01. April 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich? (März 2014) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , ,

Endlich! Endlich! Endlich habe ich ein Interview mit Karin Beier geführt, der gar nicht mehr so neuen Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Für die Kultur//Hamburg, die nicht im Netz verfügbar ist, aber dafür kann man sie kaufen. Ohnehin empfehlenswert: Mir sichert das die Butter auf dem Brot.

Kultur//Hamburg: Ihr Vorgänger Friedrich Schirmer hat in seiner ersten Pressekonferenz einen ganz anderen Zugriff versucht, indem er einen Delfin als Logo vorgestellt hat. Das war als Setzung etwas sehr Poetisches, Schirmer hatte zwar auch politische Themen im Spielplan, aber diese Setzung war erstmal unpolitisch. So gesehen ist Ihre Setzung eine ganz andere – verkümmert das Theater da ein bisschen?
Beier: Das kommt immer darauf an, wie man es macht. Das ist eine Frage, die man sich auch jeden Tag neu stellen muss, kann und soll: Wie man politisches Theater überhaupt machen kann. Ich schließe nicht aus, dass ein politischer Abend auch ein poetischer Abend sein kann, dass der auch süffig sein kann, dass der saftig sein kann, dass der opulent sein kann … Aber der kann auch spröde sein, das schließt sich nicht aus. (…)

Vom größten deutschen Sprechtheater ganz weit raus aufs platte Land: Für die Theater heute habe ich mal so geschaut, was in Schleswig so geht, mit dem dortigen Landestheater. Man muss wohl befürchten: In Zukunft geht da nicht mehr viel, und das liegt nicht am Theater, sondern an der lokalen Politik.

Das Landestheater spielt bis Mitte 2016 in einer Ersatzspielstätte, außerdem werden Transfers zu Aufführungen nach Rendsburg und Flensburg organisiert. Aber auf lange Sicht macht sich Intendant Grisebach keine Illusionen: „Wenn Schleswig als Produktionsstandort und Gesellschafter nicht durch eine andere Kommune ersetzt werden kann, bedeutet es in der Tat das Ende der größten Landesbühne Deutschlands.“ Das allerdings wäre so monströs, man kann sich nicht vorstellen, dass das Votum von 13 Stadtverordneten tatsächlich die Theaterversorgung eines ganzen Bundeslandes in Frage stellen sollte. Entsprechend dürfte das Land diese Versorgung weiterhin sichern, irgendwie. Nur eben ohne Beteiligung Schleswigs.

Ebenfalls für Theater heute bin ich mal wieder nach Bremen gefahren und habe mir die Dramatisierung von Oskar Roehlers „Herkunft“ angeschaut. Von der ich allerdings enttäuscht war.

Die Nazivergangenheit der Großeltern schlägt auf die schwer neurotischen Eltern durch, weswegen aus der Folgegeneration nichts werden konnte. 68er-Bashing, das nicht besser dadurch wird, dass sich „Herkunft“ als Schlüsselroman lesen lässt: Der hauptsächlich als Filmregisseur bekannte Roehler ist Sohn des Schriftstellerpaars Gisela Elsner und Klaus Roehler, in fast jeder Figur des Romans lässt sich das reale Pendant dechiffrieren, Nora ist Elsner, Robert ist Oskar, und so weiter.

Auch in Hamburg wurde Theater gespielt, nämlich am Thalia. Luk Perceval inszenierte hier eine Erster-Weltkriegs-Installation namens „FRONT“, die ich für die Nachtkritik besucht habe:

Perceval macht viel richtig mit dieser musikalisch-textlichen Installation. Er umschifft die im Antikriegsgenre lauernden Klippen der indirekten Heroisierung, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Selbst den eigentümlichen Themenstrang um eine Krankenschwester (Oana Solomon), der auf eine Art libidinöses Verhältnis zum Krieg hinweist, lässt er nicht ausspielen, sondern deutet nur an, dass es da etwas gibt, das sich nicht so einfach begreifen lässt.

Im uMag schrieb ich über politischen Europa-Überdruss und über die Anti-Einwanderungsinitiative der Schweiz:

Man versprach uns, dass uns die Welt offen stehen würde, und wir glaubten es. Wir nahmen es als Selbstverständlichkeit, dass H. aus Bielefeld heute in Paris lebt und arbeitet, dass M. aus Barcelona heute in Frankfurt lebt und arbeitet, dass T. aus Braunschweig heute in Arhus lebt und arbeitet. Und dass S. aus Berlin heute in Zürich lebt und arbeitet, das nahmen wir auch als Selbstverständlichkeit. Oh, Zürich, Moment.

Und schließlich schrieb ich zwei Filmkritiken in der kulturnews. Einmal über „Deutschboden“, André Schäfers Verfilmung von Moritz von Uslars Reportage:

Am ehesten ist das ein Bilderbogen zur Reportage, bevölkert von den Figuren aus Uslars Text. Das ist am Ende genauso träumerisch, denunzierend, verkünstelt und unrealistisch wie die Vorlage – aber es ist auch böse und lustig. „So war abseits der Großstadt eine neue Sorte Männlichkeit entstanden: der gefährliche, aber ziemlich schmuck und schwul aussehende Superproll“, murmelt der Autor angesichts gewaxter, muskulöser, tätowierter Glatzenträger. Irre.

Und dann noch über den französischen Film „Molière auf dem Fahrrad“:

Ja, Philippe Le Guays „Molière auf dem Fahrrad“ ist absolut vorhersehbar. Ja, das Theaterverständnis des Films ist eines von vorvorgestern, Serge und Gauthier schlagen Schlachten, die längst als Scheingefechte bekannt sind. Und, ja, die eingeschobenen burlesken Elemente wirken deplatziert. Aber abseits dieser Mängel bekommt man einen Film, der vor allem als Fest von zwei überaus sicher agierenden Schauspielern durchaus funktioniert.

