Ich muss aufhören, mir das alles immer so zu Herzen zu nehmen.

Ich lese ja praktisch keine Krimis. Die interessieren mich nicht besonders, auch wenn ich weiß, dass es da literarisch recht anspruchsvolle Exemplare gibt: Es gibt auch literarisch überaus anspruchsvolle Science-Fiction-Romane, die lese ich praktisch auch nicht, weil sie mich nicht interessieren. Meine Güte, ich lese schon nicht alles, was mich interessieren würde, weil ich keine Zeit habe, weswegen soll ich dann Sachen lesen, die mich nicht interessieren? Zumal ich glaube, dass „Der Sturm“, ein sogenannter „Schwedenkrimi“ von Per Johannson auch nicht wirklich zu den literarisch spannendsten Beispielen zählt. Jedenfalls, Per Johannson ist ein Pseudonym. Und zwar von Thomas Steinfeld und Martin Winkler, und Thomas Steinfeld ist Feuilletonchef der geschätzten Süddeutschen Zeitung. In „Der Sturm“ wird ein Journalist ermordet, und dieser Journalist trägt die Züge von Frank Schirrmacher, Feuilletonist und Mitherausgeber der weniger geschätzten aber geachteten Frankfurter Allgemeinen Zeitung, so genau habe ich das nicht verstanden, und, wie gesagt, es interessiert mich eigentlich auch nicht besonders. Alles in allem ist „Der Sturm“ wohl so eine Art Hahnenkampf unter so Journalisten-Alphatierchen, und wenn mich etwas noch weniger interessiert als Kriminalromane, dann sind das Alphatierchen.

Jan Fleischhauer, notorisch unorigineller Rechtsausleger beim Spiegel hat das in einem für Fleischhauer-Verhältnisse ganz amüsanten Text so ähnlich analysiert. Es geht weniger um den Roman (der, wie ich annehme, das Lesen nicht lohnt, andererseits, woher nehme ich eigentlich diese Arroganz?), es geht über weite Strecken um die Person Schirrmacher, und weswegen Fleischhauer dem kritisch gegenüber steht, schließlich auch, weswegen er ihn eigentlich bewundert. (Man müsste sich wirklich mal Gedanken darüber machen, inwiefern dieser typisch rechte Hass auf alles Fremde in Wahrheit ein entsetzlich verkehrt sublimiertes homoerotisches Begehren darstellt.)

Und dann, in den letzten beiden Absätzen seines Textes, schmeißt Fleischhauer alles um. Plötzlich geht es nicht mehr um Schirrmacher und Steinfeld und Schwedenkrimis, plötzlich geht es ums Feuilleton. Fleischhauer schreibt:

Feuilleton ist in erster Linie Peergroup-Journalismus: Der eigentliche Adressat sind nicht die Leser, von denen der Chefredakteur ständig quasselt, sondern die Kollegen in den anderen Kulturabteilungen, also etwa 200 bis 300 Leute, die hoffentlich gehörig davon beeindruckt sind, wie virtuos man die Pussy Riots durch die Adorno-Mühle gedreht oder ein völlig unauffälliges Bürogebäude zum hässlichsten Hochhaus Berlins erklärt hat.

Man teilt sich die Vorurteile, die Kneipen und praktischerweise auch die Wohnviertel, also etwa fünf Kilometer rund um das Grill Royal in der Mitte der Hauptstadt. Kein Wunder, dass sich umgekehrt jemand allein durch die Tatsache verdächtig macht, wenn er dort nicht verkehrt, sondern lieber an seinem See am nächsten Bestseller sitzt. Das ist zwar ebenfalls elitär, aber auf eine so exzentrische Weise, dass es für diese Art kleinkollektiver Dünkelhaftigkeit völlig ungeeignet bleibt

Ich weiß nicht, weswegen Fleischhauer das macht. Ich fürchte, er saß am Ende seines Texts und stellte fest: „Meine Güte, ich habe einen ganzen Artikel geschrieben, und ich habe bisher kein einziges Mal auf eine Verschwörung hingewiesen, auf linke Eliten, die sich zusammenrotten und dem gesunden Volksempfinden mittels Political Correctness vorschreiben, was es zu denken hat! Das geht nicht, da muss ich noch ein Feindbild konstruieren, und weil Islam, Feministinnen oder Grüne partout nicht in meinen Text passen, nehme ich eben das Feuilleton.“ Wenn ich, Falk Schreiber, da mal aus meinem Nähkästchen plaudern darf: Ich glaube, der Adressat meiner Texte sind sehr wohl die Leser. Eigentlich war es in jeder Kulturredaktion, in der ich bislang war (und so wenige sind das ja nun nicht) so, dass einem immer eingebläut wurde, dass man bei seinen Texten nicht an ein Fachpublikum zu denken habe, auch nicht an die Redakteurskollegen, sondern bitte immer an die Leser. Und in der Regel wurde das auch immer befolgt. Ich glaube, der einzige, der diesem Ratschlag nicht folgt, ist der politische Feuilletonist Jan Fleischhauer: Der schreibt nicht für Leser, der schreibt dafür, dass Kollegen wie ich den Artikel lesen und sich beleidigt fühlen.

Wenn man allerdings die Kommentare unter dem Text liest, dann stellt man fest, dass Fleischhauer durchaus einen Nerv getroffen zu haben scheint. Journalisten sind per se schon nicht wahnsinnig beliebt in der Bevölkerung, aber besonders unbeliebt unter den unbeliebten Journalisten sind anscheinend die Feuilletonisten. „Das bestätigt meine wildesten Vorurteile gegen Journalisten des ‚Kulturteils‘ der Medien. Wie armselig und lächerlich ist das denn …… . Wie kann so ein Schreiberling denken, irgendwen außerhalb seines Biotops interessiert seinen Hass gegen einen Konkurrenten? Einfach nur abgrundtief infantil!“ schreibt „geleeman“. „(Dieser Skandal) ist der untaugliche Versuch der Feuilleton-Zombies dem Leser vorzugaukeln das Feuilleton habe Lebendigkeit. Diese Buchalter der politischen Korrektheit – die es für eine Unverschämtheit halten, dass Physiker ihnen vorschreiben, dass das Jahr 1968 schon der Vergangenheit angehört – schreiben im Feuilleton, weil jedermann/frau weiss, dass sie dort am wenigsten Schaden anrichten können. Außer ihren paar Hundert Gleichgesinnten liest es sowie so niemand und so können sie dort – befreit von der Last der Realität – an ihren Legenden arbeiten. Ärgerlich nur dass man diese ewig gestrigen durch den Kauf einer Zeitung mitfinanzieren muß“, schreibt „HolgerS“. „Wie gut muss es Deutschland gehen, dass wir uns Schirrmacher und Fleischhauer noch leisten können. Wenn es uns wirklich nicht gut ginge, wären das zwei Posten, die schnell von der Lohnliste runter könnten, ohne das ein wirklicher Verlust wäre. ;-)“ schreibt „lini71“. So immer weiter, Feuilleton ist „links“, nutzlos, bald kommt auch der Vorwurf des „Gutmenschentums“, den Fleischhauer-Fans immer schnell zur Hand haben. (Dass das Feuilleton der eher rechten FAZ tatsächlich einen leichten Zug nach links hat – geschenkt. Dass aber das Feuilleton der eher linken taz eher ins Bürgerliche tendiert, wird fröhlich ignoriert.) Könnten sie, dann hätten diese sympathischen Figuren Journalisten wie mich längst arbeitslos gemacht. Könnten sie, dann hätten sie noch ganz andere Dinge mit mir gemacht. Mir ist schlecht.

Ich muss aufhören, mir das alles immer so zu Herzen zu nehmen.

