Da kann die Selbstinszenierung noch so glamourös daherkommen: Blogging ist einfach over.

Da kann die Selbstinszenierung noch so glamourös daherkommen: Blogging ist einfach over.

Skandal! Schon den dritten Monat in Folge nachlassende Besucherzahlen auf der Bandschublade! Und dann alles Besucher aus solch unglamourösen Herkunftsorten wie Hamburg, Berlin und Flensburg! Irgendwie hat das keine Zukunft mehr, Blogging ist echt sowas von over, und sogar Mark ist der Meinung, dass Blogs im Grunde etwas sind, womit man eigentlich nichts zu tun haben will. Das muss aufhören, das macht einfach kaum noch Spaß, das macht sogar so wenig Spaß, dass ich jetzt schon meinen Monatsrückblick bastle, Tage vor dem Monatsende, okay, ein wenig hat das auch damit zu tun, dass ich gerade Zeit habe, währenddessen ich das kommende Wochenende und auch die Folgetage irre viel zu tun habe, und dann wäre schon Mai, und die Ironblogger sanktionieren ja ebenfalls sehr schnell, wenn man nicht schnell genug liefert … Wie dem auch sei. Im April gab es verhältnismäßig wenig Suchen nach dem unbekleideten Körper von Sophia Thomalla, das freut mich. Wie schon in den Vormonaten wurde nach “Sophie Rois nackt” gesucht, aber für diesen Wunsch habe ich Verständnis, das ist okay. Bemerkenswert ist die mehrfache Suche nach “falk schreiber privattheatertage”, aber ich vermute, dass das meine momentane Praktikantin war, die ich beauftragt hatte, ein wenig zum Thema Privattheatertage zu recherchieren, also auch eher unspektakulär. Google ist auch nicht mehr, was es mal war, es muss echt mal was anders werden.

1. “wo auf den dockville tickets steht, dass ich fürs camping bezahlt habe?” Gute Frage. Ich campe ja nicht, wenn ich aufs Dockville fahre, weil ich ein alter Mann bin, und alte Männer sind fürs Campen zu gebrechlich, außerdem habe ich ja ein bequemes Bett in Hamburg. Ich gehe einfach mal davon aus, dass die Tickets inclusive Camping eine andere Farbe haben als diejenigen, die ausschließlich Kunstgenuss ermöglichen.

2. “ist peter jordan ein schwabe?” Klare Antwort: Nein. Jordan ist geboren und aufgewachsen in Dortmund, wurde an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg ausgebildet, spielte an Bühnen in Rostock, Bochum, Hamburg und Berlin und ist verheiratet mit der Schauspielerin Maren Eggert, die aus Hamburg kommt. Das ist alles voll unschwäbisch.

3. “die subversion der sexualität” Hm, ja. Könnte man viel drüber schreiben, ich denke, diese Subversion muss man sich immer wieder neu erarebieten. Weil Sexualität ja eigentlich etwas total konventionelles ist, ich meine, selbst FDP-Wähler haben Sex. Und trotzdem auch subversiv, irgendwie. Ziemlich kompliziert, das ganze.

4. “peer steinbrück warum wählen” Weiß ich, ehrlich, auch nicht.

5. “muss man sich als schauspielerin ausziehen” Ja, muss man. Schon alleine, um das Kostüm anzuziehen, empfiehlt es sich, sich vorher auszuziehen. Duschen funktioniert auch besser, wenn man nackt ist. Oder Sex, wobei, da gibt es auch interessante Bekleidungsvarianten. Und manchmal ist es nicht die schlechteste Regieidee, wenn sich Schauspielerinnen (und Schauspieler) auf der Bühne ausziehen. Manchmal ist das auch eine doofe Idee. Mal so, mal so.

6. “wo steht das theater heute?” In Hamburg steht eines am Hauptbahnhof, in der Kirchenallee. Und eines an der Binnenalster, Alstertor heißt die Straße. Über die Stadt verteilt gibt es aber noch mehr. In Berlin gibt es ganz spannende am Halleschen Ufer und am Rosa-Luxemburg-Platz, nur mal so als Beispiel.

7. “wo fand man in hamburg die gängeviertel” In der Innenstadt, innerhalb der Wallanlagen, übelste Massenunterkünfte, in denen erbärmliche hygienische Zustände herrschten. Heute ist nur noch ein ganz kleiner Rest übrig, und auch der stand zeitweise vor dem Exitus.

