus Peymann am Berliner Ensemble oder Thomas Ostermeier an der Schaubühne, vor deren Alphatiergehabe man ohnehin sofort in Deckung gehen möchte.
Ein einziger Theatermacher fällt mir ein, der nicht in dieses maskulin geprägte Schema passt: Friedrich Schirmer. Der allerdings am Hamburger Schauspielhaus vor kurzem aus unterschiedlichen Gründen scheiterte. Schirmer war ein stiller, zurückhaltender Mensch, einer, dem man ansah, wie unangenehm es ihm war, den Mitarbeitern vor der Premiere „Toi toi toi“ zu wünschen. Und den das Spiel um Macht und Kontaktpflege nach und nach kaputt machte: Im aktuellen Spiegel (leider nicht online verfügbar) steht ein langes Interview, in dem Schirmer recht eindeutig darlegt, wie ihn die Arbeit am Schauspielhaus konsequent in die Depression führte. Schirmer war, allem Anschein nach, zu weich.

Gendertrouble.

Über kurz oder lang landen wir immer wieder bei Judith Butler, und, ja, ich weiß, dass die US-amerikanische Feministin nicht unumstritten ist, egal. Es war auf jeden Fall einmal ein Fortschritt, zu erkennen, dass das soziale Geschlecht etwas performativ beeinflussbares ist und dass es Spaß macht, damit zu spielen. Es war ein Fortschritt, dass Frauen sich als Butch in Lesbenbars rumtreiben und trotzdem mit Männern schlafen konnten, es war ein Fortschritt, dass heterosexuelle Männer sich schminken konnten, und es war ein Fortschritt, dass nicht jeder Schwule die effeminierte Dramaqueen geben musste. Es war ein Fortschritt, dass die Grenzen zwischen Mann und Frau, und homo- und heterosexuell sich aufzulösen begannen. Ich fürchte, das ist vorbei.
In Tom Tykwers Film „3“ (ab Weihnachten im Kino) verliebt sich ein Paar (Sophie Rois und Sebastian Schipper) gleichzeitig in denselben Mann (Devid Striesow), und in einigen Dialogen macht der Film recht hübsch klar, dass es hier nicht um Homo-, Hetero- oder Bisexualität geht. Nur sind die Orte bezeichnend, an denen das Objekt der Begierde zuerst Kontakt mit seinen Affären aufnimt: Die Frau trifft er im Theater, den Mann aber im Schwimmbad, also beim Sport, sie schwimmen um die Wette, und hinterher wird der Sieger masturbiert.

Und irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass alle Geschlechtergrenzen, die zuvor niedergerissen wurden, durch dieses doofe Wettschwimmen gleich wieder aufgerichtet werden.