25. Juni 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich: Maria Lassnig · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Van Gogh, Picasso, Goya – schön und gut, aber beliebig. Die drei hatten kaum mehr als ihre Prominenz gemeinsam. Lassnig wäre in einer Reihe mit Louise Bourgeois (ironisch-esoterische Hinterfragung des eigenen Körpers) und Marina Abramovic (Distanzlosigkeit zwischen Künstlerinnenkörper und Bildträger) viel besser aufgehoben. Aber Bourgeois und Abramovic, das sind ja Frauen, und mit denen will man seine Jahrhundertkünstlerin nicht in die Schublade stecken. Van Gogh macht da schon mehr her, denken Männer wie Dirk Luckow.

Ich habe in der morgen erscheinenden jungen Welt eine Ausstellungsbesprechung veröffentlicht: Es geht um die Retrospektive „Der Ort der Bilder“ der österreichischen Malerin Maria Lassnig in den Deichtorhallen, eine sehr gelungene Ausstellung übrigens, bei der sich ein Besuch auf jeden Fall lohnt und bis 8. September auch möglich ist. Nur die Rede zur Eröffnung von Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow stieß mir sauer auf. Weil Luckow Lassnig entweiblichte, bloß keine Feministin! Besser: in eine Reihe mit (männlichen) Großkünstlern! Ärgerte mich ein wenig: dieses Geringschätzen feministischer Programmatik, die bei Lassnig doch eigentlich überdeutlich ist.

Aber, wie gesagt, nichts gegen die Ausstellung.

28. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als du kleines Menschlein dir vorstellen kannst · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , ,

Kommt ein Mann zum Pfarrer und erzählt, dass er nicht an Gott glaube. Sagt der Pfarrer mit beseeltem Blick: „Das ist ein Beweis für die Güte des Herrn: Du bist Atheist, und er akzeptiert dich dennoch, so wie du bist.“ (Ja, okay, ich habe mir den Witz gerade erst ausgedacht, da darf man kein Fips Asmussen-Niveau erwarten.)


(Foto: © Henning Rogge/Deichtorhallen)

Zu Beginn der Ausstellung „Wunder“ in den Deichtorhallen begegnet einem eine Installation von Joseph Beuys: „Eurasienstab“, vier an eine Wand gelehnte Filzwinkel (im Bild links). Beuys wollte, so informiert der Ausstellungstext, mit diesen Gerätschaften eine geistige Verbindung zwischen West und Ost herstellen, eine Brücke zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Europa und Asien, während des tobenden Kalten Kriegs. Ich weiß, dass sich über Beuys, den wohl bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, Klügeres sagen lässt als solch Geschwafel, der Satz macht aber deutlich, welches Problem ich oft mit Beuys habe: Man kann ihn ganz leicht vereinnahmen, für dummen, nicht durchdachten Antirationalismus. Für die Grünen, für die Anthroposophen, für eine Ausstellung wie „Wunder“.
„Wunder“ haut nicht fröhlich in die weihnachtliche Kerbe des Wunderglaubens, „Wunder“ ist raffinierter. Eine Videoinstallation von Johanna und Helmut Kandl zeigt Wallfahrer, glücklich, verzückt, fanatisch. Dass in diesem kollektiven Glücksgefühl auch eine Bedrohung liegt, verschweigt die Ausstellung nicht, gleichzeitig deutet sie aber an, dass in solch einem Gemeinschaftsgefühl eine Kraft stecken muss, die mit individualisierter Wissenschaftlichkeit nicht fassbar ist. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als du kleines Menschlein dir vorstellen kannst, sagt die Ausstellung. Und was spricht dagegen, dieses Unvorstellbare als „Wunder“ zu bezeichnen?
Das immerhin spricht dagegen: dass Wunderglauben fast immer Hand in Hand mit Religion geht. Diese Verbindung spart die Ausstellung verschämt aus, entsprechend gibt es auch keine Kritik an dem disziplinierenden Charakter von Religion (und nur in einem versteckten Kabinett, in dem Kinder ihre Vorstellungen von göttlichen Wundern formulieren durften, wird klar, wie der Hase läuft). Im Grunde ist „Wunder“ eine stockreaktionäre Veranstaltung, die sich nicht einmal traut, zu ihrem reaktionären Charakter zu stehen.
Was die kuratorisch eigentlich ganz gut aufgestellten Deichtorhallen geritten haben dürfte, sich auf solch schlüpfriges Terrain zu begeben, man weiß es nicht. Immerhin muss sich kein hauseigener Kurator für den Schmonzes verantworten, die Schau ist schlüsselfertig eingekauft von der Berliner Praxis für Ausstellungen und Theorie, drei freien Ausstellungsmachern, die sich selbst an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Kulturgeschichte verorten und bislang Schauen wie „Der Ball ist rund“ anlässlich 150 Jahren DFB im Gasometer Oberhausen oder „Schmerz“ im Hamburger Bahnhof Berlin konzipierten. Erfolgsausstellungen. Was das Trio allerdings über den Publikumserfolg hinaus mit „Wunder“ bezweckt, erfährt man nicht.
Am Ende steht die Religion. Am Ende steht die Erkenntnis, dass jeder an Wunder glaubt, solange er nicht so größenwahnsinnig ist, alles zu verstehen – und wer an Wunder glaubt, der glaubt auch irgendwo an Gott. Oder an die Gemeinschaft. Oder an die Kunst, ist ja alles dasselbe, dieses nicht Fassbare: „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Davon, dass man womöglich durchaus akzeptiert, nicht alles zu wissen, für dieses Nichtwissen aber auch keine übergeordnete Erklärung braucht, schweigt diese Ausstellung.

