In drei Wochen ist Bundestagswahl, und wie die Leser dieses sympathischen, kleinen Blogs wissen, tue ich mich schwer, eine Wahl zu treffen. Irgendwie fühle ich mich von keinem der Angebote vertreten, es hilft alles nichts. Ich gründe eine eigene Partei,

- die es schafft, in gesellschaftspolitischen Fragen den Begriff “Freiheit” weit nach vorn zu stellen, in wirtschaftspolitischen Fragen aber den Begriff “Gleichheit” zum Optimum zu erklären.
– deren Mitglieder wissen, dass sie nicht alles wissen, deren Mitglieder vor allem nicht immer alles besser wissen.
– deren Mitglieder entsprechend zugeben, hin und wieder Neuland zu betreten. Dieses Zugeben bedeutet dann nämlich auch, dass man auf das Neuland nicht mit Angst, Repression, Abwehr reagiert, sondern mit der Freude über eine neue Herausforderung: “Geil, Neuland!”
– die den Weg zum, doch!, Sozialismus nicht über Zwang erreichen möchte, sondern über die Solidarität, mit der Liebende einander gegenüber treten. “Socialism of the Heart”, Billy Bragg hat schon recht.
– die sich von der Ideologie des “Leistung muss sich wieder lohnen” frei macht. Der Lohn für Leistung ist das befriedigende Gefühl, eine Arbeit gut gemacht zu haben – was ist das nur für ein jämmerliches System, das Arbeit so gering schätzt, dass man den, der die Arbeit macht, entschädigen muss, mit Geld? Einheitslohn jetzt! (Und behauptet nicht, dass dann niemand unangenehme Arbeit wie Müllabfuhr oder Altenpflege erledigen würde. Das dürftet ihr behaupten, wenn in eurem System die Müllfahrerin oder der Altenpfleger zu den Großverdienern zählen würden!)
– die nicht per Dekret bestimmt, sondern überzeugt. So zum Beispiel: Massentierhaltung ist Barbarei -> Fleisch ist lecker, aber Fleisch aus Massentierhaltung geht aus ethischen Gründen einfach nicht -> Fleisch aus artgerechter Tierhaltung ist im großen Umfang für die Gesamtbevölkerung weder ökologisch noch volkswirtschaftlich machbar -> eine Lösung wäre, dass alle, also auch die, die sich Biofleisch leisten könnten, weniger Fleisch essen -> ein Veggie Day pro Woche ist kein Verzicht, sondern eine gute Sache. (Vergleichbare Argumentationsmuster gibt es für Individualverkehr, Rohstoffverbrauch etc.)
– die versteht, dass es Bereiche gibt, die privatwirtschaftlich organisiert einfach nicht funktionieren: Bildung. Infrastruktur. Gesundheit und Pflege. Kultur. Von mir aus auch Schlüsselindustrien.

Und natürlich könnt ihr jetzt einwenden, dass es doch genügend Parteien gebe, die meine Forderungen erfüllten, da müsse ich doch nicht noch eine auf den Markt werfen. Und ich so: Ja? Dann sagt doch mal, welche?

Die Grünen? Die in Hamburg mit der CDU eine Koalition bildeten und in der die Privatisierungspraxis der Vorgängerregierungen bruchlos fortsetzten?

Die Linke? “Deren Mitglieder wissen, dass sie nicht alles wissen, deren Mitglieder vor allem nicht immer alles besser wissen”, was an diesem Satz hast du nicht verstanden, Sarah Wagenknecht?

Die Piraten? Mal ehrlich, ich glaube nicht, dass die mir persönlich wichtigen Themen LGBT, Queerness, experimentelle Sexualität Leuten wichtig sind, die sich für Sexualität vor allem dann zu interessieren scheinen, wenn man sie im Netz findet, no offense. Aber, hey!, das ist meine Partei, da darf ich schon bestimmen, was mir wichtig ist.

FDP? Ich fürchte, meinen Freiheitsbegriff habt ihr in den ganz falschen Hals bekommen, oder?

CDU und SPD? Ich bitte euch!

Ich gründe eine Partei. Und ich nenne sie: Die Linkshedonisten.

2013 wird es eine Premiere in meinem politisch bewussten Leben geben. 2013 findet eine Bundestagswahl statt, und ich werde zum ersten Mal auf mein Wahlrecht (das ich immer auch als Wahlpflicht verstanden habe) verzichten. Es ist nicht so, dass es daran liegt, dass ich mich nicht mit einem Wahlprogramm identifizieren könnte, solche Probleme hatte ich schon häufig, dann habe ich strategisch gewählt oder das kleinere Übel, irgendwas ging immer. Aber dieses Jahr ist es so, dass es kein kleineres Übel geben wird. Alle angetretenen Parteien überbieten sich in ihrer abgrundtiefen Schlechtheit. Und dieses Jahr gibt es keine Strategie, die ich verfolge, ich habe tatsächlich Angst vor jedem denkbaren Wahlergebnis, vor jeder denkbaren Koalition.

