Wenig. Weil: Hauptsächlich arbeite ich ja doch zum Komplex Theater, und weil die Theater im Sommer Pause machen, habe ich wenig zu tun. Theater heute spart sich mangels Themen regelmäßig die Augustausgabe, stattdessen gibt es ein Sonderheft, in dem unter anderem die fiebernd erwartete und anschließend viel gescholtene Kritikerumfrage steht: 44 Theaterkritiker nennen ihre Lieblinge der abgelaufenen Saison, einer davon ich. Mein Theater des Jahres war übrigens Bremen, mit einer einzigen weiteren Nennung allerdings ohne Chance auf einen Platz ganz oben.

Ansonsten war ich viel beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel. Für die Nachtkritik habe ich die Eröffnungspremieren beschrieben:

Olivier Dubois hat für „Tragédie“ eine Gruppenchoreografie für 18 nackte Tänzerinnen und Tänzer aus dem Chor aus der griechischen Tragödie abgeleitet. Ein erster Satz namens „Parades“ lässt die Tänzer streng formalistisch Bewegungsfolgen abschreiten, eine Strenge, die sich im zweiten und dritten Teil („Episodes“ und „Catharsis“) in dionysischem Exzess auflöst. Zumindest während der ersten halben Stunde passiert praktisch nichts, man hat also Zeit, die Tänzerkörper zu vergleichen. Und plötzlich steht man in einem Obstkorb der Brüste, Schwänze, Schenkel: hier etwas Birnenartiges, dort etwas Bananenförmiges. Körper sind tatsächlich Wunderwerke der Unterschiedlichkeit, und womöglich ist diese Unterschiedlichkeit der Link zum Realismusbegriff in „The real World“: Die Realität ist der nackte Körper auf der Bühne, und die Kunst ist die choreographische Form, in die ihn Dubois presst.

Einen längeren Artikel über das Sommerfestival habe ich auch für Theater heute (Ausgabe 10/13, online wie immer nicht verfügbar) geschrieben, allerdings stärker auf das Gesamtfestival fokussiert. Und auf die klimatischen Bedingungen.

Pünktlich zum Start des Internationalen Sommerfestivals hat sich der Sommer vorerst aus Hamburg verabschiedet. Das erfüllt alle Klischees über die Hansestadt, ist aber für ein Theater-, Kunst- und Musikfestival nicht weiter schlimm, einzig der Erholungsbereich des Festivals leidet ein wenig unter dem Schmuddelwetter. Die Hamburger Künstlergruppe Baltic Raw hat hierfür das Gelände hinter dem Kulturzentrum Kampnagel okkupiert, mit einem „spekulativen Dorf “ (einem Multifunktions-Bretterverschlag), einer „Kanalphilharmonie“ (einem funktionsfähigen Konzerthaus, in Hamburg ist so etwas nicht selbstverständlich) und einer verurwaldeten Fläche namens „Avant-Garten“, auf der sich sicher gut munkeln ließe, wäre es nur nicht so regnerisch.

Am Thalia ging die Saison schon Anfang September los, und zwar mit „Moby Dick“ in der Regie von Antú Romero Nunes. Auf Nachtkritik.de steht, wie ich es fand:

Dieser Einstieg ist eine grundsympathische Verweigerung von Rollenhierarchien, er ist aber eigentlich nicht das, wofür Nunes steht: Der 29-Jährige hat sich einen Namen mit seinem Gespür für Rhythmus gemacht, damit, dass er große Szenen leichthändig bauen kann, auch damit, das Pathos schwerer Stoffe mit geschickten ironischen Brüchen zu unterlaufen. Lange Zeit aber sieht man davon nichts, man sieht ein perfekt harmonierendes Ensemble, wie es sich in Minimalismus übt, und für Minimalismus steht Nunes nun mal gar nicht. Aber „Moby Dick“ ist mehr als ein zielloses Stochern im metaphysischen Dunkel, es ist auch: eine Abenteuerstory. Und als die an Fahrt aufnimmt, kann Nunes seine Stärken ausspielen. Die Bühne wird unter Wasser gesetzt, und dann geht es ziemlich heftig zur Sache, will sagen: Es wird harpuniert, verzweifelt sich wehrende Tiere werden eingeholt, abgestochen und fachgerecht zerteilt, am Ende wird um die Beute gestritten. Und wenn man sieht, wie das weitgehend pantomimisch erledigt wird, kann man nicht anders: Man zieht den Hut vor diesen Schauspielern, die durch die Bank den Eindruck erwecken, dass da Blut und Schweiß und Walfett ins Parkett fließen, literweise.