Was ich hier mache? Ich schreibe. Ich schreibe sogar ziemlich viel, zumindest macht das den Eindruck, aber man sollte sich nicht aufs Glatteis führen lassen: Journalismus funktioniert nicht so, dass ich im einen Monat wahnsinnig viel mache und im anderen kaum etwas, der funktioniert so, dass ich jeden Monat so ziemlich gleichviel mache, und manches landet dann erstmal auf Halde, bis es zwei, drei Monate später doch noch zu einer Veröffentlichung kommt – und da hat man dann eben den Eindruch, ich hätte bis zur Erschöpfung durchgearbeitet. Habe ich aber gar nicht.

Jedefalls habe ich gleich drei Interviews in der aktuellen Kultur//Hamburg geschrieben (alle nicht online). Einmal mit Bettina Stucky, als Schauspielerin neu im Ensemble des Hamburger Schauspielhauses, weswegen dieser Artikel mein Betrag zum Neustart ist. Eigentlich wollte ich die Intendantin Karin Beier sprechen, die konnte aber nicht, und im Nachhinein ist mir das ganz recht – erstens war Stucky eine ganz tolle Gespächspartnerin, und zweitens hat sich Beiers Schauspielhaus-Eröffnung nach einem mehr als tragischen Unfall auf unbestimmte Zeit verschoben, so dass ein Interview ein wenig fehl am Platze wäre.

Kultur//Hamburg: (…) Wird man beim neuen Spielplan schnell politisch?

Stucky: Schon. Ich finde immer gut, wenn Theater politisch ist. Ich finde auch, dass man sich verhalten muss, weil Nichtverhalten auch ein Verhalten ist. Gerade an einem Haus von so einer Größe ist es wichtig, dass man sagt: Hey, Moment! Es geht nicht nur darum, dass wir möglichst perfekt „Hamlet“ spielen!

Ebenfalls für Kultur Hamburg habe ich Hans-Jörg Czech gesprochen, dem neuen Chef des Altonaer Museums:

Kultur//Hamburg: Herr Czech, sagt Ihnen der Begriff „Quiddje“ etwas?

Hans-Jörg Czech: (lacht) Ja, der ist mir natürlich schon begegnet.

Und schließlich interviewte ich Christine Ebeling, Künstlerin und Aktivistin im Gängeviertel, das langsam aus den Schlagzeilen rutscht:

Kultur//Hamburg: Christine Ebeling, vor wenigen Wochen feierte das Gängeviertel den vierten Jahrestag seiner Besetzung. Wo steht das Gängeviertel heute?

Christine Ebeling: Wo es steht? (lacht) Immer noch zentral in der City.

Für Theater heute war ich mal wieder in Bremen. Und habe mir die dortige Premiere von Felix Rothenhäuslers Romandramatisierung „Schimmernder Dunst über ConyCounty“ (nach Leif Randt) angeschaut.

CobyCounty bleibt bei Felix Rothenhäusler ein utopischer Ort, eine mit Glitzer bestreute Fläche (Bühne: Evi Bauer), auf der die Figuren wie in Watte ihr Glück reflektieren: freundlich, sanft, leidenschaftslos. Auf Requisiten verzichtet Rothenhäusler nahezu völlig, gerade mal eine luxuriöse Espressomaschine wird manchmal auf die Bühne gerollt (guter Kaffee ist wichtig!), und ein riesiger Flachbildschirm, hinter dem sich hübsch durchchoreografiert vögeln lässt. Schattenseiten gibt es in CobyCounty nicht, allerdings auch keine Überlegungen, auf wessen Kosten dieses Wohlleben eigentlich möglich ist.

Für das uMag interviewte ich den Comiczeichner Reinhard Kleist und den Autor Tobias O. Meißner, die gemeinsam die Comicreihe „Berlinoir“ geschrieben haben:

uMag: Kann „Berlinoir“ denn nur in Berlin spielen?
Kleist: Absolut. Die Geschichte beruht ja auf der Geschichte der Stadt, ihrer wechselnden Herrschaftsformen, der Kultur, der Eigenart der Bewohner. Und sicherlich auch ihr ständig wechselndes Äußeres: Jeder Regierung hat hier ihre Spuren hinterlassen. Wir haben die Stadt gestaltet nach der Idee, wie sie aussehen würde, wenn Vampire sie erbaut hätten. Am Ende siegt die sterbliche Menschheit, und schon sieht auch die Stadt ganz anders aus. Eher wie eine Shopping Mall.

Außerdem gibt es im uMag einen Text über Sex. Beziehungsweise über HIV. Beziehungsweise über den UMgang der Kunst mit dem Komplex und weswegen wir uns da nich losmachen können.

Seit ich über Sexualität nachdenke, denke ich an den Grundssatz „Nur mit Kondom!“ Mir war klar, lange, bevor ich überhaupt das erste Mal Sex haben sollte, dass Sex gefährlich sein kann und dass man sich vor der Gefahr schützen muss, so gut es geht – und zumindest vor einer Übertragung mit HIV schützt man sich eben am wirkungsvollsten mit einem Kondom.

Noch ein weiterer Text im uMag beschäftigt sich mit Kunst. Und zwar geht es hier um die Fotografien von Jeff Wall, die ab 7. 11. in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen sind.

Ein einsamer Wanderer auf einer staubigen Straße. Er kommt aus dem ostanatolischen Dorf Arica Köyu, er nähert sich dem Istanbuler Vorort Mahmutbey, er sieht: eine verwilderte Wiese. Stromleitungen. Im Hintergrund eine Moschee, eine Autobahn, halbfertige, gesichtslose Wohnbauten, alles unter einem verhangenen Himmel. Der Ankömmling trägt: eine zu große Hose, ein weites Hemd, in einer ausgeleierten Sporttasche schleppt er wohl ein paar Habseligkeiten mit sich rum.