Hierzulande gibt es (wie in den meisten westlichen Ländern) zwei politische Alternativen: eine sozialdemokratische und eine konservative. Beide Alternativen gehen grundsätzlich davon aus, dass wir alle im gleichen Boot sitzen würden, beide sind davon überzeugt, dass es den einen in diesem Boot besser gehen würde und den anderen weniger gut. Die Sozialdemokraten glauben allerdings, dass diese Unterschiede sich abschleifen lassen könnten, und zwar bestenfalls so, dass das niemandem schmerzen würde („Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor – dafür vielen besser“, sagte Helmut Kohl, der sozialdemokratischste Kanzler, den die Konservativen je hatten, 1990) die Konservativen glauben, dass die Unterschiede schon eine gute Sache wären, auch und gerade für diejenigen, die unten sind, weil das ja ihr gottgegebener Ort sei, und gegen Gott sich aufzulehnen, ist Hybris. Aus moralischer Sicht ist mir die sozialdemokratische Position zwar lieber als die konservative (was sich entsprechend in meinem Wahlverhalten niederschlägt), politisch aber bin ich davon überzeugt, dass beide Positionen auf einer falschen Basis stehen. Diese falsche Basis ist das Bild vom Boot, in dem wir alle Sitzen: Ich glaube nicht, dass ein Josef Ackermann, ein Karl-Theodor zu Guttenberg oder ein Guido Westerwelle irgendwie das Boot mit mir teilen. Ich glaube auch nicht, dass die im Oberdeck sitzen und ich unter der Wasserlinie. Ich glaube, dass es zwei Boote gibt: ein überladenes, manövrierunfähiges Floß und ein Schnellboot, das das Floß ohne Unterlass umkreist. Die Schnellbootkapitäne spritzen die Floßfahrer mit der Bugwelle nass, bringen das Floß immer wieder fast zum Kentern und fordern nicht zuletzt die Floßfahrer auf, sie abzuschleppen. Die einzige Alternative ist meiner Meinung nach, dass die Floßfahrer das Schnellboot mit Gewalt übernehmen und die Bootskapitäne über die Planke schicken. (Ja, das ist die Sehnsucht nach einer gewaltsamen Revolution, einer Revolution, die erstens nicht kommen wird und bei der zweitens ich als nächster an der Wand stehen würde. Revolutionen fressen ihre Kinder, und ich wäre in dem Fall ein sehr frühes Kind.)

Was ich eigentlich sagen will: Ich verdiene mein Geld damit, dass ich Texte schreibe, also mit immateriellen Gütern. Ich bin darauf angewiesen, dass diese Texte entlohnt werden, wenn dafür kein Geld fließt, kann ich es gleich bleiben lassen und muss mir einen Job suchen als, öh, als Busfahrer. Dann gibt es hier auch kein Blog mehr mit kostenfreien Texten, weil ich keine Querfinanzierung machen kann, auf der einen Seite das feste Redakteursgehalt, auf der anderen Seite das Texthonorar für die freien Arbeiten, gemeinsam ergibt das ein Einkommen, das mir das Überleben ermöglicht, das Überleben und hin und wieder einen Blogtext. Entsprechend: Ich bin ein absoluter Gegner der „Umsonst-Mentalität“ im Internet (auch wenn ich die Terminologie doof finde).

Dieses Blog steht unter einer Creative Commons-Lizenz. Das heißt, wer mag, darf die hier geposteten Inhalte verwenden, unter Quellenangabe und unter gleichen Bedingungen. Was er nicht darf: Geld damit verdienen. In diesem Zusammenhang verstehe ich Sven Regeners viel diskutiertes Statement im Bayerischen Rundfunk zum Urheberrecht: Wenn sich jemand Musik auf Youtube anhört, dann ist das ja nicht kostenfrei, da fließt (in Form von Werbegeldern, die wir alle beim Kauf der beworbenen Produkte zurückzahlen) ja durchaus Geld. Nur nicht in die Taschen der Künstler, deren Musik (beziehungsweise Filme beziehungsweise Kunst beziehungsweise andere geistige Produktion) gerade läuft, sondern in die Taschen des Weltkonzerns Google. So etwas muss man nicht gut finden. Man muss aber auch nicht wie Regener das Prinzip der ultrakommerzialisiserten Musikindustrie von vor zwanzig Jahren als Gegenmodell preisen.

Im aktuellen Spiegel (leider nicht online, hier gibt es eine Zusammenfassung) steht ein Streitgespräch zwischen Jan Delay und dem Piratenpartei-Abgeordneten Christopher Lauer. Auch Delay glaubt von Herzen an den Kapitalismus in der Kunst:

Lauer: (…) Nach unserer Vorlage bleibt das Urheberrecht beim Urheber. Wir ändern lediglich die Spielregeln zwischen Urheber und Verwerter.

Delay: Nee, Digger. Ihr ändert bitte überhaupt keine Spielregeln. Was du da gerade erzählst, verhandelt ein Künstler mit seinem Label. Wenn er einen schlechten Anwalt hat, kriegt er einen schlechten Vertrag. Wenn er schlechte Musik macht, wird er abgezockt. Wenn er gute Musik macht, hat er bessere Chancen, weil man ihn unbedingt signen will. Das hat euch überhaupt nicht zu interessieren, welche Verträge ein Künstler unterschreibt.

(…)

SPIEGEL: (…) Der Gestus des Pop war immer eher kapitalismuskritisch. Da ist es schwierig zu sagen: Ich will, dass die Leute bezahlen.

Delay: Ich finde nicht, dass Pop per se antikapitalistisch ist. HipHop schon gar nicht.

Wenn man mal davon absieht, dass Lauer sich in dem Gespräch von Delay vollkommen an die Wand quatschen lässt, frage ich mich schon, wo dieser unverrückbare Glaube an das Gute im Kapitalismus kommt. „Wenn er schlechte Musik macht, wird er abgezockt. Wenn er gute Musik macht, hat er bessere Chancen, weil man ihn unbedingt signen will“, das würde ja bedeuten, dass die Plattenindustrie ein Interesse daran hätte, gute Musik zu veröffentlichen, eine Aussage, die jeder Blick in die monatlichen Neuveröffentlichungen Lügen straft. Und überhaupt, „Das hat euch überhaupt nicht zu interessieren, welche Verträge ein Künstler unterschreibt“, Delay hat immer noch nicht kapiert, dass er als Künstler beim Vetragsunterschreiben gegenüber der Industrie grundsätzlich in einer schwächeren Position ist, genauso übrigens wie jeder Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber. Es ist ein ziemlicher Fortschritt in der Organisation der Arbeitnehmerschaft, dass sich zum Beispiel Gewerkschaften sehr wohl dafür zu interessieren haben, was für Verträge unterschrieben werden.

Ich glaube nicht an ein Urheberrecht, das die Entlohnung des Künstlers (und, zum Beispiel, des Journalisten) nach Kriterien des Marktes und des Kapitalismus organisiert. Das Prinzip einer Kulturflatrate finde ich nicht ohne Reiz, womöglich noch eine Umdrehung radikaler: Was spricht dagegen, dass jeder Bürger (zum Beispiel über eine massive Steuererhöhung) Geld abgibt, die für Kunst, Entertainment, Journalismus … verwendet wird? Wobei die Erzeugnisse dann nach Belieben kostenfrei genutzt werden können, die Bezahlung ist ja schon über die Flatrate abgegolten. Das hätte natürlich einen bürokratischen Wasserkopf zur Folge, die Fragen, was wie mit welchem Betrag gefördert wird, muss ja irgendjemand entscheiden. Andererseits funktioniert das ja schon leidlich im Bereich der Kulturförderung, das deutsche Stadttheatersystem ist nicht zuletzt deswegen so leistungsfähig, weil es konsequent aus dem Marktgeschehen rausgenommen ist. Steuererhöhungen sind momentan als politische Forderung nicht besonders populär, schon klar, aber ich denke, dass es langsam an der Zeit wäre, dass die Floßbesatzung das Schnellboot übernimmt.

(Das Bild oben zeigt das Tempelhofer Feld im Winter. Mir war irgendwie so danach.)

