In drei Wochen ist Bundestagswahl, und wie die Leser dieses sympathischen, kleinen Blogs wissen, tue ich mich schwer, eine Wahl zu treffen. Irgendwie fühle ich mich von keinem der Angebote vertreten, es hilft alles nichts. Ich gründe eine eigene Partei,

- die es schafft, in gesellschaftspolitischen Fragen den Begriff “Freiheit” weit nach vorn zu stellen, in wirtschaftspolitischen Fragen aber den Begriff “Gleichheit” zum Optimum zu erklären.
- deren Mitglieder wissen, dass sie nicht alles wissen, deren Mitglieder vor allem nicht immer alles besser wissen.
- deren Mitglieder entsprechend zugeben, hin und wieder Neuland zu betreten. Dieses Zugeben bedeutet dann nämlich auch, dass man auf das Neuland nicht mit Angst, Repression, Abwehr reagiert, sondern mit der Freude über eine neue Herausforderung: “Geil, Neuland!”
- die den Weg zum, doch!, Sozialismus nicht über Zwang erreichen möchte, sondern über die Solidarität, mit der Liebende einander gegenüber treten. “Socialism of the Heart”, Billy Bragg hat schon recht.
- die sich von der Ideologie des “Leistung muss sich wieder lohnen” frei macht. Der Lohn für Leistung ist das befriedigende Gefühl, eine Arbeit gut gemacht zu haben – was ist das nur für ein jämmerliches System, das Arbeit so gering schätzt, dass man den, der die Arbeit macht, entschädigen muss, mit Geld? Einheitslohn jetzt! (Und behauptet nicht, dass dann niemand unangenehme Arbeit wie Müllabfuhr oder Altenpflege erledigen würde. Das dürftet ihr behaupten, wenn in eurem System die Müllfahrerin oder der Altenpfleger zu den Großverdienern zählen würden!)
- die nicht per Dekret bestimmt, sondern überzeugt. So zum Beispiel: Massentierhaltung ist Barbarei -> Fleisch ist lecker, aber Fleisch aus Massentierhaltung geht aus ethischen Gründen einfach nicht -> Fleisch aus artgerechter Tierhaltung ist im großen Umfang für die Gesamtbevölkerung weder ökologisch noch volkswirtschaftlich machbar -> eine Lösung wäre, dass alle, also auch die, die sich Biofleisch leisten könnten, weniger Fleisch essen -> ein Veggie Day pro Woche ist kein Verzicht, sondern eine gute Sache. (Vergleichbare Argumentationsmuster gibt es für Individualverkehr, Rohstoffverbrauch etc.)
- die versteht, dass es Bereiche gibt, die privatwirtschaftlich organisiert einfach nicht funktionieren: Bildung. Infrastruktur. Gesundheit und Pflege. Kultur. Von mir aus auch Schlüsselindustrien.

Und natürlich könnt ihr jetzt einwenden, dass es doch genügend Parteien gebe, die meine Forderungen erfüllten, da müsse ich doch nicht noch eine auf den Markt werfen. Und ich so: Ja? Dann sagt doch mal, welche?

Die Grünen? Die in Hamburg mit der CDU eine Koalition bildeten und in der die Privatisierungspraxis der Vorgängerregierungen bruchlos fortsetzten?

Die Linke? “Deren Mitglieder wissen, dass sie nicht alles wissen, deren Mitglieder vor allem nicht immer alles besser wissen”, was an diesem Satz hast du nicht verstanden, Sarah Wagenknecht?

Die Piraten? Mal ehrlich, ich glaube nicht, dass die mir persönlich wichtigen Themen LGBT, Queerness, experimentelle Sexualität Leuten wichtig sind, die sich für Sexualität vor allem dann zu interessieren scheinen, wenn man sie im Netz findet, no offense. Aber, hey!, das ist meine Partei, da darf ich schon bestimmen, was mir wichtig ist.

FDP? Ich fürchte, meinen Freiheitsbegriff habt ihr in den ganz falschen Hals bekommen, oder?

CDU und SPD? Ich bitte euch!

Ich gründe eine Partei. Und ich nenne sie: Die Linkshedonisten.

Will Kanzler werden, behauptet, Sozialdemokrat zu sein. Foto: © Peer Steinbrück

Will Kanzler werden, behauptet, Sozialdemokrat zu sein. Foto: © Peer Steinbrück

Während Isabel Bogdan ihr (ohnehin immer lesenswertes) Blog erfolgreich in ein literarisches Sexblog verwandelt hat, krebse ich weiterhin mit Politikthemen knapp oberhalb der Wahrnehmungsgrenze vor mich hin. Es ist ein Kreuz, weil, über Politik zu schreiben macht längst nicht soviel Spaß wie über Sex, von der Recherche gar nicht zu reden. Aber es hilft nichts, es muss etwas raus, was mich seit einigen Wochen beschäftigt: Ich habe an dieser Stelle behauptet, dass ich bei der kommenden Bundestagswahl nicht wählen und damit Angela Merkel eine weitere Legislaturperiode ermöglichen werde.

Und das stimmt natürlich nicht.

Natürlich ist SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ein Mann des Kapitals, natürlich würde er (im unwahrscheinlichen Fall eines Wahlsiegs) rein gar nichts am Wirtschaftssystem dieses Staates ändern (wir erinnern uns, wer den gnadenlosesten neoliberalen Umbau der Bundesrepublik verantwortete: Gerhard Schröder, ein SPD-Kanzler). Und eigentlich gehört die SPD dafür bestraft, dass sie glaubt, nur mit einem Spitzenmann von weit rechts mehrheitsfähig zu sein. Aber andererseits: Schwarz-gelb dürfte als Wahlsieger ebensowenig das soziale Gewissen im Rechtsliberalismus entdecken, eine weitere Kanzlerschaft Merkels wäre aus sozialpolitischer Perspektive genauso fatal wie ein Sieg Steinbrücks.

