02. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Warme Worte · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

„Und?“ fragt Nikolaj Iwanowitsch. „Langweilig!“ stöhnt Anna Petrowna, „Jetzt schon!“ Nach gerade mal fünf Minuten. Raffiniert nimmt Jan Bosse den Kritikern den Wind aus den Segeln, den Kritikern, die bemängeln, dass sein „Platonow“ am Hamburger Thalia durchaus Längen hat: Das hier ist Tschechow! Natürlich ist das langweilig, was erwartet ihr denn? Und immerhin ist das uferlose Frühwerk des erst 18-jährigen Dramatikers von über sieben auf gute vier Stunden zusammengekürzt, da braucht man sich wirklich nicht über Langeweile zu beschweren.

Das Thalia hat seine Spielzeit eröffnet, mit Jan Bosses „Platonow“, einem Schauspielerfest, das ich für die Nachtkritik besprochen habe. Das Thalia beging allerdings auch seinen 100. Geburtstag am aktuellen Standort, mit einem kurzen Senatsempfang inclusive warmer Worte der Kultursenatorin Barbara Kisseler, freundlich und unverbindlich. (Auf kulturnews.de habe ich kurz vom Empfang berichtet.) Man wünscht „Glückerfüllte nächste 100 Jahre“, haha!, man weiß natürlich, dass man viel wünschen kann, wenn man nicht in der Lage beziehungsweise nicht gewillt ist, diese nächsten 100 Jahre auskömmlich zu finanzieren (wobei ich Kisseler da nichts unterstellen möchte, ganz im Gegensatz zu ihren Vorgängern). Und dann eben „Platonow“, mitten in dieser sektseligen Wir-schätzen-uns-alle-über-die-Maßen-Stimmung! Ein Stück, in dem Langeweile, Überdruss, Ödnis blanken Hass und irgendwann auch Gewalt nach sich ziehen!

Und dafür mag ich das Thalia einfach: für diese Bereitschaft zum lächelnden Zerschmettern von Wohlbefinden bei gleichzeitiger staatstragender Seriosität.

Man mag gar nicht mehr ins Schauspielhaus gehen. Nicht, weil das, was man dort zu sehen bekommt, so schlecht ist, wie behauptet wird (in Wahrheit ist es überhaupt nicht so schlecht), sondern weil man nicht mehr in der Lage ist, eine Meinung über das Gesehene zu formulieren. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich nichts geschrieben habe über die letzte dort gesehene Premiere, Stephan Kimmigs „Fall der Götter“: Weil ich nicht schreiben konnte, dass die Inszenierung an allen Ecken und Enden auseinander fiel. Und dass das eigentlich aufheben würde, was mich an Kimmig immer ein wenig ärgerte, dass nämlich all seine Inszenierungen so perfekt funktionieren, so rund sind. Andere waren weniger skrupulös, Till Briegleb schrieb in der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) von einem Theater auf FDP-Niveau, von einem Theater, das für die Szene gerade noch eine Relevanz von 1,8 Prozent habe (fiese aber tolle Formulierung, für so einen Einfall würde man als Journalist töten). Nathalie Fingerhut dagegen schrieb im Hamburger Feuilleton weniger polemisch aber ebenfalls nicht unkritisch, dass Kim­migs Kon­zept ehr­gei­zig sei, „und er scheint sich damit über­ho­ben zu haben.“ Während Stefan Grund in der Welt eine Inszenierung lobte, die erschütternd ideologische Sattheit angreife, und, wer weiß, womöglich war das die bösartigste Kritik von allen. Weil man nicht mehr glauben kann, dass sie als Lob entstanden ist, weil man nur noch überhebliches Mitleid liest, Mitleid mit einem Theater, das von Tag zu Tag mehr den Bach runter gehen zu scheint. Nein, man mag nicht mehr ins Schauspielhaus gehen.

