Das geschätzte Festival Dockville findet dieses Jahr vom 16. bis 18. August statt, ist also noch was hin. Wöchentlich geben die Organisatoren erste Bands auf Facebook bekannt, bislang eher Kandidaten für die Nebenbühnen, Woodkid aus Reims etwa, die Crystal Fighters aus Navarra und London, Erdbeerschnitzel aus, öh, Berlin?, das sind Bands, die man nicht kennen muss, die man aber kennen kann. Jedenfalls waren die Kommentare auf die Bekanntgaben vergangenen Freitag recht vorhersehbar: „Alter. Ich kenne keine einzige Band! Bin ich ignorant?“, „Ich gehe seit 4 jahren zum dockville und kenne davon eine band. Große enttäuschung!“ oder „ääähhh kenn ich nix von?!“ hieß es da in Facebook-typisch problematischer Rechtschreibung. Die Dockville-Macher antworteten verhältnismäßig klar: „Dann hack Dich doch mal etwas rein in die Bands, dann kennst Du sie.“ Punkt.

Ist diese Antwort arrogant?

Nein, ist sie nicht. Niemand muss alles kennen, aber das ist ja das Schöne am Internet: Man hat die Möglichkeit, sich zu informieren. Es gibt Spotify, es gibt Vimeo, es gibt Youtube.

Anderes Beispiel: Eine Kollegin wirft mir vor, dass ich in einer Filmbesprechung den Namen Abbas Kiarostami nenne, ohne zu erklären, wer das sei. Abbas Kiarostami ist der Regisseur von „Quer durch den Olivenhain“, einem Film, der vor 20 Jahren auch in der Bundesrepublik im Kino lief, was natürlich verhältnismäßig wenig aussagt. Man muss den nicht gesehen haben, aber eine kurze Googlerecherche erklärt auch, mit wem wir es zu tun haben, mit zwei Klicks kann man Kiarostami einordnen: als bedeutendsten iranischen Regisseur der Gegenwart. Ist es wichtig, dass man das dazuschreibt? Während man wie selbstverständlich beim Namen „Brad Pitt“ nichts erklären muss, den kennt man ja? (Nebenbei gefragt: Wer definiert eigentlich, wen man kennt und wen nicht? Yellow Press wie die Bunte? Nichts gegen Brad Pitt, übrigens.)

Die Kollegin sagt, ich sei arrogant. Ich sage, es ist arrogant, sein Publikum zu unterschätzen. Das Publikum ist nicht so stumpf, das kann selbst ein wenig recherchieren, und wenn das Publikum sagt, das Dockville sei doof, die eingeladenen Bands sind so unbekannt, dann braucht es womöglich nur einen ganz kleinen Schubs, um sich mit den Bands bekannt zu machen. Der wunderbare Knarf Rellöm singt in „What’s that Music“: „Warum will die Mehrheit keine Veränderung? Weil sie doof ist? Zu einfach und gleichzeitig zu kompliziert. Weil sie doof gemacht wird? Zu verschwörungstheoretisch. Weil sie denkt, nichts anderes ist möglich, es gebe nichts anderes? Dann wären wir gefragt.“ (Hätte mir nicht irgendwann ein Musikjournalist Knarf Rellöm nahe gebracht, ohne zu denken, ach, Knarf Rellöm, über den müssen wir nichts schreiben, den kennt doch niemand – ich hätte diesen Musiker nie kennengelernt.)

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Jeder Kulturkritiker jammert, dass US-amerikanische Fernsehserien wie „Breaking Bad“ oder „Homeland“ so unvorstellbar besser seien wie der „Tatort“, ach was, wie jede x-beliebige deutsche Fernsehproduktion. Und das stimmt ja auch, nur, woran liegt das? Eric T. Hansen behauptet in der Zeit, dass das daran liege, dass die US-Popkultur eine antiintellektuelle Kultur sei, eine Fehlinterpretation, meiner Meinung nach. Ich denke eher, dass die US-Serien dem Zuschauer erlauben, etwas nicht zu wissen. Die Comedyserie „The Big Bang Theory“ handelt von einer Gruppe Physiker, und die unterhalten sich über Themen, die für sie wichtig sind – über Physik. Und zwar in einer Sprache, die schon Physiker benachbarter Disziplinen nicht mehr verstehen dürften. Versteht das der durchschnittliche Zuschauer? Nein. Ist das schlimm? Nein, nein, nein. Es ist sogar lustvoll: zuzugeben, dass man eben nicht alles versteht. Noch ein Beispiel? „My Name is Earl“, eine Familienserie, keine Fernsehkunst, sondern schlicht – Entertainment. In „My Name is Earl“ taucht die Latina Catalina (Nadine Velazquez) auf, und wenn die wütend ist, verfällt sie ins Spanische. Wer kein Spanisch kann, versteht ihren Sermon natürlich nicht, aber man darf annehmen, dass sie flucht. Macht sie aber nicht, sie sagt: „Ich möchte den Latinos unter den Zuschauern danken, dass sie die Sendung jede Woche einschalten. Und alle Nicht-Latinos möchte ich für das Lernen einer Fremdsprache beglückwünschen.“ Wäre dieser versteckte Gag lustig, hätte der Drehbuchautor sich zuvor überlegt, ob ihn alle verstehen? Nein, er ist nur deswegen lustig, weil ihn nicht alle verstehen.

Im deutschen Fernsehen wären Serien wie „The Big Bang Theory“ oder „My Name is Earl“ unmöglich. Weil sofort ein Redakteur das Drehbuch zurückgehen lassen würde: Das versteht doch niemand! Und wer etwas nicht versteht, der schaltet ab! Der Redakteur denkt nicht an ein Publikum, er hat vergessen, dass er überhaupt ein Publikum hat, er hat nur noch eine Zielgruppe.

