01. Juli 2013 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Juni 2013) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , ,

Meine Blogpraxis habe ich derzeit ja fast vollkommen verlagert, rüber, zu Les Flâneurs, da muss ich mich nicht beschweren, wenn die paar Googler, die hier noch vorbeischauen, eben das Erwartbare suchen: „Sophie Rois nackt“. Aber, halt!, ein paar suchten auch im Juni noch Orginelles:

„gentrifizierung eimsbüttel“ Das ist tatsächlich ein wichtiges Thema. Hamburg-Eimsbüttel erfüllt alle Voraussetzungen, um mal so richtig durchgentrifiziert zu werden: innenstadtnah, altbaubestanden, irgendwie bohèmehaft cool. Schön, dass sich jemand dafür zu interessieren scheint.

„sex mit monströsen menschen“ Was genau sind „monströse Menschen“? Anorexisch (weiter unten sucht noch jemand „sex mit magersüchtigem mädchen“), adipös, stark behaart oder am gesamten Körper haarlos? Ich empfehle den Film „Brownian Movement“ mit der von mir auf Knien verehrten Sandra Hüller; die hat da mehrfach Sex mit Menschen, die man oberflächlich als „monströs“ bezeichnen könnte.

„band die im schanzenviertel spielt“ Steht diese Anfrage in irgendeiner Beziehung zur ersten Frage, da oben? Im Schanzenviertel jedenfalls spielen ständig irgendwelche Bands. Und dann gentrifizieren sie das Viertel voll, die Schweine.

„nachfolgeband von den lassie singers“ Britta. Klotz + Dabeler. Christiane Rösinger solo.

„für was interessiere ich mich“ Ist wahrscheinlich die ulkigste Anfrage, die man sich bei Google stellen kann. Junge, das musst du doch wissen, wenn du googlest!

„studium+brotlose+kunst+marburg“ Ja, Brotlose Kunst kann man in Marburg studieren, allerdings nur als Nebenfach, am Institut für Kunstpädagogik. Wir empfehlen als Hauptfach entweder Sportwissenschaft, Gender Studies oder Applied Theatre Science, ansonsten sieht es auf dem Arbeitsmarkt nämlich ganz übel aus. In eine ähnliche Kerbe haut wohl auch „sex studium lustig“: Ja, das Sexstudium ist wirklich sehr lustig. Aber Betriebswirtschaftslehre ist ebenfalls lustig, echt!

„stinkende speckige lederhosen“ Die riechen, glaub‘ ich, nie besonders gut.

„constanza macras hiphop“ Die Berliner Choreografin Constanza Macras hat vor einiger Zeit ein Stück namens „Distortion“ gemacht, in dem es um HipHop ging. Habe ich im uMag und für die Nachtkritik darüber geschrieben.

Und dann nur leise Saalmusik. Und dann kaum Licht, und dann plötzlich viel Licht, undifferenziertes, hartes Licht. Und dann Nebel. Und dann diese Texte, auf Deutsch, naja, auf Austriakisch, auf Englisch, naja, sorry for my bad english/but my german’s even worse. Und dann gespenstische Visuals, schöne, nicht ganz daseiende Menschen unter der Kreuzberger Hochbahn. Und dann Rotwein direkt aus der Flasche, und dann Rückopplungen, und dann Blues und Jazz und Gospel und Indierock, ganz grauenhafte Genres, die einem da in Fetzen von der Bühne herabgeworfen werden, ein Fetzen Orgel bitte, ein Fetzen Gitarre, ein Fetzen Call and Response.

Ach, Ja, Panik waren in der Stadt, waren im Uebel & Gefährlich, waren wunderbar.

