Länger schon überlege ich mir, ob ich etwas schreiben soll zum Themenkomplex Schwaben-Kinderkriegen-Prenzlauer Berg. Ist ja eigentlich nicht mein Thema, mal abgesehen von der Schwabensache, geht mich nichts an. Oder?
Und dann schreibe ich eben doch. Weil ich mich geärgert habe, über einen Artikel, der vor drei Wochen in der taz erschien, der taz, der ich als ehemaliger Mitarbeiter zwar nicht mehr ökonomisch aber inhaltlich immer noch verbunden bin, „Die Weiber denken, sie wären besser“ von Anja Meier. Meier besucht eine Caféwirtin im Prenzlauer Berg und lässt die reden. Über die vielen Kinder im Umfeld, über die Zugezogenen, über die Veränderung des Viertels. Gefällt ihr alles nicht, das. „Eins im Wagen, eins am Wagen, eins im Bauch, so schettern die hier die Straße runter“, spricht das wirtingewordene Ressentiment. „Gucken Se, da draußen, schon wieder zwei Rinder. Wie die aussehen!“, so gehts weiter, und, ja, als ich noch in Berlin wohnte, da gab es auch solche Sprüche, auf mich gemünzt. Allerdings nicht im Prenzlauer Berg, sondern nur in Reinickendorf, aus Rentnermund, aus dem Mund von Leuten, die was dagegen hatten, wenn jemand andere Kleidung, eine andere Frisur, womöglich einen anderen Lebensstil hatte als sie: „Wie die aussehen!“ „Is doch wirklich wurscht, ob die bei mir einkehren. Die verzehren eh nix. Sind alles Schwaben, die leiden, wenn se mehr als einsfuffzig ausgeben müssen“, da fängt es bei mir schon an, dass ich mich ärgere, denn dieses olle Schwabenbashing, das trifft mich dann doch. „Jetzt geht’s schon los, dass sie den ganzen Gethsemaneplatz begrünen wollen, also uns Händlern hier die letzten Kundenparkplätze wegnehmen wollen“, ab diesem Punkt war mir dann klar: Das ist ja gar kein echtes Gesprächsprotokoll, das ist eine Satire! Ich meine, Kundenparkplätze! So etwas wird in der taz, in meiner kleinen taz gefordert, das kann doch niemand ernst meinen! Von da an lachte ich.

Leider bringt die schönste Satire nichts, wenn sie niemand versteht. Witzereißer Dieter Hallervorden gab vor Jahrzehnten den viertellustigen Sketch „Deutsch für Türken“ zum Besten, in dem, haha!, der Satz „Der Türke packt seine Koffer!“ eingeübt werden sollte:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=t1sozxDsCrU]
Wie diese harmlose Kritik an Ausländerfeindlichkeit wirklich ankommt, liest man in den Kommentaren unter dem Youtube-Clip: „Auch ich wünsche allen Ausländern eine schnelle, glückliche und gute Heimreise“, schreibt „MrJohnDoe1959“, „Die ganze welt putzt sich mit der türkischen Flagge den Arsch, ganz besonder die Deutschen. In Deutschland putzen eh die türken die klos wo ganz EUROPA reingeschissen haben“ (sic!) stammelt „sonofMegaAlexandros“, immer wieder wird der Clip auf Naziseiten verlinkt. So ähnlich ist das auch mit dem Artikel von Anja Meier, zumindest, wenn man sich die Leserkommentare durchliest. Die eine Leserhälfte blökt Zustimmung, Genau so ist es, nö, noch viel schlimmer, mit den ganzen schwulen Drecksschwabenmüttern. Die andere Leserhälfte findet den Artikel faschistoid und droht nebenbei gleich mit Kündigung ihres taz-Abos, weil man nur dafür bezahlt, was man auch lesen will. Keiner kommt auf die Idee, dass dieser Text womöglich nicht ernst gemeint sein könnte.

Recht cool geht die Blogosphäre mit dem Thema um, im Blog Fuckermothers findet man zwar ebenfalls einen eher unreflektierten Verriss des Artikels: „Neben mangelnden Humor haben sich bislang einige (der humoristischen taz-Texte, FS) durch eklatanten Rassismus ausgezeichnet, andere durch Transphobie und Sexismus. Ein neues Glanzstück kommt nun von Anja Maier“, steht da unter dem Titel „beleidigungssatire in der taz“, aber immerhin wird zumindest in den Kommentaren noch die Frage aufgeworfen, wie real das geschilderte Millieu überhaupt sein mag. Peter Praschl erwähnt Meier in seinem Text „30. Meine Frau. Das Arschloch“ vernichtend. Und Markus rückt im Blog Nusenblaten immerhin ein paar von Meiers Vorurteilen bezüglich der Bioladen-Discounter-Verteilung im Prenzlauer Berg zurecht: „Immer dieses Prenzlauer-Berg-Bashing“.

Und was mache ich? Ich bemühe mich um eine gewisse Coolness. Ich sage: Leute, die ihren Kinderhass nicht in den Griff bekommen, sind genauso schlimm wie diejenigen, für die Kinder einen Fetisch darstellen; beide glauben, dass Kinderkriegen etwas sei, was unvorstellbar bedeutsam für die Welt ist, beide können sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Kinder etwas sind, dass man eben bekommt. Oder auch nicht. Ich lese einen Artikel auf SpOn, „Die Kinder-Lüge vom Prenzlauer Berg“ von Julia Heilmann und Thomas Lindemann, in dem das Autorenpaar darlegt, dass es überhaupt nicht stimme, dass im Prenzlauer Berg so wahnsinnig viel Nachwuchs herrsche (hätte ich auch nicht gedacht, dass ich jemals einen SpOn-Text gegenüber der taz verteidigen würde), ich nicke zustimmend, dann denke ich, nein, ganz so harmlos ist das alles doch nicht, es findet ja eine Verdrängung, eine Gentrifizierung, eine Formierung statt, im Prenzlauer Berg, und die paar Latte-Macchiato-Mütter, die es dort womöglich wirklich gibt, sind nicht unschuldig daran. Auf der einen Seite. Andererseits deuten Heil- und Lindemann aber auch an, dass das Modell „Eltern im Prenzlauer Berg“ etwas ganz anderes sein könnte, nämlich der Versuch, ein Leben zu leben, in dem die Entscheidung für ein Kind nicht gleich auch die Entscheidung gegen etwas anderes sein muss: gegen Clubgänge, gegen Promiskuität, gegen Drogen. Eltern im Prenzlauer Berg, das können auch Eltern sein, die Familie leben wollen ohne missgünstige Nachbarn, ohne Pfarrer, der das Kind früh tauft und ihm später beim Duschen zuschaut, ohne Dorf. (Ob die Latte-Macchiato-Mütter diesen Versuch nun tatsächlich leben oder ob sie ihn nicht etwa pervertieren, darüber müsste man natürlich auch noch reden.) Der Schädel dröhnt mir.

Und dann lese ich die wunderbaren Cartoons „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ von OL. Und bin halbwegs ruhig.