2013 werde ich nicht wählen.

Dass ich CDU und FDP nicht wählen werde, versteht sich von selbst. Ich bin ein Linker, ich stehe für Werte wie Emanzipation, Solidarität, Arbeitnehmerrechte, ich stehe für Kunst und Kreativität, für Hedonismus und Lust. Ich werde sicher nicht rechts wählen.

Genauso wenig wie ich Die Linke wählen werde. Alte Männer, deren Rhetorik von internationaler Solidarität einem bräsigen Die-eigenen-Schäfchen-ins-Trockene bringen gewichen ist, Lafontaine, Gysi, Wagenknecht, Konservative, die nur so tun als ob sie links seien.

Ich werde Die Grünen nicht wählen, weil ich in Hamburg wohne, und in Hamburg habe ich gesehen, wozu Grüne fähig sind. In Hamburg sind die Grünen mit der CDU ins Bett gestiegen, mit der gleichen CDU, die nur ein paar Jahre zuvor eine Koalition mit der rechtspopulistischen Schill-Partei eingegangen ist, in Hamburg brach die damalige Grünen-Chefin und Zweite Bürgermeisterin Christa Goetsch (all meine Verachtung für Sie, Frau Goetsch!) in Tränen aus, als die Koalition der Schande zerbrach. Grüne und Rechte, bei euch wächst zusammen, was zusammen gehört, und dass ich gerade so voller Aversionen bin, liegt auch daran, dass ich lange Jahre der Meinung war, ihr wärt die richtigen.

Ich werde die Piraten nicht wählen, weil ich nicht an dieses “Wir stehen jenseits von rechts und links” glaube. Ich will eine Politik, die sich entscheidet, wo sie steht, und ich will die wählen, die sich entschieden haben, links zu stehen.

Und deswegen wähle ich auch die SPD nicht. Ja, wegen Steinbrück, dem ich in keiner Weise abnehme, eine linke Agenda zu vertreten. Aber auch wegen der Restpartei, in der ein Steinbrück mehrheitsfähig ist und der ich entsprechend auch nicht mehr glauben kann, unter einem rechten Kanzler Steinbrück (den es, gottlob!, ohnehin nicht geben wird) irgendwelche linken Programmpunkte zu verstecken. Ich wähle die SPD auch nicht wegen Sarrazin und Buschkowsky. Wegen Thierse, der alle Probleme des Neoliberalismus wegwischt mit einem billigen “Die Berliner Schwaben sind schuld”. Ich wähle die SPD als Hamburger nicht, wegen Johannes Kahrs, der den Bundestagswahlkreis Hamburg-Mitte (meinen Wahlkreis!) immer schön nach rechts offen hält. Und ich wähle die SPD nicht, weil sie die Chance einer strukturellen linken Mehrheit in dieser Republik seit Jahrzehnten verstreichen lässt und lieber mit der CDU koaliert als mit den Linken. Ihr seid nicht meine Partei, wahrscheinlich nie gewesen.

Und deswegen wähle ich dieses Jahr nicht, deswegen werde ich Angela Merkel eine weitere Wahlperiode lang einer rechten Koalition vorstehen lassen, mit welchem Partner auch immer. Und es wird mir wehtun, aber mich haben alle Alternativen verloren.

Ach. Irgendwie passiert einfach nichts, zurzeit, in meinem Leben. Ich bin viel unterwegs, ich habe ziemlich aufwändig den Neustart des Theaters Bremen unter Michael Börgerding begleitet, und natürlich könnte man da drüber etwas schreiben, klar. Und ich schreibe ja auch, für Theater heute, im Dezember-Heft erscheint ein umfangreiches Feature. Aber dann noch einen zweiten Text, hier, für die Bandschublade, tut mir leid, da fehlt mir die Lust, die Inspiration auch. Ich könnte darüber schreiben, wie gerade der Journalismus (zumindest wirtschaftlich) den Bach runter geht, tschüss Frankfurter Rundschau (die mir immer wichtig war), tschüss Prinz (der für mich nie irgendeine Bedeutung hatte), damit würde ich offene Türen einrennen, andererseits, wer braucht das denn? Ich könnte wieder “Tatort” besprechen, den am vergangenen Sonntag aus Dortmund fand ich recht gut, aber eigentlich wollte ich damit aufhören, mit dieser gierigen Klickhurerei, mit der Sucht nach Visitorverdopplung, nur weil man ein Mainstreamthema behandelt. Ich könnte darüber schreiben, wie eklig ich finde, dass Stefan Raab breitbeinig dasitzt und Testosteron versprüht, obwohl ich zugeben müsste, nie eine der Raab-Sendungen gesehen zu haben. (Ein Blog darf das, einfach nur ultrasubjektiv konstatieren, dass man nicht in einer Welt leben möchte, in der ein Stefan Raab irgendeine relevante Position inne hat, ein Blog darf auch Verwunderung darüber formulieren, dass Leute, die doch irgendwie geschmackssicher sind, Raab Respekt zollen, Respekt für was nochmal genau?) Andererseits, weswegen sollte ich? Ich könnte darüber schreiben, weswegen mich Katrin Göring-Eckardt nervt, weswegen mich Claudia Roth anwidert, und weswegen mich die ganzen Typen, die etwas gegen Roth haben, noch viel mehr anwidern, allein, was soll’s? Ich könnte mal wieder über Pop schreiben, darüber, wie großartig ich die neue Tocotronic-CD “Wie wir leben wollen” finde, aber “Wie wir leben wollen” erscheint erst im Januar, ich dürfte das Werk noch gar nicht kennen. Und irgendwie ist das das einzige Pop-Thema, das mich momentan umtreibt.