Bleiben die weichen Politikfelder, “Gedöns”, wie Steinbrücks Genosse Gerhard Schröder es in unsympathischsten Maskulinismus einst lächerlich machte. Für Gedöns hat Steinbrück keinen Sinn, allerdings auch keine Leidenschaft, die ihn solche Themen ablehnen lässt, weswegen ich die Hoffnung hege, dass sich da im Windschatten vielleicht doch noch etwas ändern ließe. Zum Beispiel in der Frage einer zeitgemäßen Familienpolitik, die nach dem Grundsatz verfährt “Familie ist da, wo Kinder sind” und die nicht die heterosexuelle Zweierehe gegenüber anderen Verbindungen ungerecht bevorzugt. Zum Beispiel in der Frage eines Staatsbürgerschaftsrechts, das das unsägliche “Volks”-Geschwafel endlich durch die Erkenntnis ersetzt, dass wir es hier mit einer Bevölkerung zu tun haben. Vielleicht.

Ich weiß, dass es schwierig wird, in Peer Steinbrück jemanden zu sehen, der solch eine Politik durchsetzt. Dennoch werde ich ihn wählen. Und am allerschlimmsten wird sein, dass das überhaupt nichts bringt. Denn Kanzler wird Steinbrück ohnehin nicht.

2013 wird es eine Premiere in meinem politisch bewussten Leben geben. 2013 findet eine Bundestagswahl statt, und ich werde zum ersten Mal auf mein Wahlrecht (das ich immer auch als Wahlpflicht verstanden habe) verzichten. Es ist nicht so, dass es daran liegt, dass ich mich nicht mit einem Wahlprogramm identifizieren könnte, solche Probleme hatte ich schon häufig, dann habe ich strategisch gewählt oder das kleinere Übel, irgendwas ging immer. Aber dieses Jahr ist es so, dass es kein kleineres Übel geben wird. Alle angetretenen Parteien überbieten sich in ihrer abgrundtiefen Schlechtheit. Und dieses Jahr gibt es keine Strategie, die ich verfolge, ich habe tatsächlich Angst vor jedem denkbaren Wahlergebnis, vor jeder denkbaren Koalition.

2013 werde ich nicht wählen.

Dass ich CDU und FDP nicht wählen werde, versteht sich von selbst. Ich bin ein Linker, ich stehe für Werte wie Emanzipation, Solidarität, Arbeitnehmerrechte, ich stehe für Kunst und Kreativität, für Hedonismus und Lust. Ich werde sicher nicht rechts wählen.

Genauso wenig wie ich Die Linke wählen werde. Alte Männer, deren Rhetorik von internationaler Solidarität einem bräsigen Die-eigenen-Schäfchen-ins-Trockene bringen gewichen ist, Lafontaine, Gysi, Wagenknecht, Konservative, die nur so tun als ob sie links seien.

Ich werde Die Grünen nicht wählen, weil ich in Hamburg wohne, und in Hamburg habe ich gesehen, wozu Grüne fähig sind. In Hamburg sind die Grünen mit der CDU ins Bett gestiegen, mit der gleichen CDU, die nur ein paar Jahre zuvor eine Koalition mit der rechtspopulistischen Schill-Partei eingegangen ist, in Hamburg brach die damalige Grünen-Chefin und Zweite Bürgermeisterin Christa Goetsch (all meine Verachtung für Sie, Frau Goetsch!) in Tränen aus, als die Koalition der Schande zerbrach. Grüne und Rechte, bei euch wächst zusammen, was zusammen gehört, und dass ich gerade so voller Aversionen bin, liegt auch daran, dass ich lange Jahre der Meinung war, ihr wärt die richtigen.

Ich werde die Piraten nicht wählen, weil ich nicht an dieses “Wir stehen jenseits von rechts und links” glaube. Ich will eine Politik, die sich entscheidet, wo sie steht, und ich will die wählen, die sich entschieden haben, links zu stehen.

Und deswegen wähle ich auch die SPD nicht. Ja, wegen Steinbrück, dem ich in keiner Weise abnehme, eine linke Agenda zu vertreten. Aber auch wegen der Restpartei, in der ein Steinbrück mehrheitsfähig ist und der ich entsprechend auch nicht mehr glauben kann, unter einem rechten Kanzler Steinbrück (den es, gottlob!, ohnehin nicht geben wird) irgendwelche linken Programmpunkte zu verstecken. Ich wähle die SPD auch nicht wegen Sarrazin und Buschkowsky. Wegen Thierse, der alle Probleme des Neoliberalismus wegwischt mit einem billigen “Die Berliner Schwaben sind schuld”. Ich wähle die SPD als Hamburger nicht, wegen Johannes Kahrs, der den Bundestagswahlkreis Hamburg-Mitte (meinen Wahlkreis!) immer schön nach rechts offen hält. Und ich wähle die SPD nicht, weil sie die Chance einer strukturellen linken Mehrheit in dieser Republik seit Jahrzehnten verstreichen lässt und lieber mit der CDU koaliert als mit den Linken. Ihr seid nicht meine Partei, wahrscheinlich nie gewesen.

Und deswegen wähle ich dieses Jahr nicht, deswegen werde ich Angela Merkel eine weitere Wahlperiode lang einer rechten Koalition vorstehen lassen, mit welchem Partner auch immer. Und es wird mir wehtun, aber mich haben alle Alternativen verloren.

Eine Großstadt, wie man sie sich wünscht: Brüssel.