EIne echte Theaterkritik gab es nicht zu Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“, weil die Aufführung kein Theaterstück im eigentlichen Sinne war, sondern eine Solidaritätsadresse des Thalia mit den libyschen Flüchtlingen, die seit mehreren Monaten in der St. Pauli Kirche ausharren. Trotzdem habe ich für die Nachtkritik etwas darüber geschrieben:

Thalia-Intendant Joachim Lux balanciert nicht ungeschickt zwischen diesen Polen, indem er die Lesung so künstlerisch wie möglich anlegt, gleichzeitig aber immer im Bewusstsein behält, dass die Veranstaltung a) ein Schnellschuss ist und b) künstlerischer Mehrwert nicht das ist, was in dieser Situation am Nötigsten gebraucht wird. „Die Schutzbefohlenen“ schlängelt sich dabei zwischen diesen Positionen durch, indem die Lesung sich auf ein klassisches Stadttheater-Verständnis beruft: Es gibt eine politische Diskussion in Hamburg, und das Thalia als Stadttheater hat zu dieser Diskussion einen Kommentar abzugeben. Punkt.

Und schließlich habe ich für Theater heute (Ausgabe 10/13) einen Ausflug nach Lübeck gemacht, um mir bei „Die Ehe der Maria Braun“ Zigarrenqualm ins Gesicht pusten zu lassen:

In der Zigarrenraucherrepublik: Noch bevor das Publikum die Lübecker Kammerspiele betritt, pafft Astrid Färber schon am Bühnenrand, lallt und kichert übertrieben laut, ein, zwei Likörchen dürfte sie sich schon genehmigt haben. Das gerade vor dem Sprung an größere Häuser stehende Regieduo Biel/Zboralski hat sich entschieden, Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ von hinten aufzuzäumen: Färber spielt die ältere Maria Braun, die im Wirtschaftswunderdeutschland zu Wohlstand gekommen ist, die allerdings auch moralisch wie ästhetisch derangiert daher kommt.

Aber! Es gibt ja noch mehr als nur Theater! Im uMag (Ausgabe 09/13) versuche ich zum Beispiel, die Menschheit vorurteilsfrei zu mögen, naja, ich versuche, sie zumindest zu akzeptieren:

Ich will netter von den Menschen denken. Die Menschen, die sind gar nicht so schlimm, wie man denken würde, wenn man welche frisch kennenlernt. Die sind einfach nur ungeschickt und ziemlich dumm. Das erklärt, weswegen sie sich so häufig seltsam verhalten: Sie sitzen mit dir am Tisch und wirken ganz okay, dann aber ziehen sie übers Regietheater her, „man sollte Wagner so inszenieren, wie der Autor sich das Werk vorgestellt hat!“ Oder sie hören Mittelalter-Metal, und zwar so laut, dass ich mithören muss. Oder sie wählen eine seltsame Partei, die dann den Außenminister stellt, und hinterher jammern sie, dass sie das nicht gewollt hätten, in ihrer spätrömischen Dekadenz. Oder sie zeugen Kinder, die genauso werden wie sie. Das ist alles schlimm, aber sie sind eben dumm, sie wissen es nicht besser. Man muss geduldig sein.

Außerdem habe ich in der gleichen uMag-Ausgabe einen Artikel über den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst geschrieben. Mittlerweile wissen wir: Mariana Castillo Deball hat den Preis erhalten, Glückwunsch.

Was also ist dran am Preis der Nationalgalerie, der immerhin als bedeutendster Kunstpreis der Republik gilt? Für die Künstler: wenig. Dafür ganz viel fürs Publikum. Durch die Kriterien sind Künstler teilnahmeberechtigt, die tatsächlich all das prägt, was Kunst in Deutschland im Jahr 2013 auszeichnet: Sie sind (halbwegs) jung. Sie leben in Berlin. Sie praktizieren einen extrem intellektuellen Zugang zur Kunst. Und nicht zuletzt sind sie migrantisch.

