Wir werden einfach keine Freunde mehr, der „Tatort“ vom Bodensee und ich. Zu gefühlig ist mir das alles, zu narrativ anspruchslos, zu wenig wird dem Zuschauer hier zugemutet, sowohl in Bezug auf die Drastik des Gezeigten als auch in Bezug auf das Infragestellen klarer Gut-Böse-Scheidungen. Das ist nichts für mich, sieht man einmal von den kurzen Ausflügen der Reihe zum wüsten Trash vor ein paar Folgen („Der Polizistinnenmörder“, 2010) ab. So ist das, mit Konstanz.

Aberaberaber.

Von meinem persönlichen Geschmack abgesehen, lässt sich die aktuelle Bodensee-Folge „Nachtkrapp“ gar nicht einmal so übel an, wie es die teils heftigen Verrisse im Vorfeld vermuten ließen. Inhaltlich haben wir es mit einem verhältnismäßig konventionellen Lustmord-Krimi zu tun: Ein Junge wurde aus dem Schullandheim entführt, missbraucht und umgebracht, die Spur führt zum pädophilen Holger Nussbaum (Hansa Czypionka), den der (wie wir seit dem ersten Fall vor zehn Jahren wissen: mittlerweile tote) Mann von Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) einst hinter Gitter brachte und der seit kurzem wieder auf freiem Fuß ist. Weil der tote Junge mit einer Schweizer Jugendgruppe am Bodensee war, gibt es noch ein wenig gar nicht so unplausible Kompetenzstreitereien mit dem Thurgauer Polizisten Lüthi (Roland Koch, der auch nichts dafür kann, dass er den Namen eines extrem unsympathischen Politikers trägt). Nach und nach werden die Verdächtigen abgeklappert, darunter auch der Herbergsvater (der große Hendrik Arnst, den man lange nicht mehr sah, man machte sich schon Sorgen) und der mitgereiste katholische Jugendpfarrer (Pfarrer: „Ich geh‘ mich um die Kinder kümmern.“ Herbergsvater: „Wie Pfaffen sich um Kinder kümmern, das weiß man ja!“, wunderbarer Dialog), das ist ein wenig öde, aber gar nicht so dumm, der Verbrecher wird hier eben nicht als der unbekannte Schänder hinterm Busch imaginiert, sondern als Vertrauensperson aus dem Nahbereich, was zwar der Realität entspricht, im Fernsehkrimi aber meist sträflich vernachlässigt wird. Am Ende ist es einer der Verdächtigen, und, klar, es ist derjenige, der bis dahin am sympathischsten wirkte. Das Ganze wird von Kameramann Ralf Nowak in hübschesten Herbstbildern gezeigt, der See: eine blassgraue Traumlandschaft, in der verwunschene Jugendherbergen stehen, in eigenwilligen Bildausschnitten fotografiert.

Leider verliert der Krimi nach ungefähr 45 Minuten an Stringenz: Nussbaum entführt Kommissarin Blum, weswegen ist nicht ganz klar, aber es gibt Gelegenheit, ein paar Ausflüge in die Schweizer Bergwelt um den Säntis zu zeigen (diese Schweizer! Überall stehen verlassene Bunker rum!) und außerdem das eidgenössische Unternehmen Postauto mehr als einmal deutlich ins Bild zu rücken. In Geiselhaft erfährt Blum, dass Nussbaum a) sehr wohl pädophil ist aber b) den Jungen nicht getötet hat. Was bedeutet: Der wahre Mörder läuft noch frei rum, und ein Objekt seiner Begierde steht auf dem Bootssteeg, wartet darauf, dass ein Fisch anbeißt, wo es selbst doch kurz davor ist, filettiert zu werden! Man versteht nicht so recht, weswegen der mittlerweile geläuterte Nussbaum Blum zwar die Möglichkeit gibt, die Kollegen in Konstanz telefonisch zu warnen, dann aber mit ihr durch die halbe Schweiz zurück an den Bodensee fährt, wo Kommissarin und Pädophiler gerade noch rechtzeitig ankommen, um den mittlerweile entführten Jungen zu retten (wo ist jetzt eigentlich die Konstanzer Polizei?). Wie das Drehbuch (Melody Kreiss) ohnehin recht frei mit geographischen Gegebenheiten umgeht (Hallo? Wenn die Schweizer Polizei eine Leiche auf dem Bodensee findet, dann wird sie diese doch wohl erstmal ans Ufer holen! Und sie dann nicht gerade mit einem Schiff nach Konstanz bringen, das ebenso wie die Schweiz am Südufer des Sees liegt!), das ist ja leider Usus in Konstanz. Dass der deutsche Fernsehkrimi sich keine andere Lösung für einen Pädophilen vorstellen kann als den Tod, entweder wie hier durch eigene oder aber durch Polizistenhand, das stößt auch ein wenig unangenehm auf. Aber dennoch: Regisseur Patrick Winczewski hat mit „Nachtkrapp“ deutlich besseres abgeliefert, als man erwarten durfte.

„Ziemlich plump entwickelter Plot“: Christian Buß auf SpOn. „Kühl und finster“: Frank Rauscher auf tatort-fundus.de. „Dienst nach Vorschrift“: Matthias Dell im Freitag.

10. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Beruhige dich, es ist nur ein Geist · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , ,

Das Beunruhigende an der Kunst Cosima von Bonins ist, dass man sie eigentlich nicht versteht. Dass von Bonin Zitatebene um Zitatebene einzieht, hier ein Comic, dort eine Stickerei, da ein Soundfile, die man erkennen muss und irgendwann decodieren kann. Nur: Sobald man sie endgültig decodiert hat, macht diese Kunst keinen Spaß mehr. Cosima von Bonins Kunst funktioniert, solange man etwas erahnt, einen feministischen Bezug, ein queeren Hintergrund, einen Link zur Popkultur; als klares Zeichensystem aber ist sie trivial. Cosima von Bonins Kunst ist ein Geist, dessen kalter Atem einen kurz schaudern macht, ohne dass man genau wüsste, was man da gerade in Wahrheit spürt: „Relax, it’s only a ghost“ hat sie ihre Rauminstallation auf der documenta 13 nach einem Phantom/Ghost-Song benannt.

Bis zum 3. Oktober bespielt von Bonin das Kunsthaus Bregenz. Und weil Worte nichts helfen, gibt es statt einem Ausstellungsbericht ein paar fotografische Eindrücke.


Was bleibt? Nichts.


Die zusammengenähten Fotos „Poodle or not“ gab es als Edition zu kaufen, plus ein von der Künstlerin selbst gestaltetes rosa T-Shirt, für 180 Euro. Fast hätte ich zugeschlagen, aber mir steht Rosa so schlecht.


Hat der müde Vogel Blut gespuckt? Oder wurde er erschossen? Man weiß so wenig.


Der Kiosk steht schräg vor dem Kunsthaus und hat eigentlich rein gar nichts mit der Ausstellung zu tun (obwohl er so aussieht). Allerdings ist er einer der fünf letzten noch existierenden Pilzkioske weltweit – der in Bregenz nennt sich „Milchpilz“, was eklig klingt, sich allerdings auf die leckeren Milchprodukte bezieht, die man hier erwerben kann.

Edit: Was ich ebenfalls aus Bregenz mitgebracht habe, ist ein neues Titelbild für dieses Blog. Es zeigt die Rauminstallation „Bye bye Utopia“ von raumlaborberlin.