Also Stuttgart. In Stuttgart wurde ein neuer Bürgermeister gewählt, und der gehört den Grünen an, deren Vertreter sonst eher nicht Bürgermeister werden. Die CDU, die seit Jahrzehnten den Bürgermeister stellte, erlitt eine Schlappe, weswegen deren Vertreter panisch wurden: Sie hätten die Großstadtkompetenz verloren, mutmaßten die konservativen Analytiker, die jungen, urbanen Schichten würden sie nicht mehr wählen. Naja, Stuttgart. Manche streiten ja darüber, ob Stuttgart wirklich eine Stadt ist und nicht nur ein Bahnhof mit ein paar ungeordneten Häusern drumrum, wobei sogar der Bahnhof in Zukunft unsichtbar werden soll, aber eigentlich ist das hier gar nicht das Thema. Das Thema ist: Was ist das eigentlich, die Großstadt, in der keine großen Parteien mehr gewählt werden?

1. Die Großstadt ist gar nicht so groß

In der Stadtsoziologie spricht man ab 100000 Einwohnern von einer Großstadt. Wer schon einmal in Osnabrück war, der weiß: Besonders urban ist das nicht. Und wenn man mal andere Städte zum Vergleich nimmt, etwa Chongquing in China, mit 28,85 Millionen Einwohnern größte Stadt der Welt und in Europa weitgehend unbekannt, dann fragt man sich schon, ob die Relationen stimmen.

2. Die Großstadt ist ein Dorf

Was macht eine Stadt Hamburg aus? Poppenbüttel? Eilbek? Marmstorf? Nein, eine Stadt wird geprägt von innerstädtischen Quartieren, im Falle Hamburgs: von St. Pauli. Knapp 24000 Einwohner, das ist eine Liga mit Mühlheim am Main. Und außenrum haben wir Speckgürtel, der zählt nicht.

3. Die Großstadt besteht aus Unterschieden

In der Kleinstadt fällt man schon auf, wenn man einen Dialekt spricht, der einen nicht eindeutig als Eingeborenen ausweist. Die Großstadt lässt, solange sie als Stadt funktioniert, Unterschiede zu. In einer funktionierenden Großstadt lebt der Beamte mit dem Studenten Tür an Tür, die Künstlerin mit der alleinerziehenden Mutter, der Aufstocker mit der Gutverdienerin, in der Großstadt glaubt der Muslim, was er glauben will, die Katholikin glaubt an den Papst, und der Atheist glaubt gar nichts. Und alle kommen irgendwie miteinander aus. Das ist so, in der perfekten Großstadt.

Leider ist die Großstadt oft nicht perfekt. Das merkt man im Prenzlauer Berg in Berlin, wo man komisch angeschaut wird, wenn man kein Schwäbisch spricht, das merkt man in der Hamburger Hafencity, wo eben kein Aufstocker mit der Gutverdienerin Tür an Tür lebt – in der Hafencity leben ausschließlich Gut- und Bestverdiener, weil alle anderen sich eine Wohnung hier nicht leisten können. Das merkt man im Münchner Hasenbergl, wo jeder, der seine Kröten irgendwie zusammenkratzen kann, wegzieht, und übrig bleiben die Übriggebliebenen. Das Gegenteil der Großstadt ist nicht das Dorf, das Gegenteil der Großstadt ist das Getto.

Wenn die Großstadt nicht funktioniert, dann gibt es Störgeräusche, manchmal ein kaum hörbares Knirschen, manchmal ein ohrenbetäubendes Kreischen, das einem sagt: Hier kippt gerade etwas. Man hört es in Hamburg, wo wütende Stadtbewohner in der „Recht auf Stadt“-Bewegung dagegen protestieren, dass die Mieten im Zentrum unerschwinglich werden. Man hört es in Stuttgart, wo Bürger sich dagegen wehren, dass ein Bahnhof an der Bevölkerung vorbei geplant wird. Und man hört es ganz hässlich in Köln, wo die Leute gegen einen Moscheebau demonstrieren. Man soll sich nichts vormachen: Die Störgeräusche der Großstadt sind manchmal wirklich widerwärtig.

Und doch, und doch. Ist die Großstadt der Ort, wo man solche Misstöne aushält, wo aus solchen Misstönen etwas neues entsteht. Und wenn nichts neues entsteht, dann verschwindet die Großstadt eben, dann wird sie zur Kleinstadt, zum Ort, wo es keinen Misston gibt, sondern ausschließlich dumpfe, langweilige Stille. Grabesstille. Die Kleinstadt ist der Gegenentwurf zur Großstadt, der Ort, an dem es keine Unterschiede gibt, sondern nur noch Gleichklang. Manhattan, der Inbegriff des Urbanen, wurde so ein Ort in den Neunzigern, als die Quadratmeterpreise so in die Höhe schossen, dass kaum noch ein Normalverdiener im Zentrum New Yorks wohnen konnte. Und? Zogen die Coolen, die Künstler eben ein paar Kilometer weiter, nach Brooklyn. Dass alles im Fluss ist, ist das vierte Element der Großstadt:

4. Die Großstadt verändert sich ständig

Irgendwelche Strategien, wie politische Parteien die großstädtischen Wähler einfangen können, funktionieren entsprechend gar nicht. Weil die Städter nämlich schon wieder woanders sind, bis die Partei ihr Programm angepasst hat. Vielleicht einfach ehrlich sein, konsequent und nicht allzu abgehoben? Vielleicht keinen Bahnhof neu bauen, wenn die Stadtbewohner keinen Bahnhofsneubau wollen? Vielleicht: mal zuhören?

Und ansonsten: Leben und leben lassen. (Ich halte es für einen echten Glücksfall, in der Großstadt zu leben.)