Ich bin also ein schlechter Mensch. Missgünstig, nicht fähig zur Vergebung. Wie der notorische Jan Fleischhauer auf SpOn schreibt:

Zu den Höhepunkten im Vollzug moralischer Politik gehört die Bekundung von Schuld und Reue. Jemand hat einen Fehler begangen, er ist darauf hin tief gefallen, nun bittet er die Öffentlichkeit um Verzeihung. Manchmal fließen in diesen Augenblicken auch Tränen, sie gelten dann als sicherer Beweis, dass die Entschuldigung von Herzen kommt.
Unüberhörbar weisen diese öffentlichen Bitten um Vergebung in den religiösen Bereich zurück, das macht sie so mächtig. Mit der fortschreitenden Säkularisierung der Alltagswelt sind die moralische Energien, von denen der katholische Glaube und mehr noch der Protestantismus lebte, ja nicht einfach abgestorben, sie haben sich lediglich verschoben. An die Stelle des Pietisten ist der moderne Tugendmensch getreten, dessen Glaubenseifer in immer neuen Vorschriften Entlastung findet.

Ich bin ein Pietist. Ich kann nicht mal gut sein lassen, trotz Reue, trotz der Worte „Das bedauere und bereue ich von Herzen“, die derjenige, um den es hier gehen soll, Karl Theodor zu Guttenberg, im Interview mit Giovanni di Lorenzo in der Zeit spricht. Das ist doch eine Entschuldigung, das ist doch ein Schuldeingeständnis, wie hartherzig kann man denn sein, wenn man darauf antwortet: Ich nehme diese Entschuldigung nicht an? Wie pietistisch?

Es geht mir nicht um Schuld.

Mag sein, zu Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit Zitate nicht korrekt ausgewiesen, bis an die Grenze des Plagiats (wir haben es hier mit Juristen zu tun, da muss man aufpassen, was man wie formuliert). Darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt, vor allem als jemand, der sich selbst einst im Wissenschaftsbereich bewegte und daher weiß, wie schwierig es ist, eine Dissertation zu verfassen. Gegessen. Der Betrüger, der Emporkömmling, der Plagiator, der Doktor: Der ist mir egal, da trete ich nicht nach.
Was aber bleibt, ist die politische Ästhetik hinter Guttenberg. Was bleibt, ist das Bild, das Guttenberg auf dem Times Square zeigt, „Man stellt sich hin, lacht und breitet am besten noch die Arme aus. Was kostet die Welt? 50 Milliarden? Hundert? Egal, der kleine Baron ist endlich in der großen Stadt“, schrieb Kurt Kister damals in der Süddeutschen. Was bleibt, ist die erschreckende Penetranz, mit der die Springermedien alle Kritik an Guttenberg niederbügelten, was bleibt ist die Aggressivität, mit der insbesondere Bild kritische Journalisten mundtot machen wollte: „Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“, das ging sogar dem Stern, eigentlich alles andere als ein Gegner des Personality-Glamour-Getues Guttenbergs, zu weit. Was bleibt, ist die bösartige Niedertracht, mit der sich sein Gespons Stephanie zu Guttenberg medial aus dem Fenster lehnt.

Ich habe Angst vor einem politischen Comeback zu Guttenbergs. Nicht, weil er bei seiner Doktorarbeit gelogen hat. Nicht weil er politisch auf der anderen Seite steht: Man kann nicht einmal genau sagen, auf welcher Seite zu Guttenberg tatsächlich steht. Ist er ein Rechter? Eigentlich ist er doch eher eine mediale Mischung aus Berlusconi, Putin und Obama, der sich in seiner politischen Rhetorik mal rechts, mal links bedient.
Ich habe Angst. Nimmt man alle momentan verfügbaren Umfragen, nimmt man die Kommantarfunktionen im Netz, selbst bei den Springermedien, so schlägt zu Guttenberg aus der Bevölkerung massive Ablehnung entgegen. Aber anscheinend gibt es interessierte Kreise, in Berlin, in Washington, wo auch immer, die sagen: Das ist uns egal, wir drücken den jetzt durch. Und sei es nicht in der CSU, zu Guttenbergs eigentlicher poltischer Heimat, dann eben in einer anderen, noch zu gründenden Partei. Er selbst gibt im schon zitierten Zeit-Interview Anleitungen, wie sich eine Rechtspartei in der Bundesrepublik aufziehen ließe: „Zum einen müsste man eine Programmatik so deutlich entwerfen, dass gewisse Randgruppen, aber auch notorische Querulanten überhaupt nicht auf die Idee kommen, mit der neuen Gruppierung zu kokettieren. Ein klares Bekenntnis zu Israel beispielsweise würde den rechten Rand wohl abschrecken.“ (Eine großartige Volte! Wo das klare Bekenntnis zu Israel, beziehungsweise zu Israel nach Likud-Vorstellungen, doch mittlerweile ein Markenzeichen der deutschen Rechten ist!) „Zum anderen bräuchten Sie Köpfe, die für ein bestimmtes Denken stehen und über jeden Zweifel erhaben sind, mit tumbem Extremismus in Verbindung zu stehen.“ Ich darf mal spekulieren: Thilo Sarrazin für Innenpolitik, Hans-Olaf Henkel für Finanzen, Guido Westerwelle für Soziales. Und Guttenberg als programmatisch nach allen Seiten offener Strahlemann für die Außenwirkung. Schon hätten wir die neue Partei, rechts, hässlich und fies.

Ich habe Angst. In einer Welt, in der so jemand ungestraft als „distinguished statesman“ bezeichnet werden darf, wenn auch nur vom rechtskonservativen amerikanischen Center for Strategic and International Studies, in solch einer Welt möchte ich eigentlich nicht leben.

Länger schon überlege ich mir, ob ich etwas schreiben soll zum Themenkomplex Schwaben-Kinderkriegen-Prenzlauer Berg. Ist ja eigentlich nicht mein Thema, mal abgesehen von der Schwabensache, geht mich nichts an. Oder?
Und dann schreibe ich eben doch. Weil ich mich geärgert habe, über einen Artikel, der vor drei Wochen in der taz erschien, der taz, der ich als ehemaliger Mitarbeiter zwar nicht mehr ökonomisch aber inhaltlich immer noch verbunden bin, „Die Weiber denken, sie wären besser“ von Anja Meier. Meier besucht eine Caféwirtin im Prenzlauer Berg und lässt die reden. Über die vielen Kinder im Umfeld, über die Zugezogenen, über die Veränderung des Viertels. Gefällt ihr alles nicht, das. „Eins im Wagen, eins am Wagen, eins im Bauch, so schettern die hier die Straße runter“, spricht das wirtingewordene Ressentiment. „Gucken Se, da draußen, schon wieder zwei Rinder. Wie die aussehen!“, so gehts weiter, und, ja, als ich noch in Berlin wohnte, da gab es auch solche Sprüche, auf mich gemünzt. Allerdings nicht im Prenzlauer Berg, sondern nur in Reinickendorf, aus Rentnermund, aus dem Mund von Leuten, die was dagegen hatten, wenn jemand andere Kleidung, eine andere Frisur, womöglich einen anderen Lebensstil hatte als sie: „Wie die aussehen!“ „Is doch wirklich wurscht, ob die bei mir einkehren. Die verzehren eh nix. Sind alles Schwaben, die leiden, wenn se mehr als einsfuffzig ausgeben müssen“, da fängt es bei mir schon an, dass ich mich ärgere, denn dieses olle Schwabenbashing, das trifft mich dann doch. „Jetzt geht’s schon los, dass sie den ganzen Gethsemaneplatz begrünen wollen, also uns Händlern hier die letzten Kundenparkplätze wegnehmen wollen“, ab diesem Punkt war mir dann klar: Das ist ja gar kein echtes Gesprächsprotokoll, das ist eine Satire! Ich meine, Kundenparkplätze! So etwas wird in der taz, in meiner kleinen taz gefordert, das kann doch niemand ernst meinen! Von da an lachte ich.