Und schließlich beschreibe ich noch eine schöne, spätsommerliche Bahnfahrt durch Mecklenburg-Vorpommern:

Jedenfalls, eine Frau redet, und am liebsten redet sie über Freundinnen, die nicht anwesend sind. Naziheike zum Beispiel, ein typischer Name in Rostock anscheinend, den kann ich hier einfach nennen, ohne dass irgendjemand sofort weiß, wer gemeint ist. Naziheike war mal mit Sandro zusammen, und Sandro ist jetzt wieder zurückgezogen zu Mutti, weil seine Frau ihn verlassen hatte. „Sandro fickt alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist“, na, da wäre ich auch nicht begeistert als Frau. Jedenfalls wohnt der jetzt im Souterrain bei Mutti in Lütten Klein, gemeinsam mit „seinem behinderten Bruder“, der aus Solidarität mitgezogen sei, und „noch so einem Typen aus der Band“, Rock ’n‘ Roll in Lütten Klein.

In der kulturnews habe ich ein bisschen rezensiert. Den neuen Film von Roman Polanski etwa, „Venus im Pelz“, Theater und devianter Sex, meine Themen:

Roman Polanski, großer aber leider auch alter Mann des Weltkinos, verfilmt ein Theaterstück von David Ives, anscheinend ohne während der vergangenen 50 Jahre ein einziges Mal zeitgenössisches Theater gesehen zu haben. Und dann bezieht sich dieses Stück auch noch auf Leopold von Sacher-Masochs Skandalnovelle „Venus im Pelz“, was angesichts der Tatsache, dass Polanski zuletzt immer häufiger in Gefilde der Altherrenerotik abdriftete, ebenfalls beunruhigt. Wenn man sich aber an den verstaubten Inszenierungsstil gewöhnt hat, stellt man fest: Alles gar nicht so schlimm.

Außerdem habe ich Viktor Jerofejews neuen Roman „Die Akimuden“ besprochen:

Jedenfalls erheben sich die Toten aus ihren Gräbern (respektive aus der Metro) und bevölkern die Hauptstadt, ein neuer Staat namens „Die Akimuden“ taucht auf der Weltkarte auf und nimmt erste diplomatische Beziehungen zu Moskau auf (was der US-Geheimdienst skeptisch beobachtet), ein hocherotisiertes Wesen namens Fink soll den akimudischen Botschafter aushorchen, und irgendwann bombardiert die russische Armee mehr oder weniger grundlos Sotschi, Putins touristisches Prestigeobjekt am Schwarzen Meer.

Und auch auf der Nachtkritik erschienen Kritiken von mir. Zunächst über „Der nackte Wahnsinn“ unter der Regie von Luk Perceval am Thalia Theater:

„Der nackte Wahnsinn“ wird jedenfalls erstmal: ziemlich lustig. Es gibt eine virtuose Slapstick-Szene, in der Regieassistentin Tini (Cathérine Seifert) mit den Tücken der Kulisse kämpft. Es gibt Kostüme, die Lisa Hagmeister in reines Bein und Victoria Trauttmansdorff in reinen Push-up verwandeln. Und es gibt eine sympathisch verzagte Figurenzeichnung, die das Klischee zwar andeutet, es aber nie ganz ausspielt.

Und dann noch über „Parzivalpark“ von Nina Ender und Stefan Kolosko auf Kampnagel:

Formal geht die Inszenierung dahin, wo es so richtig wehtut. Zu den Bildern einer Hirn-OP, die in Großaufnahme wieder und wieder über die Leinwand flimmern, zu einer heftigen Verquickung aus gewalttätiger Sexualität und Geburtsakt, an dessen Ende der 81-jährige Kuhlbrodt zwischen Enders blutigen Schenkeln auftaucht: „Mama!“ Es geht um Körper, und auch wenn die Medizin alles tut, um das Kreatürliche an diesem Thema zu verschleiern, bestehen Ender und Kolosko darauf, dass der Körper ejakuliert, blutet, kotzt.

Wenig. Weil: Hauptsächlich arbeite ich ja doch zum Komplex Theater, und weil die Theater im Sommer Pause machen, habe ich wenig zu tun. Theater heute spart sich mangels Themen regelmäßig die Augustausgabe, stattdessen gibt es ein Sonderheft, in dem unter anderem die fiebernd erwartete und anschließend viel gescholtene Kritikerumfrage steht: 44 Theaterkritiker nennen ihre Lieblinge der abgelaufenen Saison, einer davon ich. Mein Theater des Jahres war übrigens Bremen, mit einer einzigen weiteren Nennung allerdings ohne Chance auf einen Platz ganz oben.

Ansonsten war ich viel beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel. Für die Nachtkritik habe ich die Eröffnungspremieren beschrieben:

Olivier Dubois hat für „Tragédie“ eine Gruppenchoreografie für 18 nackte Tänzerinnen und Tänzer aus dem Chor aus der griechischen Tragödie abgeleitet. Ein erster Satz namens „Parades“ lässt die Tänzer streng formalistisch Bewegungsfolgen abschreiten, eine Strenge, die sich im zweiten und dritten Teil („Episodes“ und „Catharsis“) in dionysischem Exzess auflöst. Zumindest während der ersten halben Stunde passiert praktisch nichts, man hat also Zeit, die Tänzerkörper zu vergleichen. Und plötzlich steht man in einem Obstkorb der Brüste, Schwänze, Schenkel: hier etwas Birnenartiges, dort etwas Bananenförmiges. Körper sind tatsächlich Wunderwerke der Unterschiedlichkeit, und womöglich ist diese Unterschiedlichkeit der Link zum Realismusbegriff in „The real World“: Die Realität ist der nackte Körper auf der Bühne, und die Kunst ist die choreographische Form, in die ihn Dubois presst.

Einen längeren Artikel über das Sommerfestival habe ich auch für Theater heute (Ausgabe 10/13, online wie immer nicht verfügbar) geschrieben, allerdings stärker auf das Gesamtfestival fokussiert. Und auf die klimatischen Bedingungen.

Pünktlich zum Start des Internationalen Sommerfestivals hat sich der Sommer vorerst aus Hamburg verabschiedet. Das erfüllt alle Klischees über die Hansestadt, ist aber für ein Theater-, Kunst- und Musikfestival nicht weiter schlimm, einzig der Erholungsbereich des Festivals leidet ein wenig unter dem Schmuddelwetter. Die Hamburger Künstlergruppe Baltic Raw hat hierfür das Gelände hinter dem Kulturzentrum Kampnagel okkupiert, mit einem „spekulativen Dorf “ (einem Multifunktions-Bretterverschlag), einer „Kanalphilharmonie“ (einem funktionsfähigen Konzerthaus, in Hamburg ist so etwas nicht selbstverständlich) und einer verurwaldeten Fläche namens „Avant-Garten“, auf der sich sicher gut munkeln ließe, wäre es nur nicht so regnerisch.