8. “was ist kulinarisch gegen brühwürfel einzuwenden?” Eigentlich nichts. Ist halt Convenience Food, das ist immer ein Problem, weil einem da die Souveränität der Zubereitung vorenthalten wird, aber, meine Güte, es sind Brühwurfel!

Kinder, demnächst wird alles anders. Bis dahin vielleicht noch: ein wenig Hipstersound?

Das geschätzte Festival Dockville findet dieses Jahr vom 16. bis 18. August statt, ist also noch was hin. Wöchentlich geben die Organisatoren erste Bands auf Facebook bekannt, bislang eher Kandidaten für die Nebenbühnen, Woodkid aus Reims etwa, die Crystal Fighters aus Navarra und London, Erdbeerschnitzel aus, öh, Berlin?, das sind Bands, die man nicht kennen muss, die man aber kennen kann. Jedenfalls waren die Kommentare auf die Bekanntgaben vergangenen Freitag recht vorhersehbar: “Alter. Ich kenne keine einzige Band! Bin ich ignorant?”, “Ich gehe seit 4 jahren zum dockville und kenne davon eine band. Große enttäuschung!” oder “ääähhh kenn ich nix von?!” hieß es da in Facebook-typisch problematischer Rechtschreibung. Die Dockville-Macher antworteten verhältnismäßig klar: “Dann hack Dich doch mal etwas rein in die Bands, dann kennst Du sie.” Punkt.

Ist diese Antwort arrogant?

Nein, ist sie nicht. Niemand muss alles kennen, aber das ist ja das Schöne am Internet: Man hat die Möglichkeit, sich zu informieren. Es gibt Spotify, es gibt Vimeo, es gibt Youtube.

Anderes Beispiel: Eine Kollegin wirft mir vor, dass ich in einer Filmbesprechung den Namen Abbas Kiarostami nenne, ohne zu erklären, wer das sei. Abbas Kiarostami ist der Regisseur von “Quer durch den Olivenhain”, einem Film, der vor 20 Jahren auch in der Bundesrepublik im Kino lief, was natürlich verhältnismäßig wenig aussagt. Man muss den nicht gesehen haben, aber eine kurze Googlerecherche erklärt auch, mit wem wir es zu tun haben, mit zwei Klicks kann man Kiarostami einordnen: als bedeutendsten iranischen Regisseur der Gegenwart. Ist es wichtig, dass man das dazuschreibt? Während man wie selbstverständlich beim Namen “Brad Pitt” nichts erklären muss, den kennt man ja? (Nebenbei gefragt: Wer definiert eigentlich, wen man kennt und wen nicht? Yellow Press wie die Bunte? Nichts gegen Brad Pitt, übrigens.)

Die Kollegin sagt, ich sei arrogant. Ich sage, es ist arrogant, sein Publikum zu unterschätzen. Das Publikum ist nicht so stumpf, das kann selbst ein wenig recherchieren, und wenn das Publikum sagt, das Dockville sei doof, die eingeladenen Bands sind so unbekannt, dann braucht es womöglich nur einen ganz kleinen Schubs, um sich mit den Bands bekannt zu machen. Der wunderbare Knarf Rellöm singt in “What’s that Music”: “Warum will die Mehrheit keine Veränderung? Weil sie doof ist? Zu einfach und gleichzeitig zu kompliziert. Weil sie doof gemacht wird? Zu verschwörungstheoretisch. Weil sie denkt, nichts anderes ist möglich, es gebe nichts anderes? Dann wären wir gefragt.” (Hätte mir nicht irgendwann ein Musikjournalist Knarf Rellöm nahe gebracht, ohne zu denken, ach, Knarf Rellöm, über den müssen wir nichts schreiben, den kennt doch niemand – ich hätte diesen Musiker nie kennengelernt.)