Ich bin heterosexuell. Ich schlafe gerne mit Frauen, obwohl das meinem Selbstverständnis als Mann irgendwie widerspricht, ich meine, als kulturaffiner Geistesmensch, geschlagen mit zwei linken Händen und ohne nennenswertes Interesse für Dinge wie Fußball, Biertrinken oder Gockelgehabe müsste ich nach dem Klischee eigentlich schwul sein. Außerdem habe ich ein grundsätzliches Problem mit dem Akt an sich: Einen Frauenkörper zu penetrieren, dass ist ein Akt der Gewalt, ich nutze den Körper meiner Partnerin, um meine maskuline, gewalttätige, aggressive Lust zu befriedigen, ich mache meine Partnerin zum Objekt, und ist es nicht wirklich so, dass jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger ist? (Ich absolvierte mein Politikstudium Mitte der Neunziger, zu einer Zeit, in der ein gewisser Vulgärfeminismus gerade in den letzten Zügen lag, vielleicht merkt man das an manchen Stellen dieses halbironischen Bekenntnisses.)

Es brauchte eine gewisse Zeit, bis ich verstanden hatte, dass das alles nicht so einfach ist. Dass zum Beispiel manche Frauen von Zeit zu Zeit ganz gerne mal nur Körper sein wollen, dass sich zum Beispiel manche Frauen von Zeit zu Zeit ganz gerne zum Objekt machen lassen. (Was die Sache so unglaublich kompliziert macht, sind die beiden Begriffe “manche” und “von Zeit zu Zeit”.) Was mir geholfen hat: dass es Vorbilder gab. Männer, die ebenfalls nicht dem klassischen Bild des Machomaskulinisten entsprachen und die dennoch ihr Begehren zu leben wussten. Es ist weiterhin nicht immer einfach, aber: Diese Vorbilder brachten mich an den Punkt, an dem ich bereit war, meine tragische Veranlagung zu akzeptieren.

So, und jetzt ist mal gut, mit dieser billigen Ironie. Kein Heterosexueller wird hierzulande diskriminiert. (Außer im Seminar der Uni Gießen, “Einführung in die feministische Politikwissenschaft” bei Prof. Barbara Holland-Cunz… Tschuldigung, ich wollte doch aufhören!)

Im Gegensatz zu Schwulen, Asexuellen, Polyamourösen, jeder denkbaren sexuellen Randgruppe. Und gerade deswegen erscheint es mir ungaublich wichtig, dass sich hier Vorbilder outen, dass hier Vorbilder ebenfalls zu ihrem Begehren stehen. (Je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass das da oben eigentlich überhaupt nicht ironisch gemeint war.) Man stelle sich einmal vor: Ich wäre ein junger, schwuler Mann, in einem Provinzkaff, sagen wir im Saarland. Ich wäre katholisch, konservativ, nicht besonders attraktiv, und außerdem würde ich in meinem Umfeld praktisch keine anderen Schwulen kennen. Da würde es mir sicher helfen, wenn ein Spitzenpolitiker, womöglich aus einer konservativen Partei, sich hinstellen würde und sagen: “Ja, ich fühle auch so. Ist keine große Sache, aber ist okay.” Was mir sicher nicht helfen würde, ist, wenn dieser Politiker die Presse zu sich nach Hause einladen würde, um zu erzählen, wie schön es sich als “eingefleischter Junggeselle” lebe, wobei, schade sei das schon, so ganz ohne Partnerin oder Familie, aber “der liebe Gott” habe das eben nicht gewollt.

Und, ja, ich bin davon überzeugt, dass Sexualität keine Privatsache ist. Sondern zutiefst politisch. (Ich verweise auf die Diskussion bei Stefan Niggemeier und der Mädchenmannschaft.)

Was bisher geschah: Seit zehn Jahren wird Berlin unaufhaltsam zur Kulturmetropole. Hamburg derweil setzt zunächst aufs falsche Pferd, und läuft kulturpolitisch Amok, als klar ist, dass das nichts mehr wird.