Kommt ein Mann zum Kurator und erzählt, dass ihn Wunder eigentlich überhaupt nicht interessieren. Sagt der Kurator mit maliziösem Blick: „Dieser Skeptizismus, ist der nicht wunderbar?“

(Wunder. Kunst, Wissenschaft und Religion vom 4. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bis 5. 2., Deichtorhallen, Hamburg)

Was bisher geschah: Seit zehn Jahren wird Berlin unaufhaltsam zur Kulturmetropole. Hamburg derweil setzt zunächst aufs falsche Pferd, und läuft kulturpolitisch Amok, als klar ist, dass das nichts mehr wird.

4. Auf verlorenem Posten
Es ist nicht alles schlecht. Bei der vorgezogenen Bürgerschaftswahl am 20.2.2011 wurde die personell wie inhaltlich ausgeblutete CDU mit 21,9 Prozent der Stimmen massiv abgestraft, stärkste Partei wurde mit 48,4 Prozent die SPD, die mit Olaf Scholz jetzt den Bürgermeister stellt. Der geschätzte Blogger kid37 weist mich in den Kommentaren darauf hin, dass ich in meiner Chronik des Niedergangs auf dem (halb-)linken Auge blind sei, „eine Klammer fehlt zu Voscherau und dem der CDU vorangegangenen SPD-Senat. Schon damals (…) wurde klar, wie sehr hier generell oft Weitblick und Visionen für die Kulturszene und eben Kreativwirtschaft fehlen“, da hat er zwar grundsätzlich recht (ich rette mich in die Entschuldigung, dass ich als erst 2001 zugezogener Quiddje das SPD-regierte Hamburg gar nicht kennen kann), nur: Olaf Scholz sehe ich seit Jahren immer mal wieder in Premieren und auf Vernissagen, seine beiden Vorgänger von der CDU sah ich dort nie.
Das mag noch nichts sagen, auch die Tatsache, dass die SPD mit einer absoluten Mehrheit regiert und so dem Risiko der Machtarroganz ausgesetzt ist, verheißt nichts Gutes. Aber immerhin, es scheint der politische Wille da zu sein, für Kulturpolitik richtig Geld in die Hand zu nehmen. Und mit der aus Wowereits Berlin eingekauften parteilosen Barbara Kisseler hat Hamburg endlich wieder eine Kultursenatorin, die im Gegensatz zu ihren Vorgängern erstens ein Standing in der Szene hat und zweitens ausreichend intellektuelle Schärfe. Ach, was hatten wir das vermisst.
Und es gibt, die vorangegangenen Artikel erweckten vielleicht einen falschen Eindruck, einige, die hier etwas vermissten. Die Hamburger Kulturszene hat durchaus wache Köpfe, die einen guten Job machen, Joachim Lux etwa hat aus dem unter Ulrich Khuon nach und nach etwas zu erfolgsverwöhnten Thalia Theater in kürzester Zeit einen ziemlich coolen Diskursraum gemacht und gleichzeitig eine ganz eigene Ästhetik der Angreifbarkeit und des Unfertigen entwickelt. Man mag Dirk Luckow vorwerfen, dass die Deichtorhallen seit Beginn seiner Intendanz vor allem mit arg leicht konsumierbaren Ausstellungen an der Grenze zum Populismus auffielen, dann muss man ihm allerdings auch zugestehen, dass diese Ausstellungen, seien das nun Gilbert & George (hier mein