Am Thalia ging die Saison schon Anfang September los, und zwar mit „Moby Dick“ in der Regie von Antú Romero Nunes. Auf Nachtkritik.de steht, wie ich es fand:

Dieser Einstieg ist eine grundsympathische Verweigerung von Rollenhierarchien, er ist aber eigentlich nicht das, wofür Nunes steht: Der 29-Jährige hat sich einen Namen mit seinem Gespür für Rhythmus gemacht, damit, dass er große Szenen leichthändig bauen kann, auch damit, das Pathos schwerer Stoffe mit geschickten ironischen Brüchen zu unterlaufen. Lange Zeit aber sieht man davon nichts, man sieht ein perfekt harmonierendes Ensemble, wie es sich in Minimalismus übt, und für Minimalismus steht Nunes nun mal gar nicht. Aber „Moby Dick“ ist mehr als ein zielloses Stochern im metaphysischen Dunkel, es ist auch: eine Abenteuerstory. Und als die an Fahrt aufnimmt, kann Nunes seine Stärken ausspielen. Die Bühne wird unter Wasser gesetzt, und dann geht es ziemlich heftig zur Sache, will sagen: Es wird harpuniert, verzweifelt sich wehrende Tiere werden eingeholt, abgestochen und fachgerecht zerteilt, am Ende wird um die Beute gestritten. Und wenn man sieht, wie das weitgehend pantomimisch erledigt wird, kann man nicht anders: Man zieht den Hut vor diesen Schauspielern, die durch die Bank den Eindruck erwecken, dass da Blut und Schweiß und Walfett ins Parkett fließen, literweise.

EIne echte Theaterkritik gab es nicht zu Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“, weil die Aufführung kein Theaterstück im eigentlichen Sinne war, sondern eine Solidaritätsadresse des Thalia mit den libyschen Flüchtlingen, die seit mehreren Monaten in der St. Pauli Kirche ausharren. Trotzdem habe ich für die Nachtkritik etwas darüber geschrieben:

Thalia-Intendant Joachim Lux balanciert nicht ungeschickt zwischen diesen Polen, indem er die Lesung so künstlerisch wie möglich anlegt, gleichzeitig aber immer im Bewusstsein behält, dass die Veranstaltung a) ein Schnellschuss ist und b) künstlerischer Mehrwert nicht das ist, was in dieser Situation am Nötigsten gebraucht wird. „Die Schutzbefohlenen“ schlängelt sich dabei zwischen diesen Positionen durch, indem die Lesung sich auf ein klassisches Stadttheater-Verständnis beruft: Es gibt eine politische Diskussion in Hamburg, und das Thalia als Stadttheater hat zu dieser Diskussion einen Kommentar abzugeben. Punkt.

Und schließlich habe ich für Theater heute (Ausgabe 10/13) einen Ausflug nach Lübeck gemacht, um mir bei „Die Ehe der Maria Braun“ Zigarrenqualm ins Gesicht pusten zu lassen:

In der Zigarrenraucherrepublik: Noch bevor das Publikum die Lübecker Kammerspiele betritt, pafft Astrid Färber schon am Bühnenrand, lallt und kichert übertrieben laut, ein, zwei Likörchen dürfte sie sich schon genehmigt haben. Das gerade vor dem Sprung an größere Häuser stehende Regieduo Biel/Zboralski hat sich entschieden, Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ von hinten aufzuzäumen: Färber spielt die ältere Maria Braun, die im Wirtschaftswunderdeutschland zu Wohlstand gekommen ist, die allerdings auch moralisch wie ästhetisch derangiert daher kommt.

Aber! Es gibt ja noch mehr als nur Theater! Im uMag (Ausgabe 09/13) versuche ich zum Beispiel, die Menschheit vorurteilsfrei zu mögen, naja, ich versuche, sie zumindest zu akzeptieren:

Ich will netter von den Menschen denken. Die Menschen, die sind gar nicht so schlimm, wie man denken würde, wenn man welche frisch kennenlernt. Die sind einfach nur ungeschickt und ziemlich dumm. Das erklärt, weswegen sie sich so häufig seltsam verhalten: Sie sitzen mit dir am Tisch und wirken ganz okay, dann aber ziehen sie übers Regietheater her, „man sollte Wagner so inszenieren, wie der Autor sich das Werk vorgestellt hat!“ Oder sie hören Mittelalter-Metal, und zwar so laut, dass ich mithören muss. Oder sie wählen eine seltsame Partei, die dann den Außenminister stellt, und hinterher jammern sie, dass sie das nicht gewollt hätten, in ihrer spätrömischen Dekadenz. Oder sie zeugen Kinder, die genauso werden wie sie. Das ist alles schlimm, aber sie sind eben dumm, sie wissen es nicht besser. Man muss geduldig sein.

Außerdem habe ich in der gleichen uMag-Ausgabe einen Artikel über den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst geschrieben. Mittlerweile wissen wir: Mariana Castillo Deball hat den Preis erhalten, Glückwunsch.

Was also ist dran am Preis der Nationalgalerie, der immerhin als bedeutendster Kunstpreis der Republik gilt? Für die Künstler: wenig. Dafür ganz viel fürs Publikum. Durch die Kriterien sind Künstler teilnahmeberechtigt, die tatsächlich all das prägt, was Kunst in Deutschland im Jahr 2013 auszeichnet: Sie sind (halbwegs) jung. Sie leben in Berlin. Sie praktizieren einen extrem intellektuellen Zugang zur Kunst. Und nicht zuletzt sind sie migrantisch.