4. Auf verlorenem Posten
Es ist nicht alles schlecht. Bei der vorgezogenen Bürgerschaftswahl am 20.2.2011 wurde die personell wie inhaltlich ausgeblutete CDU mit 21,9 Prozent der Stimmen massiv abgestraft, stärkste Partei wurde mit 48,4 Prozent die SPD, die mit Olaf Scholz jetzt den Bürgermeister stellt. Der geschätzte Blogger kid37 weist mich in den Kommentaren darauf hin, dass ich in meiner Chronik des Niedergangs auf dem (halb-)linken Auge blind sei, “eine Klammer fehlt zu Voscherau und dem der CDU vorangegangenen SPD-Senat. Schon damals (…) wurde klar, wie sehr hier generell oft Weitblick und Visionen für die Kulturszene und eben Kreativwirtschaft fehlen”, da hat er zwar grundsätzlich recht (ich rette mich in die Entschuldigung, dass ich als erst 2001 zugezogener Quiddje das SPD-regierte Hamburg gar nicht kennen kann), nur: Olaf Scholz sehe ich seit Jahren immer mal wieder in Premieren und auf Vernissagen, seine beiden Vorgänger von der CDU sah ich dort nie.
Das mag noch nichts sagen, auch die Tatsache, dass die SPD mit einer absoluten Mehrheit regiert und so dem Risiko der Machtarroganz ausgesetzt ist, verheißt nichts Gutes. Aber immerhin, es scheint der politische Wille da zu sein, für Kulturpolitik richtig Geld in die Hand zu nehmen. Und mit der aus Wowereits Berlin eingekauften parteilosen Barbara Kisseler hat Hamburg endlich wieder eine Kultursenatorin, die im Gegensatz zu ihren Vorgängern erstens ein Standing in der Szene hat und zweitens ausreichend intellektuelle Schärfe. Ach, was hatten wir das vermisst.
Und es gibt, die vorangegangenen Artikel erweckten vielleicht einen falschen Eindruck, einige, die hier etwas vermissten. Die Hamburger Kulturszene hat durchaus wache Köpfe, die einen guten Job machen, Joachim Lux etwa hat aus dem unter Ulrich Khuon nach und nach etwas zu erfolgsverwöhnten Thalia Theater in kürzester Zeit einen ziemlich coolen Diskursraum gemacht und gleichzeitig eine ganz eigene Ästhetik der Angreifbarkeit und des Unfertigen entwickelt. Man mag Dirk Luckow vorwerfen, dass die Deichtorhallen seit Beginn seiner Intendanz vor allem mit arg leicht konsumierbaren Ausstellungen an der Grenze zum Populismus auffielen, dann muss man ihm allerdings auch zugestehen, dass diese Ausstellungen, seien das nun Gilbert & George (hier mein Ausstellungsbericht) oder die Sammlung von Julia Stoschek (hier), dass all diese Ausstellungen funktionierten. Zumal Luckow dazu noch die Mammutaufgabe wuppte, die hochkarätige Sammlung Falckenberg organisatorisch in die Deichtorhallen einzugliedern. Und, überhaupt, wer Pop ohne Populismus möchte, für den gibt es Florian Waldvogels Ausstellungsprogramm im Hamburger Kunstverein, diskursiv und politisch, mit Ausstellungen wie “Freedom of Speech” (hier). Außerdem hat es Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard mit einer klugen Dramaturgie geschafft, das Zentrum für freies Theater trotz der Lage weit ab von der Innenstadt zu einem glühenden Nachtleben-Hotspot zu machen. Wobei gerade Kampnagel auch beweist, wie fragil dieser Erfolg ist: Der extrem erfolgreiche Leiter des Kampnagel-Sommerfestivals, Matthias von Hartz, der als hochanalytischer Kopf einen interessanten Reibungspunkt zum Bauchmenschen Deuflhard darstellte, wird Hamburg 2013 verlassen, Ziel: spielzeit’europa, das Theaterprogramm der Berliner Festspiele.
Dazu kommen natürlich Sorgenkinder, allen voran das Deutsche Schauspielhaus, das führungs- und vor allem visionslos dahintreibt, bang auf 2013 wartend, wenn Karin Beier vom Schauspiel Köln kommt, endlich die intendantenlose Zeit beendet (momentan verwaltet das Haus ein Kollektiv aus kaufmännischer Geschäftsführung und Dramaturgie) und wahrscheinlich der gesamten Belegschaft kündigt. Dann die Oper, wo Simone Young fast ausschließlich auf Kulinarik setzt und dabei jeglichen Entwicklungen im Regietheater, nein, nicht einmal hinterherläuft. Und schließlich die Kunsthalle, an der Hubertus Gaßner unter solchen Finanzproblemen ächzt, dass der Ausstellungsbetrieb kaum aufrechtzuerhalten ist, gleichzeitig aber auch keine Visionen entwickelt, wo er mit dem Museumskonglomerat eigentlich hinwollen würde, wäre denn ausreichend Geld da. Aber das sind Sorgenkinder, wie es sie in wahrscheinlich jeder größeren Stadt gibt. Damit könnte man leben.

Womit man aber kaum noch leben kann, das ist das Gefühl der halbwegs erfolgreichen Kulturmacher, nicht ohne Fortune zu kämpfen und dennoch auf verlorenem Posten zu stehen. Das Gefühl, in einer Stadt zu arbeiten, die sich zwar nach einer langen Durststrecke langsam wieder für Kultur zu engagieren scheint, im Grunde aber keinen Sinn für die Künste hat.
Symptomatisch ist der Zustand der erfolgreichsten kulturellen Initiative der vergangenen Jahre, der Besetzung des Gängeviertels: Die Künstler, die hier auf Verdrängung und Formierung des Stadtraums hinwiesen, haben vordergründig einen Sieg errungen, das Quartier wird nicht wie geplant abgerissen und für ein Büroprojekt verramscht. Aber längst sind die Verhandlungen über die weitere Nutzung festgefahren, das Interesse der Politik an einer künstlerischen Bespielung der Stadt geht wieder gegen Null.

Und das tut mir in der Seele weh: dass die Stadt, die ich doch mag, in der ich seit zehn Jahren doch gerne lebe, sich so überhaupt nicht interessiert. Für Kunst.

Was bisher geschah: Seit 2001 entwickelt sich Berlin unaufhaltsam zur Kulturmetropole. In Hamburg nimmt man den Wettbewerb gar nicht erst auf und versucht eher, München zu kopieren, allerdings ohne die Vorzüge Münchens.

3. Christoph Ahlhaus
Geboren 1969 in Heidelberg. Seit 2001 in Hamburg, seit 25.8.2010 Nachfolger von Ole von Beust als Bürgermeister, am 20.2.2011 mit einem historisch schlechten Ergebnis von knapp 22 Prozent abgewählt. Stellte Ole von Beust den linken Rand der Hamburger CDU dar, so war Ahlhaus der rechte Rand (beides Einschätzungen, die mehr mit Image zu tun hatten als mit realer Politik, klar). Eine Figur, die es nicht wert ist, eigene Gedanken auf sie zu verschwenden, eine Figur, die es dennoch geschafft hat, zumindest im Kulturbereich kaputt zu machen, was sich noch kaputt machen lässt. Leben im Zitat.