Ausstellungsbericht) oder die Sammlung von Julia Stoschek (hier), dass all diese Ausstellungen funktionierten. Zumal Luckow dazu noch die Mammutaufgabe wuppte, die hochkarätige Sammlung Falckenberg organisatorisch in die Deichtorhallen einzugliedern. Und, überhaupt, wer Pop ohne Populismus möchte, für den gibt es Florian Waldvogels Ausstellungsprogramm im Hamburger Kunstverein, diskursiv und politisch, mit Ausstellungen wie „Freedom of Speech“ (hier). Außerdem hat es Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard mit einer klugen Dramaturgie geschafft, das Zentrum für freies Theater trotz der Lage weit ab von der Innenstadt zu einem glühenden Nachtleben-Hotspot zu machen. Wobei gerade Kampnagel auch beweist, wie fragil dieser Erfolg ist: Der extrem erfolgreiche Leiter des Kampnagel-Sommerfestivals, Matthias von Hartz, der als hochanalytischer Kopf einen interessanten Reibungspunkt zum Bauchmenschen Deuflhard darstellte, wird Hamburg 2013 verlassen, Ziel: spielzeit’europa, das Theaterprogramm der Berliner Festspiele.
Dazu kommen natürlich Sorgenkinder, allen voran das Deutsche Schauspielhaus, das führungs- und vor allem visionslos dahintreibt, bang auf 2013 wartend, wenn Karin Beier vom Schauspiel Köln kommt, endlich die intendantenlose Zeit beendet (momentan verwaltet das Haus ein Kollektiv aus kaufmännischer Geschäftsführung und Dramaturgie) und wahrscheinlich der gesamten Belegschaft kündigt. Dann die Oper, wo Simone Young fast ausschließlich auf Kulinarik setzt und dabei jeglichen Entwicklungen im Regietheater, nein, nicht einmal hinterherläuft. Und schließlich die Kunsthalle, an der Hubertus Gaßner unter solchen Finanzproblemen ächzt, dass der Ausstellungsbetrieb kaum aufrechtzuerhalten ist, gleichzeitig aber auch keine Visionen entwickelt, wo er mit dem Museumskonglomerat eigentlich hinwollen würde, wäre denn ausreichend Geld da. Aber das sind Sorgenkinder, wie es sie in wahrscheinlich jeder größeren Stadt gibt. Damit könnte man leben.

Womit man aber kaum noch leben kann, das ist das Gefühl der halbwegs erfolgreichen Kulturmacher, nicht ohne Fortune zu kämpfen und dennoch auf verlorenem Posten zu stehen. Das Gefühl, in einer Stadt zu arbeiten, die sich zwar nach einer langen Durststrecke langsam wieder für Kultur zu engagieren scheint, im Grunde aber keinen Sinn für die Künste hat.
Symptomatisch ist der Zustand der erfolgreichsten kulturellen Initiative der vergangenen Jahre, der Besetzung des Gängeviertels: Die Künstler, die hier auf Verdrängung und Formierung des Stadtraums hinwiesen, haben vordergründig einen Sieg errungen, das Quartier wird nicht wie geplant abgerissen und für ein Büroprojekt verramscht. Aber längst sind die Verhandlungen über die weitere Nutzung festgefahren, das Interesse der Politik an einer künstlerischen Bespielung der Stadt geht wieder gegen Null.