Leider bringt die schönste Satire nichts, wenn sie niemand versteht. Witzereißer Dieter Hallervorden gab vor Jahrzehnten den viertellustigen Sketch „Deutsch für Türken“ zum Besten, in dem, haha!, der Satz „Der Türke packt seine Koffer!“ eingeübt werden sollte:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=t1sozxDsCrU]
Wie diese harmlose Kritik an Ausländerfeindlichkeit wirklich ankommt, liest man in den Kommentaren unter dem Youtube-Clip: „Auch ich wünsche allen Ausländern eine schnelle, glückliche und gute Heimreise“, schreibt „MrJohnDoe1959“, „Die ganze welt putzt sich mit der türkischen Flagge den Arsch, ganz besonder die Deutschen. In Deutschland putzen eh die türken die klos wo ganz EUROPA reingeschissen haben“ (sic!) stammelt „sonofMegaAlexandros“, immer wieder wird der Clip auf Naziseiten verlinkt. So ähnlich ist das auch mit dem Artikel von Anja Meier, zumindest, wenn man sich die Leserkommentare durchliest. Die eine Leserhälfte blökt Zustimmung, Genau so ist es, nö, noch viel schlimmer, mit den ganzen schwulen Drecksschwabenmüttern. Die andere Leserhälfte findet den Artikel faschistoid und droht nebenbei gleich mit Kündigung ihres taz-Abos, weil man nur dafür bezahlt, was man auch lesen will. Keiner kommt auf die Idee, dass dieser Text womöglich nicht ernst gemeint sein könnte.

Recht cool geht die Blogosphäre mit dem Thema um, im Blog Fuckermothers findet man zwar ebenfalls einen eher unreflektierten Verriss des Artikels: „Neben mangelnden Humor haben sich bislang einige (der humoristischen taz-Texte, FS) durch eklatanten Rassismus ausgezeichnet, andere durch Transphobie und Sexismus. Ein neues Glanzstück kommt nun von Anja Maier“, steht da unter dem Titel „beleidigungssatire in der taz“, aber immerhin wird zumindest in den Kommentaren noch die Frage aufgeworfen, wie real das geschilderte Millieu überhaupt sein mag. Peter Praschl erwähnt Meier in seinem Text „30. Meine Frau. Das Arschloch“ vernichtend. Und Markus rückt im Blog Nusenblaten immerhin ein paar von Meiers Vorurteilen bezüglich der Bioladen-Discounter-Verteilung im Prenzlauer Berg zurecht: „Immer dieses Prenzlauer-Berg-Bashing“.

Und was mache ich? Ich bemühe mich um eine gewisse Coolness. Ich sage: Leute, die ihren Kinderhass nicht in den Griff bekommen, sind genauso schlimm wie diejenigen, für die Kinder einen Fetisch darstellen; beide glauben, dass Kinderkriegen etwas sei, was unvorstellbar bedeutsam für die Welt ist, beide können sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Kinder etwas sind, dass man eben bekommt. Oder auch nicht. Ich lese einen Artikel auf SpOn, „Die Kinder-Lüge vom Prenzlauer Berg“ von Julia Heilmann und Thomas Lindemann, in dem das Autorenpaar darlegt, dass es überhaupt nicht stimme, dass im Prenzlauer Berg so wahnsinnig viel Nachwuchs herrsche (hätte ich auch nicht gedacht, dass ich jemals einen SpOn-Text gegenüber der taz verteidigen würde), ich nicke zustimmend, dann denke ich, nein, ganz so harmlos ist das alles doch nicht, es findet ja eine Verdrängung, eine Gentrifizierung, eine Formierung statt, im Prenzlauer Berg, und die paar Latte-Macchiato-Mütter, die es dort womöglich wirklich gibt, sind nicht unschuldig daran. Auf der einen Seite. Andererseits deuten Heil- und Lindemann aber auch an, dass das Modell „Eltern im Prenzlauer Berg“ etwas ganz anderes sein könnte, nämlich der Versuch, ein Leben zu leben, in dem die Entscheidung für ein Kind nicht gleich auch die Entscheidung gegen etwas anderes sein muss: gegen Clubgänge, gegen Promiskuität, gegen Drogen. Eltern im Prenzlauer Berg, das können auch Eltern sein, die Familie leben wollen ohne missgünstige Nachbarn, ohne Pfarrer, der das Kind früh tauft und ihm später beim Duschen zuschaut, ohne Dorf. (Ob die Latte-Macchiato-Mütter diesen Versuch nun tatsächlich leben oder ob sie ihn nicht etwa pervertieren, darüber müsste man natürlich auch noch reden.) Der Schädel dröhnt mir.

Und dann lese ich die wunderbaren Cartoons „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ von OL. Und bin halbwegs ruhig.

Zuletzt sah ich splitternackte Schauspieler im Hamburger Schauspielhaus, Samuel Weiss in „König Lear“, und am Thalia, Jörg Pohl in „Hamlet“. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen. Erstens: Nackte Schauspieler kommen durchaus vor, im Theater. Und zweitens: Sie kommen längst nicht so häufig vor, wie empörte Bildungsbürger einen glauben lassen. (Drittens: Sie kommen in erster Linie in Shakespeare-Inszenierungen vor, nein, Blödsinn.)

Die Theaterwissenschaftlerin Ulrike Traub hat an der Uni Bochum eine Doktorarbeit geschrieben, „Theater der Nacktheit“. Diese Arbeit erfuhr eine öffentliche Ressonanz, wie sie wissenschaftlichen Dissertationen in der Regel nicht gewährt wird, selbst die theaterwissenschaftliche Fachpublikation Bild veröffentlichte eine Rezension, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll. Interessanter sind die Kritiken aus der Welt (in weiten Teilen von der dpa) und von Tobias Becker aus dem Spiegel. Während Welt und Schwesterblatt Bild (und auch die Pressestelle der Uni Bochum) das Thema entrüstet mit den Fragen „Warum müssen Shakespeares Hexen nackt sein?“ beziehungsweise mit „Warum muss Theater so oft nackt sein?“ angehen, haut der Spiegel die großartige Überschrift „Die Blut- und Hoden-Ideologie“ raus. Inhaltlich bewegen sich aber alle auf der gleichen Ebene, und die sagt: Es existiert ein Mainstream, der verlangt, dass auf der Bühne Nackte zu stehen haben, und wer sich gegen diesen Mainsteam wendet, der braucht ein dickes Fell. Dass es Inszenierungen gibt, in denen (mit gutem Grund) nackt gespielt wird, und dass es (wahrscheinlich mehr) Inszenierungen gibt, in denen nicht nackt gespielt wird, unterschlägt diese Argumentation. (Ebenso wie die Erkenntnis, dass es natürlich auch unvorstellbar viele Inszenierungen gibt, in denen Nackte ohne guten Grund auftreten, sondern nur, weil der Regie irgendwie nichts anderes eingefallen ist. Aber so prosaisch ist man nicht, wenn man den Untergang des Abendlandes an die Wand malt, ach.)
Fröhlich pickt man sich ein paar Zitate raus, die die Annahme der Zwangsnacktheit bestätigen. So zitiert die Welt die Thalia-Schauspielerin Lisa Hagmeister: „Als Gretchen im Urfaust am Hamburger Thalia-Theater musste sie 2009 ‚wild vögeln‘. Erotisch fand sie das nicht, eher technisch, erzählt die junge Schauspielerin.“ Ach was, sie fand es nicht erotisch, was für eine Überraschung! Aer die bösen Regisseure (in diesem Fall Andreas Kriegenburg) verlangen es eben, was soll man machen? Dass der „Urfaust“ unter anderem davon handelt, wie eine junge Frau ungewollt schwanger wird, und dass man eben häufig nackt ist, wenn einem so etwas passiert, die Nacktheit in besagter Szene also durchaus inhaltlich begründet ist, interessiert in dieser Argumentation natürlich nicht. (Dass das Problem des Sex auf der Bühne ein ganz anderes ist, dass nämlich Sex schwer dargestellt werden kann und Nicht-Profis bei der Alternative echter Vollzug häufig Probleme haben, könnte man zwar tatsächlich erwähnen, führt die Kollegen von der Welt aber wohl zu weit.) Und der Spiegel ist nicht besser, wo er behauptet, „dass sich oft junge Schauspieler ausziehen müssen, dass diese jungen Schauspieler oft durchtrainiert und zurechtgehungert und intimrasiert sind, weil sie wissen, dass sie sich früher oder später ausziehen müssen – und begaffen lassen“. Wer so etwas behauptet, der hat noch nie gesehen, wie sich Bruno Cathomas ausgezogen hat, Cathomas, der wohl der Schauspieler ist, dessen körperliche Eigenarten ich mittlerweile in- und auswendig kenne. Und so toll Cathomas als Schauspieler auch ist – zurechtgehungert kann man ihn nicht nennen.
Überhaupt führt die Debatte um die inhaltliche Begründung von Nacktheit auf der Bühne in die ganz falsche Richtung. Inhaltlich diskutieren lässt sich alles, Gründe für einen nackten Schauspieler findet man ebenso leicht wie Gründe dagegen, dass sich da jetzt schon wieder jemand auszieht. Dass die Rezensionen zu Traub aber ausschließlich auf dieser inhaltlichen Ebene argumentieren, ist schlicht verwerflich. Weil sie nämlich gar nicht einrechnen, dass es noch einen ganz anderen Grund für die Regie gibt, einen Schauspieler nackt auf die Bühne zu schicken: Der Schauspieler spielt anders, sobald er nackt ist. Seine Professionalität wird erschüttert, Momente von Scham, Unsicherheit, Unkontrolliertheit brechen sich Bahn. Nacktheit ist damit keine inhaltliche, sondern eine schauspielpraktische Entscheidung, egal, da lässt sich nicht so gut drüber polemisieren. Vor drei Jahren habe ich den Schauspieler Christoph Franken interviewt, Franken, der übergewichtig ist und dennoch (oder gerade deswegen) häufig Nacktszenen spielt. In diesem Interview habe ich viel erfahren über die Besonderheiten der Bühnensituation, wie die Rampe einen Schutzraum markiert, in dem Schamgrenzen verschoben werden. Man könnte sagen: So etwas zu erfahren, das ist spannend. Um so etwas zu erfahren, muss man das Prinzip Nacktheit im Theater miterleben.
Aber wenn man sich auf dieser Ebene mit Theater beschäftigt, dann provoziert man natürlich nicht so tolle Leserbeiträge im Forum wie die Welt mit ihrem uninteressierten Geblöke: „Und dieser Schund wird mit unseren Steuergeldern subventioniert! Eine Unverschämtheit, wie man unser Geld vergeudet!“

