Ich bin mir so unsicher. Bei jeder Gelegenheit betonen Polizei und Verfassungsschutz, dass rechte Gewalt ja wohl gleich schlimm sei wie linke Gewalt, und die freundlichen Helfer von Springer beten das sofort nach: Keinesfalls dürfe man auf dem linken Auge blind sein, man sehe ja schon an den ständigen Autobränden, wie böse diese Linken sind. So. Nur in Hamburg nicht. In Hamburg sprechen alle von „erlebnisorientierten Jugendlichen“, die voll unpolitisch auf die Kacke hauen würden. Selbst Bild, sonst ein enger Freund der Rechts-Links-Austauschbarkeit, schrieb vor einem Jahr (Normalerweise wird dieses Blatt auf meinem Blog nicht verlinkt, hier aber doch, von wegen Quellenangabe. Guttenberg vergaß das ja, ach, ich bin mir so unsicher):

Viele der rund 1500 Störer haben gar kein Interesse an der links-politischen Ausrichtung des Schanzenviertels. Sie kommen nur zum Randalieren. Unter den 42 Festgenommenen ist nicht einer, der im Viertel lebt. Die meisten sind laut Polizei „erlebnisorientierte Jugendliche“, viele haben Migrationshintergrund, waren auffällig gut gekleidet.

Was soll das? Wollen die Konservativen gerade in Hamburg, gerade im Schanzenviertel bloß nicht den Eindruck aufkommen, da hätte jemand womöglich ein berechtigtes Anliegen und würde nur die falschen Mittel wählen? „Erlebnisorientierte Jugendliche“, das sind doch nur Bengel, mit denen man sich nicht weiter zu beschäftigen braucht, denen gibt man ein paar hinter die Ohren und schickt sie dann nach Hause, nein? Oder was? Und: Wie stehe ich eigentlich zu diesen Leuten? Sind das Linke? Oder wirklich dumme Kinder? Ich bin mir so unsicher.

Ich weiß doch gar nichts. Grundsätzlich finde ich ja gut, wenn darauf hingewiesen wird, dass das Schanzenviertel, überhaupt: die Innenstadt, kein kommerzieller Raum ist, dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass Mövenpick ein Luxushotel in einen denkmalgeschützten Wasserturm baut, mitten im Naherholungsgebiet für die Anwohner. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Rote Flora zum Objekt von Immobilienspekulation wird. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Stadt, ihr Lebensraum, geprägt wird vom Kapital und sonst von nichts. Ich finde gut, wenn man sich wehrt.
Aber: Wehrt man sich, indem man gewalttätig wird? Funktioniert das überhaupt, ist nicht die Staatsmacht in jedem Fall stärker, haben die nicht Knüppel, wenn wir Fäuste haben, haben die nicht Knarren, wenn wir Knüppel haben, haben die nicht Panzer, wenn wir Knarren haben? Mal ehrlich?
Ähnlich ist die Sache mit den brennenden Autos. Was soll das denn bringen? Das soll das bringen: Verunsicherung der Herrschenden. Denen zu sagen, dass sie nicht auf Solidarität zählen können, sie sind der Feind. „Siehst du die Reichen und Mächtigen?/Lass ihre Wagen brennen“ singt Jochen Distelmeyer, und bei dem muss man natürlich fünfmal um die Ecke denken, um zu kapieren, was er eigentlich meint. In einer Großstadt braucht man kein Auto, wer doch eines hat, der betreibt damit ein Zeichenspiel der sozialen Segregation, ja? Und ist das wirklich so? Wenn in, sagen wir, Eimsbüttel der alte Daimler vom Besuch des Nachbarn in Flammen aufgeht und durch Funkenflug der Polo von der netten jungen Frau aus dem Erdgeschoss gleich mit, ist das dann Widerstand? Die Reichen und Mächtigen, also, echt jetzt? Ich bin mir so unsicher.

Erstmals wurde eine Gruppe mutmaßlicher Auto-Brandstifter verhaftet. Und endlich sprechen die Medien auch wieder von „links-autonomen Tätern“, die Welt ist in Ordnung. Und Frau Merkel freut sich, nicht darüber, sondern darüber, dass in Pakistan ein alter, politisch anscheinend weitgehend machtloser Mann erschossen wurde. Sollen sie, zumindest wird die Welt so wieder ein Stück weit übersichtlicher.
Wird sie?

Etwas, das ich aus meinem Elternhaus mitgenommen habe: Atomenergie ist böse.

Meine Eltern waren keine Fortschrittskritiker. Mein Elternhaus stand in Schwaben, und Schwaben, das war Daimler, IBM, das war im konkreten Ulmer Fall eine Vorstellung von Wissenschaft, die in erster Linie als anwendungsbezogene Naturwissenschaft an der fünf Jahre vor meiner Geburt gegründeten Uni gedacht wurde. In Schwaben wurde nicht skrupulös gezweifelt, in Schwaben wurde g’schafft. Und wenn dieses Schaffen bedeutete, dass man etwas machte, das bisher noch nicht gemacht wurde, dann war das eben so. Die Nutzung der Atomenergie war die logische Folge dieser Wissenschaftsvorstellung, weswegen in Baden-Württemberg Ende der Siebziger acht Atomkraftwerke kommerziell betrieben wurden, mehr als in jedem anderen Bundesland.
Meine Eltern waren keine Kapitalismusgegner. Die Tatsache, dass die Atomindustrie mit einer politischen Praxis zwischen Lobbyismus, Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen und offener Korruption ein Geflecht aufgebaut haben, das die Atomenergie als künstlich günstigen Strom erscheinen lässt (künstlich, weil die Differenz zwischen angegebenen und tatsächlichen Kosten der Atomkraft von der Öffentlichkeit, also vom Steuerzahler übernommen werden), war im Haus meiner Eltern zweitrangig. Meine Eltern waren kein Großbürgertum, aber sie waren immer nach oben orientiert, und oben, da waren in Schwaben: die Höhergebildeten. Die Wohlhabenden. Die CDU. Das Kapital. Gegen die hatte man nichts.
Meine Eltern waren keine Apokalyptiker. Angst vor einem GAU hatten die keine, und wenn, dann war solch ein GAU ein unvermeidliches Risiko, da musste man mit leben. Eine eigene Ästhetik, ein eigenes Weltbild hatte das aber nicht zur Folge: Die Apokalypse ist ein religiöses Modell, und Religion war in meinem Elternhaus praktisch kein Thema.

