09. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Der Betonfleck an der Förde · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , , , , ,

Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht. Ich meine, natürlich spielt Sibel Kekilli ihre Kieler „Tatort“- öh, Kommissarin? Was ist Frau Brandt denn überhaupt für ein Dienstgrad? Egal, natürlich spielt Kekilli die Sarah Brandt ganz bezaubernd, so wie Kekilli so ziemlich alles ganz bezaubernd wegspielt. Aber: Was ist das für eine Rolle? Weswegen ist Brandt immer so naseweis, ein paar Sekunden später kekst sie ihren Chef ganz unnötig aggressiv an, und noch ein wenig später treibt sie eine Zeugin in die Enge, mit Worten erst, dann auch mit konkret körperlicher Gewalt, und das, obwohl der arme Junkie Roswitha (Peri Baumeister) doch nicht verdächtig ist, sondern sich nur zurecht Sorgen um den entführten Sohn macht. Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht.

Ansonsten ist dieser „Tatort: Borowski und der stille Gast“ natürlich ganz großartig. Erstens weil Lars Eidinger den Bösewicht spielt (den Bösewicht, der so böse vielleicht gar nicht ist … oder?), Lars Eidinger, den ich mehrfach schon in  schlechten Filmen gesehen habe, der aber selbst noch nie schlecht war (der bei seiner Drehbuchauswahl höchstens langsam mal aufpassen muss, dass er nicht auf die Serienkiller-Rolle festgelegt wird), Lars Eidinger, der mir vor einem Jahr fürs uMag das wahrscheinlich beglückendste Interviewerlebnis meiner bisherigen Journalistenkarriere schenkte, Lars Eidinger, dem man nur beim Brezelessen oder beim Zähneputzen zuschauen muss, und schon weiß man: Da zittert etwas hinter diesen Augenlidern, etwas Ungreifbares, Unheimliches. Da kann das Drehbuch (Sascha Arango) gerne Standardsituationen aus der Thrillerschublade aneinander reihen, da kann die Regie (Christian Alvart) mangelnde Originalität mit schick aussehenden Mätzchen zu kaschieren versuchen – sobald Eidinger mitspielt, nimmt man das hin, ich meine, Eidinger schaffte es schon vor zweieinhalb Jahren, den unerträglich seichten Ludwigshafen-Krimi „Tod auf dem Rhein“ mit einer ganz ähnlichen Performance wie hier halbwegs erträglich zu machen, und „Tod auf dem Rhein“ spielte eben nicht in Kiel.

Und das ist der zweite Grund, weswegen ich beglückt bin von diesem Krimi: Kiel. Hier traut man sich noch an eine Setzung, man behauptet einfach, dass Kiel, dieser Betonfleck an der Förde, die skandinavischste Stadt Deutschlands sei, weswegen man folgerichtig hier Schwedenkrimis (Naja, Schwedenkrimis ohne die rechtssozialdemokratische Moral der Vorlagen, ohne dieses „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber dass die alle hierher kommen und Verbrechen begehen, finde ich doch nicht so gut“, das bei Henning Mankell immer so unangenehm durchscheint) drehen könne. Da ist zwar überhaupt nichts dran, aber wenn man so eine Setzung macht, dann hat man einen Freibrief, die Schlagzahl zu erhöhen. Die Mörder sind jedenfalls unheimlicher, die Taten blutiger und die Ermittler (Borowski, Meister aller Klassen: Axel Milberg) kaputter als andernorts in Tatortland. Ach ja, zu den Ermittlern vielleicht noch: Eigentlich hat die Rolle des Kriminalrats Schladitz (Thomas Kügel) es nicht verdient, immer nur als halbtrotteliger Comic Relief verheizt zu werden, ein Minuspunkt für „Borowski und der stille Gast“. Überhaupt, wer braucht denn etwas zu lachen, in einem Krimi wie diesem?

Schließlich Borowski selbst. Der ermittelt nun auch schon seit rund zehn Jahren im Norden, und tatsächlich ist die Figur gewachsen, durfte sich entwickeln, vom halbwegs realistisch gezeichneten Polizisten der frühen Jahre (gab es nicht einmal auch einen Assistenten mit Migrationshintergrund, dem islamistische Tendenzen unterstellt wurden?) über die erotisch aufgeladenen, teilweise ins Absurde lappenden Fälle an der Seite der Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert) bis jetzt zu den an die Nieren gehenden Thrillern mit Besserwisserpolizistin Brandt. Und jede Phase: besser als die vorangegangene.

