Schwaben, wie man es sich in den Metropolen so vorstellt: Ulm-Söflingen.

Schwaben, wie man es sich in den Metropolen so vorstellt: Ulm-Söflingen, Home of the Häuslesbauer.

Ich bin in Schwaben geboren und aufgewachsen. Ich mag die liebliche Landschaft im Norden des Bodensees, ich mag die schwäbische Küche, mag Zwiebelrostbraten und Spätzle und Seelen, ich mag es, wenn ein kalter Wind Nebelschwaden über die grauen Stoppelfelder der Albhochfläche bläst. Was ich nicht mag: die Religiosität der Schwaben, ihre Lustfeindlichkeit, ihren Konservatismus, ich wollte früh weg von dort. Ich habe Geisteswissenschaften studiert, ich mache beruflich „was mit Medien“. Ich wohne in einer norddeutschen Großstadt, im Zentrum, in einer verhältnismäßig großen Wohnung in einem Gründerzeitviertel. Ich lebe ein durchaus bürgerliches Lebensmodell, verheiratet, gesettlet, mit Freude an gutem Wein.

Ich bin der Typ, den Wolfgang Thierse nicht mag.

Thierse hat ja irgendwo recht mit seinem Bashing gegen die Schwaben, die den Prenzlauer Berg angeblich prägen würden (statistisch gesehen ist diese Meinung anscheinend nicht ganz richtig, andererseits, wer einmal versucht hat, Statistiken aufzustellen, weiß, dass das recht unzuverlässige Werkzeuge sind, die Wirklichkeit zu beschreiben). Zur Erinnerung: SPD-Politiker Thierse hat dem rechtskonservativen Springer-Blatt Welt ein Interview gegeben und sich darin über die Veränderungen in seinem Wahlkreis beklagt.

Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken. Da sage ich: In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen. (…) Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind. Und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche. Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause.

Was soll man darauf sagen? Ganz sicher nicht das, was Thierse aus dem Süden geantwortet wird, dieses bräsige „Wenn wir fleißigen Schwaben nicht fett in den Länderfinanzausgleich einzahlen würden, dann könnte Berlin aber mal sehen, wo es bleibt!“, das eigentlich genau die Vorurteile bestätigt, die Thierse in seiner ganzen Selbstgerechtigkeit vor sich herträgt. Es ist ja wirklich so: In Schwaben ist vieles nicht in Ordnung, es kommt nicht von ungefähr, dass ich da weg wollte. Es ist auch tatsächlich ein Problem, dass bestimmte Berliner Stadtviertel, der Prenzlauer Berg zählt sicher dazu, überschwemmt werden von Binnenmigranten, die gut ausgebildet sind, die (zumindest für Berliner Verhältnisse) gut verdienen, und die die eingesessene Bevölkerung aus dem Viertel verdrängen, nicht zuletzt, indem sie Wohneigentum erwerben. Letzteres ist aber eigentlich nicht die Schuld der Neuankömlinge, es ist die Schuld einer vollkommen verfehlten Wohnungsbaupolitik, die dem Eigentum immer den Vorrang gegenüber dem Mietwohnungsbau durch die öffentliche Hand gegeben hat, und die zumindest in Berlin federführend von Thierses eigener Partei verantwortet wurde.

Kein Problem ist meiner Meinung nach, wenn im Prenzlauer Berg eine Bäckerei aufmacht, die Wecken verkauft. Wer Schrippen kennt, der wird sich vielleicht freuen, wenn er auch mal etwas anderes angeboten bekommt, und wer Wecken nicht mag, der bekommt eine Ecke weiter Bagel, Börek, Pumpernickel, es ist doch alles da, das macht die multikulturelle Großstadt doch so charmant! Ich bin verletzt, wenn ein dummer, alter Mann mit dem Spruch von der Kehrwoche um die Ecke kommt, genauso, wie ich verletzt bin, wenn man mir hier im Norden erklärt, dass „im Süden ja alle katholisch“ seien – Schwaben ist mehrheitlich pietistisch geprägt, soviel verlangt ist es doch nicht, sich zu informieren, worüber man da spricht, oder? Mich verletzt es, wenn der Hamburger sich als Zentrum der Welt versteht, einer Welt, in der östlich von Bergedorf der unbestimmte „Osten“ beginnt (strukturiert gerade mal durch den nicht ignorierbaren Fettfleck Berlin in der Mitte) und südlich von Lüneburg ausnahmslos alles „Bayern“ ist. Und mich verletzt es, wenn Schwaben alle Klischees bestätigen, die über sie im Umlauf sind.

Fies, arrogant, überheblich-dumm, das sind natürlich nicht nur Berliner. Im großartigen „Tatort“ vorletzten Sonntag, „Der tiefe Schlaf“ aus München, bekommen die Kommissare (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) einen neuen Assistenten (Fabian Hinrichs), und sie machen das, was sie mit jedem Assistenten machen: Sie machen Witzchen, demütigen ihn ein wenig, zeigen, dass er nicht dazu gehört. Sie mobben ihn. Gisbert, der Assistent, ist aber auch wirklich nervig, er ist übereifrig, er ist besserwisserisch, er reißt mit dem Hintern ein, was er mit den Händen beziehungsweise seinem Superhirn aufgebaut hat. Vor allem aber ist er Preuße. Und das geht in München gar nicht.

Und als der Assistent dann, nach der Hälfte des Films, tot ist, verstehen die Münchner Polizisten die Welt nicht mehr. Sie haben doch nur Spaß gemacht, wie Wolfgang Thierse.

