29. Mai 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (Mai 2014) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , ,

Das Sommerloch erhebt schon im Mai sein hässliches Haupt, zudem ist da das Theatertreffen, das dafür sorgt, dass recht wenig los ist. Ulkigerweise bin ich trotzdem immer gestresst und komme kaum zum Bloggen, weder hier noch drüben bei den Flâneuren. Tja.

Für die Nachtkritik habe ich vergangenen Monat nur einen einzigen Text geschrieben. Und der ist nicht einmal eine Kritik im klassischen Sinne sondern ein Bericht vom Besuch auf einem Straßenfest, also, bei „New Hamburg„, der Außenproduktion des Schauspielhauses.

Für das Schauspielhaus haben Björn Bicker, Malte Jelden und Michael Graessner auf der Veddel den Themenkomplex „New Hamburg“ entwickelt, eine Mischung aus Sozialarbeit, Stadterkundung und auch Theater, das vom 3. bis 25. Oktober in ein Festival münden soll. Bicker, Jelden und Graessner haben ähnliche Projekte schon für die Münchner Kammerspiele („Bunnyhill“) und das Theater Neumarkt in Zürich („Arrivals“) realisiert, Ende Juni planen sie Vergleichbares in Stuttgart – als mäkeliger Kritiker hat man so schnell das Bild eines Künstler-Jetsets vor Augen, der aus der Brennpunkt-Recherche ein einträgliches Geschäftsmodell entwickelt. Man kann aber auch anerkennen, dass man es hier mit Profis zu tun hat, mit Leuten, die wissen, was sie tun, die wissen, dass es erst einmal nicht darum geht, große Kunst zu machen, sondern darum, Vertrauen herzustellen in einem theaterfremden Umfeld – die Kunst mag dann später kommen.

Auch in der Theater heute habe ich was geschrieben, eine Kritik zu Armin Chodzinskis „Allegorie der Unsterblichkeit“ auf Kampnagel (die wie bei diesem Medium üblich online nur für Abonnenten verfügbar ist, ihr kennt das).

Chodzinski trägt eine Kastenbrille, einen leidlich sitzenden Anzug, einen Seitenscheitel. Die perfekte Mischung aus Spießertum und St. Pauli-Grandezza. Und er singt: Brechts „Solidaritätslied“, Vorwärts!, immer weiter, Wachstumszuversicht ist kein originär rechtes Thema. Singen, Tanzen, Brüllen, Predigen.

Im uMag habe ich mich mit den „Menschen da draußen“ auseinandergesetzt. Ja, mit den Menschen, die AfD wählen. Oder so denken wie AfD-Wähler. Kein schönes Thema.

Die Menschen da draußen haben Angst. Vor Gender Mainstreaming. Vor dem Islam. Vor Homosexualität. Die Menschen da draußen halten Wladimir Putin für einen tollen Politiker und die EU für ein sozialistisches Zwangssystem. Die Menschen da draußen haben was gegen Politiker, gegen Medien und gegen Akademiker. Die Menschen da draußen wirken, alles in allem, ziemlich freudlos, umzingelt von Institutionen, die ihnen Böses wollen.

Außerdem habe ich gemeinsam mit meiner Praktikantin Lena Schütte einen Fragebogen für die Performancegruppe/Band HGich.T entworfen.

uMag: Was erträgt man leichter: schlechte Musik oder schlechtes Theater?
Paul Geisler: Schlechtes Theater sieht man zu 99 Prozent gar nicht. Schlechte Musik läuft überall. Das ist natürlich Geschmackssache, aber wenn der Geschmack genervt ist, ist man total ohnmächtig.

Außerdem habe ich noch einen kurzen Text geschrieben über Dietmar Daths neuen Roman. Ein Irrsinn.

Ein Beispiel aus dem „Roman der letzten Künste“ „Feldeváye“ (Suhrkamp Nova)? „Die Rengi im Raum larkten schockiert. Der Storarier keuchte leise, das Wilfern hatte ihn viel Sauerstoff gekostet.“ 800 Seiten lang, ohne eine Erklärung, was „Larken“ oder „Wilfern“ eigentlich sein sollen. Dafür feiert Dath eine diebische Freude am Schichten von kaum decodierbarem Gelaber, eine Freude, die „Feldeváye“ auf die Dauer nahezu sinnliche Qualität verschafft.