Ein paar Fragen sind offen: Geht das weiter, mit Sarah Brandt, die nach drei Fällen endlich als Epileptikerin geoutet ist, was sie ja eigentlich dienstunfähig machen dürfte? (Und: Falls es weiter geht, dann wird es ein großes Problem für Borowski geben, dass er ihre offenbare Krankheit verschwiegen hat, oder?) Ist die Figur Schladitz noch zu retten, oder bleibt das eine Knallcharge? Vor allem aber: Ist der Mörder am Ende eigentlich aus dem Krankenwagen entkommen? Gruselig!

„Es ist immer so eine Sache mit diesen Krimis, die nicht nach dem sogenannten ‚Whodunit‘-Prinzip funktionieren“: Kai-Oliver Derks auf tatort-fundus.de. „Kiel ist momentan state of the art“: Matthias Dell im Freitag. „Mama, Spanner, Kind“: Christian Buß auf SpOn. „Schüchtern stammelndes Phantom mit Hornbrille“: Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt. „Autor und Regisseur verließen sich zu sehr (…) auf den Ersatzschlüssel“: der Stadtneurotiker. „So endet eine große Liebe mit einem gewaltsamen Tod“: der Wahlberliner.

03. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für Zwischen Kiel und Konstanz · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , , , ,

Ich schaue selten fern. Das ist nichts, worauf ich besonders stolz bin, Fernsehen ist schon okay, nur mein Medium ist es eben nicht. Während des Studiums und auch in den Folgejahren hatte ich nicht einmal einen Fernseher (weswegen ich immer, wenn ich meine Eltern besuchte, bis spät in der Nacht vor dem Bildschirm saß, was zur Folge hatte, dass meine Meinung, dass Fernsehen grunddoof sei, bestätigt wurde: Niemandem tut es gut, stundenlang „Ally McBeal“, stupide verschnittene Actionfilme und Softpornos aus den Siebzigern zu schauen), erst nach meinem Umzug nach Hamburg entschied ich mich, dass ich mein mageres Volontärsgehalt nicht allabendlich ins überteuerte Nachtleben dieser ohnehin teuren Stadt tragen wollte und entsprechend andere Zerstreuung brauchte. Trotzdem, ich fremdelte weiterhin mit diesem Medium. Bis heute.
Eine Weile dachte ich, Fernsehen sei wichtig zur Information, um up to date zu bleiben. Lächerlich. Jede x-beliebige Agenturverwursterseite im Netz informiert mich umfangreicher als die Fernsehnachrichten, selbst tagesschau.de ist weit umfangreicher als die TV-Mutter. Privatfernsehen schaute ich nur sporadisch, meist extrem angewidert, früher manchmal Harald Schmidt (bevor es so doof selbstbezüglich wurde), manchmal „Fast Forward“ (bevor es als Nischenprogramm abgesetzt wurde), manchmal, „Wer wird Millionär?“, ja, Besserwisserkram. Und zwischendurch die Trailer, die Teaser, überhaupt die Werbeblöcke, so entsetzlich. Nicht meins. (arte schaue ich, übrigens, ebenfalls kaum.) Ansonsten schaue ich Fernsehformate auf DVD, „Breaking Bad“, „Mad Men“, momentan wühle ich mich durch „Lost“.