Das Bild oben ist übrigens kein Beispiel für die Unsitten des heutigen Theaters. Sondern ein Theaterplakat, das in der Spielzeit 1989/90 in Ulm rumhing: Es warb für das Tanzstück „Frau im Exil“ von Philippe Talard, Fotos von Gert Weigelt. Vor 22 Jahren.

Es ist so lächerlich.

Da schreibt die Vorsitzende einer mir nicht ganz unsympathischen Partei einen Essay für ein Medium, das mich vor Jahren einmal ein paar Artikel für wenig Geld schreiben ließ und dem ich entsprechend zugeneigt bin. Auf jeden Fall schrieb diese Politikerin, Gesine Lötzsch, einen Aufsatz mit dem vielleicht etwas unglücklich gewählten Titel „Wege zum Kommunismus“, und in dem kommt der Schlüsselsatz vor: „Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung.“ Fast gleichzeitig hält ein anderer Politiker, Vorsitzender einer mir extrem unsympathischen Partei und außerdem Bundesaußenminister, eine Rede, und in dieser Rede erinnert sich der Politiker, Guido Westerwelle, an die Zeit der ersten schwarzgelben Koalition: „Ich erinnere mich, wie Millionen Menschen Anfang der achtziger Jahre gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gegangen sind. Aber Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher haben gegen Demonstrationen, gegen Kommentatoren und gegen Umfragen das als richtig Erkannte durchgesetzt.“
Zwei politische Kommentare, zunächst einmal einer, der eine Suchbewegung formuliert, eine Unsicherheit, ein „Ich weiß nicht genau, ob wir auf dem richtigen Weg sind, aber um das zu erfahren, müssen wir uns die möglichen Wege erstmal anschauen.“ Und dann einer, der gar nicht mehr schauen muss, einer, der schon von vornherein weiß, was „das als richtig Erkannte“ ist. Frage: Wer ist hier der Unsympath, wer ist der Betonkopf?

Ich hätte nicht vom Kommunismus gesprochen, wäre ich an Gesine Lötzschs Stelle gewesen. Die marxistische Theorie des Kommunismus ist eine globalisierte Theorie, allerdings ist sie geschrieben für eine Welt, in der die Wirtschaft nicht globalisiert denkt, Solidarität aber globalisisiert funktioniert. Mit anderen Worten: Sie ist eine Theorie für das Jahr 1848, auf heute lässt sie sich kaum übertragen. Was sich allerdings übertragen lässt, ist die marxistische Krisenanalyse, der Blick auf eine Elite, die sich immer mehr von der Restbevölkerung abschottet, der Blick auf soziale Seperationstendenzen, der Blick auf immer gewalttätiger werdende Abwehrkämpfe der Besitzenden. Daraus müssen dann Schlüsse gezogen werden, und ich bin davon überzeugt, dass Gesine Lötzsch genau das meinte, in ihrem Aufsatz. Weswegen sie dann von „Kommunismus“ redet, erschließt sich mir nicht, ganz falsch ist es aber sicher nicht.

Die Reaktionen auf Lötzsch hingegen sind eindeutig. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt forderte in SpOn: „Der Kommunismus als Staatsziel offenbart klar die verfassungsfeindliche Gesinnung in der Linkspartei bis in die Führungsspitze (…). Die Linkspartei muss jetzt unbedingt wieder flächendeckend in ganz Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet werden.“ Meines Wissens steht nirgendwo im Grundgesetz, dass die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik eine kapitalistische sein muss, außerdem weißt Dobrindt zu Recht darauf hin, dass Lötzsch auch die Opfer kommunistischer Versuche in der Geschichte hätte erwähnen sollen, vergisst aber die Opfer christlicher Regimes, obwohl er Mitglied einer Partei mit „C“ im Namen ist. Naja. Politisches Säbelrasseln.

Erschreckend aber der Kommentar meines persönlichen Lieblings Ulf Poschardt in der Welt. Poschardt nämlich interessiert sich gar nicht mehr für die Niederungen der Parteipolitik, er identifiziert seinen Feind gleich dort, wo es für ihn schon immer ganz übel zugeht: im subventionierten Kunst- und Wissenschaftsbetrieb, bei Künstlern und Intellektuellen. Poschardt schreibt:

Die letzten linksradikalen Moden waren allesamt intellektuelle Enttäuschungen. Allen voran das matte Spätwerk des italienischen Ex-Guerilleros Antonio Negri mit dem Sat1-igen Titel „Empire“. (…) Und weil das alles so beschämend ist und weil die linke Praxis so am Boden liegt und der linke Widerstand gegen den Kapitalismus im Westen ein derart spießiger Witz ist, flüchten sich die Intellektuellen in ihre griesgrämige Minirealität und träumen von etwas, was die Welt hinter sich gelassen hat: den stumpfen, untauglichen Kommunismus, der Millionen von Menschen ermordet, versklavt, verblödet und unterdrückt hat.

Das ist natürlich lächerlich, mehr als den Philosophen Slavoj Zizek, den Schriftsteller Dietmar Dath und die Kunsttheoretikerin Isabelle Graw bringt Poschardt nicht als echte Kommunismus-Bekenner zusammen, und wenn man sich auch nur oberflächlich mit deren Arbeit beschäftigt, dann kapiert man, dass ihr kommunistisches Denken weniger Parteigängertum ist als vielmehr intellektuelles Gedankenspiel auf realistischer Folie, egal. Es geht Poschardt ja nicht um Auseinandersetzung mit einer von ihm abgelehnten Position, es geht ihm um den Aufbau eines Feindbildes. Und als Feindbild waren Intellektuelle hierzulande ja schon immer gut.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=IeM6vquP5GI]

I got a letter from the government the other day.
I opened and read it; it said they were suckers.
They wanted me for the army or whatever,
Picture me given‘ a damn – I said never!
Here is a land that never gave a damn
About a brother like me and myself, because they never did.

