10. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Plötzlich wird Wulff zum Feuilletonthema · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , ,

Man kann sich nicht entziehen. Man kann nicht einfach die Nachrichtenseite öffnen, feststellen, was als erste Meldung kommt, nämlich dass der Bundespräsident weiter in der Kritik steht, man kann nicht sagen, och nö, Wulff, ich kann es nicht mehr hören. Man muss sich irgendwie verhalten, weil das Nichtverhalten mittlerweile ebenfalls ein Verhalten ist.

Ich fand das damals nicht besonders toll, als Christian Wulff vor eineinhalb Jahren in einer unwürdigen Hängepartie zum Bundespräsidenten gewählt wurde, ich fand zwar die Alternative Joachim Gauck in seinem blindwütigen Linkenhass noch viel weniger toll, aber, okay, ich dachte mir: Bundespräsident, ist doch egal, wer den Job macht, hat doch ohnehin nichts zu sagen, der Junge. Und wirklich, nur ein einziges Mal fiel mir Wulff in seiner kurzen Amtszeit auf, als er 2010 auf der zentralen Einheitsfeier erklärte, dass der Islam zu Deutschland gehöre, und irgendwie fand ich das ganz okay, für die damalige Zeit, für das damalige Sarrazin-Deutschland. (Dass Wulff kurz darauf auf Staatsbesuch in Ankara erklärte, dass das Christentum entsprechend zur Türkei gehöre, fand ich dann hingegen eher doof. Möchte ich denn wirklich ein Staatsoberhaupt, das überhaupt eine Religion als sinnstiftend für ein Gemeinwesen interpretiert? Andererseits fürchte ich, dass das mit Pastor Gauck nicht unbedigt atheistenfreundlicher abgelaufen wäre.) Kurz: Christian Wulff war mir mehr oder weniger egal.

Das geht jetzt nicht mehr. Wulff steht in der Kritik, weil er bei seinem Hausbau falsche Freunde hatte, die ihm finanziell unter die Arme gegriffen haben oder auch nicht, ist mir gleich. Wulff steht in der Kritik, weil er einen anderen falschen Freund, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann angerufen hat und ihn gebeten hat, einen Artikel über besagten Hausbau nicht zu drucken oder erst einen Tag später zu drucken, interessiert mich nicht. Wulff steht in der Kritik, weil Wulffs Frau Bettina angeblich einst im Rotlichtbereich gearbeitet hat oder weil Wulff nicht zu dieser früheren Tätigkeit stehen würde oder weil in dieser Hinsicht kein Kommentar käme, aber wenn da nichts war, was soll dann kommentiert werden, ach was, geht es hier um Wulff oder um seine Frau oder um was geht es eigentlich wirklich?

Plötzlich wird Wulff zum Thema, das über einen politischen Skandal beziehungsweise einen hochgekochten politischen Skandal hinaus weist. Wulff wird zum Feuilletonthema. Ist es okay, dass ausgerechnet die Bild sich erst als Hüterin der Pressemoral aufspielen darf und dann in ein paar nicht einmal geschickten aber dennoch wirksamen Schachzügen alle übrigen Medien nutzen darf, gegen Wulff zu schießen? (Überhaupt, die Bild! Die machen doch nichts ohne Hintergedanken, was aber könnte Dieckmann als ausgewiesener Rechter für ein Interesse daran haben, Wulff aus dem Amt zu schreiben? Könnte es vielleicht sein, dass eine Redaktion, die über Monate zu den größten Sarrazin-Fans überhaupt zählte, nicht ganz glücklich ist mit einem Bundespräsidenten, der es mit der allgemeinen Islamfeindlichkeit nicht allzu ernst zu nehmen scheint? Oder ist das jetzt eine Verschwörungstheorie?) Darf man darüber lästern, wofür Wulff seine politische Karriere aufs Spiel gesetzt hat, nämlich für ein unglaublich langweiliges Häuschen in einem unglaublich langweiligen Vorort des unglaublich langweiligen Hannovers mit dem unglaublich langweiligen Namen Großburgwedel? Oder ist das dann nur ein Gelästere über den neureichen Kleinbürger, der eben keine Ahnung hat von Stil? Und hätten wir ein anderes politisches Personal, ein adliges vielleicht, einen von und zu Guttenberg vielleicht, dann würden solch ästhetische Entgleisungen wie die großburgwedeler Provinzhölle schon unterbleiben? Oder unterstellt man hier den Kritikern etwas? Und, schließlich, darf man sagen, dass man sich nicht dafür interessiert, womit Bettina Wulff früher ihr Geld verdient hat, oder behauptet man damit schon, dass Rotlicht etwas sei, wofür man sich zu schämen habe? Hat man nicht immer die Klemmschwuppen verachtet, die peinlich betonten, nichts über ihr Sexualleben sagen zu wollten, weil das bitteschön privat sei und sie doch nur nur nicht das böse Wort „schwul“ hören wollten? (Und bevor hier irgendwelche Anwälte die Messer wetzen: Ich habe nicht einmal annähernd behauptet, zu wissen, was die Wulffin je beruflich gemacht hat. Ich weiß es nicht. Und ich bin auch nicht scharf darauf, es jemals zu erfahren. Dies hier ist keine üble Nachrede. Es ist noch nicht einmal ein Thema.)