Wenn man zuviel in Foren, Kommentarspalten und auf Blogs unterwegs ist, wenn man sich zu lange in „diesem Internet“ rumtreibt, dann bekommt man so ein komisches Zerrbild der Realität. Dann hätte man erwarten müssen, dass die Berliner Wahl lange vor vergangenem Sonntag entschieden wäre, dass eine obskure Partei namens „Die Freiheit“ um einen noch viel obskureren Ex-CDU-Stadtverodneten namens René Stadtkewitz womöglich eine absolute Mehrheit erlangen müsste, auf jeden Fall aber stärkste Partei werden dürfte. Zumindest wenn man sich anschaute, wie massiv der Kommentarbereich auf welt.de (ja, ich lese das regelmäßig. Manch anderer Mann gibt viel Geld dafür aus, dass ihm schlecht kostümierte Damen den Po versohlen, damit er sich hinterher so richtig mies fühlt, ich lese, was welt.de-Leser so denken und fühle mich ebenfalls mies, gratis) mit Wortmeldungen wie „Ich wähle die Freiheit“ zugespammt wurde.
Und deswegen freue ich mich ziemlich, dass das Ergebnis für Stadtkewitz‘ Witzfigurentruppe am Sonntag so ein richtiger Griff ins Klo war. 14019 Zweitstimmen, das ergibt 1,0 Prozent. So wenig, dass verzweifelte Leser in den Foren schon behaupteten, dass dieses Ergebnis nicht korrekt sein könne, weil wirklich jeder ihrer Freunde geplant hätte, „Die Freiheit“ zu wählen, 40 Prozent wären da doch drin gewesen, mindestens! (Was vor allem beweist, wie wenig Freunde „Freiheit“-Wähler zu haben scheinen, hihi.)
Nein, zum ersten Mal seit langem macht mich unsere parlamentarische Demokratie richtig froh. Weil ich die Illusion erhalte, dass hierzulande Populisten keine Chance hätten (Gott, wie schnell man die Umfragewerte für Karl-Theodor zu Guttenberg vergisst!) Und wenn ich mir anschaue, was eine andere Splitterpartei, die unsägliche FDP, in Berlin so gerissen hat, 1,8 Prozent beziehungsweise knapp 27000 Zweitstimmen, dann freue ich mich gleich noch mehr.

(Und dass das nichts aber auch rein gar nichts ändern wird, das weiß ich auch.)

Ich habe auch promoviert. Beziehungsweise, ich habe damit angefangen, ähnlich wie Herr von und zu Emporkömmlings, äh, Dingens, Guttenberg. Ich wusste nichts anderes mit meiner Zeit anzufangen, nach dem Studium, Arbeitsplätze für examinierte Literaturwissenschaftler waren rar, außerdem hatte ich Lust, mich intensiv mit einem in erster Linie mich interessierenden Thema zu beschäftigen. Das Thema lautete „Körper/Schrift. Zur Ästhetik der Gewalt bei Elfriede Jelinek, Marina Abramovic, Valie Export und Ernst Jünger“. Ich habe Exposés geschrieben, eine Gliederung gemacht, die Gliederung wieder verworfen, Referate gehalten, Sekundärliteratur gelesen, bin vom Weg abgekommen und habe den Weg wieder gefunden. Nebenbei habe ich ein wenig journalistisch gearbeitet. Und weil ich Geld brauchte, und weil sich plötzlich doch noch eine Perspektive neben der brotlosen Wissenschaft auftat, habe ich immer mehr journalistisch gearbeitet. Irgendwann war ich in einer festen Anstellung, irgendwann war ich im Volontariat und irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich wirklich noch weiter an dieser Doktorarbeit arbeiten wollte.
Ich entschied mich. Gegen die Promotion, das heißt, ich scheiterte. Ich traute mir schlicht nicht zu, gleichzeitig Vollzeit zu arbeiten und mich dennoch mit Haut und Haaren einer Dissertation zu verschreiben. Technisch wäre es möglich gewesen, Petra Kohse, meine Ex-Praktikumsbetreuerin bei der taz, promovierte während ihrer Redakteurinnentätigkeit über Friedrich Luft, davor ziehe ich den Hut, ich aber traute es mir nicht zu. Meine Doktormutter reagierte ein wenig enttäuscht, riet mir aber zu: Gerade in der damaligen wirtschaftlichen Situation sei es wichtig gewesen, Boden unter die Füße zu bekommen. Wirklich vermisst habe ich den Doktortitel nie, ein wenig spüre ich aber einen Phantomschmerz: Da fehlt etwas, da wurde etwas nicht zu Ende gebracht. Andererseits nehme ich auch etwas mit: die Erfahrung, dass man auch auf die Nase fallen kann, und trotzdem geht es irgendwie weiter, eigentlich immer. Nicht die schlimmste Erfahrung.

Karl Theodor zu Guttenberg, „KT“, wie ihn seine Fans nennen, hat auch promoviert. Der Verteidigungsminister dieses Landes ist Doktor der Rechte, mit der besten möglichen Note summe cum laude wurde er an der nicht unbedingt in der ersten Liga spielenden Universität Bayreuth prmoviert. Zu seiner Doktorarbeit gibt es eine ganze Menge Vorwürfe, von denen einer zumindest unstrittig ist: Guttenberg hat die Zitate in der Arbeit nicht ausreichend als solche kenntlich gemacht. Das sieht dann so aus, als ob fremde Formulierungen die eigenen seien, wenn so etwas Absicht ist, dann ist es ein Plagiat und damit strafbar, wenn es keine Ansicht ist, dann ist es schlampig (und es verbessert die wissenschaftliche Reputation der Uni Bayreuth nicht gerade, wenn schlampige wissenschaftliche Arbeit dort mit der Bestnote bewertet wird, aber egal). Der wissenschaftlich versierte Teil des Netzes auf jeden Fall schäumt, am eindeutigsten im GuttenPlag Wiki, wo in mühevoller Kleinarbeit nachgewiesen wird, an welcher Stelle Guttenberg welche Passage ohne korrekte Quellenangabe übernommen hat. Das ist löblich, womöglich wird die Arbeit der GuttenPlag-Kollegen dafür sorgen, dass Guttenberg einige unangenehme Fragen beantworten muss, womöglich hat das sogar zur Folge, dass der Verteidigungsminister offen legt, wer den Fehler denn tatsächlich gemacht haben könnte (der Spiegelfechter etwa mutmaßt schon ganz offen, dass wohl ein Ghostwriter die Doktorarbeit geschrieben haben dürfte). Aber wird es die politische Karriere Guttenbergs beenden? Wohl kaum.