An Kritiken gibt es in der kulturnews eine über die fast uneingeschränkt empfehlenswerte Graphic Novel „Kinderland“ des großartigen Mawil:

„Kinderland“ ist wie so häufig bei Mawil die Erinnerung an Schule, erste Liebe, Versagensängste. Allerdings ist die Geschichte diesmal im Gegensatz zu „Die Band“ (2004) und „Wir können ja Freunde bleiben“ (2003) politisch aufgeladen: Wir befinden uns im Sommer 1989, die Erlebnisse des 13-jährigen Helden vollziehen sich vor dem Hintergrund der kollabierenden DDR. Das letztgültige Buch zur Wiedervereinigung ist „Kinderland“ dabei aber trotzdem nicht geworden – es geht weiterhin mehr um pubertäres Suchen als um Politik, und das im typischen Mawil-Stil. Jetzt eben auf ernst.

Im Kino war ich auch. Und habe Götz Spielmanns „Oktober November“ besprochen.

In strengen Szenenanordnungen treibt der 52-jährige Übervater des aktuellen österreichischen Filmbooms jedes Sentiment aus der Vorlage, er dreht kalt, elegant, theaternah, im Verzicht auf jedes überflüssige Element. Details stellt er in den Vordergrund, auf den ersten Blick wichtige Szenen handelt er kurz ab, behandelt Nebensächliches dafür ausführlich. Das gibt Raum für die bis in kleinste Rollen höchst motivierten Darsteller, allen voran Ursula Strauss und Nora von Waldstätten als Schwesternpaar. Kein Figur wird denunziert, beide dürfen ihre Schwächen, Stärken und Geheimnisse behalten und schaffen am Ende einen unspektakulären, stillen Film, dessen Verwerfungen sich abseits der Leinwand vollziehen.

Und jetzt: Sommer. Ja?

 

An sich bin ich niemand, der auf Blogbeiträge motzend widerspricht, „Bäbäbä, stimmt ja alles gar nicht“, aber die sehr geschätzte Isabel Bogdan schrieb ein Nicht-Lese-Outing, und in diesem Outing behauptete sie, dass sie den Rekord halten würde für „am wenigsten Bücher gelesen bei höchster Semesterzahl in einem philologischen Studium“. Und da kann ich nicht anders, da muss ich einfach widersprechen, weil, diesen Rekord halte zweifellos ich. Okay, ich hatte keine so unglaublich hohe Semesterzahl auf dem Zettel, aber dafür war mein Studium auch nicht einfach so eine Philologie, mein Studium war Literaturwissenschaft, und ich glaube wirklich, dass unter den Studenten dieses Studiengangs niemand so lesefaul war wie ich. Echt.

Ich konnte schon recht früh lesen, schon im Kindergarten. Und ich wand diese Kulturtechnik an, spätestens zu Beginn der Grundschule las ich ganze Bücher. Zunächst sparte ich mir die Bücher bewusst auf, ich war der Meinung, Kapitel seien so etwas wie ein Adventskalender: jeden Tag nur ein Türchen! Bis meine Eltern realisierten, dass ich sehnsüchtig den nächsten Morgen erwartete, um weiterlesen zu dürfen. Sie glaubten nicht, dass übermäßiger Buchgenuss schädlich sein könnte, also hielten sie mich an, mehr als ein Kapitel pro Tag zu lesen, was zur Folge hatte, dass ich ganze Bücher binnen weniger Stunden auslas. Ich hatte ziemlich schnell alles Altersgerechte durch, wechselte zu Jugendkrimis („ab 12“!), von dort zu Jugendproblemliteratur (Hans-Georg Noack, „Rolltreppe abwärts“) und von dort zu echter Literatur. Es klingt überheblich, aber bis Ende der Mittelstufe hatte ich das Gesamtwerk Kafkas durch (und nicht verstanden). Das Gute daran: Ich bekam schon ziemlich früh ein ganz gutes Bauchgefühl für Sprache. Das Schlechte: Dieses Gefühl blieb ein Bauchgefühl, ich ging eigentlich nie mit dem Kopf an Sprache ran, was zur Folge hatte, dass ich beispielsweise in der Grammatik zwar alles richtig machte, aber nicht sagen konnte, was daran richtig war. Bis heute verstehe ich kaum etwas von Grammatik.