Und ein historisches Foto vom Sonntagmorgen, das den Ole-von-Beust-Nachfolger in Sonntagskluft zeigt. Auch jung. Theoretisch. Auch ein Mitglied der neuen politischen Generation. Theoretisch. Praktisch doch eher: der älteste 40-Jährige Hamburgs.

Zwei Männer auf einem Bild. Einer geht, einer kommt. Einer steht für Vergangenheit, einer für Zukunft. Einer für das, was war, einer für den Aufbruch. Paradox ist bloß: Man sieht es nicht. Der, der nach Metropole aussieht, hat keine Lust mehr. Und der, der nach Delmenhorster Fußgängerzone aussieht, ist das politische Signal.

(Maike Schiller im Hamburger Abendblatt, 20.7.2010)

„Als Bürgermeister habe ich entschieden, das Orchester zu erhalten. Punkt.“ Dieser Satz von Kurzzeit-Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) im September 2010 löste nicht nur allgemeines Kopfschütteln aus, sondern läutete das Ende seiner Amtszeit ein. Denn während überall gespart wurde, blieben die teuren Pauken und Trompeten der Ordnungshüter unangetastet.

(Kein Autor, Hamburger Morgenpost, 7.8.2011)

Der Interimsbürgermeister hat in den vergangenen Monaten demonstriert, dass er mühelos in der Lage ist, so ziemlich alles falsch zu machen, was man in der Hansestadt nur falsch machen kann.

Dort ist man traditionell stolz auf seinen Stil und die – angeblich – hanseatische Zurückhaltung. Doch ausgerechnet in dieser Königsdisziplin hat der einst aus Heidelberg Zugereiste noch deutlich Potential. Immer wieder schaffte es Ahlhaus in den vergangenen Wochen, sich mit seinem mangelnden Gespür für die richtigen Worte, Gesten und Symbole ins Abseits zu manövrieren.

So seufzte das vornehme Hamburger Bürgertum indigniert, als das stattliche Stadtoberhaupt mit seiner Gattin in Abendkleidung im feinen Hotel Vier Jahreszeiten an der Binnenalster für die Society-Postille “Bunte” posierte, und schüttelte sich, wann immer der Bürgermeister öffentlich gestand, er nenne seine Simone neuerdings “Fila”. Für First Lady.

(Gunther Latsch im Spiegel, 5.1.2011)

Hart geht Peiner mit seinem Parteifreund, Kurzzeitbürgermeister Christoph Ahlhaus, ins Gericht: “Es fehlte ihm ein Konzept zur Zukunft der Stadt ebenso wie die Vorstellung davon, wie er personell nach außen hin einen Neuanfang signalisieren könnte. Das Festhalten am Sparprogramm von Finanzsenator Frigge zeigte darüber hinaus ein mangelndes Verständnis für die Themen Kultur und Soziales. Innerhalb weniger Wochen wurde der Ruf Hamburgs als Kulturmetropole von Rang zerstört.

(Matthias Iken im Hamburger Abendblatt über die Erinnerungen von Ex-Finanzsenator Wofgang Peiner (CDU), 22.8.2011)

Neben Ahlhaus schafft es sogar Peter-Harry Carstensen locker und weltmännisch zu wirken. Der Kieler Ministerpräsident ist (…) nach Wandsbek gekommen, um Ahlhaus im Wahlkampf zu unterstützen. Normalerweise ist Carstensen so mondän wie ein friesisches Regencape. Aber heute ist er es, der, die Händen in den Hosentaschen, mit Fischverkäuferinnen schäkert und der routiniert zurückblafft, als ein Pöbler Kritik an der CDU übt. Ahlhaus ringt währenddessen um die richtigen Worte.

(Michael Schlieben in der Zeit, 14.2.2011)

Das Gute an Ahlhaus: Egal, was nach ihm kommen würde, es konnte nur besser werden.

to be continued

P.S. Die Artikel aus dem Hamburger Abendblatt sind, wie bei den Springer-Lokalmedien üblich, hinter einer Bezahlschranke versteckt – weil ich aber im Gegensatz zu verschiedenen Politikern ein Freund des korrekten Zitats bin, sind sie hier dennoch verlinkt. Und kluge Leser wissen ohnehin, wie man die Schranke umgeht, nein?

Was bisher geschah: Seit 2001 entwickelt sich Berlin unaufhaltsam zur Kulturmetropole. Hamburg steigt währenddessen ab.

