29. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Mai 2012) · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , , , , , , , , , ,

Auf Happy Schnitzel erschien vergangene Woche ein hübscher Beitrag über Google-Anfragen, die irrtümlich auf Sue Reindkes (übrigens ohnehin empfehlenswertem und entsprechend neu in der Blogroll aufgenommenem) Blog aufschlugen. Und Reindkes Argumentation ist so stimmig, die zitiere ich einfach mal:

Manchmal erheiternd, manchmal verwirrend, manchmal rührend: die unerfolgreichen Google-Suchanfragen, mit denen mein Blog völlig aus dem Zusammenhang gerissen gefunden wird. Das stelle ich mir total enttäuschend vor, da klickt jemand diese Seite in den Suchergebnissen an und findet hier keine passende Antwort. Das soll nicht so bleiben, deswegen habe ich mich entschieden, die wichtigsten Suchanfragen manuell zu beantworten.

Genau das mache ich jetzt auch, wobei ich mir das redaktionelle Recht rausnehme, die beantworteten Anfragen auszuwählen. Manche sind ja einfach langweilig, wer nach „falk schreiber“ sucht, der möchte eben wissen, was dieser oder jener Falk Schreiber so macht, das ist nicht besonders spannend. Nach „falk schreiber nackt“ hat bislang übrigens noch niemand gesucht, da bin ich ein wenig beleidigt, aber gut.

1. „bka trojaner“, wahlweise auch „bka-trojaner“, mit Abstand die häufigste Suchanfrage im Mai. Ja, so einen Computerschädling hatte ich mir eingefangen und vor zwei Monaten auch einen kleinen Post drüber geschrieben, in dem ich allerdings weniger über den Trojaner selbst sprach als über die psychischen Mechanismen, die er im Opfer auslöst. Die interessieren einen Menschen, der mit hochrotem Kopf vor Google sitzt und besagte Anfrage eintippt, wahrscheinlich nicht wirklich, der sucht ja nach Antworten, wie er das fiese Tierchen wieder losbekommt, und da half mein Post überhaupt nicht. Ich machte das so: Ich brachte meinen Computer zum Fachmann, der zuckte kurz mit der Augebraue, tat hier und tat dort und knöpfte mir am Ende einen erklecklichen Betrag ab. Für Fortgeschrittene mag die Website botfrei.de hilfreich sein, wichtig ist aber: auf keinen Fall den geforderte Strafe für’s Pornogucken bezahlen!

2. „anna bederke“, auch „anna bederke barfuß“, „anna bederke tatort“, „anna bederke busen“ oder „anna bederke hamburg“. Anna Bederke ist Künstlerin und Schauspielerin, die von der Agentur Spielkind vertreten wird. Ich finde Bederke reizend, weswegen ich vollstes Verständnis für die wahrscheinlich fetischgeleitete Anfrage nach der guten Frau barfuß bzw. busig habe, nur helfen kann ich nicht wirklich – sie hatte eine kurze wiederkehrende Rolle im „Tatort“, und ich habe über diesen Fernsehkrimi geschrieben, das ist alles. Vielleicht hilft ja der Artikel, den meine geschätzte Kollegin Juliane Rusche einst im uMag geschrieben hat, weiter?

3. „freundin oskar lafontaine“. Heißt Sarah Wagenknecht, ist Spitzenpolitikerin bei der Linken, genauer gesagt der Kommunistischen Plattform und mit ein Grund, weswegen ich diese Partei nicht mehr guten Gewissens wählen kann. (Am Ende wähle ich sie dann doch, von wegen kleineres Übel.) Freut mich, wenn ich zumindest hier helfen konnte.

4. „fetisch- anderen beim hintern versohlen zu sehen“. Eine der vielen Anfragen aus dem Bereich Fleischeslust. In diesem Fall so speziell, dass ich mich frage, auf welchem Artikel dieser Connaisseur eigentlich gelandet sein dürfte. (Und dann gleich zweimal! In dieser etwas speziellen Rechtschreibung!) Wie dem auch sei, auf der Bandschublade ist jeder Fetisch willkommen, ob ich hierzu allerdings wirklich kompetent etwas sagen kann, bezweifle ich.