Im Karlsruher ZKM läuft derzeit eine große Retrospektive der Chorografin Sasha Waltz. Das habe ich zum Anlass genommen, im uMag (Ausgabe 10/13) einmal die Entwicklung dieser großartigen Tanztheatermacherin zu rekapitulieren:

Die Geschichte von Sasha Waltz wird gerne als Märchen erzählt: Es war einmal eine junge Frau, die kam aus dem beschaulichen Karlsruhe nach Berlin, Anfang der Neunziger, in die wilde, ungeordnete Großstadt. Sie kam wie aus dem Nichts, besetzte gemeinsam mit ihrem Freund Jochen Sandig Häuser im Osten, alles war möglich, und sie machte etwas möglich: Sie schloss sich nicht ein im bloßen antikapitalistischen Reflex, sie machte Kunst. Tanztheater, mit ihrer Gruppe Sasha Waltz & Guests, die bald mehr als ein Geheimtipp war, bald zum Theatertreffen eingeladen wurde (was für Tanz eher ungewöhnlich ist), bald die charmant-abgerockten sophiens¾le verließ und zur wichtigsten Theatermacherin der Hauptstadt avancierte, arm aber sexy. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann tanzt sie noch heute.

Und schließlich habe ich in der kulturnews Kurzrezensionen geschrieben. So über „Das Erbe“, einen Comic der wunderbaren Rutu Modan:

Die verschachtelte Geschichte erzählt Modan im Ligne-Claire-Stil, beeinflusst von Klassikern wie Hergé. Auch der wusste Burleske mit Spannung und Zeitgeschichte zu mischen, war allerdings nie so mutig wie Modan, die leichterhand eine abgründige Szene einbauen kann wie diejenige, in der Mika in ein historisches Reenactment gerät: Plötzlich bevölkern sich Straßen Warschaus mit SS-Männern, die vorgebliche Juden mit Davidstern zusammentreiben, und die Heldin ist so überrumpelt, dass sie einfach mitspielt.

Außerdem besprach ich zwei DVDs, den indonesischen Film „Die Nacht der Giraffe“ („Die traumschönen Bilder allerdings wirken im TV ein wenig verschenkt. Da bleibt doch nur der Weg ins Kino – oder ein Beamer.“) sowie den brasilianischen Film „Paulista“ („In sinnlich-fiebrigen Bildern fängt Moreira das Leben im urban-intellektuellen Prekariat ein und dokumentiert neben seinen liebevoll gezeichneten Figuren auch noch die Globalisierung des Hipstertums. Ob die jungen Chancenlosen nun in Brooklyn rumhängen, in Berlin oder in Sao Paulo: Am Ende hören sie alle Radiohead.“).

Ich möchte die Brüderle-Diskussion nicht noch einmal aufwärmen, das Meiste wurde schon gesagt, von Berufeneren, von Frauen, die selbst alltagssexistische Erfahrungen gemacht haben: Antje Schrupp hat einen klugen Text geschrieben, Littlejamie eine Twitterwall gebaut, Kiki das Thema ins Allgemeine gewendet, Ninia LaGrande wurde konkret. (Außerdem: So wichtig ich den Text von Laura Himmelreich finde über einen Abend, an dem sie als Journalistin vom FDP-Unsympathen Brüderle angezotet wurde – ausgerechnet vom Stern möchte ich mir nicht erzählen lassen, was Sexismus ist, Entschuldigung, Frau Himmelreich, nichts gegen Sie.) Das Thema ist auf dem Schirm, da muss nicht ausgerechnet ich noch meinen Senf dazu geben, einen Senf, der doch ohnehin nur die Wiederholung von Argumenten wäre, die schon längst gefallen sind.

Ich fange lieber einen ganz neue Diskussion an. Eine Diskussion, die auf den ersten Blick gar nicht soviel mit Brüderle zu tun hat: die Hassdiskssion, die sofort aufkommt, sobald ein Argument den Anschein hat, irgendwie „politisch korrekt“ zu sein. Das ist der zweite Feuilletonaufreger dieser Tage: dass der Thienemann Verlag aus den Kinderbüchern Otfried Preußlers die Begriffe „Neger“ und „wichsen“ (im Sinne von „prügeln“) streichen will. Da kommen dann all die Ratten aus ihren Löchern und behaupten, dass hier Zensur geübt werden würde, „Im Auftrag der Politischen Korrektheit“. Hallo! Es geht um Kinderbücher, in denen missverständliche Begriffe ausgetauscht werden (wer bitte denkt bei „wichsen“ heute noch an prügeln?), aber die tun so, als ob wir in Nordkorea leben würden! Weil sie der Meinung sind, es würden Sprachregeln existieren, die ihnen eine bestimmte Haltung vorgeben würden! Die gleichen Leute betonen dann, dass sie keinen „Tatort“ mehr schauen würden, weil ihnen dort nur „politisch korrekte Ideologie“ vorgesetzt würde (damit meinen sie: dass nicht in jedem Krimi der Ausländer der Täter ist), Ausnahme: der „Tatort“ aus Münster. Der nämlich sei „so herrlich politisch inkorrekt“. Mal ganz davon abgesehen, dass sich die gleichen Leute absolut verbitten würden, mit ihrer Terminologie perfekt in die Ideologie eines der bekanntesten deutschsprachigen Naziblogs (das hier aus gutem Grund nicht verlinkt wird) zu passen – was ist das eigentlich für eine politische Inkorrektheit, die beim Münsteraner „Tatort“ gepflegt wird? Eine Inkorrektheit, die viel damit zu tun hat, dass Personen ihre Machtposition ausleben. Der von Jan Josef Liefers gespielte Pathologe macht in jeder Folge mal mehr, mal weniger geschmacklose Witze über Ausländer, Behinderte, Realschüler. Und auch über Frauen, und da ist man wieder bei Brüderle.