Und doch: Atomkraft ist böse, das habe ich mitgenommen, trotzdem. Weil Atomkraftwerke womöglich sicher funktionieren mögen (Fukushima hat auch das widerlegt), eine Frage davon aber nicht in Ansätzen berührt wird: Was macht man eigentlich mit den Überbleibseln? Plutonium hat eine Halbwertszeit von 24000 Jahren, das fällt bei der Nutzung der Atomenergie an, und man weiß nicht, was man mit dem Kram anfangen soll, nutzt aber dennoch fröhlich drauflos, weil: Irgendeine Lösung wird einem über kurz oder lang ja schon einfallen? Hallo?
Das musste eigentlich jedem Schwaben, der noch halbwegs bei Trost war, gegen den Strich gehen: Wie konnte man eine Technik einsetzen, ohne sie zu Ende gedacht zu haben. Atomenergie war ein ungedeckter Scheck, und ungedeckte Schecks waren unseriös. Das habe ich in meinem Elternhaus auch gelernt: Man macht keine Schulden, alles, was man ausgibt, muss zuvor verdient sein (oder man muss sich zumidest sicher sein, das Ausgegebene in absehbarer Zeit wieder reinholen zu können). Atomenergie zu nutzen, das ist, als ob man Schulden machen würde, die die nächsten 5000 Generationen abbezahlen müssen.

Meine Eltern haben sich schwabentypisch ein Häusle gebaut, auf einer Anhöhe am Rand der Stadt. Bei klarer Sicht sind sie auf bayerischer Seite zum Greifen nahe: die Kühltürme des Atomkraftwerks Gundremmingen. Böse.

Edit: Dass die Überschrift ein versteckter Verweis auf die tolle culturmag-Rubrik „Sachen machen“ der tollen Isabel Bogdan ist, war eigentlich gar nicht beabsichtigt. So ist sie allerdings auch gleich noch ein Hinweis auf das leider erst nächstes Jahr erscheinende Buch zum selben Thema, das dann natürlich auch gekauft werden sollte.

Ich habe auch promoviert. Beziehungsweise, ich habe damit angefangen, ähnlich wie Herr von und zu Emporkömmlings, äh, Dingens, Guttenberg. Ich wusste nichts anderes mit meiner Zeit anzufangen, nach dem Studium, Arbeitsplätze für examinierte Literaturwissenschaftler waren rar, außerdem hatte ich Lust, mich intensiv mit einem in erster Linie mich interessierenden Thema zu beschäftigen. Das Thema lautete „Körper/Schrift. Zur Ästhetik der Gewalt bei Elfriede Jelinek, Marina Abramovic, Valie Export und Ernst Jünger“. Ich habe Exposés geschrieben, eine Gliederung gemacht, die Gliederung wieder verworfen, Referate gehalten, Sekundärliteratur gelesen, bin vom Weg abgekommen und habe den Weg wieder gefunden. Nebenbei habe ich ein wenig journalistisch gearbeitet. Und weil ich Geld brauchte, und weil sich plötzlich doch noch eine Perspektive neben der brotlosen Wissenschaft auftat, habe ich immer mehr journalistisch gearbeitet. Irgendwann war ich in einer festen Anstellung, irgendwann war ich im Volontariat und irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich wirklich noch weiter an dieser Doktorarbeit arbeiten wollte.
Ich entschied mich. Gegen die Promotion, das heißt, ich scheiterte. Ich traute mir schlicht nicht zu, gleichzeitig Vollzeit zu arbeiten und mich dennoch mit Haut und Haaren einer Dissertation zu verschreiben. Technisch wäre es möglich gewesen, Petra Kohse, meine Ex-Praktikumsbetreuerin bei der taz, promovierte während ihrer Redakteurinnentätigkeit über Friedrich Luft, davor ziehe ich den Hut, ich aber traute es mir nicht zu. Meine Doktormutter reagierte ein wenig enttäuscht, riet mir aber zu: Gerade in der damaligen wirtschaftlichen Situation sei es wichtig gewesen, Boden unter die Füße zu bekommen. Wirklich vermisst habe ich den Doktortitel nie, ein wenig spüre ich aber einen Phantomschmerz: Da fehlt etwas, da wurde etwas nicht zu Ende gebracht. Andererseits nehme ich auch etwas mit: die Erfahrung, dass man auch auf die Nase fallen kann, und trotzdem geht es irgendwie weiter, eigentlich immer. Nicht die schlimmste Erfahrung.

Karl Theodor zu Guttenberg, „KT“, wie ihn seine Fans nennen, hat auch promoviert. Der Verteidigungsminister dieses Landes ist Doktor der Rechte, mit der besten möglichen Note summe cum laude wurde er an der nicht unbedingt in der ersten Liga spielenden Universität Bayreuth prmoviert. Zu seiner Doktorarbeit gibt es eine ganze Menge Vorwürfe, von denen einer zumindest unstrittig ist: Guttenberg hat die Zitate in der Arbeit nicht ausreichend als solche kenntlich gemacht. Das sieht dann so aus, als ob fremde Formulierungen die eigenen seien, wenn so etwas Absicht ist, dann ist es ein Plagiat und damit strafbar, wenn es keine Ansicht ist, dann ist es schlampig (und es verbessert die wissenschaftliche Reputation der Uni Bayreuth nicht gerade, wenn schlampige wissenschaftliche Arbeit dort mit der Bestnote bewertet wird, aber egal). Der wissenschaftlich versierte Teil des Netzes auf jeden Fall schäumt, am eindeutigsten im GuttenPlag Wiki, wo in mühevoller Kleinarbeit nachgewiesen wird, an welcher Stelle Guttenberg welche Passage ohne korrekte Quellenangabe übernommen hat. Das ist löblich, womöglich wird die Arbeit der GuttenPlag-Kollegen dafür sorgen, dass Guttenberg einige unangenehme Fragen beantworten muss, womöglich hat das sogar zur Folge, dass der Verteidigungsminister offen legt, wer den Fehler denn tatsächlich gemacht haben könnte (der Spiegelfechter etwa mutmaßt schon ganz offen, dass wohl ein Ghostwriter die Doktorarbeit geschrieben haben dürfte). Aber wird es die politische Karriere Guttenbergs beenden? Wohl kaum.