Jeder Kulturkritiker jammert, dass US-amerikanische Fernsehserien wie “Breaking Bad” oder “Homeland” so unvorstellbar besser seien wie der “Tatort”, ach was, wie jede x-beliebige deutsche Fernsehproduktion. Und das stimmt ja auch, nur, woran liegt das? Eric T. Hansen behauptet in der Zeit, dass das daran liege, dass die US-Popkultur eine antiintellektuelle Kultur sei, eine Fehlinterpretation, meiner Meinung nach. Ich denke eher, dass die US-Serien dem Zuschauer erlauben, etwas nicht zu wissen. Die Comedyserie “The Big Bang Theory” handelt von einer Gruppe Physiker, und die unterhalten sich über Themen, die für sie wichtig sind – über Physik. Und zwar in einer Sprache, die schon Physiker benachbarter Disziplinen nicht mehr verstehen dürften. Versteht das der durchschnittliche Zuschauer? Nein. Ist das schlimm? Nein, nein, nein. Es ist sogar lustvoll: zuzugeben, dass man eben nicht alles versteht. Noch ein Beispiel? “My Name is Earl”, eine Familienserie, keine Fernsehkunst, sondern schlicht – Entertainment. In “My Name is Earl” taucht die Latina Catalina (Nadine Velazquez) auf, und wenn die wütend ist, verfällt sie ins Spanische. Wer kein Spanisch kann, versteht ihren Sermon natürlich nicht, aber man darf annehmen, dass sie flucht. Macht sie aber nicht, sie sagt: “Ich möchte den Latinos unter den Zuschauern danken, dass sie die Sendung jede Woche einschalten. Und alle Nicht-Latinos möchte ich für das Lernen einer Fremdsprache beglückwünschen.” Wäre dieser versteckte Gag lustig, hätte der Drehbuchautor sich zuvor überlegt, ob ihn alle verstehen? Nein, er ist nur deswegen lustig, weil ihn nicht alle verstehen.

Im deutschen Fernsehen wären Serien wie “The Big Bang Theory” oder “My Name is Earl” unmöglich. Weil sofort ein Redakteur das Drehbuch zurückgehen lassen würde: Das versteht doch niemand! Und wer etwas nicht versteht, der schaltet ab! Der Redakteur denkt nicht an ein Publikum, er hat vergessen, dass er überhaupt ein Publikum hat, er hat nur noch eine Zielgruppe.

Und das ist arrogant.

Was? Dockville 2012, 10.-12. 8. 2012, HH-Wilhelmsburg, Reiherstieg

Verpasst? Apparat Band. Wollte ich mir anhören, trotz allzu großen Pathosfaktors auf der CD, aber dann spielten parallel Hot Chip, ganz ohne Pathos, und ich blieb hängen.

Frittenbude, die ich ja eigentlich ganz gerne mag. War aber dieses Wochenende gar nicht meins.

James Blake, weil ich die musikalische Qualität des jungen Mannes ohne Wenn und Aber anerkenne, aber trotzdem gar nichts mit ihm anfangen kann. Und außerdem Samstagabend ach so todmüde war.

Niels Frevert, weil parallel Tocotronic spielten, und da bin ich dann eben doch eine treue Seele. Außerdem sah ich Frevert dieses Jahr ja schon einmal.

Schönster Konzertmoment? Hängt eng zusammen mit dem Glitzerkleid von Metronomy-Schlagzeugerin Anna Prior (auf dem Bild die zweite von rechts, das Kleid ist aber nicht zu sehen).

Überraschendster Konzertmoment? Als die Sleep Party People nach ihrem verstörenden, düsteren Set ihre Hasenmasken absetzten und sich als grundsympathisch dreinschauende, ganz normale Jungs entpuppten.

Und die Kunst? Habe ich hier beschrieben.

Und jetzt? Setze ich mich an einen Artikel für die junge Welt, in dem ich das Thema noch ein wenig genauer behandle (den man hier lesen kann):

Egal, das Hamburger Indiepop- und Kunstfestival Dockville hat den Ruf weg, ein Hipster-Festival zu sein. Und tatsächlich, vergangenes Wochenende war die Jutebeuteldichte im Hamburger Hafen signifikant hoch. Wobei hier das Problem weniger die paar Typen waren, die einen Tacken cooler sind als man selbst, sondern immer noch die vielen entsetzlich uncoolen Typen. Uncoolness, harmlos: Frauen, die beim ersten Hauch von Tribal-Klängen entrückten Ausdruckstanz versuchen, barfuß im Staub. Uncoolness, weniger harmlos: vierschrötige Typen zwischen Bundeswehr und BWL-Studium, die sich während des selbstquälerischen Auftritts von Dillon lautstark mit ihren sogenannten Ischen unterhalten. Ja, solche Nasen gibt es auch beim Dockville. Wenn man sich über die mokiert, ist man dann ein Hipster?