Und mit Beginn des Studiums hörte ich auf, zu lesen, vielleicht war es einfach zu viel gewesen, bis dahin. Das heißt, natürlich hörte ich nicht wirklich auf, aber ich las nur noch selektiv. Ich konzentrierte mich zu Anfang auf Lyrik, ein Bereich der Literatur, den meine Kommilitonen nur mit der Kneifzange anfassten, später machte ich fast ausschließlich Literaturtheorie, und das interessiert ja nun wirklich gar niemanden. Natürlich las ich da immer noch, auch durchaus mit Interesse, aber ich entwickelte nie ein libidinöses Verhältnis zum Buch. Bücher, das waren für mich Datenträger, und wirklich interessant ist an denen tatsächlich nur die Gesamtheit ihrer Daten. Das ist bis heute so, im Gegensatz zu anderen Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge habe ich keine Bibliothek, nur ein paar Regalfächer, in denen mir besonders liebe Autoren stehen: Dietmar Dath. Christian Kracht. Absolventinnen des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Keine Ahnung, weswegen ich diese Bücher aufbewahre, nie schaue ich da rein. Ausnahme: Kunstbände. Und Comics. Aber zumindest zu meiner Studienzeit galten Comics als äh-bäh, so etwas las man einfach nicht. Tja, Literaturwissenschaftler.

Entsprechend blieb ich beruflich zwar im kulturellen Bereich, hatte mit Literatur allerdings nur am Rande zu tun. Schon die (angefangene) Dissertation bewegte sich im Grenzbereich zwischen Literatur, Bildender Kunst und perfomativen Formen, die Arbeit als Kulturjournalist hat sich völlig von der Literaturkritik emanzipiert. Theaterkritiker, pffh! (Ins Theater gingen meine Kommilitonen ebenfalls nie, weil am Theater nur diese bösen Regisseure arbeiten, die nichts anderes zu tun haben als den heiligen Text zu entweihen.) Im Laufe der Jahre entwickelte ich eine echte Abneigung gegen den Literaturbetrieb, da muss ich mich dann immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holen, eine Lesung besuchen und feststellen: doch, geht ja eigentlich ganz sympathisch zu, hier!

Ich lese auch, immer noch. Nur wenig freiwillig. Ich lese eben die Bücher, die mir der geschätzte Carsten vom Post Artcore-Blog auf den Schreibtisch legt, weil Carsten nämlich ein paar Büros von meinem entfernt sitzt und als Literaturredakteur immer mal ein paar Brotkrumen rüberreicht. Das ist nicht böse gemeint, Carsten weiß schon, wofür ich mich interessiere, und Entsprechendes gibt er mir dann auch (zuletzt wirklich schön: Rainald Goetz, „Johann Holtrop“), nur sollte man nicht den Fehler begehen, Carsten zu verärgern. Ich hörte, dass er einmal einen seiner Rezensenten im Buchladen erwischte, wie der sich PRIVAT ein Buch kaufen wollte, ein Buch, das nicht rezensiert werden würde! Besagter Rezensent habe von diesem Moment ab nur noch Ausschussware bekommen. Also lese ich, was ich eben lesen muss. Mit Freude, aber ohne echte Leidenschaft. Irgendwie hätte ich gerne einen Zugang zur Welt der Literatur, der mir bislang fehlt, irgendwie würde ich wirklich gerne einmal wieder etwas lesen, nur für mich, Katrin Seddigs „Eheroman“ steht schon länger auf meiner Liste, aber um den zu lesen, müsste ich ihn erst einmal kaufen, müsste ich in einen Buchladen gehen, und, meine Güte!, wenn mich da jemand sieht!

(Der Titel dieses Blogposts ist geklaut, von einer Kurzgeschichte Alan Sillitoes. Mussten wir irgendwann einmal im Englischunterricht lesen, keine Ahnung, weswegen ich mich daran erinnere. Scheint sich irgendwie eingebrannt zu haben, in mich.)

 

Es ist so lächerlich.

Da schreibt die Vorsitzende einer mir nicht ganz unsympathischen Partei einen Essay für ein Medium, das mich vor Jahren einmal ein paar Artikel für wenig Geld schreiben ließ und dem ich entsprechend zugeneigt bin. Auf jeden Fall schrieb diese Politikerin, Gesine Lötzsch, einen Aufsatz mit dem vielleicht etwas unglücklich gewählten Titel „Wege zum Kommunismus“, und in dem kommt der Schlüsselsatz vor: „Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung.“ Fast gleichzeitig hält ein anderer Politiker, Vorsitzender einer mir extrem unsympathischen Partei und außerdem Bundesaußenminister, eine Rede, und in dieser Rede erinnert sich der Politiker, Guido Westerwelle, an die Zeit der ersten schwarzgelben Koalition: „Ich erinnere mich, wie Millionen Menschen Anfang der achtziger Jahre gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gegangen sind. Aber Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher haben gegen Demonstrationen, gegen Kommentatoren und gegen Umfragen das als richtig Erkannte durchgesetzt.“
Zwei politische Kommentare, zunächst einmal einer, der eine Suchbewegung formuliert, eine Unsicherheit, ein „Ich weiß nicht genau, ob wir auf dem richtigen Weg sind, aber um das zu erfahren, müssen wir uns die möglichen Wege erstmal anschauen.“ Und dann einer, der gar nicht mehr schauen muss, einer, der schon von vornherein weiß, was „das als richtig Erkannte“ ist. Frage: Wer ist hier der Unsympath, wer ist der Betonkopf?