Guttenberg verteidigt sich. „Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler (sic). Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten“, zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung. Das mag stimmen. Es ist schwierig, eine Doktorarbeit zu schreiben, wenn man gleichzeitig Familie und Job hat, mehr noch: Es ist unmöglich. Nur: Warum lässt man es dann nicht bleiben? Der Doktortitel ist keine Voraussetzung für den Beruf des Verteidigungsministers, wenn er einem also dennoch so wichtig ist, dass man für ihn womöglich eine strafbare Handlung begeht, dann weist das auf ein zumindest etwas angeknakstes Selbstbewusstsein hin. Herr von und zu ist ein Gernegroß, soviel zur Psychologie. (Übrigens gab es schon einmal einen deutschen beziehungsweise österreichischen Gernegroß-Politiker, einen, der immer nur Anerkennung wollte und sich nie ausreichend wertgeschätzt fühlte, einen Kunstmaler. Das nur zur Erinnerung, falls Von und zu demnächst planen sollte, Kanzler zu werden.)

Die Fans sehen aber nicht den Gernegroß, sie sehen nur den zukünftigen Kanzler, den KT, glänzend und erfolgreich und so ganz anders wie man sich den Deutschen als solchen immer vorstellt. Guttenbergs Haus-und-Hof-Blatt Bild etwa titelte am Samstag ganz unverblümt, wie „gut“ es des Verteidigungsministers Entscheidung findet, nicht zurückzutreten. Den GuttenPlag-Engagierten werfen die KT-Fans vor, Erbsenzähler zu sein, die die Größe dieses Politikers gar nicht erkennen könnten, und wenn man entgegnet, dass korrektes wissenschaftliches Arbeiten eben zum Teil darin bestünde, Erbsen zu zählen, hauen sie auf die Wissenschaft ein. „In manchen Berufen sollte der Doktor Titel ganz abgeschafft werden. In den Naturwissenschaften und der Medizin kann ich sowas ja nachvollziehen, aber was kann schon ein Jurist erschaffen, dass die Menschheit wissenstechnisch vorwärts bringt“, blökt „Gast“ in etwas eigenwilliger Rechtschreibung auf Welt Online, das Web ist voll von Meinungen aus der Richtung „Guttenberg hat zwar Mist gebaut, aber dazu hat ihn doch nur das System gezwungen, wenn man statt wissenschaftlich richtig arbeitet, dann zeigt man, was man kann, und richtig arbeiten kann KT!“ Wenn der Deutsche mal in Fahrt ist, dann holt er die antiintellektuelle Keule raus.

Und deswegen habe ich Angst davor, wo uns diese Affäre noch hinführt. Nicht auszudenken, wenn Guttenberg die Angriffe politisch überstehen würde.

Ich interessiere mich nicht für Til Schweiger. „Keinohrhasen“ habe ich nicht gesehen, „Zweiohrküken“ habe ich nicht gesehen, und „Kokowääh“ werde ich wohl auch nicht sehen. Das ist kein Qualitätsurteil, ich ziehe nicht über diese Filme her, sie interessieren mich nur auf der Inhaltsebene kein Stück. Das ist mein gutes Recht, manche Fans von Til-Schweiger-Filmen interessieren sich auch nicht für Filme von, sagen wir: Christian Petzold, den mag ich zum Beispiel sehr, sie aber schauen sich seine Filme nicht an, weswegen auch. Vielleicht ärgere ich mich ein wenig über Til Schweiger, wenn er in der Bild unangekränkelt von jeder Ahnung über Pädophile dahersalbadert, aber okay, über Schwanz-ab-Populisten ärgere ich mich immer, da ist Herr Schweiger nicht besser und nicht schlechter als andere. Eben ein schlichtes Gemüt, dem man ein Mikro vor die Nase gehalten hat, gibt es viele von.

Die Welt hat anlässlich des Todes des Filmproduzenten Bernd Eichinger ein Interview geführt, mit Schweiger (als Mainstreamstar aus dem Eichinger-Kosmos) und Oskar Roehler (als Underground-Querschläger, ebenfalls aus dem Eichinger-Kosmos). Die beiden jammern ein wenig, ist ja verständlich, sie trauern eben, um jemanden, der womöglich wirklich so etwas wie ein Freund war. Roehler wirkt leicht panisch, dass er ohne Eichinger seine Filme nicht mehr finanziert bekommt, und wanzt sich dabei an Schweiger ran, ist okay, ich würde es in seiner Lage nicht anders machen. Und Schweiger, der vertritt die These, dass Eichinger nie die verdiente Anerkennung bekommen hätte, weil, die Filmkritik, die Deutsche Filmakademie und die böse Filmforderung hätten ihn von Anfang an gemobbt. „Ich glaube, dass unterbewusst fast jeder gedacht hat, der Mann hat genug Erfolg, kleine Produzenten brauchen das Geld viel dringender“, behauptet Schweiger und offenbart dabei so etwas wie Verständnis für die Deutsche Filmakademie. Dann aber haut er das raus, was immer kommt, sobald es um die Vergabe öffentlicher Gelder an Kulturprodukte geht, die Behauptung, dass in Amerka alles besser sei: „Wenn wir eine Akademie hätten nach amerikanischem Vorbild, in der es nur um die Anerkennung geht, hätte Bernd einige Preise mehr bekommen.“
Schweiger argumentiert geschickter als ich es ihm zugetraut hätte. Zum Beispiel, indem er fordert, die Grenzen zwischen Hochkultur und Entertainment einzureißen: „Das eine ist Arthaus, das andere Mainstream. (…) Ich habe damals gesagt, dass wir die Schere im Kopf abschaffen müssen, dass wir in Zukunft von Artstream und Mainhaus sprechen sollten.“ Gute Sache! Bloß dass es Schweiger gar nicht darum geht, Grenzen einzureißen, er will, dass Arthouse verschwindet, er will, dass am Ende nur noch Mainstream übrig ist. Schweiger stellt dem Mainstream 180 Filme gegenüber, „die im letzten Jahr gefördert wurden und die keiner sehen will.“ Will sagen: Geld fließt in Produktionen vor leeren Stuhlreihen, er erwähnt „Vincent will Meer“, der gerade mal 900000 Besucher gehabt habe, Hirnwichse. Schweiger sagt: Man muss den Leuten bloß geben, was sie wollen, dann läuft der Laden auch, und öffentliche Förderung macht den Markt nur kaputt. „Was in Amerika selbstverständlich ist, ist in Deutschland ein Problem: das Publikum zu unterhalten. (…) In Deutschland ist Unterhaltung gleich Verdummung, die Leute sollen nachdenken, anstatt sich zu unterhalten.“