5. „schrecklich sachen im leben“. Um die geht es hier ja eigentlich ständig.

6. „lauer jan delay spiegel“, auch sehr explizit „streitgespräch zwischen jan delay und christopher lauer von den piraten im ’spiegel'“, was eigentlich schon klar sagt, was da gesucht wird: dieser Artikel, auf den ich hier Bezug nehme. Aber, Kinners, kauft euch doch den gedruckten Spiegel, die Kollegen wollen doch auch von was leben!

7. „nächste müllabfuhr in hh wilhelmsburg“. Bei so etwas helfe ich gern. Morgen, das heißt jeden Mittwoch, wird beispielsweise am Reiherstiegdeich der Restmüll abgeholt, war das gemeint? Weiterführende Infos gibt’s hier. Sperrmüll allerdings wird in Hamburg überhaupt nicht abgeholt, beziehungsweise nur gegen Bares, oder man bringt ihn selbst zum Recyclinghof. Finde ich auch doof.

06. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für „Moment mal, der gehört ja gar nicht zu uns“ · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , ,

Vielleicht musste der Superbulle ja so enden: mit einem ganz großen Wurf. Mit einer Auftragskillerin (Corinna Harfouch), die erstens autistisch ist und zweitens todkrank, Leukämie wahrscheinlich. Einem Mörderinnensohn (Jonas Nay), der eine Mischung aus Norman Bates und Schanzenjüngling darstellt und nach der Hälfte von der Mutter beiläufig gemeuchelt wird. Eine Bankerrunde, die heftigst overacted, besoffen vom Adrenalin. Einer Superbullenfreundin (die wunderbare Anna Bederke), die den gesamten Film über barfuß, blutbesudelt und derangiert durch die Szene stolpert. Und dem Superbullen selbst, Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), der schon in den ersten Szenen dieses „Tatorts: Die Ballade von Cenk und Valerie“ erschossen wird. Groß. Pathetisch. Heftig.

Die Figur des Cenk Batu ist eine starke Setzung im „Tatort“-Konzert: kein Kommissar bei der Mordkommission, wie die ganzen Kollegen von München bis Leipzig, sondern ein verdeckter Ermittler, ein geschichtsloser Zombie in einem Penthouse dieses von mir immer mehr gehassliebten Hamburg, der von Fall zu Fall in bestimmte Szenen eingeschleust wird. Das macht die Geschichten mit Batu schwierig, weil der Aufbau solch eines Krmis immer ähnlich ist: 1. Verdeutlichung des Themas 2. Einschleusen Batus bei den Bösen 3. Überraschende Wendung 4. Aufdeckung der wahren Identität Batus 5. Schluss/Action. Irgendwann dürfte solch eine stark formatierte Drehbuchästhetik langweilen, entsprechend ist es sinnvoll, dass Regisseur und Drehbuchautor Matthias Glasner die Figur sterben lässt, nach nur fünf Krimis (wenn ich richtig gezählt habe). Selbst um den Preis, dass ich immer noch nicht so richtig verstanden habe, was diesen Batu eigentlich antreibt, dass da noch einiges ist, das nicht erzählt wurde. Zum Beispiel der Migrationshintergrund Batus: im ersten Fall („Auf der Sonnenseite“, 2008) war der noch Thema, ebenso wie in „Der Weg ins Paradies“ (2011), wo der verdeckte Ermittler unter Islamisten geriet, aber sonst? Ist dieser Batu denn Muslim? Immerhin trinkt er Alkohol. Aber womöglich ist das genau die Qualität dieser kurzen Krimreihe: dass Fragen offen bleiben, dass eine Figur gar nicht wirklich erkannt wird. Weil ein Erkennen viel zu kompliziert ist, um es in fünf Mal 90 Minuten zu erfassen.