Ich hätte nicht vom Kommunismus gesprochen, wäre ich an Gesine Lötzschs Stelle gewesen. Die marxistische Theorie des Kommunismus ist eine globalisierte Theorie, allerdings ist sie geschrieben für eine Welt, in der die Wirtschaft nicht globalisiert denkt, Solidarität aber globalisisiert funktioniert. Mit anderen Worten: Sie ist eine Theorie für das Jahr 1848, auf heute lässt sie sich kaum übertragen. Was sich allerdings übertragen lässt, ist die marxistische Krisenanalyse, der Blick auf eine Elite, die sich immer mehr von der Restbevölkerung abschottet, der Blick auf soziale Seperationstendenzen, der Blick auf immer gewalttätiger werdende Abwehrkämpfe der Besitzenden. Daraus müssen dann Schlüsse gezogen werden, und ich bin davon überzeugt, dass Gesine Lötzsch genau das meinte, in ihrem Aufsatz. Weswegen sie dann von „Kommunismus“ redet, erschließt sich mir nicht, ganz falsch ist es aber sicher nicht.

Die Reaktionen auf Lötzsch hingegen sind eindeutig. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt forderte in SpOn: „Der Kommunismus als Staatsziel offenbart klar die verfassungsfeindliche Gesinnung in der Linkspartei bis in die Führungsspitze (…). Die Linkspartei muss jetzt unbedingt wieder flächendeckend in ganz Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet werden.“ Meines Wissens steht nirgendwo im Grundgesetz, dass die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik eine kapitalistische sein muss, außerdem weißt Dobrindt zu Recht darauf hin, dass Lötzsch auch die Opfer kommunistischer Versuche in der Geschichte hätte erwähnen sollen, vergisst aber die Opfer christlicher Regimes, obwohl er Mitglied einer Partei mit „C“ im Namen ist. Naja. Politisches Säbelrasseln.

Erschreckend aber der Kommentar meines persönlichen Lieblings Ulf Poschardt in der Welt. Poschardt nämlich interessiert sich gar nicht mehr für die Niederungen der Parteipolitik, er identifiziert seinen Feind gleich dort, wo es für ihn schon immer ganz übel zugeht: im subventionierten Kunst- und Wissenschaftsbetrieb, bei Künstlern und Intellektuellen. Poschardt schreibt:

Die letzten linksradikalen Moden waren allesamt intellektuelle Enttäuschungen. Allen voran das matte Spätwerk des italienischen Ex-Guerilleros Antonio Negri mit dem Sat1-igen Titel „Empire“. (…) Und weil das alles so beschämend ist und weil die linke Praxis so am Boden liegt und der linke Widerstand gegen den Kapitalismus im Westen ein derart spießiger Witz ist, flüchten sich die Intellektuellen in ihre griesgrämige Minirealität und träumen von etwas, was die Welt hinter sich gelassen hat: den stumpfen, untauglichen Kommunismus, der Millionen von Menschen ermordet, versklavt, verblödet und unterdrückt hat.

Das ist natürlich lächerlich, mehr als den Philosophen Slavoj Zizek, den Schriftsteller Dietmar Dath und die Kunsttheoretikerin Isabelle Graw bringt Poschardt nicht als echte Kommunismus-Bekenner zusammen, und wenn man sich auch nur oberflächlich mit deren Arbeit beschäftigt, dann kapiert man, dass ihr kommunistisches Denken weniger Parteigängertum ist als vielmehr intellektuelles Gedankenspiel auf realistischer Folie, egal. Es geht Poschardt ja nicht um Auseinandersetzung mit einer von ihm abgelehnten Position, es geht ihm um den Aufbau eines Feindbildes. Und als Feindbild waren Intellektuelle hierzulande ja schon immer gut.

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