Ob es um Theater geht, um Museen, um Wissenschaft oder hier um Kino, dieses Argument kommt immer: Dass sich Qualität am Markt beweisen muss, und dass dieser Markt keinesfalls von der öffentlichen Hand beeinflusst werden darf. Dann blökt gleich noch jemand, dass das in Amerika doch auch funktioniere, ohne zu erwähnen, dass die US-amerikanische Theaterszene nahezu irrelevant ist, dass kaum bedeutende Kunst in den USA produziert wird, und dass das spannende US-Kino eher von den Rändern Hollywoods kommt als aus den großen Studios. Würde ja auch nicht in die Anti-Subventions-Suada passen, solch ein realistischer Blick.
Aber Kultur funktioniert anders, nicht nach den Gesetzen eines Marktes. Ein Beispiel: Die meisten Männer schlafen am liebsten mit Frauen. Das ist okay, und hin und wieder gibt das sogar auch ästhetisch Ansprechendes her. Aber eine Minderheit der Männer schläft lieber mit anderen Männern, wogegen sicher niemand etwas haben will. Würde man aber Marktgesetze auf sexuelle Vorlieben anwenden, dann gäbe es keinerlei ästhetische oder soziale Angebote für gleichgeschlechtlich Liebende – weil nämlich jeder Anbieter solcher Angebote auf seinen Vorteil achten würde, und die statistische Erfolgswahrscheinlichkeit am höchsten wäre, wenn man Minderheiten ignoriert.
Aus der sexuellen Sphäre auf die cineastische übertragen, bedeutet das: Finanziert würden ausschließlich Til-Schweiger-Filme, weil hier die Chancen halbwegs einschätzbar wären, die Investitionen wieder rein zu bekommen. Bei einem (meiner Meinung nach ganz großartigen) Film wie Thomas Arslans „Im Schatten“ kann man hingegen davon ausgehen, dass der die Investition nicht wieder einspielt. Der würde also erst gar nicht gedreht.
Zum Glück springen da Filmförderungen, Preise, Subventionen ein. Und machen den Markt kaputt, klar. Aber, hey, das ist doch das Schöne an dem System, Til-Schweiger-Filme refinanzieren sich am Markt, Thomas-Arslan-Filme refinanzieren sich durch die Filmförderung, beide haben ihre Berechtigung, und am Ende sind alle glücklich.

Aber leider hört Til Schweiger längst nicht mehr zu.

Zuletzt sah ich splitternackte Schauspieler im Hamburger Schauspielhaus, Samuel Weiss in „König Lear“, und am Thalia, Jörg Pohl in „Hamlet“. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen. Erstens: Nackte Schauspieler kommen durchaus vor, im Theater. Und zweitens: Sie kommen längst nicht so häufig vor, wie empörte Bildungsbürger einen glauben lassen. (Drittens: Sie kommen in erster Linie in Shakespeare-Inszenierungen vor, nein, Blödsinn.)