Alice Buddeberg sagt im Hamburger Abendblatt (vollständiger Artikel springertypisch nach Paywall) einen Tag vor der Premiere von Tschechows „Möwe“: „Die Reihe von Misserfolgen hat das eigentlich sehr gute Ensemble ein wenig hölzern gemacht. Man muss die Angst brechen.“ Das ist heftig. Buddeberg, hochgelobte 29-jährige Nachwuchsregisseurin mit einigen Erfolgen an Theatern wie Frankfurt aber ohne jede Erfahrung auf der Riesenbühne, geht in die Vollen, weiß um die Probleme des Schauspielhauses und spricht sie an, bevor das gleiche Wissen sich über die Inszenierung legt. Angriff, von Anfang an.
Buddeberg macht aus der Not eine Tugend: Das Schauspielhaus ist in einer Krise? Also gehen wir offensiv mit der Krise um. Der Schnürboden wird renoviert? Machen wir das Beste draus: Das Ensemble spielt direkt an der Rampe, und damit sich niemand nach hinten verirrt, lassen wir Bühnenbildnerin Cora Saller eine Wand aufstellen, die sich nur am Schluss öffnen darf, als Knalleffekt, für den wir keine ausgefeilte Technik brauchen. Schade nur, dass Saller diese Wand aus Strohballen schichtet (Nein, keine Ballen, solche Strohschnecken, wie sie im Herbst auf den Feldern rumstehen, wie nennt man die denn korrekt? Kaventsmänner?), das sorgt dafür, dass Tschechows Figuren hier zu Dorfdeppen werden. Und dann erinnert man sich eben doch daran, dass Stefan Pucher vor zehn Jahren das gleiche Stück am gleichen Ort inszenierte, voll collem Ennui des Jahrtausendwendekünstlers, und wenn man sich daran erinnert, dann merkt man, dass Puchers Interpretation vielleicht doch ein wenig weiter reichte als die allzu nahliegende Interpretation Buddebergs.
Aber diese Erinnerung überdeckt eben auch: dass Buddebergs Inszenierung im Großen und Ganzen funktioniert. Dass die junge Regisseurin es schafft, eine irgendwie doch zeitgemäße Sicht auf dieses Stück zu entwickeln, indem sie das Scheitern der Tschechow-Figuren mit dem erwarteten Scheitern dieser Inszenierung kurzschließt, denn, mal ehrlich, am Schauspielhaus kann man doch nur scheitern, nein? Außerdem bricht Buddeberg tatsächlich die Angst des Ensembles, sie besetzt die Außenseiterin Nina mit dem Gast Johanna Falckner, und Falckner schafft es, aus viel zu häufig gesehenen Schauspielern wie Markus John oder Ute Hannig (ernsthafte Kritik: Warum müssen eigentlich vier, fünf Schauspieler in praktisch jeder Inszenierung tragende Rollen spielen, während der Rest des 26-köpfigen Ensembles nur sporadisch besetzt wird? Das schreit doch nach Verbrennen von Talent!) ungeahnte Facetten herauszukitzeln. Dazu kommt eine kluge Strichfassung (gerade mal 100 Minuten dauert diese „Möwe“), dazu kommt ein cooler, durchdachter Musikeinsatz (Stefan Paul Goetsch). Fertig ist die Laube, der Kirschgarten, eine alles in allem gelungene Arbeit.
Und schließlich leistet sich Buddeberg ein wenig Galgenhumor, zitiert sie Antú Romero Nunes‘ Erfolgsinszenierung „Merlin oder das wüste Land“ am benachbarten Thalia: Schaut es auch an, so muss Theater aussehen! Und das Publikum lacht, es applaudiert, verzweifelt. Eigentlich mag man nicht mehr ins Schauspielhaus gehen, aber diese Inszenierung, sie rührt doch etwas in einem an: weil diese „Möwe“ in erster Linie von besagtem Nichtmögen handelt.