Ich könnte nach neuen Antworten suchen, was ich mit der Bandschublade eigentlich will. Auf jeden Fall will ich nicht: Erwartungen erfüllen, das, was ich in den vergangenen Wochen gefährlich häufig gemacht habe. Darüber mache ich mir jetzt Gedanken. Und währenddessen mag es hier vielleicht ein wenig langweilig sein.

Eine Großstadt, wie man sie sich wünscht: Brüssel.

Also Stuttgart. In Stuttgart wurde ein neuer Bürgermeister gewählt, und der gehört den Grünen an, deren Vertreter sonst eher nicht Bürgermeister werden. Die CDU, die seit Jahrzehnten den Bürgermeister stellte, erlitt eine Schlappe, weswegen deren Vertreter panisch wurden: Sie hätten die Großstadtkompetenz verloren, mutmaßten die konservativen Analytiker, die jungen, urbanen Schichten würden sie nicht mehr wählen. Naja, Stuttgart. Manche streiten ja darüber, ob Stuttgart wirklich eine Stadt ist und nicht nur ein Bahnhof mit ein paar ungeordneten Häusern drumrum, wobei sogar der Bahnhof in Zukunft unsichtbar werden soll, aber eigentlich ist das hier gar nicht das Thema. Das Thema ist: Was ist das eigentlich, die Großstadt, in der keine großen Parteien mehr gewählt werden?

1. Die Großstadt ist gar nicht so groß

In der Stadtsoziologie spricht man ab 100000 Einwohnern von einer Großstadt. Wer schon einmal in Osnabrück war, der weiß: Besonders urban ist das nicht. Und wenn man mal andere Städte zum Vergleich nimmt, etwa Chongquing in China, mit 28,85 Millionen Einwohnern größte Stadt der Welt und in Europa weitgehend unbekannt, dann fragt man sich schon, ob die Relationen stimmen.

2. Die Großstadt ist ein Dorf

Was macht eine Stadt Hamburg aus? Poppenbüttel? Eilbek? Marmstorf? Nein, eine Stadt wird geprägt von innerstädtischen Quartieren, im Falle Hamburgs: von St. Pauli. Knapp 24000 Einwohner, das ist eine Liga mit Mühlheim am Main. Und außenrum haben wir Speckgürtel, der zählt nicht.

3. Die Großstadt besteht aus Unterschieden

In der Kleinstadt fällt man schon auf, wenn man einen Dialekt spricht, der einen nicht eindeutig als Eingeborenen ausweist. Die Großstadt lässt, solange sie als Stadt funktioniert, Unterschiede zu. In einer funktionierenden Großstadt lebt der Beamte mit dem Studenten Tür an Tür, die Künstlerin mit der alleinerziehenden Mutter, der Aufstocker mit der Gutverdienerin, in der Großstadt glaubt der Muslim, was er glauben will, die Katholikin glaubt an den Papst, und der Atheist glaubt gar nichts. Und alle kommen irgendwie miteinander aus. Das ist so, in der perfekten Großstadt.

Leider ist die Großstadt oft nicht perfekt. Das merkt man im Prenzlauer Berg in Berlin, wo man komisch angeschaut wird, wenn man kein Schwäbisch spricht, das merkt man in der Hamburger Hafencity, wo eben kein Aufstocker mit der Gutverdienerin Tür an Tür lebt – in der Hafencity leben ausschließlich Gut- und Bestverdiener, weil alle anderen sich eine Wohnung hier nicht leisten können. Das merkt man im Münchner Hasenbergl, wo jeder, der seine Kröten irgendwie zusammenkratzen kann, wegzieht, und übrig bleiben die Übriggebliebenen. Das Gegenteil der Großstadt ist nicht das Dorf, das Gegenteil der Großstadt ist das Getto.

Wenn die Großstadt nicht funktioniert, dann gibt es Störgeräusche, manchmal ein kaum hörbares Knirschen, manchmal ein ohrenbetäubendes Kreischen, das einem sagt: Hier kippt gerade etwas. Man hört es in Hamburg, wo wütende Stadtbewohner in der „Recht auf Stadt“-Bewegung dagegen protestieren, dass die Mieten im Zentrum unerschwinglich werden. Man hört es in Stuttgart, wo Bürger sich dagegen wehren, dass ein Bahnhof an der Bevölkerung vorbei geplant wird. Und man hört es ganz hässlich in Köln, wo die Leute gegen einen Moscheebau demonstrieren. Man soll sich nichts vormachen: Die Störgeräusche der Großstadt sind manchmal wirklich widerwärtig.