Und hier geht’s zum uMag-Twitterwall.

Weitere Besprechungen: pop10, Les Mads, Birgit Reuther im Hamburger Abendblatt.

Und so wandert man durchs Gras, schaut sich Gags an wie den nachgebauten Autobahnstreifen »Autobahn A0« der Hamburger Ole Utikal und Hannes Mussbach oder die Körperschrift-Reenactment-Phantasie »Krieg und Frieden« des Kollektivs Krautzungen; man findet die Sachen mal läppisch, mal cool, man schaut den unvorstellbar hübschen Indiejungs und -mädchen hinterher, man verliert ein wenig das »Entweder. Oder.«-Motto aus dem Blick. Und plötzlich fällt einem wie Schuppen von den Augen: Der Ausweg aus dem Entscheidungsdilemma, das ist nicht das feige »Sowohl als auch«, das ist das Verlieren. Das Treibenlassen in dieser Mischung aus Künstlerkommune, Hipsterevent, ernsthaftem politischen Anliegen und gutem Willen. Der Ausweg ist ein »Irgendwie habe ich vergessen, wie ich überhaupt in dieses Dilemma geraten bin«.

Dass ich das Kunstcamp im Vorfeld des Dockville-Festivals für das spannendste Kunstevent des Sommers halte (ja, klar, documenta!) ist seit einigen Jahren bekannt. Und weil ich das so spannend finde (und darauf hinwirken möchte, dass kommendes Wochenende noch möglichst viel Publikum das Camp stürmt, schon alleine, um einen gewissen Druck aufzubauen, in den Verhandlungen mit der Stadt, die das Festival über kurz oder lang der Hafenwirtschaft opfern möchte), habe ich an verschiedenen Orten Texte zum Camp geschrieben. In der jungen Welt von heute eine Besprechung der Vernissage vergangenen Donnerstag. Und im aktuellen uMag einen Artikel über das Park-Kunst-Konzept der serbischen Kunstcamp-Teilnehmerin Dusica Drazic.

(Auf dem Foto: Mladen Miljanovics Installation “Hahaha – Ahahah”)

Natürlich ist es unseriös, jetzt einen Rückblick übers Dockville 2011 zu schreiben, jetzt, am Sonntagnachmittag, noch bevor Zola Jesus gespielt hat, noch vor Kele, noch vor noch zu entdeckenden Acts wie den Crystal Fighters. Natürlich ist das unseriös, andererseits: weswegen den schön verlotterten Sonntagnachmittag aufgeben für Bands, die man entweder schon kennt oder bei denen man gar nicht weiß, was man verpasst, wenn man sie nicht kennenlernt? Weswegen nicht, zum Beispiel, eine Folge “Lost” in den DVD-Player schieben, der schönen, klugen Frau ein wenig die Füße streicheln und den Dauerregen vor dem Fenster Dauerregen sein lassen? Weswegen eigentlich nicht?