2. Ole von Beust
Man konnte nicht behaupten, dass Ole von Beusts CDU die Hamburger Bürgerschaftswahl 2001 gewonnen hätte. 26,2 Prozent, das waren viereinhalb Prozent weniger als noch vor vier Jahren, außerdem über zehn Prozent hinter der SPD, Sieger sehen anders aus. Dass von Beust dennoch Bürgermeister wurde, lag an der rechtspopulistischen Schill-Partei, die aus dem Stand knapp 20 Prozent erreichte und von Beust zusammen mit der Fünf-Prozent-FDP eine knappe Mehrheit sichern konnte. Das als Vorbemerkung, nur um zu verstehen, weswegen jemand wie Ole von Beust, der eigentlich nicht typisch für die CDU steht, plötzlich im SPD-Erbhof Hamburg an der Spitze stehen konnte.
Von Beust ist kein typischer Christdemokrat. Aber was ist ein untypischer Christdemokrat? “Wofür Beust inhaltlich stand, war schon immer etwas schwierig zu sagen – sicher war immer sein Einsatz für gesellschaftspolitische Liberalität und seine Abneigung gegen sturen Konservatismus”, beschrieb Anna Reimann 2010 im Spiegel den Bürgermeister. Wahrscheinlich ließ er sich am besten so beschreiben: Eigentlich dachte von Beust überhaupt nicht politisch. Er wollte an die Macht, Inhalte vertreten wollte er nicht. Von Beust stand für einen eher hedonistisch geprägten Teil des Bürgertums, junge Menschen aus Pöseldorf, Eppendorf, den Walddörfern, in Teilen sicher auch aus der Schwulenszene in St. Georg, die ihr Coming Out nicht mehr als politischen Kampf verstand, sondern als Lifestyle. All die landeten in der CDU, nicht weil sie so wahnsinnig bürgerlich gewesen wären, sondern weil sie qua Geburt wohlhabend waren und wussten, dass die CDU die Partei ist, die dafür sorgt, dass an diesen Einkommensverhältnissen sich nichts zu ihren Ungunsten ändert. Die 26 Prozent, die 2001 CDU wählten, die fanden solche Typen gut.
Und die knapp 20 Prozent, die Schill wählten, das waren dann eben die anderen. Die wirklich Bösen. Die Ausländerfeinde, die Wohlstandschauvinisten, die Vorortspießer. Deren Partei stellte die Regierung, 2001, in Gestalt von Ronald Schill (Innensenator), Mario Mettbach (Bausenator) und Peter Rehaag (Umwelt- und Gesundheitssenator). Gestalten, mit denen sich keine mögliche Kultursenatorin an einen Tisch setzen würde. Und wer da alles im Gespräch für den Posten war: Von der Kulturmanagerin Nike Wagner bis zur Schlagersängerin Vicky Leandros holte sich der Senat einen Korb nach dem anderen, am Ende wurde es die Bild-Journalistin Dana Horáková. “Das Akzeptierte, Durchgesetzte, Etablierte, gefahrlos Glamouröse ist ihre Welt”, schrieb Christof Siemes in der Zeit über die kulturell bestenfalls Naive. Von Beust dürfte das egal gewesen sein, der Bürgermeister erklärte freimütig, mit Kultur wenig anfangen zu können. Und seine Koalitionspartner von ganz rechts hatten ohnehin keinen Sinn für die Kulturszene, zumal Intendant Tom Stromberg vom Deutschen Schauspielhaus von Anfang an einen harten Oppositionskurs gegen den Mitte-Rechts-Senat fuhr. Weswegen Horáková einfach vor sich hin dilettieren durfte. “Dana Horáková (…) schaufelt immer mehr Sand in die – vorerst noch – rund laufende Maschine, die sie eigentlich ölen sollte”, schrieb Alfred Nemeczek 2003 in der Berliner Zeitung.

Das Trauerspiel schien zu Ende, als sich Ole von Beust und Ronald Schill 2003 überwarfen. 2004 gab es vorgezogene Neuwahlen, die CDU erreichte mit gut 47 Prozent überraschend eine absolute Mehrheit, und Horáková wurde ersetzt durch Karin von Welck. Die Ethnologin kam von der Kulturstiftung der Länder, war eine dezidierte Konservative und lag entsprechend oft mit den Verantwortlichen über Kreuz, hatte aber zumindest Ahnung von ihrer Materie. Und musste mit den Hinterlassenschaften ihrer Vorgängerin irgendwie einen Umgang finden. Ab 2005 war Friedrich Schirmer Intendant am Schauspielhaus, bekam das größte Sprechtheater der Republik aber nicht in den Griff. Die Kosten der entstehenden Elbphilharmonie entwickelten sich immer mehr zum Fass ohne Boden. Und Projekte wie das Internationale Maritime Museum beschädigten die Hamburger Kulturpolitik auf lange Zeit: “Sachliche Information besteht aus unkritischer Kolonialgeschichte und ausführlichen Erinnerungen der kaiserlichen Admiralität” beschrieb Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung das Projekt, das zwar noch von Horáková angedacht wurde, allerdings 2008 von von Welck eröffnet werden musste.
Währenddessen entwikelte die CDU das Konzept der Wachsenden Stadt (pdf-Link): Hamburg sollte nach und nach zur Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole anwachsen, allerdings praktisch ohne öffentlich geförderten Wohnungsbau. Was massive Gentrifizierung in Stadtteilen wie St. Pauli, dem Schanzenviertel oder Ottensen zur Folge hatte – die Quartiere, die bislang subversive, künstlerische Bevölkerungsschichten beheimateten, konnten sich plötzlich nur noch Gutverdiener leisten. Was die Schickies um von Beust nicht interessierte und die Rechten, die von der Schill-Partei zurück zur CDU gewandert waren, freute. Ziel war, aus Hamburg so etwas wie München zu machen, allerdings ohne das gute Wetter, ohne die Nonchalance, ohne das Leben-und-Leben-lassen, das München ausmachte.

In einem Punkt sind sich von Beust und Klaus Wowereit ähnlich: Beide gelten als Linke innerhalb ihrer Partei, und bei beiden fragt man sich, wo ihre Politik eigentlich wirklich links ist. Am Ende seiner Amtszeit zumindest machte von Beust tatsächlich einen Linksschwenk: Nachdem die CDU bei der Bürgerschaftswahl 2008 mit 42,6 Prozent die absolute Mehrheit verloren hatte, ging die Partei eine Koalition mit den Grünen ein. Schwarz-grün möglich gemacht zu haben, das sollte von Beusts Karriere krönen. Und von Beust engagierte sich. Vor allem unterstützte er massiv die grünen Pläne einer Schulreform, nach der neben dem Gymnasium auch andere Wege zum Abitur führen sollten – ein Affront gegen den gymnasialfetischistische CDU. Worauf von bürgerlicher Seite massiv gegen die Reform (und damit auch gegen von Beust) getrommelt wurde.