Und doch, und doch. Ist die Großstadt der Ort, wo man solche Misstöne aushält, wo aus solchen Misstönen etwas neues entsteht. Und wenn nichts neues entsteht, dann verschwindet die Großstadt eben, dann wird sie zur Kleinstadt, zum Ort, wo es keinen Misston gibt, sondern ausschließlich dumpfe, langweilige Stille. Grabesstille. Die Kleinstadt ist der Gegenentwurf zur Großstadt, der Ort, an dem es keine Unterschiede gibt, sondern nur noch Gleichklang. Manhattan, der Inbegriff des Urbanen, wurde so ein Ort in den Neunzigern, als die Quadratmeterpreise so in die Höhe schossen, dass kaum noch ein Normalverdiener im Zentrum New Yorks wohnen konnte. Und? Zogen die Coolen, die Künstler eben ein paar Kilometer weiter, nach Brooklyn. Dass alles im Fluss ist, ist das vierte Element der Großstadt:

4. Die Großstadt verändert sich ständig

Irgendwelche Strategien, wie politische Parteien die großstädtischen Wähler einfangen können, funktionieren entsprechend gar nicht. Weil die Städter nämlich schon wieder woanders sind, bis die Partei ihr Programm angepasst hat. Vielleicht einfach ehrlich sein, konsequent und nicht allzu abgehoben? Vielleicht keinen Bahnhof neu bauen, wenn die Stadtbewohner keinen Bahnhofsneubau wollen? Vielleicht: mal zuhören?

Und ansonsten: Leben und leben lassen. (Ich halte es für einen echten Glücksfall, in der Großstadt zu leben.)

Kommt ein Mann zum Pfarrer und erzählt, dass er nicht an Gott glaube. Sagt der Pfarrer mit beseeltem Blick: “Das ist ein Beweis für die Güte des Herrn: Du bist Atheist, und er akzeptiert dich dennoch, so wie du bist.” (Ja, okay, ich habe mir den Witz gerade erst ausgedacht, da darf man kein Fips Asmussen-Niveau erwarten.)


(Foto: © Henning Rogge/Deichtorhallen)

Zu Beginn der Ausstellung “Wunder” in den Deichtorhallen begegnet einem eine Installation von Joseph Beuys: “Eurasienstab”, vier an eine Wand gelehnte Filzwinkel (im Bild links). Beuys wollte, so informiert der Ausstellungstext, mit diesen Gerätschaften eine geistige Verbindung zwischen West und Ost herstellen, eine Brücke zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Europa und Asien, während des tobenden Kalten Kriegs. Ich weiß, dass sich über Beuys, den wohl bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, Klügeres sagen lässt als solch Geschwafel, der Satz macht aber deutlich, welches Problem ich oft mit Beuys habe: Man kann ihn ganz leicht vereinnahmen, für dummen, nicht durchdachten Antirationalismus. Für die Grünen, für die Anthroposophen, für eine Ausstellung wie “Wunder”.
“Wunder” haut nicht fröhlich in die weihnachtliche Kerbe des Wunderglaubens, “Wunder” ist raffinierter. Eine Videoinstallation von Johanna und Helmut Kandl zeigt Wallfahrer, glücklich, verzückt, fanatisch. Dass in diesem kollektiven Glücksgefühl auch eine Bedrohung liegt, verschweigt die Ausstellung nicht, gleichzeitig deutet sie aber an, dass in solch einem Gemeinschaftsgefühl eine Kraft stecken muss, die mit individualisierter Wissenschaftlichkeit nicht fassbar ist. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als du kleines Menschlein dir vorstellen kannst, sagt die Ausstellung. Und was spricht dagegen, dieses Unvorstellbare als “Wunder” zu bezeichnen?
Das immerhin spricht dagegen: dass Wunderglauben fast immer Hand in Hand mit Religion geht. Diese Verbindung spart die Ausstellung verschämt aus, entsprechend gibt es auch keine Kritik an dem disziplinierenden Charakter von Religion (und nur in einem versteckten Kabinett, in dem Kinder ihre Vorstellungen von göttlichen Wundern formulieren durften, wird klar, wie der Hase läuft). Im Grunde ist “Wunder” eine stockreaktionäre Veranstaltung, die sich nicht einmal traut, zu ihrem reaktionären Charakter zu stehen.
Was die kuratorisch eigentlich ganz gut aufgestellten Deichtorhallen geritten haben dürfte, sich auf solch schlüpfriges Terrain zu begeben, man weiß es nicht. Immerhin muss sich kein hauseigener Kurator für den Schmonzes verantworten, die Schau ist schlüsselfertig eingekauft von der Berliner Praxis für Ausstellungen und Theorie, drei freien Ausstellungsmachern, die sich selbst an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Kulturgeschichte verorten und bislang Schauen wie “Der Ball ist rund” anlässlich 150 Jahren DFB im Gasometer Oberhausen oder “Schmerz” im Hamburger Bahnhof Berlin konzipierten. Erfolgsausstellungen. Was das Trio allerdings über den Publikumserfolg hinaus mit “Wunder” bezweckt, erfährt man nicht.
Am Ende steht die Religion. Am Ende steht die Erkenntnis, dass jeder an Wunder glaubt, solange er nicht so größenwahnsinnig ist, alles zu verstehen – und wer an Wunder glaubt, der glaubt auch irgendwo an Gott. Oder an die Gemeinschaft. Oder an die Kunst, ist ja alles dasselbe, dieses nicht Fassbare: “Pure Vernunft darf niemals siegen”. Davon, dass man womöglich durchaus akzeptiert, nicht alles zu wissen, für dieses Nichtwissen aber auch keine übergeordnete Erklärung braucht, schweigt diese Ausstellung.