Ja, Panik, Kritikerband, über die mein verehrter Kollege Carsten zuletzt eine wahre Eloge schrieb, Querköpfe, Burgenländer (Kommander Kaufmann sagt, nirgendwo seien die Österreicher so schlimm wie im Burgenland, und die muss es wissen), die aus der Provinz nach Wien geschmissen wurden und aus Wien nach Berlin, wo sie den Nukleus bilden einer kleinen aus der Zeit gefallenen Szene um Hans Unstern und Christiane Rösinger (Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl war ein ganz wichtiger Protagonist auf Rösingers Solo-CD „Songs of L. and Hate“ und begleitete die Britta-Sängerin auch auf Tour am Piano, vor einem Vierteljahr am gleichen Ort). Aber auch: Ja, Panik, eine Band, die selbst das nicht gerade eine Riesenlocation zu schimpfende Uebel & Gefährlich gerade mal zu einem Drittel ausverkauft. Ah, Wurscht.
Denn Ja, Panik spielen, sie spielen diese schönen, diese zerstörten Songs, das herzzerreißende „Nevermind“, das chansoneske „Barbarie“ (zum Halbplayback vor Videostreichern), das slicke „Mr. Jones & Nora Desmond“, in einer guten Stunde alle Songs aus ihrer großen, schweren, aktuellen CD „DMD KIU LIDT“, zum Abschluss dann auch noch den abgründigen, kakophonischen, viertelstündigen Titelsong (der sagen will: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“, groß!), sie lassen sich „Ficken für ein Handgeld“, sie schreien, sie fahren zur Hölle, und dann ist endlich Ruh‘.

Und dann kommen sie doch noch auf die Bühne, wieder, trinken Wein, verteilen Blumen ins Publikum, „Jetzt ist die Messe ja vorbei, da können wir wieder miteinander reden“, und dann schrubben sie noch ihre Hits runter, „Zwischen 2 und 4“, „Alles hin, hin, hin“, schnell und räudig, und man weiß gar nicht, ob man das jetzt gut finden soll, weiß man nicht, nein.

Die Geschichte geht so: Es war einmal ein unsicherer junger Mann, der verehrte eine ältere Dame. Er beobachtete, was sie so machte, er bewunderte sie aus der Ferne, aber lange Zeit gab es keine Gelegenheit, ihr zu sagen, wie toll er sie eigentlich findet. Dann endlich fand er einen Weg, er formulierte seine Bewunderung, so, dass sie es, dachte er, eigentlich gar nicht missverstehen konnte. Sie aber verstand miss, im Gegenteil, sie fühlte sich zutiefst angegriffen. Und beschimpfte ihn. Worauf sein Selbstvertrauen angeknakst war, er empfand sich noch kleiner als er ohnehin war, er fürchtete, dass er alles falsch machen würde, was sich falsch machen ließ. Aber es half nichts: Er fand dennoch toll, was die Dame machte, er bewunderte sie weiterhin, trotz des Beschimpfens. Er gab ihr sogar noch neue Chancen, wenn sie einmal etwas machte, was nicht ganz so toll war, denn es könnte ja sein, dass sie das nächste Mal etwas umso tolleres machen würde. Und, tatsächlich, sie machte umso tolleres.