(Public Enemy, Black steel in the hour of chaos, 1989)

Ich habe nicht gedient. Dass ich ausgemustert wurde, da bin ich nicht stolz drauf, vor allem, weil die Ausmusterung in erster Linie auf Grund einer Sexualmoral passierte, die schon damals überkommen war, einer Sexualmoral, von der ich allerdings profitieren konnte. Die Nachgeborenen können das vielleicht nicht verstehen, aber damals gab es für junge Männer gerade mal die Möglichkeit, zwischen Zivildienst und Bundeswehr zu wählen (wobei rechtlich diese Wahlmöglichkeit gar nicht existierte, man war juristisch gezwungen, zum Bund zu gehen, die Gewissensentscheidung, lieber Zivildienst zu machen, wurde nur starfrechtlich nicht verfolgt, in Ordnung war sie deswegen noch lange nicht). Die meisten meiner Mitschüler hatten solche Gewissensgründe, okay, die meisten Coolen, die meisten Netten. Die gingen ins Altersheim oder in die Behindertenwerkstatt, einer ging zum Bund für Umwelt und Naturschutz, über den witzelten wir, „Haha, Martin macht Zivi beim Bund!“
Die meisten Netten, die meisten Coolen fanden meine Ausmusterung scheiße. Auf die Schultern klopften mir die Arschlöcher, die schnell ihr knappes Jahr Bundeswehr runterrissen, um dann holterdipolter ins BWL-Studium zu jagen, panisch, weil ihnen ein Jahr gestohlen worden war, beim Rattenrennen. Mir war dieses Schulterklopfen unangenehm, sie dachten, ich wäre auf ihrer Seite. Die Bundeswehr, das war damals kein Dienstleistungsunternehmen, geschaffen, um die Interessen der deutschen Wirtschaft mit Waffengewalt durchzusetzen, das war eine pädagogische Einrichtung, ein Ort, an dem junge Männer aufs Vaterland eingeschliffen werden sollten, und die Arschlöcher sahen keine Möglichkeit, diesem Zwang zu entgehen, also wollten sie ihn so schnell und stumpf wie möglich hinter sich bringen.
Zivildienst war in meinen Augen nur eine Variante dieser pädagogischen Einrichtung. Zivildienst, Bundeswehr, hier wie dort sollte man sich selbstlos in den Dienst des Landes stellen, hier mit Gewehr, dort mit Windeln in der Hand. In den Dienst eines Landes, das ich von Herzen verachtete, Deutschland, frisch wiedervereinigt und besoffen vor Freude, Doitschland, reaktionäres und korruptes Kohl-Regime, keinen Finger krumm machen wollte ich für dieses Drecksland, dieses Drecksvolk. Deswegen hielt ich die Kritik der Netten aus, deswegen hielt ich das Schulterklopfen der Arschlöcher aus: weil ich tief in mir wusste, dass ich doch das richtige machte (wenn auch mit falschen Mitteln, unter Ausnutzung einer eigentlich abgelehnten Moral. Egal. Ich war kein Märtyrer, der als Totalverweigerer in den Knast gehen wollte, ich wollte einfach nur nicht Deutschland dienen).

Die Schwarz-gelbe Koalition macht, was Rot-Grün nicht einmal versucht hat: Sie schafft die Wehrpflicht ab. Der von mir herzlich gehasste Starverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schon vor einem halben Jahr im Spiegel:

Faktisch wird sie (die Wehrpflicht, F.S.) in zehn Jahren wohl abgeschafft sein. Bei einer hochprofessionellen, bestens ausgerüsteten und flexiblen Einsatzarmee haben Sie kaum noch die Kapazitäten, Rekruten auszubilden.

Mit anderen Worten: In zehn Jahren werden junge Männer nicht mehr in meiner Situation sein. Sie können sich für eine Berufslaufbahn als bezahlter Schützenkönig in Afghanistan (oder wo immer die deutsche Wirtschaft gerade Interessensdurchsetzer braucht) entscheiden oder sie können sich gleich ins Bachelor-Studium stürzen, damit sie mit spätestens 22 dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, als stille Reserve, die dazu dient, das Selbstbewusstsein unter Arbeitnehmern möglichst klein zu halten. Was es dann allerdings nicht mehr gibt: Zivildienst. Sozialverbände, Kirchen und kulturelle Institutionen als hauptsächliche Nutznieser der Zivis sind (mit gutem Grund) entsetzt, fielen damit doch unzählige billige Arbeitskräfte weg. Sicher, man könnte an ihrer Stelle reguläre Mitarbeiter einstellen, nur sollten die eben auch regulär bezahlt werden, und da haben die Träger plötzlich gar kein Interesse mehr dran, Heuchler, die sie sind. Also jammern sie.
Worauf Familienministerin Kristina Schröder (CDU) plötzlich behauptet, dass der Zivildienst (der mittlerweile nicht mehr so heißen darf, weil der Zivildienst ja mit der Wehrpflicht abgeschafft wird) unglaublich wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung sei, Kristina Schröder, deren Parteifreunde Zivis noch vor ein paar Jahren als verweichlichte Drückeberger beschimpft haben. Auf jeden Fall wirbt Schröder jetzt für einen Freiwilligendienst, der auch Älteren offen stehen soll, der ganz toll die Persönlichkeit bilden soll, der nicht zuletzt entlohnt werden soll mit dem atemberaubenden Betrag von höchstens 324 Euro monatlich. Die Arschlöcher, die nur möglichst schnell einen letzten Krümmel vom Karrierekuchen abbekommen wollen, spricht sie damit natürlich nicht an. Die Waffennarren, die unbedingt mal scharf schießen wollen, auch nicht. Und schließlich auch nicht diejenigen, die die Bundeswehr als potenziellen Arbeitgeber verstehen. Wen sie aber anspricht, das sind die Leute, mit denen ich immer gut konnte. Die Leute, die glauben, dass ein freiwilliges Pflichtjahr ihrer Persönlichkeit gut tun dürfte. Die Leute, die glauben, dass nach Studium oder Ausbildung ohnehin nur die Arbeitslosigkeit auf sie wartet, weswegen sie die Zeit gerne mit einer unterbezahlten Tätigkeit füllen. Und die Leute, die glauben, dieses Volk hätte irgendwo einen Dank verdient, dieses Volk, Deutschland, hätte verdient, dass man ihm ein Jahr lang dient, demütig. Die Leute, die nichts dabei finden, Krankenpflegern, Hausmeistern, Hilfskräften den Job wegzunehmen.

Die Leute, die nicht merken, wie sie das System aus seiner Verantwortung entlassen: aus der Verantwortung, jedem Alten, Kranken, Armen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Danke auch.

20. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für The Geek shall inherit the Earth · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , , , , ,

Ein Klassenfoto.

Ich bin der, der da in der Ecke steht. Ein bisschen rundlich, mit den dicken Brillengläsern und der Zahnspange. Ich bin der, bei dem man nicht so recht weiß, ob er wirklich dazu gehört, der Unsichere, der, der nicht selbstgewiss den Fotografen angrinst. Ich bin der Geek.
Spätestens ab dem Studium störte mich das nicht mehr. Spätestens ab 19 war mir klar, dass mein Leben interessanter werden würde als das der Mittelpunktjungs, spätestens ab 19 wohnte ich in den interessanteren Städten, beschäftigte ich mich mit den interessanteren Dingen und, ja, spätestens ab 19 küssten mich auch die interessanteren Menschen. Die Mittelpunktjungs, das zeichnete sich da schon ab, studierten Maschinenbau oder Wirtschaft und hingen ab 25 im Umfeld der Heimatstadt fest, mit Frau und Kind und Bausparvertrag. (Ich komme aus Schwaben, da trifft das Klischee durchaus zu, tut mir leid.) Ein wenig kultivierte ich mein Geektum, und irgendwie sah es so aus, als ob andere, manchmal tatsächlich überaus coole und spannende, Menschen da mitziehen würden. Das ist jetzt vorbei. Keine Geeks mehr, plötzlich wieder: Alphatierchen, die zum Workout rennen und sich fit machen, das Gegenüber wegzubeißen.