Kommt ein Mann zum Kurator und erzählt, dass ihn Wunder eigentlich überhaupt nicht interessieren. Sagt der Kurator mit maliziösem Blick: “Dieser Skeptizismus, ist der nicht wunderbar?”

(Wunder. Kunst, Wissenschaft und Religion vom 4. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bis 5. 2., Deichtorhallen, Hamburg)

Ich begegnete Sahra Wagenknecht Mitte der Neunziger. Die Gießener DKP hatte die Chefin der Kommunistischen Plattform in der PDS eingeladen, in ein Hinterzimmer der Kongresshalle, da dachte ich mir: Hörstes dir mal an, auch wenn du kein Parteimitglied bist. Zur Erklärung für die Spätgeborenen: Die DKP ist die Deutsche Kommunistische Partei, heute ein praktisch irrelevant gewordener Verein von Sozialisten, Kommunisten, Antikapitalisten, denen SPD wie Grüne zu kapitalfreundlich waren und die mittlerweile in großen Teilen zur Linken abgewandert sind. Damals, in der westdeutschen Provinz, sprach aber noch niemand von der Linken, und die DKP hatte durchaus eine gewisse Relevanz, war auch in einigen Kommunalparlamenten vertreten, hauptsächlich wegen ihrer Vernetzung in die Gewerkschaften hinein.
Entsprechend saßen an diesem Abend auch hauptsächlich: ältere Gewerkschafter, Biertrinker, ausschließlich Männer, meist vom Land, die nirgendwo dazu gehörten. Und mittendrin Sahra Wagenknecht, schlank und streng und Wasser trinkend. Einer der Männer meldete sich: “Liebe Genossin Sahra, ich bin ein nicht-leninistischer Sozialist, und ich habe folgendes Problem …” Wagenknechts Lippen wurden schmal. “Dann gebe ich IHNEN folgenden Rat: Lesen SIE. Lesen SIE Lenin, seine Schrift ‘Was tun?’ wird IHNEN weiter helfen.” Gespräch beendet. Ich will Wagenknecht nichts vorwerfen, das Ambiente war wirklich sehr, sehr bieder, und eine gewisse Arroganz darf man sich als junger, kluger Politstar vielleicht auch leisten: Wagenknecht war damals Mitte, Ende Zwanzig, in diesem Alter lief ich ebenfalls noch gehörig überheblich durch die Gegend, womöglich mache ich das heute noch. Aber irgendwie spürte ich, dass diese jämmerlich hilflosen Männer eigentlich nichts Böses gemacht hatten, im Gegenteil, sie hatten ja immerhin Wagenknecht eingeladen, weil sie dachten, dass da jemand mit ihnen diskutieren würde, der auf ihrer Seite sei, eine Kommunistin. Und dass Dünkel und Besserwissertum der linken Sache nicht unbedingt dienlich sein dürften, das spürte ich auch.

Ich verfolgte Wagenknechts Karriere weiter, sie schien ja ihren Weg zu machen, auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, dass dieser Weg nirgendwo hinführte. Wagenknecht prägte die Kommunistische Plattform, zunächst in der PDS, dann in der Linken, wobei mir die Kommunistische Plattform immer mehr an den Rand gedrängt vorkam, unwichtig, eigentlich. Wagenknecht heiratete den westdeutschen Journalisten und Unternehmer Ralph T. Niemeyer, der sich selbst als “liberal” bezeichnet. Wagenknecht sah sich in der DDR-Tradition religionsähnlicher Goethe-Verehrung (und ließ sich leider auch dazu hinreisen, damit ihre Abneigung gegen Regietheater zu begründen: Das nämlich verletze die Intention des Heiligtums Goethe). Wagenknecht ließ sich beim Hummer-Essen fotografieren und ging mit dem anschwellenden Kichern eher uncool um. Wagenknecht baute auf die Karten Weiblichkeit, Bildung und Schönheit, das gefiel mir noch nie, auch wenn ich nicht ahnen konnte, dass Weiblichkeit in der Politik über kurz oder lang von Püppchen wie Bettina Wulff, Kristina Schröder und Stephanie zu Guttenberg definiert werden würde.

