Taxi fahren, das ist für mich kleinen Bub vom Land immer schon mit Glamour behaftet. Taxi fährt man, wenn man keine Lust hat, auf den letzten Bus zu warten, vielleicht auch keine Zeit, wenn klar ist, ich setze mich jetzt auf diese Bank an der Haltestelle, und innerhalb von drei Minuten bin ich eingeschlafen, dann raubt man mich aus, und ich bleibe bis zum Morgen liegen, und dabei erkälte ich mich, besser, ich rufe ein Taxi. Taxi fährt man nicht, weil man es sich leisten kann, man kann es sich auch nicht leisten, man fährt Taxi, weil ohnehin alles egal ist, keine Ahnung, wieviel Geld man den Abend über in Getränke umgesetzt hatte, also geht die Fahrt auch noch, und wenn sie nicht mehr geht, weil man nur noch fünf Euro in der Tasche hat, dann fährt man eben soweit diese fünf Euro reichen. Außerdem, so ist es ja nicht, nehmen Taxis auch Karte. Dieses Gefühl: Ich könnte alles tun. Drogen nehmen, endlich. Mein bürgerliches Leben auf den Müll schmeißen. Überhaupt mein Leben aufgeben. Ein Containerschiff nach Südamerika besteigen und dort neu anfangen. Ein echtes Verbrechen begehen. Einen Menschen küssen, den ich nie zuvor gesehen habe und den ich nie wieder sehen werde. Für all das brauche ich kein Geld mehr, hier, nimm. Dieses Gefühl, das ist Taxi fahren. (Dort, wo ich herkomme, wurde praktisch nie mit dem Taxi gefahren. Weswegen auch.)

Anselm Lenz, ehemaliger Dramaturg am Schauspielhaus, Hamburger Nachtleben-Maskottchen in uebel & gefährlich und Golem, Autor zwischen Hamburg, Berlin und irgendwie auch Palermo, hat einen Film gedreht, gemeinsam mit Sarah Drath, Hendrik Sodenkamp, Yennj Rudloff und Jenia Bayat Mokhtari: „Taxi Altona“, entstanden aus einer Performance beim Kaltstart-Festival. Das Ganze erinnert an die bewundernswerte arte-Serie „Durch die Nacht mit …“: Acht beziehungsweise neun, naja, Szeneberühmtheiten steigen jeweils zu zweit in ein Taxi, cruisen durch Hamburg, reden darüber, was sie mit dieser Stadt verbindet, was sie hassen, was sie lieben, und was das über sie aussagt, und am Ende treffen sich alle in Erika’s Eck und essen Gulaschsuppe. Das heißt: Das Chick on Speed Melissa Logan geht mit dem Journalisten Andreas Hilmer in einen Stripclub, die Künstlerin (und in Hamburg unvermeidliche Gängeviertel-Aktivistin) Christine Ebeling hat sich mit Clubbetreiber und Schriftsteller Tino Hanekamp eigentlich nichts zu sagen, das aber ganz reizend, und in einer wunderbaren Szene wird der Schauspieler Antoine Monot jr. von Ex-Sterne-Keyboarder Richard von der Schulenburg in der Einöde stehengelassen. Das ist wunderbar, auch wenn die Tonqualität einen hin und wieder wünschen lässt, man hätte in früher Jugend ein paar weniger Hardrock-Konzerte mitgemacht, das ist aber vor allem eine Liebeserklärung. Ans Taxifahren. Ans Nachtleben. Und irgendwie auch an Hamburg, diese eigenartige Stadt, die sich blöde mit „Hamburg, meine Perle“- und „Schönste Stadt der Welt!“-Brustgeklopfe selbst feiert, in Wahrheit aber einerseits ein hässlicher Betonhaufen in öder Landschaft ist und andererseits einen Charme hat, den kein verhaspeltes Selbstlob auch nur in Ansätzen erfasst. (Eine Stadt, der ich mich jahrelang versperrt habe, bis sie mich plötzlich doch gekriegt hat, in einem Moment, in dem ich es ganz und gar nicht erwartet habe.)

Sympathisch an der „Taxi Altona“-Premiere im Hochbunkerclub uebel & gefährlich war übrigens, dass Taxifahrer umsonst rein kamen. Ganz großartig aber: dass einige Taxler dieses Angebot auch annahmen. Das sind so Momente, an denen man kapiert, wie offen die vordergründig unnahbare Kulturszene dieser Stadt eigentlich ist, allem Hipster-Bashing zum Trotz. Und dann fragt man sich: Ob es solch eine Offenheit wohl auch in, zum Beispiel: München gibt? Ja, das fragt man sich.

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Das Prinzip Lesung war mir schon immer fremd. Ich meine, was soll das bringen, sich einen Text vorlesen zu lassen, einen Text, den man auch gut selbst lesen könnte, im eigenen Rhythmus? (Mit dem Prinzip Hörbuch kann ich ebenfalls wenig anfangen.) Will man sehen, wie der Autor aussieht? (Wie soll er schon aussehen? Wie du und ich sieht er aus, Überraschung!) Will man hören, wie er liest, wie er betont? (Er nuschelt, außerdem betont er auf komischen Silben, als ob er den Text gar nicht kennen würde, den er da vorliest, leider hat er auch noch einen heftigen Dialekt, Westerwälder Platt.) Will man den Autor kennenlernen? (Kennenlernen? Weil man zuhört, fünf Stuhlreihen entfernt? Ist das in etwa so, als ob ich sagen würde, ich hätte einen Schauspieler kennengelernt, nur weil ich ihn auf der Bühne gesehen habe?) Mir ist das Prinzip fremd, tut mir leid.