Die Krimis waren nicht immer stimmig, das nicht. Woher hat Batu überhaupt sein Wissen, um in kürzester Zeit in unterschiedlichsten Szenen als Insider durchzugehen? Und weswegen wird er überhaupt in seiner Heimatstadt eingesetzt, der Stadt, in der ihm jeden Augenblick ein Bekannter auf der Straße begegnen könnte? Auch Matthias Glasner ist da ein wenig schlampig, wo er eine Gruppe hochgepushter Banker auftreten lässt, mit Dreitagebart und durchschlafenem T-Shirt, während der einzige, der hier im Anzug auftritt, der verdeckte Ermittler ist – und keiner stellt fest, „Moment mal, der gehört ja gar nicht zu uns“? Aber: Das ist egal. Weil es hier um etwas ganz anderes geht.

Es geht hier darum, eine ganz große Geschichte zu erzählen. Eine vollkommen unironische Geschichte von einem Mann, der zutiefst liebt (und der es entsprechend nicht aushält, als seine Liebe in einer politischen Strategie aufs Spiel gesetzt wird). Eine Geschichte von einem Mann, der scheitern muss. Ein Liebesduell: Die Killerin nimmt ihren Gegner als erotischen Partner wahr, nicht erst, als sie ihn „Liebster“ nennt, sondern schon zu Beginn, als sie ihn außer Gefecht setzt und nicht etwa schnöde fesselt, sondern in einem Shibari-Bondage-Ritual kunstvoll verschnürt. Den Tod sowohl der Killerin als auch des Superbullen verstehen wir nicht nur als Höhepunkt des Krimis, sondern eben auch als vergrößerte Form des „kleinen Todes“, als gemeinsames Kommen, und das ist schon sehr radikal.

„Die Ballade von Cenk und Valerie“ ist radikal, ein großer Wurf. Eine Radikalität, die man keinem anderen „Tatort“-Team so zutrauen würde, ich meine, Münster? Köln? Ich werde Cenk Batu vermissen.

(„Unfreiwillig komisch“: Torsten Thissen auf Welt Online. „Metaphernschweres Melodram“: Christian Buß auf SpOn. „Verdammt ernst“: Heinz Zimmermann auf tatort-forum.de. „Grandioser Schmarrn“: Matthias Dell im Freitag. „Im Grunde ein Klassiker“: der Wahlberliner. „Schnüff. Und uff“: Mark Heywinkel.)