Wenn Leute wie Brüderle „Herrenwitze“ über die Körbchengröße ihres Gegenübers machen, dann hat das nichts zu tun mit Sexualität, sondern mit Macht. Brüderle zeigt: Ich habe Macht über dich, deswegen reduziere ich dich auf deinen Brustumfang. Entsprechend gehen auch Argumentationen wie die, dass Brüderle doch nur ein verunglücktes Kompliment machen wollte, ins Leere: Ihm ging es gar nicht um die Frage, ob sein Gegenüber nun schöne Brüste hat oder nicht, er wollte keine Komplimente machen, er wollte nicht flirten, er wollte Machtverhältnisse klarstellen. Brüderle ist kein Casanova, der mit Frauen ein Spiel spielt, ein Spiel, bei dem immer auch eine Mitspielerin nötig ist, er ist ein Don Juan, dem es immer nur um die eigene Position geht, einer, der Frauen benutzt.

Und damit wären wir beim dritten Thema angelangt: Ich hätte mir ja gewünscht, dass Antú Romero Nunes‚ Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ am Hamburger Thalia Theater diese Thesen ein wenig aufnimmt. Hat sie nicht getan, schade. Wie die Premiere ansonsten war, habe ich für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Erotik ist ein zweischneidiges Schwert, das hat man insbesondere am Thalia schon mehrfach durchdekliniert, zuletzt in einem abgründigen „Sommernachtstraum“ von Stefan Pucher. Dass die Grenzen zwischen Verführung, Anmache und Übergriff immer wieder neu verhandelt werden müssen, ist eigentlich auch ein Thema in „Don Giovanni“, nur interessiert es diese Inszenierung anscheinend nicht. Sicher, Don Giovanni ist bei Mozart ein Libertin, und Rainer Brüderle ist nur ein Liberaler, das ist ein Gegensatz, den man gar nicht unbedingt thematisieren muss, nur: Wer Don Giovanni bei Nunes ist, das bleibt im Dunkeln. Er ist der Typ, der irgendwie alle Frauen ins Bett bekommt, aber wie er das schafft, ach, whatever.

Man mag gar nicht mehr ins Schauspielhaus gehen. Nicht, weil das, was man dort zu sehen bekommt, so schlecht ist, wie behauptet wird (in Wahrheit ist es überhaupt nicht so schlecht), sondern weil man nicht mehr in der Lage ist, eine Meinung über das Gesehene zu formulieren. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich nichts geschrieben habe über die letzte dort gesehene Premiere, Stephan Kimmigs „Fall der Götter“: Weil ich nicht schreiben konnte, dass die Inszenierung an allen Ecken und Enden auseinander fiel. Und dass das eigentlich aufheben würde, was mich an Kimmig immer ein wenig ärgerte, dass nämlich all seine Inszenierungen so perfekt funktionieren, so rund sind. Andere waren weniger skrupulös, Till Briegleb schrieb in der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) von einem Theater auf FDP-Niveau, von einem Theater, das für die Szene gerade noch eine Relevanz von 1,8 Prozent habe (fiese aber tolle Formulierung, für so einen Einfall würde man als Journalist töten). Nathalie Fingerhut dagegen schrieb im Hamburger Feuilleton weniger polemisch aber ebenfalls nicht unkritisch, dass Kim­migs Kon­zept ehr­gei­zig sei, „und er scheint sich damit über­ho­ben zu haben.“ Während Stefan Grund in der Welt eine Inszenierung lobte, die erschütternd ideologische Sattheit angreife, und, wer weiß, womöglich war das die bösartigste Kritik von allen. Weil man nicht mehr glauben kann, dass sie als Lob entstanden ist, weil man nur noch überhebliches Mitleid liest, Mitleid mit einem Theater, das von Tag zu Tag mehr den Bach runter gehen zu scheint. Nein, man mag nicht mehr ins Schauspielhaus gehen.