Guttenberg verteidigt sich. „Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler (sic). Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten“, zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung. Das mag stimmen. Es ist schwierig, eine Doktorarbeit zu schreiben, wenn man gleichzeitig Familie und Job hat, mehr noch: Es ist unmöglich. Nur: Warum lässt man es dann nicht bleiben? Der Doktortitel ist keine Voraussetzung für den Beruf des Verteidigungsministers, wenn er einem also dennoch so wichtig ist, dass man für ihn womöglich eine strafbare Handlung begeht, dann weist das auf ein zumindest etwas angeknakstes Selbstbewusstsein hin. Herr von und zu ist ein Gernegroß, soviel zur Psychologie. (Übrigens gab es schon einmal einen deutschen beziehungsweise österreichischen Gernegroß-Politiker, einen, der immer nur Anerkennung wollte und sich nie ausreichend wertgeschätzt fühlte, einen Kunstmaler. Das nur zur Erinnerung, falls Von und zu demnächst planen sollte, Kanzler zu werden.)

Die Fans sehen aber nicht den Gernegroß, sie sehen nur den zukünftigen Kanzler, den KT, glänzend und erfolgreich und so ganz anders wie man sich den Deutschen als solchen immer vorstellt. Guttenbergs Haus-und-Hof-Blatt Bild etwa titelte am Samstag ganz unverblümt, wie „gut“ es des Verteidigungsministers Entscheidung findet, nicht zurückzutreten. Den GuttenPlag-Engagierten werfen die KT-Fans vor, Erbsenzähler zu sein, die die Größe dieses Politikers gar nicht erkennen könnten, und wenn man entgegnet, dass korrektes wissenschaftliches Arbeiten eben zum Teil darin bestünde, Erbsen zu zählen, hauen sie auf die Wissenschaft ein. „In manchen Berufen sollte der Doktor Titel ganz abgeschafft werden. In den Naturwissenschaften und der Medizin kann ich sowas ja nachvollziehen, aber was kann schon ein Jurist erschaffen, dass die Menschheit wissenstechnisch vorwärts bringt“, blökt „Gast“ in etwas eigenwilliger Rechtschreibung auf Welt Online, das Web ist voll von Meinungen aus der Richtung „Guttenberg hat zwar Mist gebaut, aber dazu hat ihn doch nur das System gezwungen, wenn man statt wissenschaftlich richtig arbeitet, dann zeigt man, was man kann, und richtig arbeiten kann KT!“ Wenn der Deutsche mal in Fahrt ist, dann holt er die antiintellektuelle Keule raus.

Und deswegen habe ich Angst davor, wo uns diese Affäre noch hinführt. Nicht auszudenken, wenn Guttenberg die Angriffe politisch überstehen würde.


Ich habe mir ja vorgenommen, diesen entsetzlich inhaltslehren Bürgerschaftswahlkampf nicht zu kommentieren. Weil, irgendwo verstehe ich die Parteien auch, die hatten ja gar keine Zeit, sich auf die Wahlkampfsituation einzustellen, also hatten sie auch keine Zeit, sich Gedanken über Inhalte zu machen. Und mittlerweile macht es ohnehin den Eindruck, als ob der Drops gelutscht sei, da muss man sich auch keine Mühe mehr geben. Also: Es ist langweilig, es ist inhaltsleer, es ist unkreativ, sei es drum. Ich werde schon irgendwas wählen.
Wenn man allerdings von Inhalten sprechen dürfte … dann möchte ich ein paar Inhalte formulieren. Ich würde nämlich ziemlich sicher eine Partei wählen, wenn sie ein paar ganz bestimmte Inhalte vertreten würde, nur leider gibt es diese Partei nicht. Egal. Gut fände ich es auf jeden Fall

– wenn die Parteifunktionäre meiner Traumpartei in Grundzügen den Eindruck erwecken würden, ihre Lebensumstände hätten etwas mit meinen zu tun. Sicher, Jura ist ein wichtiges Fach, es ist gut, dass Juristen in den Parlamenten sitzen, aber: Warum muss denn die große Mehrheit Jura studiert haben? Gibt es ü-ber-haupt Spitzenpolitiker, die, nur mal als Beispiel, Literaturwissenschaftler sind? Kunsthistoriker? Leute, die gar nicht studiert haben? Und weiter: Meines Wissens nach sind in Großstädten nicht einmal die Hälfte der Einwohner konfessionell gebunden. Wo sind denn in den Parteien die Atheisten? Oder gar die Religionskritiker?
– Toll wäre auch, wenn meine Traumpartei sich explizit zur Umverteilung von oben nach unten bekennen würde. Umverteilung, das würde nicht nur bedeuten, dass die Steuern angehoben werden, das machen ja viele, Umverteilung würde bedeuten, dass man ganz deutlich sagt: Wir wollen, dass die Reichen weniger haben. Punkt. (Auch wenn ich in solchen Gedankenspielen wahrscheinlich zu den Reichen gehören würde.)
– Überhaupt, es gibt einiges, wo umverteilt werden könnte. Ich würde eine Partei wählen, die die Marktgesetze für bestimmte Bereiche aufhebt: Kultur, Infrastruktur, Gesundheit, Bildung, Wohnen, zum Beispiel. Das würde heißen: Massive Preisminderungen bei Bussen und Bahnen, der Nahverkehr womöglich sogar gratis. Deutliche Senkung der Eintrittspreise in öffentliche Kulturveranstaltungen, freier Eintritt in Museen, sozialverträglicher Eintritt in Theater, Aufbau eines Filmvorführprogramms in öffentlicher Hand. Freie vorschulische und Schulbildung. Nachgelagerte Studiengebühren, das heißt: Während man studiert, zahlt man nichts, nach dem Eintritt ins Berufsleben zahlt man einen Teil seines Einkommens an die Hochschule zurück. Was zur Folge hätte, dass der gut verdienende Chefarzt stärker belastet würde, der prekär beschäftigte Theaterwissenschaftler weniger stark. Mit anderen Worten: eine Akademikersteuer.
– Ohnehin plädiere ich für deutliche Steuererhöhungen (die mich wahrscheinlich als erstes treffen würden, egal, das nehme ich hin). Und für eine massive Verteuerung des Individualverkehrs, zumindest im städtischen Raum: PKW-Steuer rauf, Benzinpreise rauf, Parkraumbewirtschaftung rauf. Positiver Nebeneffekt: Die Leute steigen schon alleine aus Kostengründen um auf den ÖPNV.
– Sachen wie Internationalismus, Gesellschaftsliberalismus, Solidarität mit Schwächeren, Einführung von gesetzlichem Mindest- und Maximallohn (die nicht allzu weit auseinanderliegen sollten) verstehen sich ohnehin von selbst.
– Und, ganz wichtig: Augenmaß vor Ideologie. Immer erst mal genau hinschauen: Ist es womöglich im konkreten Fall ein Problem, wenn man die obigen Punkte ganz strikt anwendet? Und zwar in jedem Fall. Das macht es kompliziert, ich fürchte aber, es gibt keine andere Lösung. Steuererklärungen werden damit, beispielsweise, tendenziell unübersichtlicher. Dafür aber gerechter.