Was mir gefiel, war die ARD-Serie „Mord mit Aussicht“ (hier beschrieb ich das ein wenig ausführlicher). Und dann noch der „Tatort“, um ehrlich zu sein, ist „Tatort“ mittlerweile der einzige Grund, weswegen ich überhaupt einen Fernseher habe (mal abgesehen von seiner Funktion als Abspielgerät für DVDs, eine Aufgabe, die ein Beamer weit schicker übernehmen würde). Mark versuchte vor einem Jahr, sich den „Tatort“ schön zu schauen, eine Folge Frankfurt („grauenhaft“), eine Folge Münster („klasse“), eine Folge Berlin („ging so“), es funktionierte nicht, er verstand nicht, was ich da dran finde. (Was okay ist, ich verstand auch nicht, was andere Leute an den „Simpsons“ finden. Manchmal stimmt einfach die Chemie nicht.)
Und was finde ich da dran? Ich finde: dass der „Tatort“, wenn er gut ist, etwas aussagt über die Vielfalt dieses Landes. Ich bin häufig genug umgezogen, um sagen zu können: Dieses Land ist ein Flickenteppich. Und als Freund des Multikulturellen gefällt mir dieser Flickenteppich, womöglich ist er sogar das einzige, was mir an Deutschland wirklich gefällt. Das Bewusstsein: Es gibt riesige Unterschiede zwischen Kiel und Konstanz, ach was, es gibt riesige Unterschiede schon zwischen Mannheim und Ludwigshafen, hibbedebach und dribbedebach. Und wenn der „Tatort“ wirklich gut ist, dann arbeitet er diese Unterschiede raus, nicht als Ausstellen von Klischees, sondern als kreative Reibung (das Motiv der Binnemigration bekommt dabei nur das scheidende Saarbrücker Team halbwegs klug hin, das Team, das ansonsten leider mit öden Drehbüchern geschlagen ist: ein Polizist aus Rosenheim (Maximilian Brückner), der sich aus Karrieregründen ins Saarland versetzen lässt und feststellt, dass dort einiges anders ist als zu Hause, so etwas passiert ja. Ganz anders als in Stuttgart bzw. im von mir verachteten Münster, wo jeweils ein Hamburger Polizist (Richy Müller bzw. Axel Prahl) hin zieht und einmal gar nichts aus seiner Herkunft macht (Müller) und ein andermal eine Karikatur in St. Pauli-Bettwäsche (Prahl) darstellt). Außerdem schafft ein guter „Tatort“ das, was jeder gute Krimi schaffen sollte: Er erzählt etwas über die Verwerfungen der Gesellschaft, etwas darüber, was einen Menschen zum Verbrecher werden lässt. Der „Tatort“ ist in erster Linie ein Sozialdrama, und weil insbesondere die immer wieder aus ihren Löchern hervorkriechenden Rechtsdreher das bemängeln, bin ich den sozialkritischen Krimis treu. Wunderbar stupide die Kommentare zur aktuellen „Tatort“-Kritik von Christian Buß auf SpOn. „Der Tatort hört sich interessant, mal etwas anderes als diese ganzen Weltverbesserer Tatorte“, stammelt „böeseHelene“. „Mit ‚Weltverbesserer-Tatorte‘ meinen Sie sicher die, in denen, auch wenn es mit der Handlung nichts zu tun hat, mindestens eine alleinerziehende, vegetarisch lebende lesbische Mutter mit Migrationshintergrund, die von ihrem faschistoiden Nachbarn und dessen Schäferhund drangsaliert wird, vorkommt“, sekundiert „loeweneule“. Und „avollmer“ stellt schließlich unmissverständlich klar, mit wem wir es hier zu tun haben: „Realismus heißt an der Realität orientiert, nicht einer Klischee-Wirklichkeit folgend, die eine soziologische Lehrbuch-Realität nach Proporz und Political Correctness konstruieren“, na sicher, die Nasen, die überall die Macht der Political Correctness fürchten, fehlt nur noch der Hinweis auf „Gutmenschen“, die „linksgrüne Medienverschwörung“ und die „Klimalüge“. Dumpfbacken, gerade wegen euch schaue ich „Tatort“.

Einschub 1: Natürlich ist es so, dass 90 Prozent aller „Tatorte“ entsetzlich sind, grauenhaft durchformiert, klischeebeladen, ohne Sinn für die Eigenarten ihres Spielorts, ohne Sinn für die Charakterista des Formats Fernsehkrimi. Aber um die wirklich guten zehn Prozent zu finden, dafür muss man durch die übrigen 90 Prozent durch, hilft ja nichts.
Einschub 2: Meine Top 3 der „Tatort“-Teams: 3. Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl in München (wenn die Drehbücher mal nicht allzu betulich sind) 2. Axel Milberg in Kiel 1. Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf in Frankfurt (leider Geschichte).

Seit ein paar Jahren hat sich im Kulturjournalismus die „Tatort“-Rezension als eigenes Genre durchgesetzt. Es gibt die wunderbar durchgeknallten Texte Matthias Dells im Freitag, es gibt die schön ausführlichen Feuilletons des Wahlberliners, es gibt die bajuwarische Coolness des Stadtneurotikers, es gibt die hitzigen und immer mehr eckkneipigen Diskussionen auf tatort-forum.de. Und in Zukunft gibt es auch in der Bandschublade Rezensionen zum „Tatort“, unter der neuen Rubrik „Kiste“. Wenn ich Lust habe. Und, weil man nicht päpstlich sein will, auch zur Schwesterreihe „Polizeiruf 110“, ja, ich weiß, das ist etwas ganz anderes, nur, was ist da eigentlich wirklich so ganz anders?
Und weswegen? Weil ich Spaß dran habe. (Und nicht etwa aus Erfolgssucht, wobei, wenn von den zehn Millionen Zuschauern einer Münsteraner Folge hinterher auch ein paar bei mir vorbei schauen wollen, um zu hören, wie schlecht ich es fand, will ich ihnen nicht den Stuhl vor die Tür stellen.)