Machs gut, Alphamann. Hallo, Alphamann.

Nur kurz zur Erinnerung, in welchem Bereich ich mich beruflich bewege: Journalismus. Und dann eine kurze Überlegung, wer eigentlich die wirklich wichtigen Journalisten dieses Landes sind, gehen wir doch einfach mal die Chefredakteure einiger Medien (was keine Aussage über deren Qualität sein soll, natürlich) durch: Thomas Osterkorn und Andreas Petzold (Stern), Hans Werner Kilz (Süddeutsche), Claus Strunz (Hamburger Abendblatt), Matthias Müller von Blumencron und Georg Mascolo (Spiegel), Jan-Eric Peters (Die Welt), Kai Diekmann (Bild, wird hier nicht verlinkt), Giovanni di Lorenzo (Die Zeit), Joachim Frank und Rouven Schellenberger (Frankfurter Rundschau), Sven Gösmann (Rheinische Post), Uwe Vorkötter (Berliner Zeitung) … Ermüdet? Ja, weil das eigentlich immer das gleiche ist (und so auch ewig weiter gehen könnte): In den Chefsesseln sitzen Männer. Fast ausschließlich: Einzig die taz leistet sich mit Ines Pohl eine Chefin, die kleine, gute taz. Ansonsten sind die großen, überregionalen Printmedien dieses Landes in fester Männerhand.
Ds ist ja nicht schlimm, ich bin kein Sexist, gleiche Chancen für alle, und wenn der Zufall eben gerade lauter Männer in bestimmte Positionen spült, dann bin ich der letzte, der eine Quote fordert, um da was dran zu ändern. Auch glaube ich nicht, dass Frauen bessere Menschen/Chefs/Journalisten als Männer sind, so. Ich glaube aber, dass weibliche (oder besser: als weiblich konnotierte) Prinzipien durchaus hin und wieder nicht schaden könnten, beispielsweise in der Wirtschaftswelt, beispielsweise im Journalismus: dass man immer wieder an sich selbst zweifelt, dass man kein Platzhirsch ist, dass man eher still urteilt, dass man um die eigene Fehleranfälligkeit weiß und das auch thematisiert. Die oben aufgezählten Chefredakteure aber sind keine Männer, die diese weiblichen Prinzipien kultivieren, es sind durch die Bank Alphatiere: selbstgewiss, autoritär, vor Testosteron strotzend (bei Vorkötter und di Lorenzo würde ich da eine Ausnahme machen, vielleicht). Möglicherweise braucht man das, um in strengen Hierarchien nach oben zu kommen, bloß: Es ist noch gar nicht lange her, da wurde behauptet, dass strenge Hierarchien auf dem freien Markt ein Wettbewerbsnachteil seien. Das scheint vorbei zu sein.
Es ist eigenartig: Gerade in einer Zeit, in der die explizite Männlichkeit im öffentlichen Diskurs an Bedeutung verloren hat, als wir eine Frau als Kanzlerin haben und einen verheirateten, durchaus effeminierten Schwulen als Außenminister, drängt sich das explizite Männlichkeitsgehabe durch die Hintertür wieder in die Diskussion. Vielleicht ist es ja so, dass die genannten Politiker sich so unmöglich benehmen, dass man sich von ihnen deutlich abgrenzen möchte? Danke auch.
Man könnte das Spiel von oben nochmal spielen: Welche wichtigen deutschsprachigen Theater werden eigentlich von Frauen geleitet? Schauspiel Köln (von Karin Beier) und Schauspiel Zürich (von Barbara Frey), gut, aber sonst? Sonst sitzen überall die begnadeten Netzwerker, Ulrich Khuon am DT Berlin, Oliver Reese in Frankfurt, Hasko Weber in Stuttgart, Typen, die genau wissen, wem man bei der Premierenfeier wie lange die Hand schütteln sollte (und die, das sollte man auch nicht verschweigen, mit diesem Händeschütteln teilweise ganz großartiges Theater ermöglichen). Dazu kommen noch die klassischen Testosteronschleuder-Künstler, Claus Peymann am Berliner Ensemble oder Thomas Ostermeier an der Schaubühne, vor deren Alphatiergehabe man ohnehin sofort in Deckung gehen möchte.
Ein einziger Theatermacher fällt mir ein, der nicht in dieses maskulin geprägte Schema passt: Friedrich Schirmer. Der allerdings am Hamburger Schauspielhaus vor kurzem aus unterschiedlichen Gründen scheiterte. Schirmer war ein stiller, zurückhaltender Mensch, einer, dem man ansah, wie unangenehm es ihm war, den Mitarbeitern vor der Premiere „Toi toi toi“ zu wünschen. Und den das Spiel um Macht und Kontaktpflege nach und nach kaputt machte: Im aktuellen Spiegel (leider nicht online verfügbar) steht ein langes Interview, in dem Schirmer recht eindeutig darlegt, wie ihn die Arbeit am Schauspielhaus konsequent in die Depression führte. Schirmer war, allem Anschein nach, zu weich.

Gendertrouble.

Über kurz oder lang landen wir immer wieder bei Judith Butler, und, ja, ich weiß, dass die US-amerikanische Feministin nicht unumstritten ist, egal. Es war auf jeden Fall einmal ein Fortschritt, zu erkennen, dass das soziale Geschlecht etwas performativ beeinflussbares ist und dass es Spaß macht, damit zu spielen. Es war ein Fortschritt, dass Frauen sich als Butch in Lesbenbars rumtreiben und trotzdem mit Männern schlafen konnten, es war ein Fortschritt, dass heterosexuelle Männer sich schminken konnten, und es war ein Fortschritt, dass nicht jeder Schwule die effeminierte Dramaqueen geben musste. Es war ein Fortschritt, dass die Grenzen zwischen Mann und Frau, und homo- und heterosexuell sich aufzulösen begannen. Ich fürchte, das ist vorbei.
In Tom Tykwers Film „3“ (ab Weihnachten im Kino) verliebt sich ein Paar (Sophie Rois und Sebastian Schipper) gleichzeitig in denselben Mann (Devid Striesow), und in einigen Dialogen macht der Film recht hübsch klar, dass es hier nicht um Homo-, Hetero- oder Bisexualität geht. Nur sind die Orte bezeichnend, an denen das Objekt der Begierde zuerst Kontakt mit seinen Affären aufnimt: Die Frau trifft er im Theater, den Mann aber im Schwimmbad, also beim Sport, sie schwimmen um die Wette, und hinterher wird der Sieger masturbiert.

Und irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass alle Geschlechtergrenzen, die zuvor niedergerissen wurden, durch dieses doofe Wettschwimmen gleich wieder aufgerichtet werden.

Ich habe mich entschieden, nicht über Thilo Sarrazin zu schreiben. Über Sarrazin haben schon andere geschrieben, ausführlicher, weitergehender, schärfer und lustiger als ich es gekonnt hätte. Also steht hier nichts über Sarrazin.

Hier steht etwas über Mavericks.