Und das tut mir in der Seele weh: dass die Stadt, die ich doch mag, in der ich seit zehn Jahren doch gerne lebe, sich so überhaupt nicht interessiert. Für Kunst.

25. Juni 2011 · Kommentare deaktiviert für Und Boris Blank isst eine Brezel · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , ,

Als Teenanger hörte ich manchmal die Schweizer Band Yello. Die schnellen, hektischen Titel, „Oh Yeah“, „Rubberbandman“, „The Race“, den einzigen echten Chartshit in der Bundesrepublik. Wobei ich diese Songs nicht als Techno-Vorläufer wahrnahm, auch nicht als Tribal-Exegese, sondern nur als lustige Rhythmusexplosion. Die andere, jazzige Seite Yellos, Songs wie „Desire“ oder „The Rhythm Divine“, fand ich schon damals langweilig, auf Plattenlänge aushalten mochte ich das Duo ohnehin nicht. Heute interessiert mich ein Stück wie das schnelle „Bostich“ gar nicht mehr, dafür finde ich „Desire“ plötzlich spannend, was wohl bedeutet, dass ich ein alter Sack geworden bin, der gerne ruhige Sachen hört, weil er mit ungestüm jugendlicher Rhythmik nicht mehr klar kommt.

So gesehen ist es ein wenig blöde, dass bei Dieter Meiers Ausstellungseröffnung in der Hamburger Sammlung Falckenberg lauter Videos zu schnellen Songs laufen. Was andererseits aber auch Sinn macht, weil der Sänger von Yello in diesen Promovideos eine Stopmotiontechnik anwendet, die selbstgemacht wirkt und gleichzeitig auch ausreichend Kunstcharakter hat, dass sie problemlos als Übergang zum Werk Meiers als Bildender Künstler funktioniert.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=F7-wSiuAvCo]

Dieter Meier ist bei Yello zuständig für Texte, Sprechgesang und alles Visuelle. Boris Blank ist zuständig für alles Musikalische. Das zerhackt zwar ein wenig das Rockband-Modell, das Ideal „Fünf Freunde müsst ihr sein“, das eröffnet Meier aber gleichzeitig auch eine Möglichkeit, mehr als nur Popmusiker zu sein: Filmemacher. Bildender Künstler. Konzeptkünstler. Wobei ein Teil dieser Konzeptkunst dann das Konzept „Band“ sein kann. Ein anderer wäre typische 70er-Jahre-Aktionskunst im öffentlichen Raum, das Beschreiten einer Linie im Stadtraum etwa, oder Meiers bekanntestes Werk im Kunstkontext, die Erstellung einer Tafel in Kassel zur documenta 1972 mit der Aufschrift „Am 23. März 1994 von 15.00-16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen“ und der Umsetzung dieser Ankündigung, 22 Jahre später. Oder aber: das Geschichtenerzählen. Meier ist ein großartiger Fabulierer, der eine hinreißende Fotoreportage zur Besteigung des fiktiven „Monte Dorado“ erstellen kann und dabei den subversiven Schalk eines Erwin Wurm ausspielt, schön.

Zur Vernissage aber spielt Maier plötzlich wieder den Chansonnier, er ist ein älterer, gepflegter, ein wenig skurriler Protoschweizer mit leichtem Gilbert & George-Touch, ein lebendes Kunstwerk, das sich ans Mikro stellt und tatsächlich singt, begleitet von Gitarre und Violine. Yello-Sidekick Boris Blank derweil, der Mann für Samples und Maschinen und Dekonstruktion des Popduo-Konzepts, steht im Publikum und isst eine Brezel. Ganz kurz denkt man sich: Vielleicht weint er gerade.