Christiane Rösinger war in meiner musikalischen Sozialisation eigentlich immer da, ähnlich wie The Cure, Die Sterne oder, ähem, Depeche Mode. Anfang der Neunziger spielte Rösingers damalige Band Lassie Singers im Ulmer Cat Café, damals der Ort, an dem sich alle Ulmer trafen, die das unbestimmte Gefühl hatten, anders zu sein. Fand ich ganz nett, den Auftritt, aber irgendwo auch nicht anders genug, so ein wenig wie die Ärzte auf weiblich, was natürlich nicht stimmte, aber zeigte, wie wenig Ahnung ich eigentlich hatte.
Ende der Neunziger war ich nach Berlin gezogen, die Lassie Singers hatten sich gerade aufgelöst, Thomas Groß schrieb in der taz einen überzeugenden Artikel, weswegen diese Band das Beste des zu Ende gehenden Jahrzehnts gewesen sei, Christof Meueler schrieb in der jungen Welt einen überzeugenden Artikel, weswegen Rösingers Nachfolgeband Britta das Beste des kommenden Jahrzehnts sei, und ich ließ mich von der Begeisterung mitziehen („Begeisterung“ in Anführungszeichen: Britta blieben immer ein Nischenphänomen, Feuilletonlieblinge, die eng vernetzt in Musikerkreisen waren, aber nie großen Massenerfolg hatten). Ich war auf der Releaseparty der ganz großartigen ersten Britta-CD „Irgendwas ist immer“ im damals noch tollen Maria, ich hörte Britta im Vorprogramm von Blumfeld auf der „Old Nobody“-Tour in der doofen Kalkscheune, ich hörte Britta mit ihrer zweiten CD „Kollektion Gold“ vor einer Handvoll Zuschauer im winzigen Hamburger Molotow. Und ich schrieb, endlich eine Rezension über Brittas dritte CD „Lichtjahre voraus“, 2003. Ein heftiges Lob, eine Ehrerbietung. Dachte ich.
Christiane Rösinger dachte das nicht. Rösinger dachte schon bei den ersten Sätzen: was für ein Arschloch! Die ersten Sätze lauteten: „Eine halbe Stunde Britta gehört und schon mies gelaunt – klasse CD!“ Klasse CD, ich nahm an, man könne das nicht falsch verstehen, Rösinger aber schrieb mir eine wütende Mail in die Redaktion, von Herzen verletzt. Schlimmer noch, ein paar Tage später spielten Britta im Indra, und Rösinger beschimpfte mich von der Bühne herab. Ich war verzweifelt. (So verzweifelt, dass ich nichte einmal in der Lage war, zu realisieren, dass Rösinger, geboren in Rastatt, ja aus Baden kam, ich hingegen aus Schwaben, was doch jedes Missverständnis erklären würde, denn Schwaben und Badenser, das geht einfach nicht.)
Aber nicht verzweifelt genug. Weil Britta ja trotz allem eine tolle Band waren, „Lichtjahre voraus“ war meine CD des Jahres, auch wenn das anscheinend nicht so klar rüber kam. Und dann eben: der Zusammenbruch. 2004 ging der Vertrieb EFA pleite, was auch das Aus für das bandeigene Label FLittchen Records bedeutete, Ende des Jahres starb Schlagzeugerin Britta Neander überraschend, die Band befand sich im Zustand der Auflösung. Trotzdem oder gerade deswegen: Die letzte Britta-CD „Das schöne Leben“ schlug sogar „Lichtjahre voraus“, inklusive der Jahrtausendzeilen „Ist das noch Bohème/oder schon die Unterschicht?“ („Wer wird Millionär?“), ein textliches und musikalisches Meisterwerk aus schlechter Laune, Galgenhumor, Abgrund. Ich hörte ein letztes Britta-Konzert, 2007, mit Jens Friebe am Schlagzeug, im Hamburger Uebel und Gefährlich, die Band war desintegriert, es lief nicht rund, die Ansagen funktionierten nicht, der Sound war schlecht. Aber vielleicht konnte da noch was kommen, vielleicht?

Es kam: Christiane Rösingers atemberaubendes Soloalbum, „Songs of L. and hate“. Eine Songplatte, warm aber sparsam instrumentiert, Akustikgitarre, Schlagzeug, manchmal noch eine Elektrische dazu. Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl spielt das Boogie-Piano, das mir schon bei seiner angestammten Band immer ein wenig auf die Nerven geht, egal, die Platte ist rund. Manchmal frage ich mich, ob die schlechte Stimmung Rösingers Pose ist, oder ob es dieser Frau tatsächlich sehr, sehr schlecht geht, aber dann sehe ich sie beim Konzert, wie sie lächelnd einen Song wie „Desillusion“ spielt, wie sie „Sinnlos“ spielt und wie „Es geht sich nicht aus“, und mir wird klar: Diese Frau hat es geschafft, eine Ästhetik der schlechten Stimmung zu entwickeln, und sie lebt diese Ästhetik mit Lust. Sie genießt sie.

Ich verehre Christiane Rösinger.

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