Keine der zur Wahl stehenden Parteien erfüllt diese Forderungen. Das ist egal, ich werde schon irgendwas wählen. Der (wie immer sehr geschätzte) Wahl-O-Mat empfiehlt mir die Wahl der Piraten, aber das ist Blödsinn, die haben nicht den Hauch einer Chance, in die Bürgerschaft zu kommen. Ich fürchte, ich werde, wie schon bei den vorangegangenen Wahlen, meine Stimme der Linken geben, auch wenn sie in meinen Wahl-O-Mat-Charts recht weit hinten liegen. Schlicht, weil die Linken das kleinere Übel sind. Mal wieder: das kleinere Übel. Also wähle ich eine Partei, die ganz ohne Not eine extrem altbackene Kommunismusdebatte führen wollte. Also wähle ich eine Partei, die anscheinend keinen großen Wert darauf legt, überhaupt zu regieren, und die dort, wo sie regiert, nichts dabei findet, alternative Wohnprojekte platt zu machen. Also wähle ich eine Partei, die in weiten Teilen aus frustrierten, xenophoben, spießigen Kleinbürgern besteht. Gibt halt nichts anderes.

Alles übel, mal größer, mal kleiner.

Die Bandschublade hätte nie ein Rezensionsblog werden sollen. Weil andere diese Nische schon sehr, sehr gut bespielen, die Kollegen von der Nachtkritik etwa oder das geschätzte Hamburger Feuilleton. Vor allem aber auch, weil ich der Meinung bin, dass eine Rezension die langweiligst mögliche Art ist, über Kunst zu sprechen. Weil ich das im Brotberuf schon häufig genug mache. „Ich kann (…) nicht immer doppelt Kritiken schreiben, denn es ist ja nicht so, dass ich ansonsten nichts zu tun hätte“, sagt Christine Dössel, ja. Vor allem, weil man in so einem echten, gedruckten Medium ja doch etwas anderes erzählen möchte, irgendwie seriöser, nicht so aus der Hüfte und der Leidenschaft heraus wie in diesem kleinen Kräutergarten hier. Hier möchte ich weiter blöken, ich will begeistert schwärmen und ich will mich angwidert auskotzen, und ich will mir keine Gedanken darüber machen, ob das, was ich schreibe, jedem Gegenargument standhält, weil, wenn ich Mist schreibe, kann man mir ja mailen oder mir einen Kommentar schreiben, dann versuche ich, mich zu erklären, und wenn die Erklärung nicht funktioniert, dann kann ich was draus machen, einen weiteren Beitrag schreiben, meinen früheren Beitrag modifizieren, das Gegenargument posten, was auch immer. Im Print kann ich das nicht. Und deswegen gibt es hier auch keine Rezension zur gestrigen Premiere von Jan Bosses Shakespeare-Verzückung „Was ihr wollt“ am Thalia.

Stattdessen konstatiere ich eine umgekehrte Krise. Weil nämlich, liebes Thalia, der Premierenoverkill der vergangenen Woche ein eigenartiges Gefühl der Übersättigung zur Folge hatte. Drei Premieren in einer Woche, und von denen ist eine ganz, ganz großartig („Axolotl Roadkill“), eine ist wirklich gut („Was ihr wollt“) und eine ist auch noch ganz in Ordnung („Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“). Und wenn man einrechnet, liebes Thalia, dass ihr im Repertoire auch noch ein atemberaubendes Stück wie „Hamlet“ habt, dann stellt man langsam fest, dass man euer Theater mittlerweile unbesehen besuchen kann, egal was, man sieht eine doch zumindest überzeugende Inszenierung. Aber will man das überhaupt? Will man ein Theater, das wirklich alles richtig macht, tolles Ensemble, tolle Regie, Bühnenbild, in das man sich zum Schlafen legen möchte, und von der Dramaturgie und ihren klugen Programmheften wage ich gar nicht zu reden?
Ich auf jeden Fall will das nicht. Ich will die ständige Krise, ich will den Schmerz im Herzen, ich will ein Messer, das sich in meinem Fleisch einmal umdreht. Und dann will ich umarmt werden, selten, aber dafür von solcher Begeisterung, dass ich alle Enttäuschungen vergesse.

Glückwunsch, Thalia. Das natürlich auch.

P.S. Und gerade kommt eine SMS, dass Schwarz-Grün vor dem Aus steht. Was eigentlich auch wichtiger ist, oder?

I got a letter from the government the other day.
I opened and read it; it said they were suckers.
They wanted me for the army or whatever,
Picture me given‘ a damn – I said never!
Here is a land that never gave a damn
About a brother like me and myself, because they never did.