Er kann ja nichts dafür. Wahrscheinlich interessiert sich Rainer Langhans tatsächlich für die Ausstellung seiner Weggefährtinnen Gisela Getty und Jutta Winkelmann. Man kann es ihm nicht verdenken, dass er sich eine Ausstellung anschaut, die eine Geschichte erzählt, welche in Teilen auch die eigene Geschichte ist. Es ist okay, dass Rainer Langhans heute abend in den Hamburger Deichtorhallen ist, allein, es hilft nichts: Wenn man sich den 70-Jährigen Zausel anschaut, dann denkt man weniger an 1968 und mehr an RTL.

Man weiß ja, was einen erwartet. Die feierliche Eröffnung der Triennale der Photographie ist natürlich keine kleine, sperrige Ausstellung in einer Altonaer Hinterhofgalerie (solche Ausstellungen mag es auch geben während dieses groß angelegten Fotofestivals, nur eben nicht zum Start), es ist eine große, massentaugliche Ausstellung im größten Ausstellungshaus der Triennale, den Deichtorhallen. Nein, tatsächlich sind es zwei kleinere Kabinettausstellungen: „The Twins“, teils sehr slicke Fashionfotografien, teils hübsch beiläufige Polaroids der Kasseler Zwillingsschwestern Getty und Winkelmann, die in den frühen Siebzigern zu It-Girls der internationalen Mode-Kunst-Politszene avancierten und die uns die Schau als Vorläuferinnen des heutigen Stylefeminismus einer Charlotte Roche verkaufen möchte. „Eine Geschichte von zwei Mädchen, die loszogen, sich selbst zu befreien und die Liebe in die Welt zu bringen“, wie Ausstellungsmacher Ingo Taubhorn in leicht schwülstiger Kuratorenprosa schwärmt. Und im gegenüberliegenden Kabinett eine Collage zur Warhol-Muse Joe Dallesandro, wobei vor allem überrascht, wie perfekt sich die queeren Inszenierungen Dallesandros in die grausige Ausstellung „Männerbilder“ im Zentrum der südlichen Deichtorhalle einpassen.

Das ist wohl der erschreckendste Moment dieses Abends: Als man kapiert, wie gut das alles zusammenpasst in eine Ästhetik der Schmerzvermeidung, in eine Ästhetik des schönen Bildes. Egal ob die Zwillingsschwestern als Zeitdokument rezipiert werden, Dallesandro in atemberaubender Schönheit Geschlechteridentitäten dekonstruiert oder Starfotografen die ewig gleichen Macherfressen Brad Pitt, Barack Obama oder George Clooney als Männlichkeitsikonen reproduzieren – es passt alles. Das muss so. Und das geht ja auch in Ordnung, zur Eröffnung. Weswegen die letzte Rede auch kein Kunstkenner halten darf, sondern ein Dampfplauderer, der ehemalige Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek. Der dann auch wunschgemäß den dicken Max gibt und den Blick wieder zurück lenkt auf Langhans, schade, fast hatten wir ihn vergessen.

Die Fotografen springen auf und knipsen: Langhans, Witzfigur der 68er, Held des Dschungels. Ein wenig tut er einem leid, wie er da missgelaunt steht und weiß, er ist nur noch ein Abziehbild. Man selbst ist erst einen Moment unschlüssig, dann knipst man auch, ein echter Promi ist ja auch viel interessanter als diese ganze Kunst hier, nicht wahr? (Das ist eine Provokation, natürlich ist jedes einzelne Bild in diesem Raum interessanter als Langhans.) Und dann erinnert man sich an die einführenden Worte der neuen, von Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow mit heftigen Vorschusslorbeeren bedachten Kultursenatorin Barbara Kisseler: „Verehrte Kultfiguren, verehrte Zelebritäten …“ Eine Kunstpause folgt, in der die gebürtige Rheinländerin mit neuhanseatischer Contenance ihren Abscheu im Zaum hält: „… und die, die sich dafür halten.“ Der Applaus, der in diesem Moment aufbrandet, zeigt, dass auch das Publikum gemerkt hat: Hier ist gerade etwas ins Rutschen geraten, hier steht plötzlich nicht mehr die Kunst im Mittelpunkt, nein, die Kunst steht nicht einmal mehr gut sichtbar an der Seite, die Kunst ist plötzlich ganz unwichtig geworden, verschwunden hinter Langhans und dem Promiverständnis des Privatfernsehens.
Und dass das plötzlich gar nicht mehr gutgefunden wird, das ist die gute Nachricht dieses Abends.