Alice Buddeberg sagt im Hamburger Abendblatt (vollständiger Artikel springertypisch nach Paywall) einen Tag vor der Premiere von Tschechows „Möwe“: „Die Reihe von Misserfolgen hat das eigentlich sehr gute Ensemble ein wenig hölzern gemacht. Man muss die Angst brechen.“ Das ist heftig. Buddeberg, hochgelobte 29-jährige Nachwuchsregisseurin mit einigen Erfolgen an Theatern wie Frankfurt aber ohne jede Erfahrung auf der Riesenbühne, geht in die Vollen, weiß um die Probleme des Schauspielhauses und spricht sie an, bevor das gleiche Wissen sich über die Inszenierung legt. Angriff, von Anfang an.
Buddeberg macht aus der Not eine Tugend: Das Schauspielhaus ist in einer Krise? Also gehen wir offensiv mit der Krise um. Der Schnürboden wird renoviert? Machen wir das Beste draus: Das Ensemble spielt direkt an der Rampe, und damit sich niemand nach hinten verirrt, lassen wir Bühnenbildnerin Cora Saller eine Wand aufstellen, die sich nur am Schluss öffnen darf, als Knalleffekt, für den wir keine ausgefeilte Technik brauchen. Schade nur, dass Saller diese Wand aus Strohballen schichtet (Nein, keine Ballen, solche Strohschnecken, wie sie im Herbst auf den Feldern rumstehen, wie nennt man die denn korrekt? Kaventsmänner?), das sorgt dafür, dass Tschechows Figuren hier zu Dorfdeppen werden. Und dann erinnert man sich eben doch daran, dass Stefan Pucher vor zehn Jahren das gleiche Stück am gleichen Ort inszenierte, voll collem Ennui des Jahrtausendwendekünstlers, und wenn man sich daran erinnert, dann merkt man, dass Puchers Interpretation vielleicht doch ein wenig weiter reichte als die allzu nahliegende Interpretation Buddebergs.
Aber diese Erinnerung überdeckt eben auch: dass Buddebergs Inszenierung im Großen und Ganzen funktioniert. Dass die junge Regisseurin es schafft, eine irgendwie doch zeitgemäße Sicht auf dieses Stück zu entwickeln, indem sie das Scheitern der Tschechow-Figuren mit dem erwarteten Scheitern dieser Inszenierung kurzschließt, denn, mal ehrlich, am Schauspielhaus kann man doch nur scheitern, nein? Außerdem bricht Buddeberg tatsächlich die Angst des Ensembles, sie besetzt die Außenseiterin Nina mit dem Gast Johanna Falckner, und Falckner schafft es, aus viel zu häufig gesehenen Schauspielern wie Markus John oder Ute Hannig (ernsthafte Kritik: Warum müssen eigentlich vier, fünf Schauspieler in praktisch jeder Inszenierung tragende Rollen spielen, während der Rest des 26-köpfigen Ensembles nur sporadisch besetzt wird? Das schreit doch nach Verbrennen von Talent!) ungeahnte Facetten herauszukitzeln. Dazu kommt eine kluge Strichfassung (gerade mal 100 Minuten dauert diese „Möwe“), dazu kommt ein cooler, durchdachter Musikeinsatz (Stefan Paul Goetsch). Fertig ist die Laube, der Kirschgarten, eine alles in allem gelungene Arbeit.
Und schließlich leistet sich Buddeberg ein wenig Galgenhumor, zitiert sie Antú Romero Nunes‘ Erfolgsinszenierung „Merlin oder das wüste Land“ am benachbarten Thalia: Schaut es auch an, so muss Theater aussehen! Und das Publikum lacht, es applaudiert, verzweifelt. Eigentlich mag man nicht mehr ins Schauspielhaus gehen, aber diese Inszenierung, sie rührt doch etwas in einem an: weil diese „Möwe“ in erster Linie von besagtem Nichtmögen handelt.