Es macht einen fertig. Weil man sich nicht nicht verhalten kann, zu dem Thema. Und das schlimmste: Diejenigen, die ebenfalls betonen, sich nicht verhalten zu wollen, die sind einem auch nicht wirklich sympathisch. Ich aber, ich will doch nur wieder zurück an den Punkt kommen, an dem mich Christian Wulff nicht mehr interessiert. An den Punkt, an dem Wulff kein Feuilletonthema mehr ist, sondern wieder ein politisches Thema.

Und dann mag er, meinetwegen, zurücktreten. Oder auch nicht, ist mir echt egal.

Ich würde ganz gerne ein paar Aufgeregtheiten aus der Diskussion um Zuwanderung und Islamismus und Integration und Verweigerung derselben nehmen. Ich würde gerne in Zukunft nicht mehr über geifernde Kleinbürger sprechen, nicht mehr über Sarrazzin und Wilders und darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört und das Christentum zur Türkei, von mir aus. Ich möchte anmerken: Ja, mag sein, dass es hier und da Probleme mit muslimischen Zuwandererjugendlichen gibt, es gibt ja häufig Probleme mit Jugendlichen, warum also nicht mit muslimischen. Mag alles sein, ich möchte nichts beschönigen, dass in muslimisch geprägten Sozialsystemen durchaus zu problematisierende Ansichten zu Frauenemanzipation, Homosexualität und intellektueller Selbstbestimmung vorkommen. Das mag ja sein.

Aber: Ich lebe in einem zentralen Großstadtviertel mit überdurchschnittlich hohem Migrantenanteil. Ja, an den Ecken hängen sie manchmal rum, die Arschlochjungs, und starren einen böse an, das ist nicht schön. Nur echte Probleme, die hatte ich noch nie, mit den Arschlochjungs, tut mir leid. Das ist nur meine persönliche Erfahrung, aber mir haben die noch nie etwas getan.

Im Gegensatz zu den Christen.

Endlich haben wir einen Bundespräsidenten. Klar, wäre ja auch schlimm, wenn Deutschland ins Endspiel der Fußball-WM käme, und dann müsste da ein Vertreter den Spielern beim Verlieren zuschauen, Bundesratspräsident Jens Böhrnsen etwa, ein Sozialdemokrat, das auch noch. Aber jetzt ist ja alles gut, nach langer Zeit wurde endlich Christian Wulff gewählt, der Kandidat, der im Interview erzählte, dass er zum letzten Mal in Zweiohrküken im Kino gewesen sei. Mit übertriebener Intellektualität wird Wulff uns wohl nicht nerven, das darf man jetzt schon mutmaßen.

Aber bevor das jemand falsch versteht: Ich finde Christian Wulff okay. Gut, er pflegt sein Image des schlichten Gemüts, gut, er ist Christdemokrat, gut, er zeigt eine beunruhigende Nähe zur religiösen Rechten. Aber: Christian Wulff ist zumindest kein Scharfmacher. Er gibt sich als ultrasensibler Verstehertyp, und genau das ist eine Eigenschaft, die man in der Position des Bundespräsidenten braucht. Eine Eigenschaft, die seinem Kontrahenten Joachim Gauck fehlt: Gauck betont, dass Hartz IV eine gute Sache sei, Gauck findet den Afghanistaneinsatz in Ordnung, Gauck ist grundsätzlich der Meinung, dass von Links nur Übles kommen kann. Darf er ja alles finden, nur: Präsidial ist das nicht.

Aber: Es war ja nie im Bereich des Möglichen, dass Gauck wirklich Präsident werden würde. SPD und Grüne haben den Stockkonservativen nur aus einem Grund aufgestellt: Sie wollten die Regierungsparteien CDU und FDP sowie deren Kandidaten Wulff blamieren. Das ist ihnen gelungen. Man muss den Hut ziehen vor diesem Strategiespiel, nachdem Gauck erstmal nominiert war, konnten die Regierungsparteien nur verlieren, die Opposition konnte nur gewinnen.

Ein Opfer musste dafür allerdings über die Klinge springen: die Linkspartei. Die konnte Gauck nicht wählen. Nicht, weil der sie schmerzhaft an ihre Stasi-Vergangenheit erinnern würde, sondern wegen seiner Haltung zu Afghanistan, zum Sozialabbau. Und wegen seiner Haltung zu linker Politik im allgemeinen. Wie hätten die Linken das machen sollen, jemanden wählen, der sie bei jeder Gelegenheit beschimpft? Dafür müssen sie sich jetzt vorhalten lassen, Wulff ermöglicht zu haben. Die Alternative wäre natürlich gewesen: Die Linken schlucken alle Kröten und wählen Gauck (tatsächlich hätte das zumindest im dritten Wahlgang auch nichts mehr gebracht, aber egal). Dann wäre die Linke genau die machtgeile Umfallerpartei gewesen, die sie in Regierungsverantwortung schon längst sind: Die Partei, die einen ultraliberalen Kommunistenfresser gewählt hätte. So ist sie nur die Partei, die einen profil- und kulturlosen Christen nicht aktiv verhindert hat. Mir ist das lieber.

Denn: Zumindest meine Stimme hätte eine Partei, die Gauck gewählt hat, bei der nächsten Wahl nicht mehr bekommen.