Die „Jack Freak Pictures“ sind Bilder von Gilbert & George. Viel mehr braucht man nicht zu sagen, Gilbert Prousch und George Passmore machen, was sie machen, also großformatige, comicartige Collagen, in denen sie hoch ironisch gegen restriktive Sexualmoral, Religion und Konventionen agitieren. Das ist immer extrem unterhaltsam, immer handwerklich auf höchstem Niveau und immer auch irgendwie dasselbe. Bei den „Jack Freak Pictures“ geht es in erster Linie um die Auseinandersetzung der beiden Endsechziger mit Religion, und dabei freut es einen erstmal, dass die Arbeiten in den Hamburger Deichtorhallen ausgestellt sind. Die bieten nämlich ausreichend Platz für die 120 teilweise riesigen Arbeiten. Ansonsten haben Prousch und Passmore diesmal den Reiz des Kaleidoskops entdeckt, immer wieder wird der Blick gebrochen, verzerrt, vervielfältigt, bildet neue Anordnungen und Muster und sorgt spätestens beim dritten Bild dafür, dass man sich fühlt, als ob man die Decke eines gotischen Kirchenschiffs betrachten würde, das ist raffiniert. (Eher nervig ist, dass man sich spätestens beim sechsten Bild fühlt, als ob man eine Esoterikzeitschrift lesen würde, das ist weniger schön, wird aber dadurch relativiert, dass einem immer wieder die Gilbert & George-typische Ironie dazwischen grätscht. Denn mit Ironie haben es echte Esos ja nicht so.) So durchwandert man die Ausstellung, findet eigentlich alles ganz gut und fragt sich nach einer Weile, ob man sich denn langsam mal ein Bier holen sollte.

Leider holt man sich keines, weil erstmal das Mikro knackt. Der britische Botschafter Simon McDonald hält eine freundliche Rede, das geht noch. Dann aber kommt Reinhard Stuth, der scheidende CDU-Kultursenator, und jetzt möchte man ganz schnell betrunken sein. Denn Stuth hat auf ziemlich vielen Bildern von Gilbert & George den Union Jack entdeckt, und das ist für ihn der Aufhänger für seine Rede. „Mit nationalen Symbolen tut man sich in Deutschland ja schwer“, ach was, warum wohl? Stuth versucht ernsthaft, Gilbert & George als Kronzeugen für einen unverkrampften Umgang mit der Flagge zu gewinnen, aber er hält seine Rede auf Deutsch, man darf also hoffen, dass die beiden Künstler ihn nicht verstehen.
Es gab einmal eine Zeit, da wurde gemutmaßt, dass Gilbert & George einen leichten Rechtsdrall hätten. Diese Vermutungen waren schon damals an den Haaren herbei gezogen: Grob gesagt, bezogen sie sich auf eine Bilderserie, auf denen einzelne Neonazis zu sehen waren, es war aber nicht schwer, in den aggressiv maskulinen Codes der Skinheads schwule Pornoposen nachzuweisen, falscher Alarm also. Außerdem sind Gilbert & George nicht gerade Fans des Islam, Kunststück, Gilbert & George mögen überhaupt keine Religion. Vor sechs Jahren interviewte ich die Beiden fürs uMag, und in diesem Gespräch ging es um genau dieses Thema.

uMag: Sind Sie religiös?
George: Wir beschäftigen uns mit Religion in unseren Bildern, ja. Gilbert wurde katholisch erzogen, ich protestantisch.
Gilbert: Ich glaube nicht an Gott. Ich glaube an eine Kraft, bei der wir nicht wissen, wo sie herkommt, aber nicht an einen christlichen Gott. So ist das.
uMag: Ich habe Ihre Ausstellung im Frankfurter Portikus gemeinsam mit einer spanischen Katholikin gesehen, und sie fühlte sich von Ihren Bildern angegriffen.
George: Die Katholiken sind die Muslime der christlichen Welt. Wenn man alle unterschiedlichen christlichen Gruppen nimmt, Katholiken, Anglikaner, Baptisten, Methodisten, Quäker … dann sind Katholiken die Muslime. Sie haben die gleichen Ansichten über Kondome und so.
Gilbert: Es ist gut, wenn sie sich angegriffen fühlen. Es muss sie angreifen, weil sie Unrecht haben. (mit Nachdruck) Sie haben Unrecht. Die Kirche hat Unrecht.