Geprägt war das diesjährige Dockville, muss man eben sagen, vom Wetter. Also: vom Wolkenbruch Freitagvormittag, der das Gelände erstmal in Teilen unter Wasser setzte, die Zeltbühne Maschinenraum unbespielbar machte und den Platz vor der zweitgrößten Bühne Vorschot in eine Schlammlandschaft verwandelte. Dafür kann niemand etwas, und außerdem kämpfen dieses Jahr auch Open-Air-Kinobetreiber, Eisdielenwirte und alle übrigen Menschen, die auf gutes Wetter angewiesen sind, mit dem unvorstellbar verregneten Sommer. Allerdings: Beim Festival hatte es eben zur Folge, dass ich ziemlich viele Bands auf dem Vorschot nicht sah, weil ich mich nicht in die modrig stinkende, klebrige Masse traute. Insbesondere Freitag war das schade: Freitag hätten auf dem Vorschot Egotronic gespielt, Herpes und Marteria, alles nicht gesehen.
Wer ebenfalls unter dem Wetter litt: die Kunst. Das Dockville bildet sich zu Recht etwas darauf ein, ein Festival einerseits für Indiepop, andererseits für Bildende Kunst zu sein. Nur wurde die Kunst dieses Jahr von den Unwettern scher zerzaust beziehungsweise weggeschwemmt. Ich bin heilfroh, dass ich den Kunstbereich schon vorab besucht habe, außerdem kann man solcher Zerstörung der Kunst durch die Natur sogar noch einen gewissen ästhetischen Reiz zusprechen (es hat Ai Weiweis documenta-Arbeit “Template” 2007 auch nicht geschadet, dass sie nach einigen Ausstellungswochen durch ein Unwetter, nein, nicht zerstört, sondern erweitert wurde). Bloß hat sich dieses Jahr bewahrheitet, was ich schon im Vorfeld befürchtet hatte: mittlerweile haben wir zwei Festivals namens Dockville, eines, in dem es um Kunst geht, und eines, in dem Pop im Mittelpunkt steht. Die wenigen Momente, in denen die Kunst in das Konzertwochenende gelappt hätte, habe ich verpasst: den Auftritt der ohnehin der Kunst- und Theaterszene nahen Goldenen Zitronen und das Konzert des seit Jahrzehnten geschätzten Andreas Dorau, der, wie man munkelte, gemeinsam mit der ebenfalls seit Jahrzehnten geschätzten Theatergruppe Showcase Beat le Mot auf der Bühne hätte stehen sollen. Grund für dieses Verpassen: das Vorschot, siehe oben.
Dafür trotzdem viel Tolles gesehen: Kakkmaddafakka, die ich vergangenes Jahr doof fand und deswegen skippte, mittlerweile mir aber schön gehört habe und unglaublich ironisch, campy, unterhaltsam fand (wobei natürlich eingerechnet bleibt, dass uns Ironie niemals retten wird, klar). Those Dancing Days, ich stehe ja sehr auf konsequent durchgeknallte Frauen, da ist mir auch egal, wenn sie musikalisch extrem unspektakulär daher kommen. Und: Santigold. Musik, die so vielschichtig, heterogen, klug und reflektiert ist, dass sie mir den Glauben an das Prinzip Pop zurück gibt, wenigstens kurz.
Und dann eben noch die Stimmung. Der Grund, weswegen ich eigentlich alljährlich aufs Dockville fahre. Klar, verregnet, dieses Jahr. Wobei die Qualität dieses Festivals eben ist: dass das egal ist. Dass die Junggesellenabschiedsdeppen, die unbedingt eine Schlammschlacht machen müssen, höflich ignoriert werden (damit sie am Abend beinahe den großartigen Santigold-Auftritt sprengen, aber okay, Trottel sterben nie aus), dass man den Matsch als ein wenig eklige, ein wenig lustige Variante der Festivalarchitektur akzeptiert und gottergeben durchschlappt, auf dem Weg zum nächsten Konzert. Und dass man, als endlich die Sonne rauskommt, die verschlammten Kleider vom Körper reißt und in die Elbe springt, ein fröhliches Kind, locker und glücklich und gelöst.

Und weil dieses Festival es trotz allem doch geschafft hat, dieses fröhliche Kind aus mir rauszukitzeln, zwei Tage lang, deswegen bin ich jetzt selig.

(Hier gehts zum uMag-Twitterwall. Und hier gehts nach 2010.)

Gestern kurz überlegt: Ist das eigentlich eine gute Idee, aufs Dockville-Kunstcamp zu fahren, bei diesem Dreckswetter, so weit raus, auf die Insel? Und das, wo Kommander Kaufmann nicht mitkommt? … Ach, eigentlich: keine Lust. Gerade noch rechtzeitig eine SMS bekommen, “Fahren jetzt los”, also Gruppenzwang, man muss ja. Und, ja, man muss. Um festzustellen, dass das Dockville eben nicht nur das Großartiges erwarten lassende Musikfestival nächstes Wochenende ist, sondern eben auch ein von Jahr zu Jahr selbstbewusster auftretendes Kunstevent (in diesem Zusammenhang habe ich im Juli ein kurzes Interview mit zwei Kuratorinnen fürs uMag geführt).