(Public Enemy, Black steel in the hour of chaos, 1989)

Ich habe nicht gedient. Dass ich ausgemustert wurde, da bin ich nicht stolz drauf, vor allem, weil die Ausmusterung in erster Linie auf Grund einer Sexualmoral passierte, die schon damals überkommen war, einer Sexualmoral, von der ich allerdings profitieren konnte. Die Nachgeborenen können das vielleicht nicht verstehen, aber damals gab es für junge Männer gerade mal die Möglichkeit, zwischen Zivildienst und Bundeswehr zu wählen (wobei rechtlich diese Wahlmöglichkeit gar nicht existierte, man war juristisch gezwungen, zum Bund zu gehen, die Gewissensentscheidung, lieber Zivildienst zu machen, wurde nur starfrechtlich nicht verfolgt, in Ordnung war sie deswegen noch lange nicht). Die meisten meiner Mitschüler hatten solche Gewissensgründe, okay, die meisten Coolen, die meisten Netten. Die gingen ins Altersheim oder in die Behindertenwerkstatt, einer ging zum Bund für Umwelt und Naturschutz, über den witzelten wir, „Haha, Martin macht Zivi beim Bund!“
Die meisten Netten, die meisten Coolen fanden meine Ausmusterung scheiße. Auf die Schultern klopften mir die Arschlöcher, die schnell ihr knappes Jahr Bundeswehr runterrissen, um dann holterdipolter ins BWL-Studium zu jagen, panisch, weil ihnen ein Jahr gestohlen worden war, beim Rattenrennen. Mir war dieses Schulterklopfen unangenehm, sie dachten, ich wäre auf ihrer Seite. Die Bundeswehr, das war damals kein Dienstleistungsunternehmen, geschaffen, um die Interessen der deutschen Wirtschaft mit Waffengewalt durchzusetzen, das war eine pädagogische Einrichtung, ein Ort, an dem junge Männer aufs Vaterland eingeschliffen werden sollten, und die Arschlöcher sahen keine Möglichkeit, diesem Zwang zu entgehen, also wollten sie ihn so schnell und stumpf wie möglich hinter sich bringen.
Zivildienst war in meinen Augen nur eine Variante dieser pädagogischen Einrichtung. Zivildienst, Bundeswehr, hier wie dort sollte man sich selbstlos in den Dienst des Landes stellen, hier mit Gewehr, dort mit Windeln in der Hand. In den Dienst eines Landes, das ich von Herzen verachtete, Deutschland, frisch wiedervereinigt und besoffen vor Freude, Doitschland, reaktionäres und korruptes Kohl-Regime, keinen Finger krumm machen wollte ich für dieses Drecksland, dieses Drecksvolk. Deswegen hielt ich die Kritik der Netten aus, deswegen hielt ich das Schulterklopfen der Arschlöcher aus: weil ich tief in mir wusste, dass ich doch das richtige machte (wenn auch mit falschen Mitteln, unter Ausnutzung einer eigentlich abgelehnten Moral. Egal. Ich war kein Märtyrer, der als Totalverweigerer in den Knast gehen wollte, ich wollte einfach nur nicht Deutschland dienen).

Die Schwarz-gelbe Koalition macht, was Rot-Grün nicht einmal versucht hat: Sie schafft die Wehrpflicht ab. Der von mir herzlich gehasste Starverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schon vor einem halben Jahr im Spiegel:

Faktisch wird sie (die Wehrpflicht, F.S.) in zehn Jahren wohl abgeschafft sein. Bei einer hochprofessionellen, bestens ausgerüsteten und flexiblen Einsatzarmee haben Sie kaum noch die Kapazitäten, Rekruten auszubilden.

Mit anderen Worten: In zehn Jahren werden junge Männer nicht mehr in meiner Situation sein. Sie können sich für eine Berufslaufbahn als bezahlter Schützenkönig in Afghanistan (oder wo immer die deutsche Wirtschaft gerade Interessensdurchsetzer braucht) entscheiden oder sie können sich gleich ins Bachelor-Studium stürzen, damit sie mit spätestens 22 dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, als stille Reserve, die dazu dient, das Selbstbewusstsein unter Arbeitnehmern möglichst klein zu halten. Was es dann allerdings nicht mehr gibt: Zivildienst. Sozialverbände, Kirchen und kulturelle Institutionen als hauptsächliche Nutznieser der Zivis sind (mit gutem Grund) entsetzt, fielen damit doch unzählige billige Arbeitskräfte weg. Sicher, man könnte an ihrer Stelle reguläre Mitarbeiter einstellen, nur sollten die eben auch regulär bezahlt werden, und da haben die Träger plötzlich gar kein Interesse mehr dran, Heuchler, die sie sind. Also jammern sie.
Worauf Familienministerin Kristina Schröder (CDU) plötzlich behauptet, dass der Zivildienst (der mittlerweile nicht mehr so heißen darf, weil der Zivildienst ja mit der Wehrpflicht abgeschafft wird) unglaublich wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung sei, Kristina Schröder, deren Parteifreunde Zivis noch vor ein paar Jahren als verweichlichte Drückeberger beschimpft haben. Auf jeden Fall wirbt Schröder jetzt für einen Freiwilligendienst, der auch Älteren offen stehen soll, der ganz toll die Persönlichkeit bilden soll, der nicht zuletzt entlohnt werden soll mit dem atemberaubenden Betrag von höchstens 324 Euro monatlich. Die Arschlöcher, die nur möglichst schnell einen letzten Krümmel vom Karrierekuchen abbekommen wollen, spricht sie damit natürlich nicht an. Die Waffennarren, die unbedingt mal scharf schießen wollen, auch nicht. Und schließlich auch nicht diejenigen, die die Bundeswehr als potenziellen Arbeitgeber verstehen. Wen sie aber anspricht, das sind die Leute, mit denen ich immer gut konnte. Die Leute, die glauben, dass ein freiwilliges Pflichtjahr ihrer Persönlichkeit gut tun dürfte. Die Leute, die glauben, dass nach Studium oder Ausbildung ohnehin nur die Arbeitslosigkeit auf sie wartet, weswegen sie die Zeit gerne mit einer unterbezahlten Tätigkeit füllen. Und die Leute, die glauben, dieses Volk hätte irgendwo einen Dank verdient, dieses Volk, Deutschland, hätte verdient, dass man ihm ein Jahr lang dient, demütig. Die Leute, die nichts dabei finden, Krankenpflegern, Hausmeistern, Hilfskräften den Job wegzunehmen.

Die Leute, die nicht merken, wie sie das System aus seiner Verantwortung entlassen: aus der Verantwortung, jedem Alten, Kranken, Armen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Danke auch.