Die Theaterwissenschaftlerin Ulrike Traub hat an der Uni Bochum eine Doktorarbeit geschrieben, „Theater der Nacktheit“. Diese Arbeit erfuhr eine öffentliche Ressonanz, wie sie wissenschaftlichen Dissertationen in der Regel nicht gewährt wird, selbst die theaterwissenschaftliche Fachpublikation Bild veröffentlichte eine Rezension, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll. Interessanter sind die Kritiken aus der Welt (in weiten Teilen von der dpa) und von Tobias Becker aus dem Spiegel. Während Welt und Schwesterblatt Bild (und auch die Pressestelle der Uni Bochum) das Thema entrüstet mit den Fragen „Warum müssen Shakespeares Hexen nackt sein?“ beziehungsweise mit „Warum muss Theater so oft nackt sein?“ angehen, haut der Spiegel die großartige Überschrift „Die Blut- und Hoden-Ideologie“ raus. Inhaltlich bewegen sich aber alle auf der gleichen Ebene, und die sagt: Es existiert ein Mainstream, der verlangt, dass auf der Bühne Nackte zu stehen haben, und wer sich gegen diesen Mainsteam wendet, der braucht ein dickes Fell. Dass es Inszenierungen gibt, in denen (mit gutem Grund) nackt gespielt wird, und dass es (wahrscheinlich mehr) Inszenierungen gibt, in denen nicht nackt gespielt wird, unterschlägt diese Argumentation. (Ebenso wie die Erkenntnis, dass es natürlich auch unvorstellbar viele Inszenierungen gibt, in denen Nackte ohne guten Grund auftreten, sondern nur, weil der Regie irgendwie nichts anderes eingefallen ist. Aber so prosaisch ist man nicht, wenn man den Untergang des Abendlandes an die Wand malt, ach.)
Fröhlich pickt man sich ein paar Zitate raus, die die Annahme der Zwangsnacktheit bestätigen. So zitiert die Welt die Thalia-Schauspielerin Lisa Hagmeister: „Als Gretchen im Urfaust am Hamburger Thalia-Theater musste sie 2009 ‚wild vögeln‘. Erotisch fand sie das nicht, eher technisch, erzählt die junge Schauspielerin.“ Ach was, sie fand es nicht erotisch, was für eine Überraschung! Aer die bösen Regisseure (in diesem Fall Andreas Kriegenburg) verlangen es eben, was soll man machen? Dass der „Urfaust“ unter anderem davon handelt, wie eine junge Frau ungewollt schwanger wird, und dass man eben häufig nackt ist, wenn einem so etwas passiert, die Nacktheit in besagter Szene also durchaus inhaltlich begründet ist, interessiert in dieser Argumentation natürlich nicht. (Dass das Problem des Sex auf der Bühne ein ganz anderes ist, dass nämlich Sex schwer dargestellt werden kann und Nicht-Profis bei der Alternative echter Vollzug häufig Probleme haben, könnte man zwar tatsächlich erwähnen, führt die Kollegen von der Welt aber wohl zu weit.) Und der Spiegel ist nicht besser, wo er behauptet, „dass sich oft junge Schauspieler ausziehen müssen, dass diese jungen Schauspieler oft durchtrainiert und zurechtgehungert und intimrasiert sind, weil sie wissen, dass sie sich früher oder später ausziehen müssen – und begaffen lassen“. Wer so etwas behauptet, der hat noch nie gesehen, wie sich Bruno Cathomas ausgezogen hat, Cathomas, der wohl der Schauspieler ist, dessen körperliche Eigenarten ich mittlerweile in- und auswendig kenne. Und so toll Cathomas als Schauspieler auch ist – zurechtgehungert kann man ihn nicht nennen.
Überhaupt führt die Debatte um die inhaltliche Begründung von Nacktheit auf der Bühne in die ganz falsche Richtung. Inhaltlich diskutieren lässt sich alles, Gründe für einen nackten Schauspieler findet man ebenso leicht wie Gründe dagegen, dass sich da jetzt schon wieder jemand auszieht. Dass die Rezensionen zu Traub aber ausschließlich auf dieser inhaltlichen Ebene argumentieren, ist schlicht verwerflich. Weil sie nämlich gar nicht einrechnen, dass es noch einen ganz anderen Grund für die Regie gibt, einen Schauspieler nackt auf die Bühne zu schicken: Der Schauspieler spielt anders, sobald er nackt ist. Seine Professionalität wird erschüttert, Momente von Scham, Unsicherheit, Unkontrolliertheit brechen sich Bahn. Nacktheit ist damit keine inhaltliche, sondern eine schauspielpraktische Entscheidung, egal, da lässt sich nicht so gut drüber polemisieren. Vor drei Jahren habe ich den Schauspieler Christoph Franken interviewt, Franken, der übergewichtig ist und dennoch (oder gerade deswegen) häufig Nacktszenen spielt. In diesem Interview habe ich viel erfahren über die Besonderheiten der Bühnensituation, wie die Rampe einen Schutzraum markiert, in dem Schamgrenzen verschoben werden. Man könnte sagen: So etwas zu erfahren, das ist spannend. Um so etwas zu erfahren, muss man das Prinzip Nacktheit im Theater miterleben.
Aber wenn man sich auf dieser Ebene mit Theater beschäftigt, dann provoziert man natürlich nicht so tolle Leserbeiträge im Forum wie die Welt mit ihrem uninteressierten Geblöke: „Und dieser Schund wird mit unseren Steuergeldern subventioniert! Eine Unverschämtheit, wie man unser Geld vergeudet!“

Das Bild oben ist übrigens kein Beispiel für die Unsitten des heutigen Theaters. Sondern ein Theaterplakat, das in der Spielzeit 1989/90 in Ulm rumhing: Es warb für das Tanzstück „Frau im Exil“ von Philippe Talard, Fotos von Gert Weigelt. Vor 22 Jahren.

Es ist so lächerlich.

Da schreibt die Vorsitzende einer mir nicht ganz unsympathischen Partei einen Essay für ein Medium, das mich vor Jahren einmal ein paar Artikel für wenig Geld schreiben ließ und dem ich entsprechend zugeneigt bin. Auf jeden Fall schrieb diese Politikerin, Gesine Lötzsch, einen Aufsatz mit dem vielleicht etwas unglücklich gewählten Titel „Wege zum Kommunismus“, und in dem kommt der Schlüsselsatz vor: „Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung.“ Fast gleichzeitig hält ein anderer Politiker, Vorsitzender einer mir extrem unsympathischen Partei und außerdem Bundesaußenminister, eine Rede, und in dieser Rede erinnert sich der Politiker, Guido Westerwelle, an die Zeit der ersten schwarzgelben Koalition: „Ich erinnere mich, wie Millionen Menschen Anfang der achtziger Jahre gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gegangen sind. Aber Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher haben gegen Demonstrationen, gegen Kommentatoren und gegen Umfragen das als richtig Erkannte durchgesetzt.“
Zwei politische Kommentare, zunächst einmal einer, der eine Suchbewegung formuliert, eine Unsicherheit, ein „Ich weiß nicht genau, ob wir auf dem richtigen Weg sind, aber um das zu erfahren, müssen wir uns die möglichen Wege erstmal anschauen.“ Und dann einer, der gar nicht mehr schauen muss, einer, der schon von vornherein weiß, was „das als richtig Erkannte“ ist. Frage: Wer ist hier der Unsympath, wer ist der Betonkopf?