Und, ja, beinahe hätte ich geheult vor Freude. Und beinahe hätte ich mir in den Hintern beißen müssen, nicht gefahren zu sein. Freude, weil die gezeigte Kunst von Jahr zu Jahr besser wird: wenn einen Kim Coleman den Moment abpassen lässt, in dem hinter ihrer Installation “Suntrap” (Abbildung) die Sonne untergeht. Wenn man in Evols “Nordkreuz” zwischen Plattenbauwaben versinkt. Wenn Marc Klee mit “Zwischen Brand – Inter Burning” das Prinzip Installation zur De-Installation erweitert.
Es gibt immer noch Festival-Läppisches, klar, “Flaumi – Die soziale Zunge” von Rocknrollarchitecture/Rocknrolladvertising gibt einen Gag her, nicht mehr. Und “Radioactivity Controls” von Luzinterruptus ist auch mehr Didaktik als Kunst (die aber zumindest nachts recht eindrucksvoll gruselt). Aber eigentlich geht es darum auch überhaupt nicht.
Eigentlich geht es darum, klarzustellen, was für einen wunderbar offenen Raum das Dockville mittlerweile, im fünften Jahr seines Bestehens, darstellt. Es geht darum, dass ich keinen anderen Ort kenne, an dem der prototypische Indie-Styler so zwanglos neben dem etwas biederen Kunstlehrer aus der Gesamtschule Mümmelmannsberg einen Joint raucht, an dem die Kinder aus der Lüttville-Stadtranderholung übers Gelände wuseln, daneben ein älterer Mann aus der Wilhelmsburger Nachbarschaft, ein paar migrantische Jugendliche, eine saarländische Clique im Großstadturlaub und ein knutschendes Paar, das die gesamte Umgebung schlicht vergisst. Nennt mich naiv, aber solange Momente möglich sind wie gestern abend auf dieser eigenartig lebendigen Brachfläche, die von Jahr zu Jahr ihr Gesicht verändert, so lange glaube ich noch irgendwie an die Menschheit.
Und dann ist es egal, was für Kunst man am Ende sieht. Wenn man dann aber sogar Kunst sieht, die wirklich funktioniert, dann ist das: ein Glücksgefühl. Ein Grund zum Heulen.

(Und dass ich am Ende des Abends nicht mehr heulte vor Freude, sondern vielmehr einschlief vor Langeweile beim unglaublich öden, kunstgewerblich prätentiösen Auftritt von Get Well Soon, das ist eben so – weswegen höre ich mir auch Konzerte von Bands an, von denen ich schon vorher wusste, dass ich mit ihnen nichts anfangen kann? Und dass ich noch später nicht mehr heulte sondern brüllte vor Wut, weil die Elbinsel Wilhelmsburg nachts, zumal unter der Woche, extrem unbefriedigend ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen ist, während sich Taxifahrer weigern, hier raus zu fahren, in die Bronx Hamburgs, das unterschlage ich einfach mal. Ist auch nicht so wichtig.)

Voll zum Mainstreamhörer habe er sich entwickelt, erzählt C. “Ich höre Musik, die mich sofort kriegt. Ich will nach Hause kommen, das Radio einschalten, und der Song soll mich in den ersten Sekunden kicken.” Keinen Platz mehr hat C. für sich langsam entwickelnde Musik, keinen Platz für Ja, Panik, die eine ganze CD und ein ganzes Konzert benötigen, um ihren Songkosmos zu entwickeln. Mainstreamhörer.

Ich höre keinen Mainstream. Also, ich höre keinen Mainstream als Genre, tatsächlich habe ich während der vergangenen Monate ohnehin aufgehört, meinen Geschmack an Genres auszurichten, längst tauchen in meiner Playlist nicht mehr nur die erwartbaren Elektroindiepopper auf, längst höre ich Soul, Weltmusik, Rock. Und, immer noch, Elektroindiepopper, klar, warum nicht. Was ich nicht höre, sind Bands, die strukturell im Mainstream stehen.
Strukturell im Mainstream, damit meine ich, dass die Bands, die ich höre, nicht aufs große Publikum ausgerichtet sind. Nicht bei großen Plattenfirmen veröffentlichen, nicht im Radio laufen. Das hat nur am Rande damit zu tun, dass ich meine Liebe nicht mit der großen Masse teilen möchte, das hat in erster Linie damit zu tun, dass ich den Überblick behalten möchte: Wer hat hier mit wem zu tun? Besteht das Risiko, dass jemand von den Leuten, denen ich heute noch zujuble, morgen schon Werbung für Springer macht? Und: Was macht der eigentlich mit dem Geld, das ich für eine CD, für ein Ticket ausgebe? Weiß jemand, was eine Plattenfirma dafür zahlt, dass ihr Künstler in den Playlists des Formatradios auftaucht? Und rechnet jemand mal nach, wieviel Geld dann im Marketingetat versickert, Geld, das doch eigentlich der Künstler bekommen sollte?
Und weswegen sollte ich eigentlich den Folkpop der formatradiokompatiblen Amy Macdonald hören, wenn ich ebenso gut die musikalisch ganz ähnlich verortbare Kristin Hersh hören könnte?