Und, ja, das sind Ansichten, die dürfen Gilbert & George vertreten. Es geht hier um ein schwules Paar, und das wird angegriffen, von Katholiken, von Muslimen, da dürfen sie sagen: Wir mögen die nicht. Wenn man dafür gleich von rechts vereinnahmt wird, dann weiß ich auch nicht.
Ich habe damals das Gespräch anlässlich der Ausstellung „Twenty London East One Pictures“ in der Kestnergesellschaft Hannover geführt, einer Ausstellung, die ziemlich scharf das Wohnumfeld der Künstler im Londoner East End porträtierte. Wenn ich es richtig verstehe, ist die Gegend so eine Art britisches Kreuzberg: migrantisch geprägt, unter starkem Gentrifizierungsdruck, mit heftigen sozialen Gegensätzen. Es ist sicher nicht immer schön, da zu leben. Aber das Leben im Londoner East End ist eben auch ein Leben, bei dem die Gegensätze eine kreative Reibung erzeugen, die Kleinbürger und die Junkies und die Islamisten – und mittendrin das schwule Künstlerpaar. Diese kreative Reibung macht das Leben lebenswert, bei allen Problemen. Das Künstlerpaar mit dem Union Jack einzusacken, wie Kultursenator Stuth es versucht, das funktioniert nicht, zumal das Britische schon bei Gilbert & George ein gebrochenes Nationalgefühl ist: Gilbert Prousch wurde 1943 im ladinischen Bergdorf St. Martin in Thurn geboren und kam erst in seinen Zwanzigern nach London, hat also selbst einen Migrationshintergrund. Wenn Gilbert & George den Union Jack verwenden, dann wirkt das eher wie ein typisch britischer, extrem negativer Umgang mit nationalen Symbolen, der seinen Ursprung im Punk hat: von den Sex Pistols („God save the queen/the fascist regime“) über Morrissey („The kind people/have a wonderful dream:/Margret on the guillotine“) bis ganz aktuell zu PJ Harvey („What is the glorious fruit of our land?/The fruit is orphaned children!“). Kennt Stuth natürlich alles nicht.
Zum Ende seiner Rede möchte der Kultursenator noch einen Witz machen, leider auf Englisch. Und er zitiert Bismarck, vor dem distinguierten, klugen, schwulen Künstlerpaar (und merkt gar nicht, was für einen homphoben Klopper er da unfreiwillig landet): „Short speeches, long sausages!“

Und in dem Moment möchte man vor Fremdscham schon am liebsten im Boden versinken.


Die Guten Aussichten, das ist in erster Linie ein Wettbewerb für den Fotonachwuchs: Sieben Studenten präsentieren ihre Abschlussarbeiten, tolle Sache, gibt es wie Sand am Meer. Aber irgendwie haben es die Guten Aussichten in sieben Jahren geschafft, hier herauszustechen, nicht ein Wettbewerb unter vielen zu sein, sondern der Nachwuchswettbewerb. Verstehe einer die Wege der Kulturhierarchien.
Jetzt also: Establishment. Entsprechend fühlt man sich auf einer Gute-Aussichten-Vernissage nicht mehr als Avantgarde, sondern als eine Art Masse, die von Bild zu Bild geschleust wird, zwischen Stylern, die sich sonst nie auf Kunstveranstaltungen verirren, alten Szenehasen, die ohnehin überall hin gehen, wo Blitzlichter, Reden und schlechte Luft zu erwarten sind und Freunden, Kommilitonen, Verwandten der Preisträger. Ist nicht schlimm, nur voll. Aber: Zumindest am Donnerstag in den Deichtorhallen konnte man sich kaum auf die Kunstwerke einlassen, weil ständig von hinten jemand drängelte, von der Seite jemand grüßte und von vorn jemand irritierte, weil: Kenne ich den? Muss ich den kennen? Und um was geht es hier eigentlich?