04. September 2011 · Kommentare deaktiviert für Eine Erfolgsstory · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , ,

Am Ende sehen wir dann tatsächlich auch noch Brüste. Franziska Hartmann entblättert sich, das ist inhaltlich gut begründet, weil Hartmann als Königin Ginevra ihrem Mann König Artus untreu wird, in Tankred Dorsts „Merlin“, das ist aber auch ein wenig fies, weil Hartmann als einzige in diesem unglaublich konzentrierten, unglaublich tollen Ensemble des Thalia Theaters das ganze Stück über, dreieinhalb Stunden, blass bleibt, keinen Charakter entwickeln kann, während um sie herum die Schauspielkunst neu definiert wird. Also öffnet sie ihr Kleid, damit wir merken, Franziska Hartmann ist auch noch da. Und also öffnet sie ihr Kleid, damit Regisseur Antú Romero Nunes zeigen kann, dass er auch Nacktheit kann. Und so sehen wir am Ende tatsächlich auch noch Brüste.

Es ist mutig, dass das Thalia die Spielzeit mit Dorsts „Merlin“ eröffnet. „Merlin oder das wüste Land“, 1981 geschrieben, eine Paraphrase der Artussage, ein Mammutwerk, vom Blatt gespielt rund acht Stunden lang, unzumutbar für Schauspieler wie Publikum. Heute kaum noch aufgeführt, die letzte überregional wahrgenommene Inszenierung stammt von Burkhard C. Kosminski und entstand 2002 an der Berliner Schaubühne, ein Reinfall, nebenbei. Und es ist mutig, dass das Thalia die Spielzeiteröffnung einem jungen Regisseur wie Antú Romero Nunes in die Hände gibt. Nunes, Sohn einer Chilenin und eines Portugiesen, in Tübingen aufgewachsen, knapp 28 Jahre alt. Hoch gehandelt, allerdings ohne Erfahrung auf der großen Thalia-Bühne. Man muss sagen: Er meistert die Aufgabe bravourös. „Merlin“ ist ein einziges Fest, radikal gekürzt und doch am Kern des Stücks, sinnlich und laut und sensibel. Nunes kann Bilder bauen, er weiß, Szenen konzentriert zusammenzuhalten, er lässt das Spiel hemmungslos in Slapstick abstürzen, dann zieht er die Zügel an und schafft eine ganz ruhige, ganz sensible, ganz ernste Stimmung. Er macht alles richtig.

Und vielleicht ist das das Problem dieser Aufführung.

Ich habe „Merlin“ schon einmal gesehen. Vor über elf Jahren war das, am Stadttheater Gießen. „Merlin“ war eine der letzten großen Arbeiten von Barbara und Jürgen Esser (pdf-Link), dem langjährigen Oberspielleiterpaar in Gießen, mit deren ultrapersönlichen Stückzugriffen ich mich immer schwer tat und die ich trotzdem (oder gerade deswegen) nach und nach zu schätzen lernte. Die Essers lasen Tankred Dorsts Artussagen-Interpretation als Allegorie auf den Zusammenbruch linker Ideen, die Tafelrunde war die DDR, Merlins Scheitern war das Scheitern der Essers, die als Assistenten Hangünther Heymes in einer explizit links positionierten Theaterästhetik verortet waren. (Auf lange Sicht war sogar das Scheitern meiner „Merlin“-Kritik im Gießener Anzeiger eine Vorwegnahme meines Scheiterns als Tageszeitungsjournalist: Kurz darauf ging ich nach Hamburg und wechselte zum Magazinjournalismus.)

Die Essers inszenierten „Merlin“, weil sie vom Scheitern erzählen wollten. Was aber interessiert Antú Romero Nunes an diesem Text? „Seine Größe, dass er so ausufert und so viele Lücken hat und ein Versuch ist, eine ganze Welt zu fassen und eine ganze Menschheitsgeschichte“, sagt der junge Regiestar im Programmheft. Eine Menschheitsgeschichte stemmen, wer will das nicht. Der Erfolg dieser Spielzeiteröffnung ist der Erfolg von Antú Romero Nunes, den gönne ich ihm, natürlich, aber man kann sich nicht des Gefühls erwehren, dass Nunes auch nicht viel mehr interessiert, neben diesem Erfolg.
Die Essers hingegen interessierten sich in ihrer (vom Niveau her natürlich in keiner Weise mit Nunes‘ Arbeit vergleichbaren) Inszenierung für etwas ganz anderes, für den Zusammenbruch, fürs Scheitern. Und ich kann mir nicht helfen, irgendwo ist die Haltung der Essers mir sympathischer.