Das sind keine Geschmacksfragen. Und es sind keine Musikfragen. Natürlich sind die Comics von Flix klug, künstlerisch anspruchsvoll, aus dem Leben gegriffen. Aber Flix veröffentlicht beim Verlagsriesen Carlsen, Kati Rickenbach hingegen arbeitet inhaltlich und formal ganz ähnlich und veröffentlicht in der kleinen Edition Moderne. Tut mir leid, da ist klar, wem mein Herz gehört. Und das lässt sich weiter treiben, ins Kino, in die Medien (weniger zu Theater und Kunst, weil die viel stärker durch die öffentliche Hand finanziert werden. Da sind die Marktstrukturen längst nicht so mächtig, als dass sie einen Mainstream definieren könnten). Natürlich schaue ich lieber einen kleinen Berliner-Schule-Film im selbstorganisierten Hinterhofkino an als einen Blockbuster im Multiplex, auch wenn ich weiß, dass es formal ungemein interessante Blockbuster gibt. Schlicht, weil ich den Überblick behalten möchte. Muss.

Und dann gibt es eben auch Bands, die musikalisch sehr leicht zugänglich sind, die auch C. nach wenigen Sekunden kicken würden, die aber dennoch kaum im Radio stattfinden, weil sie strukturell nicht im Mainstream stecken: Wir sind Helden, Hellsongs, nur als Beispiel. Die schätze ich, auf jeden Fall. Bloß die Masse schätzt sie nicht. Die kennt sie ja nichtmal. (Und das Beispiel Wir sind Helden kommt da natürlich an seine Grenzen, keine Ahnung, wie die das geschafft haben, mit ihrem Riesenerfolg.)

(Das Bild oben ist entstanden beim ersten Dockville-Festival 2007. Ganz weit weg vom Mainstream, heute immer noch. Schön.)

Wie das klappen konnte, ist mir auch heute noch nicht klar. Also, wie der Wachmann uns am Eingang zum Museumspark abpassen konnte und informieren, dass der Park leider geschlossen sei: „Gehen sie rein, schauen sie sich um, und wenn sie fertig sind, dann klettern sie einfach über den Zaun.“ Und dann schloss er das Tor hinter uns, keine Ahnung, wie das funktionieren konnte.

Wir haben 1999, und S. möchte einen Artikel schreiben: über einen Kunstparcours, der im Museumspark Rüdersdorf aufgebaut ist. Rüdersdorf ist eine Ortschaft am östlichen Stadtrand Berlins, und der Museumspark ist ein ehemaliger Kalksteinbruch mit der entsprechenden Verarbeitungsindustrie, der zum Großteil in den 60er Jahren aufgegeben wurde. Ein riesiges Gelände, teilweise von der Natur überwuchert, Kalköfen und Lagerhallen und Steinbrüche, unübersichtlich und wild, damals zumindest noch, Ende der Neunziger. Die Kunst ist, das merken wir schnell, nicht der Rede wert. Aber das Gelände ist großartig. Wir steigen über einen Zaun, schlagen uns durch ein Gestrüpp, klettern ein paar Meter auf ein bedenklich wackelndes Stahlgerüst, bekommen dann aber Angst und klettern wieder runter, hauen uns durch eine weitere Hecke und stehen an der Abbruchkante.
Es ist großartig. Vor uns geht es in die Tiefe, ein paar Pfützen, irgendwo ein Teich, weit drüben, auf einer Anhöhe: ein paar Autos. Schrottkisten, Geländemotorräder, wir hören Musikfetzen, Onkelz, würd’ ich sagen. Wir kriegen uns nicht mehr ein, brauchen ein paar Minuten, um uns loszureißen, an den Schachtöfen vorbei, an einem Tunnel, der anscheinend einen Kanal zur Spree darstellt, zu einer Halle. Einer riesigen Halle, alles ist hier riesig, alles ist leer und einsam. Und nichts ist abgesperrt. Drinnen: eine Leiter, die auf ein Gerüst führt, unterm Dach. Wir klettern rauf und gehen ein paar Meter, das ist nicht gefährlich, es gibt ja ein Geländer. Ja? Plötzlich erscheint uns das Geländer nicht mehr wirklich Vertrauen erweckend, langsam, ganz langsam drehen wir uns um, Gott, ist das eng hier oben, ganz langsam setzen wir einen Fuß vor den anderen, zurück zur Leiter. Keine Ahnung, wie wir das überlebt haben.