Ich hätte nicht vom Kommunismus gesprochen, wäre ich an Gesine Lötzschs Stelle gewesen. Die marxistische Theorie des Kommunismus ist eine globalisierte Theorie, allerdings ist sie geschrieben für eine Welt, in der die Wirtschaft nicht globalisiert denkt, Solidarität aber globalisisiert funktioniert. Mit anderen Worten: Sie ist eine Theorie für das Jahr 1848, auf heute lässt sie sich kaum übertragen. Was sich allerdings übertragen lässt, ist die marxistische Krisenanalyse, der Blick auf eine Elite, die sich immer mehr von der Restbevölkerung abschottet, der Blick auf soziale Seperationstendenzen, der Blick auf immer gewalttätiger werdende Abwehrkämpfe der Besitzenden. Daraus müssen dann Schlüsse gezogen werden, und ich bin davon überzeugt, dass Gesine Lötzsch genau das meinte, in ihrem Aufsatz. Weswegen sie dann von „Kommunismus“ redet, erschließt sich mir nicht, ganz falsch ist es aber sicher nicht.

Die Reaktionen auf Lötzsch hingegen sind eindeutig. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt forderte in SpOn: „Der Kommunismus als Staatsziel offenbart klar die verfassungsfeindliche Gesinnung in der Linkspartei bis in die Führungsspitze (…). Die Linkspartei muss jetzt unbedingt wieder flächendeckend in ganz Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet werden.“ Meines Wissens steht nirgendwo im Grundgesetz, dass die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik eine kapitalistische sein muss, außerdem weißt Dobrindt zu Recht darauf hin, dass Lötzsch auch die Opfer kommunistischer Versuche in der Geschichte hätte erwähnen sollen, vergisst aber die Opfer christlicher Regimes, obwohl er Mitglied einer Partei mit „C“ im Namen ist. Naja. Politisches Säbelrasseln.

Erschreckend aber der Kommentar meines persönlichen Lieblings Ulf Poschardt in der Welt. Poschardt nämlich interessiert sich gar nicht mehr für die Niederungen der Parteipolitik, er identifiziert seinen Feind gleich dort, wo es für ihn schon immer ganz übel zugeht: im subventionierten Kunst- und Wissenschaftsbetrieb, bei Künstlern und Intellektuellen. Poschardt schreibt:

Die letzten linksradikalen Moden waren allesamt intellektuelle Enttäuschungen. Allen voran das matte Spätwerk des italienischen Ex-Guerilleros Antonio Negri mit dem Sat1-igen Titel „Empire“. (…) Und weil das alles so beschämend ist und weil die linke Praxis so am Boden liegt und der linke Widerstand gegen den Kapitalismus im Westen ein derart spießiger Witz ist, flüchten sich die Intellektuellen in ihre griesgrämige Minirealität und träumen von etwas, was die Welt hinter sich gelassen hat: den stumpfen, untauglichen Kommunismus, der Millionen von Menschen ermordet, versklavt, verblödet und unterdrückt hat.

Das ist natürlich lächerlich, mehr als den Philosophen Slavoj Zizek, den Schriftsteller Dietmar Dath und die Kunsttheoretikerin Isabelle Graw bringt Poschardt nicht als echte Kommunismus-Bekenner zusammen, und wenn man sich auch nur oberflächlich mit deren Arbeit beschäftigt, dann kapiert man, dass ihr kommunistisches Denken weniger Parteigängertum ist als vielmehr intellektuelles Gedankenspiel auf realistischer Folie, egal. Es geht Poschardt ja nicht um Auseinandersetzung mit einer von ihm abgelehnten Position, es geht ihm um den Aufbau eines Feindbildes. Und als Feindbild waren Intellektuelle hierzulande ja schon immer gut.

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20. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für The Geek shall inherit the Earth · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , , , , ,

Ein Klassenfoto.

Ich bin der, der da in der Ecke steht. Ein bisschen rundlich, mit den dicken Brillengläsern und der Zahnspange. Ich bin der, bei dem man nicht so recht weiß, ob er wirklich dazu gehört, der Unsichere, der, der nicht selbstgewiss den Fotografen angrinst. Ich bin der Geek.
Spätestens ab dem Studium störte mich das nicht mehr. Spätestens ab 19 war mir klar, dass mein Leben interessanter werden würde als das der Mittelpunktjungs, spätestens ab 19 wohnte ich in den interessanteren Städten, beschäftigte ich mich mit den interessanteren Dingen und, ja, spätestens ab 19 küssten mich auch die interessanteren Menschen. Die Mittelpunktjungs, das zeichnete sich da schon ab, studierten Maschinenbau oder Wirtschaft und hingen ab 25 im Umfeld der Heimatstadt fest, mit Frau und Kind und Bausparvertrag. (Ich komme aus Schwaben, da trifft das Klischee durchaus zu, tut mir leid.) Ein wenig kultivierte ich mein Geektum, und irgendwie sah es so aus, als ob andere, manchmal tatsächlich überaus coole und spannende, Menschen da mitziehen würden. Das ist jetzt vorbei. Keine Geeks mehr, plötzlich wieder: Alphatierchen, die zum Workout rennen und sich fit machen, das Gegenüber wegzubeißen.

Machs gut, Alphamann. Hallo, Alphamann.