Im amerikanischen Englisch bezeichnet „Maverick“ einen Querdenker. Einen Menschen, der Ansichten vertritt, die nicht konform mit dem Mainstream gehen, und der diese Ansichten polemisch, satirisch, manchmal auch verletzend artikuliert. Der Maverick handelt oft aus purer Lust an der Provokation, meist aber, weil er durch seine Polemiken einen Diskussionsprozess in Gang setzen will. Ein Maverick ist ein von allen Seiten unabhängiger Intellektueller.
Solche Mavericks scheint es in den USA zu geben, in der Bundesrepublik gibt es sie nicht. Weil Querdenken in der Bundesrepublik heißt: rechts zu denken. Das muss man erklären. Wenn man in der europäischen politischen Diskussion nur lange genug nachdenkt, dann landet man früher oder später unweigerlich links. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung beschreibt Hildegard Hamm-Brücher anschaulich, wie der Rechtsruck der FDP unter Guido Westerwelle mit einer intellektuellen Verflachung einher ging:

Er (Westerwelle, F.S.) hat mit seiner Einseitigkeit das Kapital verspielt, das ihm der Wähler gegeben hat. Und dann bin ich bei meinem Hauptthema: Dass in der FDP außer Herrn Westerwelle fast niemand wirklich bekannt ist. Wer steht für Bildung? Wer steht für Umwelt? Es gibt immer nur Steuerermäßigung. Das ist ein Jammer. (…) Ich war in den neunziger Jahren noch mal im Vorstand der Partei und auch im Präsidium. Dort habe ich nicht ein Mal eine intellektuelle Diskussion erlebt, sondern immer nur kurzfristig gucken: Wie positionieren wir uns?

Wenn Intellektualität in der politischen Diskussion aber bedeutet, offen nach Links zu sein, dann kann ein Querschläger zu diesem Denken schlicht nur offen nach rechts sein. Und so agieren die selbst ernannten deutschen Mavericks auch: Sie geben das Denken auf und kämpfen stattdessen gegen alles, was nach Reform, Entwicklung und Hierachieabbau klingt, sie sind, ganz klassisch, Rechte.
Sie kämpfen gegen die Rechtschreibreform, die sie mit ihrem unbeholfenen Sinn für Ironie konsequent „Schlechtschreibreform“ nennen. Sie hetzen gegen die kreative Weiterentwicklung von Sprache und lästern über „Dummdeutsch“ und „Denglisch“. Sie suchen ihr Heil im klassischen Bildungskanon und gründen Bürgerinitiativen zum Erhalt der Gymnasien. Sie sind gegen das, was sie sich unter „Regietheater“ vorstellen, ohne den Begriff auch nur rudimentär mit Inhalt füllen zu können. Sie haben sich noch nie mit dem Konzept der „Political Correctness“ beschäftigt, sind aber davon überzeugt, dass alles, was auch nur von fern den Anschein erweckt, pc zu sein, von übel ist. Sie lassen sich vom Pöbel feiern und glauben, todesmutig gegen den Meinungsmainstream gekämpft zu haben.
Und kommen dabei doch erst im Mainstream an.
Es tut mir leid, ich muss doch noch einmal auf Sarrazin zu sprechen kommen. Sarrazin, der Kämpfer gegen Denkverbote, Sarrazin, der unbequeme Wahrheiten ausruft, die doch niemand auszusprechen wagt: Er tut das per Vorabdruck seines Buches. In Spiegel und Bild. Vorabdrucke in den reichweitenstärksten Medien des Landes! Und so jemand wagt es, für sich in Anspruch zu nehmen, unterdrückten Meinungen eine Stimme zu geben!

Es hilft nichts: Wer sich hierzulande als Maverick geriert, der ist so was von Meinungsmainstream, das tut schon weh. Er ist einfach von der linken Konvention mit fliehenden Fahnen zur rechten Konvention übergelaufen. Nur aufs Denken und auf Intellekt hat er unterwegs verzichtet.

Ach, hin und wieder macht es doch noch Freude, den Spiegel zu lesen. Zum Beispiel, wenn Alexander Osang einen Artikel schreibt. Aktuell einen Text über die Veränderungen im deutschen Selbstbild während der Fußball-WM, „Neue Deutsche Männer“, ein toller Text. Auch wenn ich nicht ganz Osangs Meinung bin, er konstruiert da ein positives Deutschland, das sich während der Weltmeisterschaft herausgebildet habe, ein spielerisches, ironisches, lustvolles Deutschland, und von dort ist es meiner Meinung nach nicht weit zum Gutfinden schwarzrotgoldener Besoffenheitsgefühle. Und dass ich damit, trotz Spiel und Ironie und Lust ein Problem habe, ist bekannt.

Osangs Text ist aus anderen Gründen großartig. Weil Osang genau hinschaut, weil er weiß, wann ein unwichtig erscheinendes Detail wichtig ist, weil er weiß, wie welche Aussage einzuordnen ist. An einer Stelle in „Neue Deutsche Männer“ beschreibt er Michael Becker, den Manager von Michael Ballack, dem Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der verletzungsbedingt nicht mit zur WM fuhr und mittlerweile als Musterbeispiel für eine gottlob überwundene Fußballästhetik gilt. Auf jeden Fall lästert Becker gegenüber Osang anscheinend freimütig über die seiner Meinung nach von schwulen Seilschaften durchzogene Nationalmannschaft:

Als ich ihn fragte, ob denn ein Spieler, der etwas überraschend nominiert worden war, seiner Meinung nach auch schwul sei, sagte Becker nur: „Der ist halbschwul“, und ich begriff, dass das alles ein Synonym war für etwas, was Becker nicht mehr verstand. Irgendetwas Leichtes, Unideologisches, Tänzerisches, Schönes, Freudvolles, in dem man sich verirren konnte, wenn man sich bislang an Hackordnungen und Hierarchien orientiert hatte.

Als ich diesen Satz las, blieb mir der Mund offen stehen. Nicht, weil Osang hier ganz elegant die Karriere eines Fußballspielers beendet – der zitierte Satz macht die Runde, dass Michael Ballack später noch irgendwo etwas reißen dürfte, ist fraglich, was vor allem deswegen fies ist, weil es hier um eine Aussage geht, die ja nicht einmal von Ballack selbst kommt. Aber eigentlich ist das auch egal, ob und wo Ballck in Zukunft auf Bälle tritt, interessiert mich herzlich wenig. Weswegen mir der Mund offen steht, weswegen ich Osang für seinen Artikel umarmen möchte, das ist ein Halbsatz: Osang hat erkannt, dass Leute wie Michael Becker „schwul“ nicht als Beschreibung einer sexuellen Präferenz sehen, sondern als Beschreibung von Leichtigkeit, von etwas Freudvollem. Von etwas, in dem man sich verirren kann. Verrückt. Dass ausgerechnet ein Artikel über Fußball kommen muss, damit ich verstehe, weswegen ich alte Hete mich so sehr für schwule Kultur interessiere: weil es gar nicht um „schwul“ im Sinne von Homosexualität geht. Wer wann was mit welchem Körperteil macht, ist eigentlich von meiner Warte aus … eher langweilig. Was wichtig ist, ist: alles nicht so bierernst zu nehmen. Freude daran haben, sich zu verirren. Leicht zu werden. Auf dem Schulhof und auf dem Fußballplatz nennt man das anscheinend: schwul.

Muss ich das auch so nennen? Ich finde ja, Osangs Beschreibung hat viel von Judith Butlers Queernessbegriff, mit dem ich mich viel eher anfreunden kann (ja, ich kenne Antje Schrupps kluge Argumentation gegen Butler, dank Kommander Kaufmann. Ich teile auch vieles, was Schrupp sagt, glaube aber, dass ihre Ablehnung stark mit der Person Judith Butler zu tun hat, Queerness ist damit aber noch längst nicht diskreditiert). Im Endeffekt sind wir damit aber auf der Terminologie-Ebene angelangt, auch Queerness hat ihren Ursprung in der Sexualität und wurde später erst in die Alltagskultur erweitert, wer lieber „schwul“ zu bestimmten Verhaltensweisen sagen möchte, der soll es doch. Wichtig ist nur, dass man diese Verhaltensweisen mal benennt: ob unter negativen Vorzeichen (wie Michael Becker) oder unter positiven (wie ich).

Nur die Deutschlandbegeisterung, die möchte ich weiterhin scheiße finden dürfen. Und das wäre dann auch gut so.