Im Karlsruher ZKM läuft derzeit eine große Retrospektive der Chorografin Sasha Waltz. Das habe ich zum Anlass genommen, im uMag (Ausgabe 10/13) einmal die Entwicklung dieser großartigen Tanztheatermacherin zu rekapitulieren:

Die Geschichte von Sasha Waltz wird gerne als Märchen erzählt: Es war einmal eine junge Frau, die kam aus dem beschaulichen Karlsruhe nach Berlin, Anfang der Neunziger, in die wilde, ungeordnete Großstadt. Sie kam wie aus dem Nichts, besetzte gemeinsam mit ihrem Freund Jochen Sandig Häuser im Osten, alles war möglich, und sie machte etwas möglich: Sie schloss sich nicht ein im bloßen antikapitalistischen Reflex, sie machte Kunst. Tanztheater, mit ihrer Gruppe Sasha Waltz & Guests, die bald mehr als ein Geheimtipp war, bald zum Theatertreffen eingeladen wurde (was für Tanz eher ungewöhnlich ist), bald die charmant-abgerockten sophiens¾le verließ und zur wichtigsten Theatermacherin der Hauptstadt avancierte, arm aber sexy. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann tanzt sie noch heute.

Und schließlich habe ich in der kulturnews Kurzrezensionen geschrieben. So über „Das Erbe“, einen Comic der wunderbaren Rutu Modan:

Die verschachtelte Geschichte erzählt Modan im Ligne-Claire-Stil, beeinflusst von Klassikern wie Hergé. Auch der wusste Burleske mit Spannung und Zeitgeschichte zu mischen, war allerdings nie so mutig wie Modan, die leichterhand eine abgründige Szene einbauen kann wie diejenige, in der Mika in ein historisches Reenactment gerät: Plötzlich bevölkern sich Straßen Warschaus mit SS-Männern, die vorgebliche Juden mit Davidstern zusammentreiben, und die Heldin ist so überrumpelt, dass sie einfach mitspielt.

Außerdem besprach ich zwei DVDs, den indonesischen Film „Die Nacht der Giraffe“ („Die traumschönen Bilder allerdings wirken im TV ein wenig verschenkt. Da bleibt doch nur der Weg ins Kino – oder ein Beamer.“) sowie den brasilianischen Film „Paulista“ („In sinnlich-fiebrigen Bildern fängt Moreira das Leben im urban-intellektuellen Prekariat ein und dokumentiert neben seinen liebevoll gezeichneten Figuren auch noch die Globalisierung des Hipstertums. Ob die jungen Chancenlosen nun in Brooklyn rumhängen, in Berlin oder in Sao Paulo: Am Ende hören sie alle Radiohead.“).

31. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Dezember 2012) · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , , , , , , , , ,

Seit Mai mache ich diese Analyse der Googleanfragen auf der Bandschublade, und seit Mai ärgere ich mich: darüber, dass sich immer nur Anfragen nach nackten und/oder schwulen Halbpromis hier sammeln, nie aber die Frage nach dem Sinn des Lebens oder zumindest nach einer tollen Theaterinszenierung. Mit anderen Worten, es brauchte ein Dreivierteljahr, bis ich kapiert habe, dass spannend nicht die häufigsten Anfragen sind (im Dezember war das, wer hätt’s gedacht, „sophia thomalla brust“, mal wieder), sondern diejenigen, die nur ein-, zweimal auftauchten. Ansonsten ist Google aber auch ein komisches Tool – weswegen dieses kleine Blog Platz eins bei der Eingabe „Oh, Danke“ ist, weiß wohl nur ein irre gewordener Server, irgendwo in der schwedische Einöde. Egal, hier kommen ein paar ausgewählte, nicht allzu häufig aufgerufene Anfragen.

1. „tino hanekamp berlin“ Habe ich mich auch schon gefragt – was passiert, wenn Tino Hanekamp, diese zentrale Figur des Hamburger Nachtlebens, irgendwann das macht, was alle machen, nämlich nach Berlin ziehen? Bricht dann hier alles zusammen? Aus berufenem Munde kann ich Entwarnung geben: Anscheinend lebt Hanekamp noch in Hamburg, wenn auch am Stadtrand Richtung Berlin, aber die Hauptstadt ist auch nicht mehr das, was sie mal war, und über kurz oder lang zieht man vielleicht eher richtig aufs Land?

2. „porno schlechtes gewissen“ Muss man meiner Meinung nach keines haben.

3. „ich verstehe die rolle der sarah brandt nicht“ Lustig, ein Beitrag auf der Bandschublade begann ganz ähnlich, eine der mir mittlerweile unlieb gewordenen „Tatort“-Besprechungen: „Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht.“ Nunja, was soll ich dazu sagen? Anscheinend verstehen mehrere Leute diese von der geschätzten Sibel Kekilli gespielte Figur nicht, und ein wenig Licht ins Dunkel bringt womöglich dieses Blog hier.

4. „was macht eigentlich heidi brühl“ Die ist tot. Schon seit 21 Jahren, sie starb gerade mal 49-jährig nach einer Krebsoperation.

5. „krabbeltiere auf nackter haut erotisch“ Aerch. Irgendwie habe ich gerade total das Bedürfnis, mich zu kratzen.

6. „roter sack in bochum“ Zuerst dachte ich, da sucht jemand eine Kneipe, nur gibt es in Bochum keine namens „Roter Sack“. Mittlerweile habe ich erfahren, dass der Windelsack in Fröndenberg „viel diskutiert“ wird, von Fröndenberg ist es nicht allzu weit nach Bochum, es könnte also sein, dass ein Bochumer von diesen Diskussionen erfahren hat und wissen möchte, ob es so etwas auch in Bochum gibt. Soweit ich das verstanden habe: Gibt es nicht.

7. „islam einen geblasen bekommen“ Ich habe keine Ahnung, was der Islam zu dem Thema sagt. Ich könnte was zur katholischen Sicht auf die Sache erzählen, da ist Oralsex explizit verboten – der dient ja nicht der Reproduktion, und weil Katholiken ausschließlich deswegen Sex haben, blasen sie nicht. Im Islam denken sie wahrscheinlich ähnlich, vielleicht nicht ganz so radikal. Wenn ich es richtig verstehe, gibt es hier das Konzept, dass etwas „makruh“ ist, nicht verboten, aber missbilligt. Wobei es in der Praxis wohl so ist: der eine Imam sagt das, der andere jenes, und am Ende schlagen sich alle die Köpfe ein.