Im Kulturbereich hält man sich ja gerne fern von Parteipolitik. Man ist zwar irgendwie links, will aber mit der parlamentarischen Linken wenig zu tun haben, SPD, Linke und mit Abstrichen auch die Grünen bekommen den Ruf der Arbeiter-Funktionsparteien einfach nicht los. Gleichzeitig pflegt man den etwas diffusen Mythos, dass Konservative zwar grundsätzlich indiskutable politische Ansichten vertreten, in der Kulturpolitik aber die bessere Alternative darstellen. Da schlägt noch die Vorstellung von Kultur als Hort bürgerlichen Bildungsguts durch, das in christdemokratischen Händen in der Regel am Besten aufgehoben ist. Logische Folge: Sobald die CDU an einer Regierungskoalition beteiligt ist, bekommt das für Kultur zuständige Ministerium ein Christdemokrat oder, noch besser, ein Parteiloser. Die taz nannte schwarz-grüne Koalitionen einmal „Koalition der Operngänger“, ein griffiger Slogan, hinter dem steckt, dass man CDU und Grünen am ehesten noch einen Sinn für die Spezifika von Kunst und Kultur zutraut.
Nur: Ist an diesen Vorschusslorbeeren überhaupt irgend etwas dran? Ein Blick auf die Regierungen von Millionenstädten, die ein überregional bedeutendes Kulturleben haben: München wird von einer Koalition aus SPD, Grünen und Rosa Liste regiert, Oberbürgermeister ist Christian Ude (SPD), Kulturreferent Hans-Georg Küppers (parteilos). Berlin wird von SPD und Linken regiert, für die Kultur zuständig ist Oberbürgermeister Klaus Wowereit (SPD), flankiert von Staatssekretär André Schmitz (SPD). Wien wird absolut von der SPÖ regiert, Oberbürgermeister ist Michael Häupl (SPÖ), Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ). Köln wird rot-grün regiert, Oberbürgermeister ist Jürgen Roters (SPD), Kulturbeigeordneter Georg Quander (parteilos). All diese Kulturreferenten sind nicht unumstritten, aber man muss festhalten, dass sie anscheinend Bedingungen ermöglichen, in denen sich ein reges Kulturleben entwickeln kann.
Und Hamburg? Hat eine schwarz-grüne Regierung, das heißt, als einzige Millionenstadt im deutschsprachigen Raum einen konservativen Regierungschef (Christoph Ahlhaus), und dazu noch einen Koalitionspartner, dem man traditionell Kompetenz in diesem Bereich zutraut, Kultursenator ist Reinhard Stuth (CDU). Und der macht zurzeit falsch, was sich falsch machen lässt: unreflektierte Kürzungspläne bei Schauspielhaus diversen Museen, Denkmalschutz und öffentlichen Bibliotheken, Kostenexplosion bei der Elbphilharmonie, ein massiv gesunkenes Vertrauensverhältnis, sowohl in der Szene als auch in der Verwaltung (weswegen Stuth vor seinem überraschenden Comeback als Senator schon einmal als Staatsrat entlassen wurde). Dabei ist Stuth nur der jüngste von drei extrem glücklos agierenden Kulturverantwortlichen in der Hansestadt: Zuvor scheiterten schon die Witzfigur Dana Horáková und die geachtete aber überforderte Karin von Welck (beide parteilos). Genauer: Eigentlich scheiterten alle Hamburger Kultursenatoren, seit die CDU in der Stadtregierung ist. Tragisch, dass zumindest Stuth gewillt scheint, die Kultur der Hansestadt mit in den Abgrund zu reißen.
Und da gibt es einiges zu reißen: Hamburg spielte zumindest im Popmusik-, Literatur- und Theaterbereich immer mit bei den großen Metropolen des Kontinents, einzig bei der Bildenden Kunst lag man schon immer ein wenig zurück. Die Behauptung, dass im Norden eben nur Pfeffersäcke lebten, die lieber Geld zählten als sich für Kunst und Kultur zu interessieren, ist so nicht haltbar. Entsetzt schildert die ehemalige Kultursenatorin Christina Weiss in der FAZ den Niedergang des hanseatischen Kulturlebens:

„Warum wehrt ihr euch nicht?“ fragte Christina Weiss jetzt immer wieder die Sammler und Galeristen aus ihrer alten Heimat, die sie auf dem Art Forum in Berlin traf. Der Grundton sei Empörung, aber zur Rebellion sei niemand bereit, so ihr Eindruck. (…) „Die Stadt hat ihre Power verloren, ihre Neugierde – sie hat etwas Provinzielles bekommen“, stellt sie fest – und wer sie kennt, weiß, dass ihr diese Worte nicht leichtfallen. Sie selbst blieb nach ihrem Ausscheiden aus der Politik natürlich in Berlin. Warum sollte sie auch in eine Stadt zurückkehren, die jeden kulturellen Ehrgeiz aufgegeben hat, die nur zwei Prozent ihres Haushalts für Kultur ausgibt (Leipzig erlaubt sich 15 Prozent, Berlin hat seinen Kulturetat 2010 wieder um 16,5 Millionen erhöht) (…).

Natürlich, Weiss ist Sozialdemokratin, man muss ihre Aussage relativieren. Aber: Weiss war auch einmal begeisterte Hamburgerin, unter anderem Leiterin des Literaturhauses. So jemand lästert nicht grundlos über seine ehemalige Wirkungsstätte, so jemand ist ehrlich entsetzt darüber, wie sehr die Bürgerlichen, zunächst als CDU-Schill-FDP-Koalition, dann mit absoluter Mehrheit, schließlich mit den Grünen, einen wichtigen Aspekt des urbanen Lebens an die Wand gefahren haben.
Zum Abschluss kann man Guido Westerwelle zitieren, der seinen kraftmeierischen Spruch allerdings einst auf die rot-grüne Bundesregierung gemünzt hatte: „Die können es nicht!“ Und irgendwie fragt man sich, wie man je glauben konnte, dass Bürgerliche es können würden, das mit der Kultur.

03. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für Umbilicus Sueviae, der Nabel Schwabens · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , , ,

Manchmal träume ich vom Ulmer Hauptbahnhof, also, ich träume davon, wie der Ulmer Hauptbahnhof war als ich klein war. Ein riesiger Bau, düster, verwinkelt, stinkig. Der Hauptbahnhof stand für alles, was unübersichtlich war, bürokratisch, abweisend und fremd, also ein Abenteuerland für einen Fünfjährigen. Es gab Unterführungen, bei denen man nicht ahnte, wo sie einen hinbrachten, es gab eine baufällige Fußgängerbrücke, es gab Pilsschwemmen, in denen schon am frühen Mittag Alkoholiker saßen und kleinen Kindern, die sich hier zufällig rein verirrt hatten, den Kopf tätschelten. Es gab nach Pisse stinkende Nischen, Fahrkartenschalter mit schlecht gelaunten Bahnmitarbeitern, unverständliche Lautsprecherdurchsagen mit Fahrtzielen, die einem fremd waren, „auf Gleis 5 erhält Einfahrt der verspätete Intercity nach Hamburg-Altona mit Halt in Stuttgart, Frankfurt, Hannover“, „auf Gleis 2 Eurocity aus Amsterdam, Köln, Stuttgart zur Weiterfahrt nach Salzburg über Augsburg und München. Dieser Zug hat 15 Minuten Verspätung“. Im Keller gab es Toiletten, die man, wenn es irgend ging, nicht aufsuchen sollte, in der angrenzenden Passage außerdem einen fetttriefenden McDonalds, in den mich manchmal, selten, meine Großmutter ausführte, Pommes und heiße Apfeltaschen essen.
Der Ulmer Hauptbahnhof war ein Moloch, eine der zwei Berührungen mit der Welt der Industrie für mich Vorstadtkind, die andere war das Industriegebiet Donautal, rauchende Schlote, Arbeiter, die mit leerem Blick in die Fabriken schlurften, Manchester. Ich war gut im Dramatisieren, damals, aber ich kannte Industrie auch nicht anders, war bis dahin weder im Ruhrgebiet gewesen, noch in Bitterfeld noch im Hafen, das kam alles viel später.

Einschub: Ich bin, grundsätzlich, dafür, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof umgebaut wird. Das ist nämlich so: Stuttgart ist extrem hügelig, eigentlich weniger eine echte Stadt mit Zentrum und umliegenden Vororten, sondern vielmehr eine Ansammlung von bebauten Tälern, und in deren Mitte liegt der Hauptbahnhof. In einem Talschluss, was zur Folge hat, dass wir es hier mit einem Kopfbahnhof zu tun haben. Kopfbahnhöfe aber sind problematisch, auch aus ökologischen Gründen, weil ein Zug immer die doppelte Strecke von der Bahnlinie zum Bahnhof und zurück braucht. Außerdem fressen sie Reisezeit, aber gut. Außerdem, und das ist das wichtigste Argument für einen Umbau, ist in den Stuttgarter Tälern kein Platz für einen Flughafen, der liegt entsprechend auf einem der umliegenden Hügel Richtung Ulm. Wenn man nun aus Ulm zum Stuttgarter Flughafen möchte, dann fährt man erstmal zum Hauptbahnhof, steigt dort in die S-Bahn und fährt in der Gegenrichtung wieder zurück. Würde die Bahnlinie von Ulm aus über den Flughafen ins Stuttgarter Zentrum führen, dann könnte man eine knappe Stunde Fahrtzeit einsparen. Ich bin aus ökologischen Gründen dagegen, dass in jedem Kaff ein Flughafen gebaut wird, ich bin dagegen, dass man mit seinem stinkenden PKW zum Flughafen zockelt, ich bin dafür, dass einige wenige Flughäfen mit öffentlichen Verkehrsmitteln optimal angebunden werden. Und deswegen muss in Stuttgart was gemacht werden, Einschub Ende.

Was gemacht wird, ist Stuttgart 21: Ein monströses Neubauprojekt, das, grob gesagt, die gesamte Stuttgarter Innenstadt untertunnelt, aus dem Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof macht und die Linie straight auf die Berge zum Flughafen (und dann weiter nach Ulm) führt. Es gibt Argumente für dieses Projekt, einige habe ich oben zitiert, es gibt auch Argumente dagegen, dazu zählen ungeklärte geologische Probleme mit dem Stuttgarter Erdreich, dazu zählen die exorbitanten Kosten, die in Zeiten leerer kommunaler Kassen andernorts fehlen, dazu zählt der massive Eingriff in das Stuttgarter Stadtbild, unter anderem die Vernichtung öffentlicher Parkanlagen. Es haben sich mehrere wichtige Protestgruppen gegen diese Pläne gebildet, meist als neue Form des entidelogisierten Bürgerprotests, der von gemäßigt links bis weit ins Bürgertum hineinreicht, charakterisiert. Die Machtelite hingegen reagiert auf diese neue Form des Protests ganz klassisch: mit Knüppeln.
So heterogen die Gegnerschaft zu Stuttgart 21 auch aufgebaut ist: Sie wird geeint durch das Gefühl, einer abgehobenen, arroganten und extrem brutalen Macht gegenüber zu stehen. Die Gegner sind wie ich nicht unbedingt gegen die Optimierung des Stuttgarter Bahnsystems, aber sie wären gerne gefragt worden. Sie möchten miteintscheiden. Sie möchten nicht, dass sie unter Entscheidungen zu leiden haben, die sie gar nicht verantworten – und leiden werden sie. Denn wer soll denn das Neubauprojekt bezahlen, wenn nicht die Bürger, mit Einschnitten ins Sozialsystem, mit Einschnitten in die kulturelle Grundversorgung zum Beispiel?

Das Bahnhofsgebäude stammt aus dem Jahr 1914, Architekt waren Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer, die unter dem Titel „Umbilicus Sueviae“ (Nabel Schwabens) ein hoch repräsentatives Bauwerk in die württembergischen Hügel gesetzt haben. Die Pläne zu Stuttgart 21 sehen vor, dieses als Kulturdenkmal geschützte Gebäude zu entkernen, die Seitenflügel würden abgerissen, übrig bliebe eine reine Fassade. Ein Witz.
Bahnhöfe sind nicht mehr das dunkle Abenteuer, das ich als Fünfjähriger kennengelernt habe, Bahnhöfe sind heute hell und offen und radikal durchkommerzialisiert. Fassaden, Witze. Der Berliner Hauptbahnhof, Leipzig, Frankfurt: Das sind nicht mehr die wilden Schlünde, von denen ich träume, das sind Malls mit Gleisanschluss. Manchmal finde ich noch Bahnhöfe meiner Kindheit, in der Provinz, große Bauwerke, viel zu groß für die umgebenden Städte, Bad Harzburg etwa. Oder im Ausland, in Ländern, in denen man die Sprache nicht versteht, wo ein Stimmengewirr einen umschwirrt, man am Schalter A die Bahnsteigkarte holt, damit man sich am Schalter B den Fahrschein kaufen kann, um am Schalter C die Verbindung genannt zu bekommen. Riga war so ein Bahnhof, in dem ich mich verlieren konnte. Ein Moloch.