Nur kurz zur Erinnerung, in welchem Bereich ich mich beruflich bewege: Journalismus. Und dann eine kurze Überlegung, wer eigentlich die wirklich wichtigen Journalisten dieses Landes sind, gehen wir doch einfach mal die Chefredakteure einiger Medien (was keine Aussage über deren Qualität sein soll, natürlich) durch: Thomas Osterkorn und Andreas Petzold (Stern), Hans Werner Kilz (Süddeutsche), Claus Strunz (Hamburger Abendblatt), Matthias Müller von Blumencron und Georg Mascolo (Spiegel), Jan-Eric Peters (Die Welt), Kai Diekmann (Bild, wird hier nicht verlinkt), Giovanni di Lorenzo (Die Zeit), Joachim Frank und Rouven Schellenberger (Frankfurter Rundschau), Sven Gösmann (Rheinische Post), Uwe Vorkötter (Berliner Zeitung) … Ermüdet? Ja, weil das eigentlich immer das gleiche ist (und so auch ewig weiter gehen könnte): In den Chefsesseln sitzen Männer. Fast ausschließlich: Einzig die taz leistet sich mit Ines Pohl eine Chefin, die kleine, gute taz. Ansonsten sind die großen, überregionalen Printmedien dieses Landes in fester Männerhand.
Ds ist ja nicht schlimm, ich bin kein Sexist, gleiche Chancen für alle, und wenn der Zufall eben gerade lauter Männer in bestimmte Positionen spült, dann bin ich der letzte, der eine Quote fordert, um da was dran zu ändern. Auch glaube ich nicht, dass Frauen bessere Menschen/Chefs/Journalisten als Männer sind, so. Ich glaube aber, dass weibliche (oder besser: als weiblich konnotierte) Prinzipien durchaus hin und wieder nicht schaden könnten, beispielsweise in der Wirtschaftswelt, beispielsweise im Journalismus: dass man immer wieder an sich selbst zweifelt, dass man kein Platzhirsch ist, dass man eher still urteilt, dass man um die eigene Fehleranfälligkeit weiß und das auch thematisiert. Die oben aufgezählten Chefredakteure aber sind keine Männer, die diese weiblichen Prinzipien kultivieren, es sind durch die Bank Alphatiere: selbstgewiss, autoritär, vor Testosteron strotzend (bei Vorkötter und di Lorenzo würde ich da eine Ausnahme machen, vielleicht). Möglicherweise braucht man das, um in strengen Hierarchien nach oben zu kommen, bloß: Es ist noch gar nicht lange her, da wurde behauptet, dass strenge Hierarchien auf dem freien Markt ein Wettbewerbsnachteil seien. Das scheint vorbei zu sein.
Es ist eigenartig: Gerade in einer Zeit, in der die explizite Männlichkeit im öffentlichen Diskurs an Bedeutung verloren hat, als wir eine Frau als Kanzlerin haben und einen verheirateten, durchaus effeminierten Schwulen als Außenminister, drängt sich das explizite Männlichkeitsgehabe durch die Hintertür wieder in die Diskussion. Vielleicht ist es ja so, dass die genannten Politiker sich so unmöglich benehmen, dass man sich von ihnen deutlich abgrenzen möchte? Danke auch.
Man könnte das Spiel von oben nochmal spielen: Welche wichtigen deutschsprachigen Theater werden eigentlich von Frauen geleitet? Schauspiel Köln (von Karin Beier) und Schauspiel Zürich (von Barbara Frey), gut, aber sonst? Sonst sitzen überall die begnadeten Netzwerker, Ulrich Khuon am DT Berlin, Oliver Reese in Frankfurt, Hasko Weber in Stuttgart, Typen, die genau wissen, wem man bei der Premierenfeier wie lange die Hand schütteln sollte (und die, das sollte man auch nicht verschweigen, mit diesem Händeschütteln teilweise ganz großartiges Theater ermöglichen). Dazu kommen noch die klassischen Testosteronschleuder-Künstler, Claus Peymann am Berliner Ensemble oder Thomas Ostermeier an der Schaubühne, vor deren Alphatiergehabe man ohnehin sofort in Deckung gehen möchte.
Ein einziger Theatermacher fällt mir ein, der nicht in dieses maskulin geprägte Schema passt: Friedrich Schirmer. Der allerdings am Hamburger Schauspielhaus vor kurzem aus unterschiedlichen Gründen scheiterte. Schirmer war ein stiller, zurückhaltender Mensch, einer, dem man ansah, wie unangenehm es ihm war, den Mitarbeitern vor der Premiere „Toi toi toi“ zu wünschen. Und den das Spiel um Macht und Kontaktpflege nach und nach kaputt machte: Im aktuellen Spiegel (leider nicht online verfügbar) steht ein langes Interview, in dem Schirmer recht eindeutig darlegt, wie ihn die Arbeit am Schauspielhaus konsequent in die Depression führte. Schirmer war, allem Anschein nach, zu weich.

Gendertrouble.

Über kurz oder lang landen wir immer wieder bei Judith Butler, und, ja, ich weiß, dass die US-amerikanische Feministin nicht unumstritten ist, egal. Es war auf jeden Fall einmal ein Fortschritt, zu erkennen, dass das soziale Geschlecht etwas performativ beeinflussbares ist und dass es Spaß macht, damit zu spielen. Es war ein Fortschritt, dass Frauen sich als Butch in Lesbenbars rumtreiben und trotzdem mit Männern schlafen konnten, es war ein Fortschritt, dass heterosexuelle Männer sich schminken konnten, und es war ein Fortschritt, dass nicht jeder Schwule die effeminierte Dramaqueen geben musste. Es war ein Fortschritt, dass die Grenzen zwischen Mann und Frau, und homo- und heterosexuell sich aufzulösen begannen. Ich fürchte, das ist vorbei.
In Tom Tykwers Film „3“ (ab Weihnachten im Kino) verliebt sich ein Paar (Sophie Rois und Sebastian Schipper) gleichzeitig in denselben Mann (Devid Striesow), und in einigen Dialogen macht der Film recht hübsch klar, dass es hier nicht um Homo-, Hetero- oder Bisexualität geht. Nur sind die Orte bezeichnend, an denen das Objekt der Begierde zuerst Kontakt mit seinen Affären aufnimt: Die Frau trifft er im Theater, den Mann aber im Schwimmbad, also beim Sport, sie schwimmen um die Wette, und hinterher wird der Sieger masturbiert.

Und irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass alle Geschlechtergrenzen, die zuvor niedergerissen wurden, durch dieses doofe Wettschwimmen gleich wieder aufgerichtet werden.