8. „dem intendanten des theaters bremen es geht immer nur um geld“ Das klingt jetzt vielleicht doof, aber: Das Spielzeitthema in Bremen ist momentan tatsächlich „Geld“ (auch wenn Michael Börgerding, der Intendant, das ein wenig differenzierter sieht), entsprechend kann man dem gesuchten Satz vielleicht wirklich zustimmen. Aber wahrscheinlich war das anders gemeint, oder?

08. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Daumen hoch, Daumen runter · Kategorien: Bretter · Tags: , ,

Es geht um Geld. Genau genommen war das Finanzielle immer schon das prägende Thema am Bremer Theater, ob Kurt Hübner, Hansgünther Heyme oder Klaus Pierwoß, alle Intendanten kämpften mit der strukturellen Unterfinanzierung des Hauses. Selbst Hans-Joachim Freys Intendanz scheiterte am Ende nicht wegen der Anspruchslosigkeit des Spielplans, sondern wegen des ökonomischen Himmelfahrtskommandos eines eigens geschriebenen Musicals namens „Marie Antoinette“, das kaum jemand sehen wollte und das die Liquiditätslücke des Theaters mit einem Schlag verdoppelte. Wenn man so will, kann man selbst die berühmtesten Performancekünstler der Stadt als Wirtschaftsopfer sehen: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, klagen die „Bremer Stadtmusikanten“ in Grimms Märchen. Nicht etwa Abenteuerlust treibt sie, sondern Hunger. Und echte Aktion fängt ohnehin erst an, als die Musikanten unter Räuber geraten sind.

Theater heute hat mir die Möglichkeit gegeben, die Entwicklung eines Theaters über einen längeren Zeitraum hinweg zu verfolgen. Ich habe für die Dezemberausgabe der Zeitschrift ein Feature (Link nur für Abonnenten zugänglich) zum Saisonstart des Bremer Theaters geschrieben, die erste Saison des neuen Intendanten Michael Börgerding. ich fuhr immer wieder an die Weser, habe mehrere Premieren besucht und mehrere reguläre Aufführungen, habe ein Interview mit Börgerding geführt und im Foyer die Gespräche des örtlichen Publikums belauscht. Und nach und nach kapiert, dass die Art wie Kulturjournalismus in der Regel läuft, eigentlich am Thema vorbei geht: Hinfahren, Anschauen, Wegfahren, Daumen hoch, Daumen runter, das ist es nicht. Kultur läuft anders, Kultur ist ein Prozess, und dieser Prozess lässt sich nicht an einem Abend verfolgen, eigentlich muss man Sachen immer wieder anschauen, eigentlich muss man sich auf Kleinigkeiten konzentrieren, Kleinigkeiten, die erst in der Summe ein Bild ergeben, man muss sehen, dass Manches funktioniert und Manches nicht, und der Kritiker als Oberlehrer, der Zensuren verteilt, hat keine Chance. Der Kritiker muss Teil des Prozesses werden, muss seine Distanz aufgeben und die Distanz dann in einem durchaus schmerzhaften Akt wiederherstellen.

Der Artikel „Unter Räubern“ hat mir dieses Teilnehmen am Prozess ermöglicht. Aber Journalismus läuft meistens, fast immer anders, solch ein zeit- und vor allem kostenintensives Projekt leistet sich kaum noch ein Verlag, in Zeiten der Medienkrise. Ich habe das Feature gerne übernommen, aber auf lange Sicht wird so etwas niemand finanzieren. „Unter Räubern“ war einmalig, das macht die Arbeit extra wertvoll, aber in Zukunft werde ich doch wieder in die Premieren stiefeln und Urteile fällen müssen. Geht gar nicht anders.

(Die Medienkrise ist ein stinkender Hund.)

Ach. Irgendwie passiert einfach nichts, zurzeit, in meinem Leben. Ich bin viel unterwegs, ich habe ziemlich aufwändig den Neustart des Theaters Bremen unter Michael Börgerding begleitet, und natürlich könnte man da drüber etwas schreiben, klar. Und ich schreibe ja auch, für Theater heute, im Dezember-Heft erscheint ein umfangreiches Feature. Aber dann noch einen zweiten Text, hier, für die Bandschublade, tut mir leid, da fehlt mir die Lust, die Inspiration auch. Ich könnte darüber schreiben, wie gerade der Journalismus (zumindest wirtschaftlich) den Bach runter geht, tschüss Frankfurter Rundschau (die mir immer wichtig war), tschüss Prinz (der für mich nie irgendeine Bedeutung hatte), damit würde ich offene Türen einrennen, andererseits, wer braucht das denn? Ich könnte wieder „Tatort“ besprechen, den am vergangenen Sonntag aus Dortmund fand ich recht gut, aber eigentlich wollte ich damit aufhören, mit dieser gierigen Klickhurerei, mit der Sucht nach Visitorverdopplung, nur weil man ein Mainstreamthema behandelt. Ich könnte darüber schreiben, wie eklig ich finde, dass Stefan Raab breitbeinig dasitzt und Testosteron versprüht, obwohl ich zugeben müsste, nie eine der Raab-Sendungen gesehen zu haben. (Ein Blog darf das, einfach nur ultrasubjektiv konstatieren, dass man nicht in einer Welt leben möchte, in der ein Stefan Raab irgendeine relevante Position inne hat, ein Blog darf auch Verwunderung darüber formulieren, dass Leute, die doch irgendwie geschmackssicher sind, Raab Respekt zollen, Respekt für was nochmal genau?) Andererseits, weswegen sollte ich? Ich könnte darüber schreiben, weswegen mich Katrin Göring-Eckardt nervt, weswegen mich Claudia Roth anwidert, und weswegen mich die ganzen Typen, die etwas gegen Roth haben, noch viel mehr anwidern, allein, was soll’s? Ich könnte mal wieder über Pop schreiben, darüber, wie großartig ich die neue Tocotronic-CD „Wie wir leben wollen“ finde, aber „Wie wir leben wollen“ erscheint erst im Januar, ich dürfte das Werk noch gar nicht kennen. Und irgendwie ist das das einzige Pop-Thema, das mich momentan umtreibt.