Ach, ich bin doch nur schlecht gelaunt, weil ich direkt vom Bahnhof zum Literaturfestival ham.lit gehetzt bin, im Magen ein ekliges Streußelteilchen aus dem protzigen Berliner Hauptbahnhof und ein Dosenbier, gestresst und reizüberflutet und viel zu spät dran. Jan Brandt, den ich hören wollte, hat längst gelesen, Felicia Zeller, von der M. so schwärmte und deren Brille mich sofort für sie einnahm, ist auch schon durch, mir bleibt ein überteuertes Clubbier und ein paar Minuten Leif Randt, der mir irgendwie überschätzt rüberkommt.

ham.lit, das ist, in den Worten von Tobias Becker auf SpOn, „ein Lesefestival für Leute, die Lesungen nicht mögen“: Junge, hippe Schriftsteller lesen im jungen, hippen Clubambiente des uebel und gefährlich, dazu gibt es Festivalathmo (man verpasst immer die gerade viel tollere Lesung im Nebenraum, während man einer eigenartig verblasenen Lyrikperformance zuhört) und zwei Konzerte, es macht auf eine oberflächliche Weise Spaß, weil man Leuten begegnet, über die man sich freut, es ist alles tatsächlich mehr oder weniger cool, es ist ein Verständnis von Literatur, das angrenzt an Nachtleben und Ausgehwelt, ein Verständnis von Literatur, das beispielsweise die Jungs von Post Artcore teilen, und an dem absolut gar nichts verwerflich ist. Bis auf die Tatsache natürlich, dass alte, stinkige Autoren da nicht unbedingt reinpassen und entsprechend auch nicht eingeladen werden. (Ich muss die auch nicht unbedingt sehen, das versuchte ich oben anzudeuten.) ham.lit, das ist irgendwie eine Durchhalteveranstaltung für die jungen, schönen Autoren, die Drogen nehmen, coole Musik hören und viel (aber manchmal auch schwer unbefriedigenden) Sex haben, gerne haben sie in Leipzig studiert. (Ich finde die Leipziger Literatur ja klasse. Ich mag Susanne Heinrich, Mareike Krügel, Kristof Magnusson, echt.) Wie Franziska Gerstenberg (Foto, auf dem man so wenig erkennt, wie ich von meinem Platz sah), die einzige Lesung, die ich noch vollständig mitbekomme. Gerstenberg liest aus ihrem demnächst erscheinenden Romandebüt „Spiel mit ihr“, es geht um viel (aber manchmal auch schwer unbefriedigenden) Sex. Der Text ist klasse, er verschiebt die Perspektiven immer mal wieder unmerklich, er dekliniert den Spielbegriff ganz kunstvoll durch, er leidet allerdings auch ein bisschen unter der Tatsache, dass die Autorin in einer halben Stunde eben nicht den ganzen Roman vorlesen kann, sondern nur ein paar Seiten, also: zwei Fickszenen. (Ich leide außerdem darunter, dass ich „Spiel mit ihr“ erst vor ein paar Tagen rezensionsbedingt gelesen habe, den Text also fast mitsprechen kann. Aber da kann ja Gerstenberg nichts für.) Kommander Kaufmann meint, dass es doch bemerkenswert sei, wenn da jemand, also: zumal eine Frau, sich auf die Bühne setzen könne und vor großem Publikum von Spermatropfen erzählen würde, die auf der Schenkelinnenseite hinabfließen. Ja, wahrscheinlich ist es das, bemerkenswert, ein Schielen nach der Sensation. Das Prinzip Lesung: fremd.

Und dann spielen noch Die Sterne, eine Band, die mir immer wichtig war, die vergangenen 20 Jahre ihres Bestehens und meines Musikgeschmacks. 20 Jahre lang hatte ich den Eindruck: Mit Sänger Frank Spilker steht da ein Typ auf der Bühne, der vielleicht zwei Köpfe größer sein mag als ich, der aber ähnliche Themen verhandelt, der meine Probleme hat und meine Freuden. Songs wie „Themenläden“, „In diesem Sinn“, natürlich der Beinahe-Hit „Was hat dich bloß so ruiniert?“: Geschichten aus meinem Leben. Und jetzt spielen Die Sterne ein Best-of-Konzert, sie rocken (machten sie immer mal wieder, das war nicht das, was ich an ihnen schätzte, aber ich akzeptierte, dass das live ganz gut funktionierte), Spilker ist weiterhin groß und dürr, aber er trägt einen Oberlippenbart, er klatscht rhythmisch, er nimmt einen tiefen Schluck und prostet ins Publikum. Der Mann da auf der Bühne ist ein alter Mann, der nur schwer verhehlen kann, dass ihm diese Zuschauer heute abend im uebel & gefährlich völlig egal sind, ein alter Mann, der ein Konzert spielt, das gar nicht so weit weg ist vom Schlagersänger beim Möbelhaus-Jubiläum. (Finde ich. A. findet, dass der Schritt zum Möbelhaus durchaus noch ein Stück weiter ist, aber ich bin ja ohnehin schlecht gelaunt.)

Weil nämlich Die Sterne alt geworden sind. Und wenn Die Sterne weiterhin die Band sind, die mein Leben vertont, dann kann das nur eines bedeuten: dass ich ebenfalls alt bin. Doofer Abend.