Und ja, irgendwann bin ich ausgestiegen, aus diesem „Tatort: Der Weg ins Paradies“, irgendwann habe ich nicht mehr kapiert, wer jetzt wen observiert, die Al-Quaida-Hilfskraft den Wie-immer-Superbullen Cenk (Mehmet Kurtulus), das BKA die Al-Quaida-Hilfskraft oder jemand ganz anders (wie sagt der gewohnt unsympathisch als BKA-Scherge besetzte Martin Brambach einmal? „Da sind sicher noch ein paar andere Dienste unterwegs“; mysteriös!) das BKA. Ich habe dann einfach nicht mehr verstanden: Ab welchem Punkt war klar, dass die religiösen Fanatiker (Merke: Wer beim „Tatort“ „Islam“ sagt, der muss im nächsten Satz „Terror“ sagen! Und wo bleibt eigentlich mal der Krimi, der keine muslimischen Selbstmordattentäter zeigt, sondern freikirchliche Apokalyptiker, die die Reeperbahn vom unchristlichen Schmutz reinigen wollen, ich mein‘ ja nur?) gar nicht das Hamburger Congress Center in die Luft jagen wollen, sondern einen x-beliebigen Linienbus in einem ganz anderen Stadtteil? Und woher weiß Wie-immer-Superbulle Cenk eigentlich, welcher Bus das Anschlagsziel ist, wo doch alle möglichen Informanten kurz zuvor dekorativ von Kugeln durchsiebt wurden? Und dass es ein Agent des syrischen Geheimdienstes ist, der gemeinsame Sache mit dem BKA macht und den in diesem Moment sogar recht verletzlichen Bullen Cenk vor der Enttarnung rettet, das ist entweder eine hübsch subversive Volte des Drehbuchs, oder dieser Krimi wurde gedreht, als der syrische Geheimdienst noch ein besseres Image in der Weltpolitik hatte als gerade. Ach, egal. Ich schaue ja auch gar nicht mehr, der Abschiedsschmerz vernebelt mir den Blick.
Weil nämlich diese NDR-„Tatorte“ mit Mehmet Kurtulus einfach: großartig sind. Weil kein „Tatort“ sonst so genau mit den Eigenarten seines Drehorts umzugehen weiß, diese Coolness der Stadt Hamburg, die man immer sehr schnell als Kälte wahrnimmt, als Kälte, vor der man nur in speckigen Hamburger-Berg-Pinten einen Rückzugsraum findet. Weil der Migrationshintergrund Cenk Batus zwar Thema ist, meist aber nicht in den Vordergrund drängt (bis auf heute, wie gesagt, der Islam-Terror-Reflex), was vergleichbar eigentlich nur noch bei der von Miroslav Nemec gespielten Figur des Ivo Batic in München der Fall ist. Und weil die Regie in Hamburg eigentlich immer erste Sahne ist, heute in den Händen von Lars Becker, der sich zunächst ein hübsches James-Bond-like Intro in Marrakesch gönnt, bevor er kunstvoll Wie-immer-Superbullen Cenk als Verdeckten Ermittler in die Terrorzelle einschleust.
Und hier landet man vielleicht beim größten, vielleicht beim einzigen Problem der Hamburger „Tatorte“: dass Wie-immer-Superbulle Cenk kein Kommissarsbeamter ist, sondern ein Verdeckter Ermittler. So ein Verdeckter-Ermittler-Krimi sieht nämlich immer irgendwie gleich aus: Superbulle wird bei den Kriminellen eingeschleust, Superbulle droht, aufzufliegen, Superbulle durchschaut kurz vor Schluss, wie die Geschichte zusammenhängt und setzt alles auf eine Karte. Und dann fliegt noch ein Bus in die Luft. Tut mir leid, Entwicklungspotenzial ist was anderes.

Aber, ach, das ist egal, ist doch eh‘ alles egal. Weil Wie-immer-Superbulle Cenk noch einen einzigen Fall lösen wird, bis dann Worst Case Til Schweiger an der Elbe ermitteln wird („Schweiger ist mit Abstand der erfolgreichste deutsche Kinoschauspieler, das hat seine Gründe, und manche, die es nicht sind, haben so ihre Schwierigkeiten damit“ rhabarbert Filmproduzent Christian Granderath im SpOn-Interview, nur um im nächsten Satz die antiintellektuelle Karte zu spielen, dass man „nicht immer und überall den Hamlet geben“ müsse, um gut und spannend zu unterhalten, unterste Schublade, echt.) Und dann wird es vorbei sein mit klug ausgelebten Figuren, dann wird es vorbei sein mit dem irgendwie echten Image einer Stadt, die ich auf der einen Seite hasse und auf der anderen Seite liebe, dann wird es vorbei sein mit so süßen wie schönen Polizistengespielinnen wie der charmant-kratzbürstigen Gloria (echt hübsch: Anna Bederke, die meine geschätzte Kollegin Juliane Rusche einst fürs uMag porträtierte), von der sich Wie-immer-Superbulle Cenk cool unsouverän unter den Tisch trinken lässt. Und schließlich wird Peter Jordan nicht mehr seine 1-A-Nazifrisur in die Kamera halten dürfen.

Wird mir fehlen, das alles.

(So mittel: Matthias Dell im Freitag. Superb: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. Ganz hübsch spannend: der Wahlberliner. Waaaaaarum? Anna im Wunderland. Eine Steigerung ist kaum möglich: der Stadtneurotiker.)