Ich mag Sahra Wagenknecht nicht.

Einerseits. Andererseits bin ich natürlich der Meinung, dass es eine Alternative geben muss zum alternativlosen Pragmatismus, zur Gestaltungsmacht, die nur in einer Regierungsbeteiligung liegt, selbst wenn man dafür alle linken Ideale aufgeben muss. Ich finde es wichtig, dass es etwas gibt wie die kommunistische Plattform, einen Stachel im Fleisch des Parlaments, der sich eben nicht den Sachzwängen anpasst. Nur dass dieser Stachel ausgerechnet von Sahra Wagenknecht repräsentiert wird, das passt mir nicht, von Sahra Wagenknecht, bei der ich mich tatsächlich frage, ob sie wirklich eine Linke ist und nicht doch ein arrogante, durch und durch bourgeoise Schnalle.

Und ganz davon abgesehen, freue ich mich, dass Oskar Lafontaine eine neue Freundin gefunden hat. Jeder Topf findet irgendwann seinen Deckel, und Unsympathin zu Unsympath, doch, das passt.

(Foto: Nicole Teuber)

Ihr, die ihr behauptet, ein Stadtpark würde nicht zur modernen Freizeitgestaltung passen, ihr, die ihr behauptet, die Menschen würden keinen Park wollen, sondern Eventlocations, kommerzielle Funsportareale, ihr, die ihr behaputet, die Menschen würden gerne Eintritt zahlen für den Besuch in einem Gelände, von dem sie vergessen haben, dass es ihnen doch eigentlich gehört, weil das nämlich zur Folge habe, dass diejenigen, die keinen Eintritt zahlen können oder wollen, draußen bleiben:

IHR LÜGT! IHR LÜGT! IHR LÜGT!

(Und wenn man nur mal kurz Cui bono? fragt, die klassische Krimifrage: Wer hat eigentlich etwas davon, dass zum Beispiel der Altonaer Volkspark umgestaltet werden soll zu einer kommerziellen Freizeit-, Sport- und Vergnügungsstätte?)

Etwas, das ich aus meinem Elternhaus mitgenommen habe: Atomenergie ist böse.

Meine Eltern waren keine Fortschrittskritiker. Mein Elternhaus stand in Schwaben, und Schwaben, das war Daimler, IBM, das war im konkreten Ulmer Fall eine Vorstellung von Wissenschaft, die in erster Linie als anwendungsbezogene Naturwissenschaft an der fünf Jahre vor meiner Geburt gegründeten Uni gedacht wurde. In Schwaben wurde nicht skrupulös gezweifelt, in Schwaben wurde g’schafft. Und wenn dieses Schaffen bedeutete, dass man etwas machte, das bisher noch nicht gemacht wurde, dann war das eben so. Die Nutzung der Atomenergie war die logische Folge dieser Wissenschaftsvorstellung, weswegen in Baden-Württemberg Ende der Siebziger acht Atomkraftwerke kommerziell betrieben wurden, mehr als in jedem anderen Bundesland.
Meine Eltern waren keine Kapitalismusgegner. Die Tatsache, dass die Atomindustrie mit einer politischen Praxis zwischen Lobbyismus, Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen und offener Korruption ein Geflecht aufgebaut haben, das die Atomenergie als künstlich günstigen Strom erscheinen lässt (künstlich, weil die Differenz zwischen angegebenen und tatsächlichen Kosten der Atomkraft von der Öffentlichkeit, also vom Steuerzahler übernommen werden), war im Haus meiner Eltern zweitrangig. Meine Eltern waren kein Großbürgertum, aber sie waren immer nach oben orientiert, und oben, da waren in Schwaben: die Höhergebildeten. Die Wohlhabenden. Die CDU. Das Kapital. Gegen die hatte man nichts.
Meine Eltern waren keine Apokalyptiker. Angst vor einem GAU hatten die keine, und wenn, dann war solch ein GAU ein unvermeidliches Risiko, da musste man mit leben. Eine eigene Ästhetik, ein eigenes Weltbild hatte das aber nicht zur Folge: Die Apokalypse ist ein religiöses Modell, und Religion war in meinem Elternhaus praktisch kein Thema.

Und doch: Atomkraft ist böse, das habe ich mitgenommen, trotzdem. Weil Atomkraftwerke womöglich sicher funktionieren mögen (Fukushima hat auch das widerlegt), eine Frage davon aber nicht in Ansätzen berührt wird: Was macht man eigentlich mit den Überbleibseln? Plutonium hat eine Halbwertszeit von 24000 Jahren, das fällt bei der Nutzung der Atomenergie an, und man weiß nicht, was man mit dem Kram anfangen soll, nutzt aber dennoch fröhlich drauflos, weil: Irgendeine Lösung wird einem über kurz oder lang ja schon einfallen? Hallo?
Das musste eigentlich jedem Schwaben, der noch halbwegs bei Trost war, gegen den Strich gehen: Wie konnte man eine Technik einsetzen, ohne sie zu Ende gedacht zu haben. Atomenergie war ein ungedeckter Scheck, und ungedeckte Schecks waren unseriös. Das habe ich in meinem Elternhaus auch gelernt: Man macht keine Schulden, alles, was man ausgibt, muss zuvor verdient sein (oder man muss sich zumidest sicher sein, das Ausgegebene in absehbarer Zeit wieder reinholen zu können). Atomenergie zu nutzen, das ist, als ob man Schulden machen würde, die die nächsten 5000 Generationen abbezahlen müssen.