Ich könnte nach neuen Antworten suchen, was ich mit der Bandschublade eigentlich will. Auf jeden Fall will ich nicht: Erwartungen erfüllen, das, was ich in den vergangenen Wochen gefährlich häufig gemacht habe. Darüber mache ich mir jetzt Gedanken. Und währenddessen mag es hier vielleicht ein wenig langweilig sein.

Der „Tatort“ aus Bremen hat irgendwie keinen so besonders guten Ruf. Keine Ahnung, woran das liegt, vielleicht: Weil Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) nicht ins Fernsehformatklischee passt, weder jung ist noch sexy noch wirklich sympathisch? Und gleichzeitig all das zusammen, na gut, bis auf die Jugend, wobei die 58-Jährige da in aller Coolness auch gar nicht mitzuschwimmen versucht? Weil Bremen das in der Regel von rechts gedeutete Genre Kriminalfilm immer mal wieder von links denkt, ganz im Gegensatz zur Mehrzahl der den „Tatort“ bestückenden ARD-Anstalten, ganz im Gegensatz zu Hannover, Ludwigshafen, Konstanz? Und weil das dem meist auch eher konservativen „Tatort“-Schauer unangenehm aufstößt, dieses Bewusstsein: Der Feind steht meist rechts? Oder, vielleicht doch: Weil die Fälle aus Bremen doch von arg schwankendener Qualität sind, mal ein wunderbarer Herbstfilm wie „Stille Tage“ (2006), mal eine über jedes Ziel hinausschießende 9/11-Verschwörungstheorie wie „Sheherazade“ (2005), mal ein vollkommen durchgeknallter Schmonzes wie „Requiem“ (2005). Und dann leider auch ein unausgegorener Genremix wie „Hochzeitsnacht“, der aktuelle Fall.

„Hochzeitsnacht“ gehört zum Subgenre „Stadtkommissare fahren aufs Land“. Das gibt es bei nahezu jedem Team mal, Hannover baut ausschließlich auf solche Fälle, die eigentlich immer als groß besetzte Ensemblefilme daherkommen, allerdings auch schnell Gefahr laufen, allzu formatiert zu wirken. Immer geht es um dunkle Geheimnisse auf dem Dorf, von denen niemand etwas erfahren darf, immer sind irgendwie alle schuldig, immer ist das erotische Begehren ein dumpfes, dunkles Gruseln. In „Hochzeitsnacht“ wird dieses Subgenre allerdings gepimpt, indem es mit einem weiteren Subgenre verschmolzen wird: dem Geiselnahme-Thriller. Kommissarin Lürsen ist irgendwo in der platten niedersächsischen Einöde auf einer Hochzeit, als Begleitung ihres Untergebenen Stedefreund (Oliver Mommsen): Der Sohn von Stedefreunds Ex-Ruderkumpel heiratet, und der Eingeladene nimmt seine Chefin mit. (Macht man das so? Wenn man Single ist und zu wildfremden Menschen aufs Dorf fährt, dass man dann seine Vorgesetzte bittet, einen zu begleiten? Ich meine, nichts gegen meine Chefin, aber das passt irgendwie nicht.) Die Hochzeit wird überfallen, von Simon (Sascha Reimann aka Ferris MC) und Wolf (Denis Moschitto), der aus dem Kaff stammt und vor Jahren beschuldigt wurde, die Dorfschönheit umgebracht zu haben. Simon will nur die Kohle der Hochzeitsgäste (was nicht unbedingt für seine Intelligenz spricht: Er glaubt, dass ein Raubüberfall im Dorfgemeinschaftshaus wahnsinnige Reichtümer versprechen dürfte), Wolf will den wahren Mörder fangen. Die Handlung macht so ihre Kapriolen, Stedefreund verliert seine Hose und begegnet einem Wolf (einem Tier, nicht dem Geiselnehmer) irgendwo in der wunderschön gefilmten nordwestdeutschen Moorlandschaft, da rutscht der Film ganz kurz in Richtung Klamotte, dann aber gibt es wieder Szenen von arger Brutalität, der Film zeigt stellenweise eine Härte, die man dem Sonntagabendprogramm nicht zugetraut hätte. Und: Der wahre Mörder geht ebenfalls um, im Dorfgemeinschaftshaus. Erst wird ein Mitwisser gemeuchelt, dann beinahe noch Kommissarin Lürsen, derweil Stedefreund sich vor der Tür mit dem aus Bremen eingetroffenen SEK kabbelt. (Weswegen eigentlich aus Bremen? Polizei ist doch Ländersache, da müssten die doch aus Hannover oder aus Osnabrück oder wo auch immer herkommen, aber doch nicht aus dem polizeilichen Ausland Bremen?) Am Ende stürmen die Polizisten die Hochzeitsgesellschaft, und weil noch zehn Minuten über sind, wird der wahre Mörder ebenfalls noch gestellt. Es ist so uninteressant.

Und wenn ich nicht wüsste, dass die Macher dieses Films, Florian Baxmeyer (Regie) und vor allem Jochen Greve (Buch), auch ganz anders können, zumal Greve auch „Stille Tage“ geschrieben hat, dann würde ich übersehen, was für eine tolle Performance Sascha Reimann da abliefert, dann würde ich einstimmen in den Chor der Bremen-Verächter. So sage ich: War eben nichts, diesmal.

„Das Ergebnis ist ein Desaster“: Christian Buß auf SpOn. „Fancy Rollladenrunterlassen mit dem Teppichmesser“: Matthias Dell im Freitag. „Wie die Protagonisten fängt man sich auch als Zuschauer sehr bald an, nach seinem Bett zu sehnen“: Jakob Hein auf tatort-fundus.de. „Überwiegend blass“: der Wahlberliner.

05. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für Was ich auf der Insel gelernt habe · Kategorien: Cat Content · Tags: , , ,

1. Es gibt Leute, die mögen keine Bremer. Die mögen Bremer so wenig, dass sie begeistert ein Lied singen, „Ihr seid Bremer/Ihr sauft die Scheiße aus der Weser“, selbst wenn sie in einem fremden Land am Flughafen stehen, und Bremen ist weit weg.

2. Die Küste ist böse. Weg von der Küste, rein in die Berge, da ists schön.

3. Wenn man als Allergiker in einen Landstrich fährt, in dem gerade der Frühling in überschäumender Geschlechtlichkeit erblüht, dann hilft einem das nicht, eine nur halbwegs auskurierte Erkältung loszuwerden.

4. Wenn sie gut gemacht ist, dann darf man auch ruhig mal eine Paella essen, auch wenn die hier gar nicht hergehört, sondern nach Valencia.

5. Glückliche Esel, glückliche Kühe, glückliche Schafe, glückliche Schoßhunde. Wer hat eigentlich das Gerücht aufgebracht, im Süden würden die Menschen herzlos mit ihren Haustieren umgehen?

Mein Verhältnis zum Bremer „Tatort“ ist ein gespaltenes. Einerseits dreht man an der Weser immer mal wieder kluge Genrefilme, die Verschwörungstheorie „Sheherazade“ (2005) oder die „Mörder auf hoher See“-Variation „Schiffe versenken“ (2009). Einerseits. Andererseits steht solchen Sternstunden auch immer wieder betulichster Durchschnittskram gegenüber, am schlimmsten das Popstar-Vehikel „Schwelbrand“ (2007), in dem ausgerechnet die leicht angebräunte Schlagergruppe Mia. eine gegen rechts engagierte Rockband verkörpern sollte. Kaum ein Fernsehsender kämpft mit solchen Qualitätsschwankungen wie Radio Bremen.

Ähnlich zwiespältig stehe ich der Bremer Kommissarinnenfigur Inga Lürsen (Sabine Postel) gegenüber. Ich schätze, dass hier eine Figur auftaucht, die weder Karrikatur ist (Leipzig!) noch tougher ist als alle bösen Jungs zusammen (Hannover! Ludwigshafen!) noch einem verunglückten Jugendwahn hinterherrennt (Stuttgart!). Ich schätze, dass hier eine Figur einfach ist, wie sie ist. Inga Lürsen allerdings ist in ihren schlechteren Fällen leider ein wenig arg viel, also, sie ist bewusst. Jammerig, übertrieben, unsympathisch, vor allem immer unheimlich von dem Geschehen angefasst. Rechte Schlechtmenschen ziehen gerne über diejenigen her, die sie als „Gutmenschen“ verspotten, wenn man sie fragt, wer denn nun eigentlich ein Gutmensch sei, fällt ihnen niemand ein – schön, dass die Rechten immer nur Privatfernsehen schauen, ansonsten würde ihnen Inga Lürsen Argumente liefern. Außerdem freue ich als Linker mich natürlich, dass mit Hauptkommissarin Lürsen eine TV-Polizistin das richtige Bewusstsein hat, inclusive radikaler Vergangenheit – aber ist so eine linke Biografie, die straight in den Polizistenberuf führt, überhaupt vorstellbar? Wo man selbst die Freunde und Helfer eigentlich immer nur als prügelnde Bullen kennenlernen durfte? Ich meine ja bloß: In den schlechten Bremer Fällen beißt sich die Figur Lürsen ziemlich ungut mit einem bestenfalls nur halb gelungenen Drehbuch.

Zum Glück ist der „Tatort: Ordnung im Lot“ ein guter Bremer Fall, sogar ein sehr guter Fall. Ein toter Tankstellenbetreiber namens Jure Tomic (Ex-Jugoslawen sind in den jüngsten Tatorten recht häufig in kriminelle Machenschaften verwickelt, vor einer Woche die Serben, diesmal die Kroaten), eine schizophrene Zeugin (Mira Partecke, ein großartiger Auftritt), die nur bruchstückhaft mitteilen kann, was sie gesehen hat, ein finsterer Typ mit Ekelkotelletten und serbokroatischem Zungenschlag, da weiß man natürlich, was passieren wird. Es passiert: etwas ganz anderes. Am Ende haben wir tatsächlich einen Mord, aber kein Verbrechen, zumindest keines, das über einen Versicherungsbetrug hinausginge. Wenn Schauspiel und Regie von „Ordnung im Lot“ ganz okay sind, dann ist das Buch (Claudia Prietzel und Peter Henning, die auch für die Inszenierung verantwortlich sind), ein echtes Meisterwerk, das sich Volten traut, die im „Tatort“ sonst verboten sind: keine Action, keine Witzchen, ein ständiges Unterlaufen der Erwartungen. Je länger dieser Film dauert, umso mehr wird er zum Psychokrimi, später dann zum Psychogramm einer verwirrten Seele („Absolut gestört!“ urteilt die Kommissarin an einer Stelle, gerade ihr hätte man mehr Sensibilität zugetraut, aber gut), vergleichbar vielleicht gerade mal dem ungleich actionreicheren „Eine unscheinbare Frau“ (2001), ebenfalls aus Bremen.

Die Kommissarin? Macht eigentlich gar nichts, in einer kurzen Passage macht sie sogar zu wenig, da geht es beinahe übel aus mit den Dämonen im Kopf der Geschundenen. Aber auch nur beinahe, ansonsten lässt sie die Geschichte sich entfalten, bis am Ende alle gut wird. Alles? Nein, für Familie Tomic geht es nicht gut aus, wahrscheinlich ist die erhoffte Rente futsch, ein Kollateralschaden also.

(Psycho-Theater: Frank Rauscher auf tatort-fundus.de. Ein großer Wurf: Christian Buß auf SpOn. Keinen Bock mehr: Matthias Dell im Freitag. Unheimlich schlecht: der Stadtneurotiker. Leicht aufgeblasen: der Wahlberliner.)