23. September 2010 · Kommentare deaktiviert für Zwei Seelen, ach! · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

Ich habe keine Lust, etwas über den Streit zwischen Welt-Journalist Alan Posener und Thalia-Intendant Joachim Lux zu schreiben. Weil da zwei Meinungen in mir im Widerstreit liegen. So nämlich: Posener hat in der Welt einen Verriss geschrieben über die von mir hoch gelobte Hamlet-Inszenierung Luk Percevals. Worauf Lux einen offenen Brief an Posener bzw. an die Welt-Chefredaktion schrieb, dass das so nicht ginge.
Gefiel mir beides nicht. Zum einen: Den Artikel von Posener fand ich nicht besonders klug, in Teilen sogar inhaltlich gefährlich, zudem war ich bezüglich der Inszenierung ohnehin anderer Meinung. Zum anderen denke ich aber, dass ein Künstler sich nicht hinstellen sollte und beleidigt einen Protest formulieren, dass er sich missverstanden fühlt, egal wie niveaulos dieses Missverständnis formuliert wurde. Außerdem finde ich es unschön, wenn dieser Protest explizit an den Chef des Missetäters gerichtet ist, das hat einen Beigemschmack von „Bäh, ich geh jetzt zum Lehrer, Petzen!“ Ich erinnere an eine meiner allerersten Theaterkritiken, die schrieb ich für den Gießener Anzeiger über Roberto Galvan, damals Choreograph am Theater Gießen, und in jugendlicher Unbekümmertheit unterstellte ich seinen Arbeiten „Kraft-durch-Freude-Ästhetik“. Diese Ausdrucksweise kann man mir zurecht vorwerfen, dass allerdings der Gießener Intendant Guy Montavon nicht mir das vorwarf, sondern gleich zum Feuilletonchef rannte, das war doof. Und unsouverän.

Ich will also nichts über Posener und Lux und Hamlet schreiben. Ich will aber jemanden nennen, die das viel besser konnte: Karen Köhler, die ebenfalls einen offenen Brief an Posener schrieb. Uneitel, ehrlich, skrupellos im besten Sinne.

05. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Lieber Ulf Poschardt, · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , ,

ihre Meinung sei Ihnen unbenommen, natürlich darf man finden, dass Deregulierung, Neoliberalismus und FDP-Wählen die eigentlichen Bestimmungen des subkulturellen Trendsetters seien. Man muss dann halt damit leben, dass der Rest der Menschheit einen für ein wenig komisch hält, aber gut, ist Ihre Meinung, dürfen Sie finden, sicher.

In der Welt haben Sie, Ulf Poschardt, nun einen Artikel geschrieben, in dem Sie bekennen, die US-amerikanische Fernsehserie „Dr. House“ zu mögen. Das mag gerechtfertigt sein, ich kenne „Dr. House“ nicht, aber ich habe schon viel Gutes von dieser Serie gehört, aus verschiedensten Richtungen, weswegen ich denke, dass die Geschichte durchaus überdurchschnittlich sein mag. Nur geht es Ihnen in Wahrheit gar nicht darum, was Sie an „Dr. House“ mögen. Es geht Ihnen darum, dem deutschen öffentlich-rechtlichen TV ans Bein zu pinkeln. Sie schreiben (übers ZDF, aber Sie meinen auch die ARD):

Intellektuell und ästhetisch kann das Gros des Angebots bestenfalls enttäuschen (…). Es ist die Mediokrität eines Beamtensenders, der sich oft genug unter dem direkten Einfluss der Politik entlang eines interessengeleiteten Konsens entwickelt. Nur selten auf der Höhe der Zeit verkörpern die öffentlich-rechtlichen Anstalten eine Brutstätte jener brühwarmen Pointenlosigkeit, die im Nachkriegsdeutschland ihre Funktion hatte: als Harmlosigkeit, die kaum verdrängte Abgründe der Barbarei überdeckte. 65 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur erscheint dies unnötig.

Natürlich sind Sie, Ulf Poschardt, mit solch schlichter Welt-Sicht beim Springer-Blatt genau richtig. Dort wo der doitsche Blockwart die Kultur- und Medienszene immer schon unterwandert sieht von Alt-68ern, die ihm sagen, was er doch zu gut weiß: dass er ein strunzdummer Spießer ist. Dort, wo der doitsche Blockwart sich grün und blau ärgert, dass er dieses angeblich linke Pack auch noch zwangsweise bezahlt, mit seinem GEZ-Beitrag. Glauben Sie nicht? So wird Ihr Beitrag kommentiert, ein klein wenig weiter unten:

In USA können die Anstalten es sich nicht leisten, am Zuschauer vorbei irgendeine Shice zu produzieren und die auch noch zu senden. Bis auf die Tagesschau bin ich resistent gegen die Öffentlichen. So einen Mist einem vorzusetzen. Außerdem ist es ein nobles Versorgungsinstitut für abgehalfterte Jounalisten, Vergnügungsreisen zu den Brennpunkten der Welt usw. Der doofe Konsument darf zahlen.

Ist ja auch alles nicht so schlimm, Poschardt. Sie dürfen das finden: „Große Kunst entsteht staatsfern.“ Sie dürfen damit beweisen, dass Sie stolz darauf sind, seit Jahrzehnten nicht mehr im Staatstheater gewesen zu sein, dass Sie stolz darauf sind, seit Jahrzehnten keine Ausstellung in der Staatsgalerie mehr gesehen zu haben. Wir sind tolerant, auch Ignoranten haben ihr Recht auf eine eigene Meinung, ich bin ja froh, dass ich Theater nicht neben Typen wie Ihnen sitzen muss, und ich will Sie sicher nicht zwingen, sich einmal die wunderbar sarkastische ARD-Serie Mord mit Aussicht anzuschauen. Was sollten Sie denn auch mit der?

Was ich Ihnen aber wirklich übel nehme: Dass Sie mir mit Ihrer blöden Polemik „Dr. House“ madig gemacht haben, noch bevor ich die Serie auch nur einmal gesehen habe. Hätten Sie nicht einfach so vor sich hin blöken können? Inhaltlich wäre es doch aufs Gleiche rausgekommen.