Worum geht es eigentlich? Mit dieser Frage bringt einen die Ausstellung in Teufels Küche, weil ein gemeinsamer Nenner mittlerweile kaum noch ausmachbar ist, sieht man einmal von den biografischen Ähnlichkeiten der Ausgestellten aus. Oder, wie Deichtorhallen-Kurator Ingo Taubhorn zur Einführung formulierte: Prägende Schulen und vor allem prägende Lehrende, die sich fröhlich Epigonen heranzüchten, gibt es kaum noch. Was zur Folge hat, dass die große Qualität (und gleichzeitig das große Problem) dieser Ausstellung ihre Heterogenität ist: Ganz unterschiedliche Ästhetiken, sogar ganz unterschiedliche künstlerische Motivationen stehen verhältnismäßig unvermittelt nebeneinander, lässt man sich auf eine Bildsprache ein, wird man nur ein paar Meter weiter in eine ganz neue Welt geworfen. Damit muss man erst einmal umzugehen lernen.
Gute Aussichten 2011, da lässt sich, viel deutlicher als in der Vorjahren, kein Trend, keine Mode herauslesen. Es gibt die extrem abstrahierte, mathematisch genaue Installation „Spektrum“ von Katrin Kamrau (FH Bielefeld), deren Witz sich erst nach dreimaligem Um-die-Ecke-Denken erschließt: dass es hier nämlich um eine Dekonstruktion der Fotopraxis geht. Und nur einen Raum weiter findet man die dokumentarische, emotional anrührende Serie „Aussehnsucht“ von Rebecca Sampson (Ostkreuzschule Berlin). „Die Zeit dazwischen“ von Helena Schätzle (Uni Kassel) ist eine historisch-geographisch-biographische Kartographierung Osteuropas, die nicht zuletzt unglaublich gut gehängt ist (das Foto oben verschafft einen kleinen Eindruck), während direkt gegenüber Jan Paul Evers (HBK Braunschweig) mit „Modernismus fängt zu Hause an“ (gäbe es einen Preis für den schönsten Werktitel, Evers hätte ihn verdient) eine eher konzeptionelle Arbeit voll stillem Charme präsentiert. Drei Werke laufen einem eher leicht rein, das coole, unter seiner Bedeutung ein wenig ächzende „Konstruktion von Bewegung – Über das Handeln und die Wahrnehmung des Menschen in einem Gleichgewichtssystem“ von André Hemstedt und Tine Reimer (Hochschule für Künste, Bremen), die poppigbunte, an der Grenze zur Skulptur angesiedelte Spielerei „Somehing specific about everything“ von Samuel Henne (HBK Braunschweig) und der schöne, kalte Technizismus von Stephan Tillmans„Leuchtpunktordnungen“ (Technische Kunsthochschule Berlin).
Das gefällt mir nicht alles gleich gut, klar. Und die Hektik der Vernissage macht es nicht besser (was es allerdings besser macht: die einführenden Worte von Josefine Raab, die es schaffte, mit ganz wenigen Schlaglichtern den Kern der einzelnen Fotos herauszuarbeiten). Aber: Das Unformatierte, Flirrende, Heterogene, nicht zuletzt das Anstrengende dieses Gute-Aussichten-Jahrgangs macht die Präsentation so sehenswert. Ein Ausstellungsbesuch wie ein Gang quer durch den Gemüsegarten, da muss ja auch nicht alles zusamenpassen, aber hinterher hat man doch das Gefühl, etwas durchaus Lohnendes mitgemacht zu haben.

Noch bis 27. 2. in den Deichtorhallen Hamburg, dann in Burghausen, Stuttgart, Washington, Freising und Frankfurt.