Für eine lebendige Kulturszene trommelten die Bürger deutlich leiser.

To be continued.

Als ich vor rund zehn Jahren nach Hamburg zog, war das nicht die dümmste Entscheidung. Hamburg hatte einiges auf der Habensseite, war die zweitgrößte Stadt der Republik, da war es auch klar, dass Hamburg auch in kultureller Hinsicht zumindest die zweite Geige im deutschsprachigen Raum spielen würde. Und dem war ja auch so, Tom Stromberg hatte als Intendant des Deutschen Schauspielhauses eine funktionierende Bühne übernommen und ließ dort junge, unkonventionelle Leute wie Stefan Pucher oder die freie Gruppe She She Pop spannendes Theater machen, am benachbarten Thalia war ein (bislang verhältnismäßig unbekannter) Schwabe namens Ulrich Khuon erfolgreich dabei, dem Haus seinen etwas konservativen Ruf auszutreiben, und an der Hamburgischen Staatsoper wandte Louwrens Langevoort gemeinsam mit seinem Hausregisseur Peter Konwitschny konsequent Regietheaterstrategien auf die Oper an (was mich zu diesem Zeitpunkt zwar nicht interessierte, aber wenn man schon mal da war, konnte man doch ein wenig Interesse entwickeln, nein?). Gut, bei der Bildenden Kunst sah es schon damals mehr oder weniger mau aus in Hamburg, aber wenn ich erstmal in der Stadt angekommen wäre, müsste es sich über kurz oder lang schon ergeben, dass ich eine spannende Galerie nach der anderen kennenlernen würde, dachte ich. Schließlich die Subkultur, Hamburg, die Stadt von Beatles, Hafenstraße und Blumfeld, Hamburg, die Pophauptstadt der Republik!
Und heute? Spielt Hamburg längst nicht mehr die zweite Geige, von einer Augenhöhe mit Berlin möchte man gar nicht mehr sprechen, aber es gibt auch keine Augenhöhe zu Köln mehr, nein, nicht einmal zum immer verachteten München. Hamburg ist Kulturprovinz, und mir tut das in der Seele weh. Aber wie konnte das passieren, wie konnte hier alles nur so den Bach runter gehen? Eine Spurensuche.

1. Klaus Wowereit
Ich bin kein Freund von Wowereit. Manche halten ihn für einen herausragenden Vertreter des linken SPD-Flügels, ich nicht. Nur weil jemand mit der Linken koaliert, heißt das nicht, dass er auch für linke Politik steht, im Gegenteil empfinde ich die Berliner Lokalpolitik seit Wowereits Machtübernahme als massive Politik der Entsolidarisierung, als Politik der Gentrifizierung und der Eventisierung. Linkes finde ich da nicht. Andere gestehen Wowereit zumindest einen Sinn für die Künste zu, meist auf Grund der Tatsache, dass der Bürgermeister eine Nähe zu Glamour und Entertainment pflegt und zudem tatsächlich hin und wieder auf Vernissagen zu sehen ist – und nicht zuletzt, weil er den Posten des Kultursenators abgeschafft, das Ressort beim Bürgermeisteramt angesiedelt hat und dabei auch tatsächlich ein ehrliches Interesse am Thema erkennen lässt. Peter Raue hat im heutigen Tagesspiegel recht klug ausgeführt, weswegen er diese Ansicht für ein fatales Missverständnis hält.
Nein, die Qualität Wowereits ist eine andere, die Qualität Wowereits liegt in zwei altbekannten Aussagen begründet. Zum einen ist da Wowereits Outing 2001: “Ich bin schwul, und das ist auch gut so!” Damit brachte der Bürgermeisterkandidat eine gewisse Chuzpe, eine gewisse Nonchalance, vor allem aber eine ziemliche Risikobereitschaft in die Politik (2001 konnte solch ein Outing auch einen Karriereknick bedeuten). Von so jemandem wollten (zumindest die Coolen), naja, nicht gerne aber doch nicht extrem widerwillig regiert werden.
Zum anderen wichtig war Wowereits Charakterisierung Berlins 2004 als “arm, aber sexy”. Man stelle sich das mal vor: Plötzlich waren Reichtum, Fleiß, Pflichtbewusstsein gar nicht mehr erstrebenswert, plötzlich war Sexyness das, worauf es eigentlich ankam. Und Berlin hatte das – musste ja, wenn sogar der Bürgermeister das sagte. Kein Wunder, dass all diejenigen, die ebenfalls arm aber sexy waren (Künstler! Kreative! Cooles Prekariat!) dort hinziehen wollten. Ein Paradies für die kreative Klasse – und das waren ja wohl diejenigen, die laut Richard Florida die Zukunft darstellten. Gegen das Berlin Wowereits konnte Hamburg nur verlieren.

to be continued

Ihr, die ihr behauptet, ein Stadtpark würde nicht zur modernen Freizeitgestaltung passen, ihr, die ihr behauptet, die Menschen würden keinen Park wollen, sondern Eventlocations, kommerzielle Funsportareale, ihr, die ihr behaputet, die Menschen würden gerne Eintritt zahlen für den Besuch in einem Gelände, von dem sie vergessen haben, dass es ihnen doch eigentlich gehört, weil das nämlich zur Folge habe, dass diejenigen, die keinen Eintritt zahlen können oder wollen, draußen bleiben:

IHR LÜGT! IHR LÜGT! IHR LÜGT!

(Und wenn man nur mal kurz Cui bono? fragt, die klassische Krimifrage: Wer hat eigentlich etwas davon, dass zum Beispiel der Altonaer Volkspark umgestaltet werden soll zu einer kommerziellen Freizeit-, Sport- und Vergnügungsstätte?)