Meine Eltern haben sich schwabentypisch ein Häusle gebaut, auf einer Anhöhe am Rand der Stadt. Bei klarer Sicht sind sie auf bayerischer Seite zum Greifen nahe: die Kühltürme des Atomkraftwerks Gundremmingen. Böse.

Edit: Dass die Überschrift ein versteckter Verweis auf die tolle culturmag-Rubrik “Sachen machen” der tollen Isabel Bogdan ist, war eigentlich gar nicht beabsichtigt. So ist sie allerdings auch gleich noch ein Hinweis auf das leider erst nächstes Jahr erscheinende Buch zum selben Thema, das dann natürlich auch gekauft werden sollte.


Ich habe mir ja vorgenommen, diesen entsetzlich inhaltslehren Bürgerschaftswahlkampf nicht zu kommentieren. Weil, irgendwo verstehe ich die Parteien auch, die hatten ja gar keine Zeit, sich auf die Wahlkampfsituation einzustellen, also hatten sie auch keine Zeit, sich Gedanken über Inhalte zu machen. Und mittlerweile macht es ohnehin den Eindruck, als ob der Drops gelutscht sei, da muss man sich auch keine Mühe mehr geben. Also: Es ist langweilig, es ist inhaltsleer, es ist unkreativ, sei es drum. Ich werde schon irgendwas wählen.
Wenn man allerdings von Inhalten sprechen dürfte … dann möchte ich ein paar Inhalte formulieren. Ich würde nämlich ziemlich sicher eine Partei wählen, wenn sie ein paar ganz bestimmte Inhalte vertreten würde, nur leider gibt es diese Partei nicht. Egal. Gut fände ich es auf jeden Fall

– wenn die Parteifunktionäre meiner Traumpartei in Grundzügen den Eindruck erwecken würden, ihre Lebensumstände hätten etwas mit meinen zu tun. Sicher, Jura ist ein wichtiges Fach, es ist gut, dass Juristen in den Parlamenten sitzen, aber: Warum muss denn die große Mehrheit Jura studiert haben? Gibt es ü-ber-haupt Spitzenpolitiker, die, nur mal als Beispiel, Literaturwissenschaftler sind? Kunsthistoriker? Leute, die gar nicht studiert haben? Und weiter: Meines Wissens nach sind in Großstädten nicht einmal die Hälfte der Einwohner konfessionell gebunden. Wo sind denn in den Parteien die Atheisten? Oder gar die Religionskritiker?
– Toll wäre auch, wenn meine Traumpartei sich explizit zur Umverteilung von oben nach unten bekennen würde. Umverteilung, das würde nicht nur bedeuten, dass die Steuern angehoben werden, das machen ja viele, Umverteilung würde bedeuten, dass man ganz deutlich sagt: Wir wollen, dass die Reichen weniger haben. Punkt. (Auch wenn ich in solchen Gedankenspielen wahrscheinlich zu den Reichen gehören würde.)
– Überhaupt, es gibt einiges, wo umverteilt werden könnte. Ich würde eine Partei wählen, die die Marktgesetze für bestimmte Bereiche aufhebt: Kultur, Infrastruktur, Gesundheit, Bildung, Wohnen, zum Beispiel. Das würde heißen: Massive Preisminderungen bei Bussen und Bahnen, der Nahverkehr womöglich sogar gratis. Deutliche Senkung der Eintrittspreise in öffentliche Kulturveranstaltungen, freier Eintritt in Museen, sozialverträglicher Eintritt in Theater, Aufbau eines Filmvorführprogramms in öffentlicher Hand. Freie vorschulische und Schulbildung. Nachgelagerte Studiengebühren, das heißt: Während man studiert, zahlt man nichts, nach dem Eintritt ins Berufsleben zahlt man einen Teil seines Einkommens an die Hochschule zurück. Was zur Folge hätte, dass der gut verdienende Chefarzt stärker belastet würde, der prekär beschäftigte Theaterwissenschaftler weniger stark. Mit anderen Worten: eine Akademikersteuer.
– Ohnehin plädiere ich für deutliche Steuererhöhungen (die mich wahrscheinlich als erstes treffen würden, egal, das nehme ich hin). Und für eine massive Verteuerung des Individualverkehrs, zumindest im städtischen Raum: PKW-Steuer rauf, Benzinpreise rauf, Parkraumbewirtschaftung rauf. Positiver Nebeneffekt: Die Leute steigen schon alleine aus Kostengründen um auf den ÖPNV.
– Sachen wie Internationalismus, Gesellschaftsliberalismus, Solidarität mit Schwächeren, Einführung von gesetzlichem Mindest- und Maximallohn (die nicht allzu weit auseinanderliegen sollten) verstehen sich ohnehin von selbst.
– Und, ganz wichtig: Augenmaß vor Ideologie. Immer erst mal genau hinschauen: Ist es womöglich im konkreten Fall ein Problem, wenn man die obigen Punkte ganz strikt anwendet? Und zwar in jedem Fall. Das macht es kompliziert, ich fürchte aber, es gibt keine andere Lösung. Steuererklärungen werden damit, beispielsweise, tendenziell unübersichtlicher. Dafür aber gerechter.