Und das ist arrogant.

Wir waren im „Hobbit“. Und hinterher waren wir auf einer Fetischparty, bei der wir uns als Orkkönig und Galadriel verkleideten und Dinge miteinander anstellten, an die ich mich im nüchternen Zustand nur ungern erinnere. Nein. Aber im Kino waren wir tatsächlich, in „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ (wann genau sind Reisen eigentlich erwartet? Und ist der Grad ihrer Erwartbarkeit tatsächlich das, was eine Reise ausmacht?), dem ersten Teil des überlangen 3D-Blockbusters von „Herr der Ringe“-, „Heavenly Creatures“– und „Braindead“-Regisseur Peter Jackson. Und natürlich passen wir da nicht rein.

Man könnte jetzt darüber herziehen, wie dünn die Figuren dieses Films sind, ich meine, wie kann man denn auf der einen Seite die vielschichtige Charakterzeichnung jüngerer US-amerikanischer Fernsehserien wie „Breaking Bad“ loben und auf der anderen Seite einen Film schauen, in der alle, wirklich alle Figuren reine Abziehbilder sind, mit Ausnahme vielleicht des schizophrenen Fabelwesens Gollum (Andy Serkis), das tatsächlich mehr als einen Gesichtsauszug zeigen darf (wenngleich computeranimiert). Weswegen eine renommierte Schauspielerin wie Cate Blanchett in einem Film mitmacht, in dem sie nichts anderes machen als vergeistigt gucken darf? Keine Ahnung. A propos Blanchett: Man könnte auch darüber herziehen, dass es tatsächlich nur eine einzige, nahezu inaktive Frauenfigur in diesem ganzen Kosmos gibt, sieht man einmal von ein paar elbischen Komparsinnen ab, die die Harfe zupfen und Leckereien servieren dürfen, doch, man könnte das Frauenbild dieses Films kritisieren. Politisch ließe sich „Der Hobbit“ ja ohnehin in der Luft zerreißen, schon alleine wegen der Darstellung der Orks, Untermenschen, die sich mit slawischem Akzent angrunzen, im Vergleich war die Darstellung der Russen in frühen James-Bond-Abenteuern nahezu freundlich. Und überhaupt: Was ist das eigentlich für eine Welt, in der diese Geschichte spielt? Eine Welt, in der ein Spießbürger aus seiner Bequemlichkeit gerissen wird, gemeinsam mit einer streng hierarchisch strukturierten paramilitäischen Gruppe Abenteuer erleben muss und sich nach und nach freischwimmt, Skrupel verliert und damit zum vollwertigen Mitglied der Gruppe wird. Wobei diese Gruppe heftigst formiert ist, es gibt Anführer, deren Autorität nicht in Frage gestellt wird, es gibt weise Alte, es gibt Adel. So etwas wie Demokratie, Selbstbestimmung, Emanzipation gibt es nicht. (Na gut, J.R.R. Tolkiens „The Hobbit or There and Back Again“ ist 1937 erschienen, da mag man bestimmte Schwerverdaulichkeiten nachsehen.) Man könnte sich über die Tolkien-Jünger lustig machen, die irgendwelche Offenbarungen in diesen Büchern suchen, die Textexegese betreiben, die so tun, als ob „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ tatsächlich Literatur seien. (Man könnte sich zumindest dann über sie lustig machen, wenn das nicht Gestalten wären, die manchmal beängstigend in Richtung rechter Esoterik tendieren würden.) Man könnte nicht zuletzt über die 3D-Technik herziehen, weil es die Augen überraschend heftig anstrengt, knapp drei Stunden diesen eigenartigen Effekt anzustarren, einen Effekt, der zwar unglaublich aufwändig ist, gleichzeitig aber über weite Strecken total unnötig scheint. Dass A im Vordergrund steht und B im Hintergrund, das kann ich mir auch in einem zweidimensionalen Film zusammenreimen, dafür brauche ich kein dreidimensionales Bild, und überhaupt, dafür habe ich jetzt drei Euro 3D-Zuschlag gezahlt, dafür trage ich diese blöde, doof aussehende, an den Flügeln drückende Billigbrille?

Dafür. Und dann noch für ein paar andere Momente.

Denn „Der Hobbit“ besteht eben nicht nur aus Szenen, in denen A (im Vordergrund) mit B (im Hintergrund) redet (die Dialoge sind ohnehin nicht die Stärke dieses Films, sag‘ ich jetzt mal). „Der Hobbit“ besteht auch aus einigen Szenen, in denen einem der Mund offen stehen bleibt, weil das Kino mit einem Schlag das wird, was das Genre womöglich vor 100 Jahren schon einmal war und das heute verloren gegangen scheint: ein Spektakel. Ein Mummenschanz. Wenn die Kamera sich selbstständig macht, über die Berge jagt und durch die Schluchten, noch ein Baumwipfel, noch ein Grat, noch eine Wolkenschicht, die durchstoßen wird. Und wenn einen dann der 3D-Effekt mitnimmt, wenn man sich im Kinosessel festkrallt, weil nicht nur die Kamera in die Tiefe zieht, sondern man selbst auch, mit dem gesamten Kinosaal, dann weiß man, dass Geld wie Lebenszeit nicht für die Katz investiert waren.

Weil man dann nämlich kapiert hat, dass es überhaupt nicht um die hanebüchene Handlung geht, um den politischen Hintergrund, die langweilige Figurenzeichnung oder das gruselige Frauenbld. Es geht einzig darum, einem den Magen flau werden zu lassen.