Edit: Das Bild zeigt den Hauptbahnhof Dortmund. Ein Gleisgewirr, ein Verlorengehen, etwas, das zu groß ist, als das man es verstehen könnte.

13. September 2010 · Kommentare deaktiviert für Ich, Konservativer · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , ,

Die CDU befürchtet, dass Konservative sich nicht mehr in der Partei heimisch fühlen dürften. Das verstehe ich. Ich fühlte mich noch nie in der CDU heimisch, und konservativ, das bin ich zweifellos.

1. Ich bin ein Freund von Ritualen. Rituale strukturieren das Dasein, Rituale sorgen für ein Verknüpfen von Ästhetik und Alltag. Ich bin nicht gläubig, und wenn man mich fragt, welche Institution sofort verboten gehört, dann sage ich: katholische und evangelische Kirche, aber der katholische Ritus übt einen großen Reiz auf mich aus. Im ästhetischen Sinne, meine ich.
2. Ich bin ein Bildungsbürger. Irgendwann habe ich aufgehört, mich gegen meine Herkunft zu wehren, irgendwann musste ich anerkennen, dass es eine gute Sache war, in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem gelesen wurde, in dem die Beschäftigung mit Kunst und Theater geschätzt wurde, in dem ich ein klassisches Musikinstrument gelernt habe (auch wenn von Anfang an klar war, dass ich es an diesem Instrument zu nichts bringen würde). Mehr noch: Mir will nicht einleuchten, wie man gegen so etwas, man nennt es: klassisches Bildungsideal, wirklich etwas haben kann.
3. Ich mag Tradition. Doch, ist so. Ich höre gerne Popmusik, der man anhört, wo sie herkommt, bei der gewisse soziale Strukturen durchscheinen. Sachen wie die Südafrikanischen White-Trash-Afrikaans-HipHopper Die Antwoord, bei denen man trotz aller ironischen Brechungen merkt, was für eine Welt hinter ihnen steckt. Und eben keine Sachen wie die Parlotones, die ebenso aus Südafrika kommen, bei denen aber kein normaler Mensch hört, was da hinter steckt.

[vimeo 13079525]

4. Schließlich vertrete ich noch konservative Werte. Zum Beispiel den Wert der Solidarität, war für mich immer sehr wichtig. Außerdem einen Wert, nach dem Reichtum unbedingt verpflichtend ist. Daraus kann man einen gewissen Etatismus ableiten: Steuererhöhungen sind für mich erstmal eine gute Sache, weil ich wie jeder gute Konservative glaube, dass der Mensch nicht von Grund auf gut ist und man ihn besser dazu zwingt, ein wenig von seinem Besitz abzugeben, als dass man auf seinen guten Willen und seine Spendenbereitschaft hofft.
5. Und ich will bewahren. Ich finde es durchaus nicht in Ordnung, wenn Stadtviertel platt gemacht werden, nur um des Profits willen. Ich finde nicht okay, wenn die Lebensleistung von Menschen von einem Tag auf den anderen entwertet wird. Mir gefällt es nicht, wenn immaterielle Güter wie Musik oder Kunst lächerlich gemacht werden, wenn ihre Verwertbarkeit nicht sofort einleuchtet.

Natürlich hatten Konservative wie ich noch nie ihre Heimat in der CDU. Die CDU war von Anfang an die Partei der Herrschenden, die CDU interessierte am Konservatismus ein einziger Aspekt, und das war die Autoritätshörigkeit. Wenn man auf Autoritäten hörte, dann war man in den Augen der CDU konservativ, und Autoritäten definierten sich für die CDU nach drei Kriterien: 1. Sie waren alt (Eltern, Lehrer, Vorgesetzte) 2. Sie ware althergebrachte Autoritäten (Kirche, Militär, Polizei) und 3. Sie waren Autoritäten qua Besitz (Establishment). Dieser dritte Punkt erklärt, weswegen die momentane CDU-FDP-Koalition wahrscheinlich wirklich die natürliche Machtinstitution dieses Landes ist: Beide Parteien haben eine wahnsinnige Aversion gegen die Vorstellung, dass Hierarchien in diesem Land in Bewegung geraten könnten, beide Parteien sind eigentlich Vertreter derjenigen, die die Macht schon haben und diese, bitte schön, nicht abzugeben gedenken. Das Problem der momentanen Regierungskoalition ist, dass sie mittlerweile überdeutlich alles diesem Machtgedanken unterwirft und nicht einmal versucht, das durch, beispielsweise, Bildungsideale zu übertünchen. Diese angeblich Konservativen sind dumm wie Stroh, aber sie sind beseelt von der Annahme, die Macht zu recht in den Händen zu halten. Und dieses Beseeltsein blöken sie auch noch stolz raus.

Natürlich bin ich kein Konservativer. Bloß weil man gerne ins Theater geht, wird man nicht konservativ, zumal wenn man andere konservative Charakteristika wie zum Beispiel die Autoritätshörigkeit von Herzen ablehnt. Aber dass der CDU die Konservativen davonlaufen, das wundert nicht. Wo die CDU doch seit Jahren nichts anderes gemacht hat als den (schon per se nicht unbedingt hübschen) Konservatismus auf sein hässlichstes Merkmal zu reduzieren.
Schön.

10. September 2010 · Kommentare deaktiviert für Hannover strahlt · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

… und immer, wenn man denkt, dass Kunst echt nüscht mehr mit den Problemen unserer Gegenwart zu tun hat und man, wenn man tatsächlich in den Lauf der Welt eingreifen möchte, besser Luxusautos abfackeln sollte (oder zumindest einen Blogeintrag darüber schreiben), dann rattert die Politik wieder dazwischen. Mit Unverständnis, mangelnder Sensibilität und himmelschreiender Blödheit.

Nachtkritik berichtet von einer Aktion des Schauspiel Hannover zur Atom-Renaissance. Sowie vom Protest des örtlichen CDU-Hinterbänklers, und dieser Protest ist so provinziell und jenseits allen Niveaus, dass man erst glaubt, dass er Teil des Theaterprojekts ist.

So kunstversaut ist man schon.