Keine der zur Wahl stehenden Parteien erfüllt diese Forderungen. Das ist egal, ich werde schon irgendwas wählen. Der (wie immer sehr geschätzte) Wahl-O-Mat empfiehlt mir die Wahl der Piraten, aber das ist Blödsinn, die haben nicht den Hauch einer Chance, in die Bürgerschaft zu kommen. Ich fürchte, ich werde, wie schon bei den vorangegangenen Wahlen, meine Stimme der Linken geben, auch wenn sie in meinen Wahl-O-Mat-Charts recht weit hinten liegen. Schlicht, weil die Linken das kleinere Übel sind. Mal wieder: das kleinere Übel. Also wähle ich eine Partei, die ganz ohne Not eine extrem altbackene Kommunismusdebatte führen wollte. Also wähle ich eine Partei, die anscheinend keinen großen Wert darauf legt, überhaupt zu regieren, und die dort, wo sie regiert, nichts dabei findet, alternative Wohnprojekte platt zu machen. Also wähle ich eine Partei, die in weiten Teilen aus frustrierten, xenophoben, spießigen Kleinbürgern besteht. Gibt halt nichts anderes.

Alles übel, mal größer, mal kleiner.

Die Bandschublade hätte nie ein Rezensionsblog werden sollen. Weil andere diese Nische schon sehr, sehr gut bespielen, die Kollegen von der Nachtkritik etwa oder das geschätzte Hamburger Feuilleton. Vor allem aber auch, weil ich der Meinung bin, dass eine Rezension die langweiligst mögliche Art ist, über Kunst zu sprechen. Weil ich das im Brotberuf schon häufig genug mache. “Ich kann (…) nicht immer doppelt Kritiken schreiben, denn es ist ja nicht so, dass ich ansonsten nichts zu tun hätte”, sagt Christine Dössel, ja. Vor allem, weil man in so einem echten, gedruckten Medium ja doch etwas anderes erzählen möchte, irgendwie seriöser, nicht so aus der Hüfte und der Leidenschaft heraus wie in diesem kleinen Kräutergarten hier. Hier möchte ich weiter blöken, ich will begeistert schwärmen und ich will mich angwidert auskotzen, und ich will mir keine Gedanken darüber machen, ob das, was ich schreibe, jedem Gegenargument standhält, weil, wenn ich Mist schreibe, kann man mir ja mailen oder mir einen Kommentar schreiben, dann versuche ich, mich zu erklären, und wenn die Erklärung nicht funktioniert, dann kann ich was draus machen, einen weiteren Beitrag schreiben, meinen früheren Beitrag modifizieren, das Gegenargument posten, was auch immer. Im Print kann ich das nicht. Und deswegen gibt es hier auch keine Rezension zur gestrigen Premiere von Jan Bosses Shakespeare-Verzückung “Was ihr wollt” am Thalia.

Stattdessen konstatiere ich eine umgekehrte Krise. Weil nämlich, liebes Thalia, der Premierenoverkill der vergangenen Woche ein eigenartiges Gefühl der Übersättigung zur Folge hatte. Drei Premieren in einer Woche, und von denen ist eine ganz, ganz großartig (“Axolotl Roadkill”), eine ist wirklich gut (“Was ihr wollt”) und eine ist auch noch ganz in Ordnung (“Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes”). Und wenn man einrechnet, liebes Thalia, dass ihr im Repertoire auch noch ein atemberaubendes Stück wie “Hamlet” habt, dann stellt man langsam fest, dass man euer Theater mittlerweile unbesehen besuchen kann, egal was, man sieht eine doch zumindest überzeugende Inszenierung. Aber will man das überhaupt? Will man ein Theater, das wirklich alles richtig macht, tolles Ensemble, tolle Regie, Bühnenbild, in das man sich zum Schlafen legen möchte, und von der Dramaturgie und ihren klugen Programmheften wage ich gar nicht zu reden?
Ich auf jeden Fall will das nicht. Ich will die ständige Krise, ich will den Schmerz im Herzen, ich will ein Messer, das sich in meinem Fleisch einmal umdreht. Und dann will ich umarmt werden, selten, aber dafür von solcher Begeisterung, dass ich alle Enttäuschungen vergesse.

Glückwunsch, Thalia. Das natürlich auch.

P.S. Und gerade kommt eine SMS, dass Schwarz-Grün vor dem Aus steht. Was eigentlich auch wichtiger ist, oder?