Keine Ahnung, wie das funktionieren konnte.

Ich war seither nicht mehr in Rüdersdorf. Aber ich glaube, das Gelände wiederzuerkennen, im Video zu “Easy Leasing Superstar” von Le Hammond Inferno, auch schon über zehn Jahre her:

Es gibt solche Orte nicht mehr, nicht in Deutschland. Ferropolis in Sachsen-Anhalt: eine Eventlocation. Der Landschaftspark Duisburg-Nord: ein Spielplatz. Der ehemalige Brauturm der Dortmunder Union-Brauerei, das Dortmunder U: ein Kreativzentrum. Die gefluteten Tagebaue in Sachsen: ein Naherholungsgebiet namens Leipziger Neuseenland. Das ist alles gut, ich möchte das Museum am Ostwall nicht missen, auch dass der Museumspark Rüdersdorf mittlerweile mit Sicherheit professionalisiert arbeitet, dass mit Sicherheit niemand mehr unbeaufsicht aufs Gelände darf ist eine gute Sache. Wie gesagt, ich wundere mich immer noch, dass wir diesen Ausflug überlebt haben, und ich bin mir sicher, hätten sie so weiter gemacht, dann wäre irgendwann einmal jemand in einen ungesicherten Schacht gestürzt.
Und trotzdem bin ich traurig, und trotzdem fehlt mir jetzt etwas.
Mir fehlen die ungesicherten Orte. Industrieruinen, Abbruchhäuser, Urwälder. Einen Hauch dieses Ungesicherten spüre ich noch, jedes Jahr im August, beim Dockville-Festival in Hamburg-Wilhelmsburg. Musik hörend, zwischen aufgelassenen Hafenbecken, verlassenen Conatinerstellplätzen, runtergekommenen Lagerhallen. Aber jedes Jahr spüre ich weniger Zauber, jedes Jahr ist die Gegend aufgeräumter, jedes Jahr hat sich die Internationale Bauausstellung weiter vorgewagt, auf die Elbinsel Wilhelmsburg, auf diesen vergessenen Flecken Hamburg, der langsam aber sicher markiert wird, gesichert, eventisiert.

Das ist nicht schlimm. Aber etwas fehlt mir.

Was? Dockville 2010, 13.-15. 8. 2010, HH-Wilhelmsburg, Reiherstieg

Verpasst? Klaxons, interessierten mich eigentlich noch nie, außerdem spielten Frittenbude parallel.
Jan Delay, weil man wissen muss, wann gut ist.
Bonaparte, weil die Sterne parallel spielten. Gute Entscheidung, wegen Sternen, aber schade wars trotzdem.
Therapy?, weil ich nicht mehr 20 bin, echt.
K.I.Z., weil ich nicht mehr 12 bin.
Slime, weil ich zwar um die historischen Verdienste dieser Band weiß, weil ich aber auch weiß, dass Punkrock in den letzten 30 Jahren inhaltlich wie ästhetisch eine Entwicklung gemacht hat, bei der Slime einfach nicht mehr dabei sind.
The Drums, weil ich schon mit Delphic ein ausreichendes Maß an gehypten Britbands um die Ohren hatte. Ja, ich weiß, dass die Drums aus den USA kommen. Trotzdem.
War ich eigentlich überhaupt mal an der Hauptbühne?

Schönster Konzertmoment? Als Wir sind Helden “Bring mich nach Hause” spielten und ich mit einem Schlag ergriffen war, trotz festen Vorsatzes, so kommerziellen Kram nicht gut finden zu können.

Überraschendster Konzertmoment? Zu realisieren, dass Gustav schwanger ist. Weil ich mit meiner ganz tollen Textinterpretationssicherheit immer davon ausgegangenen war, dass die Frau Jantschitsch doch eigentlich lesbisch sein müsste. Ja, ich weiß, dass eine Schwangerschaft auch dann möglich wäre, Danke für die Aufklärung.

Und die Kunst? Schien mir besser ins Festivalkonzept integriert als noch vergangenes Jahr. Eigentlich stolperte man immer wieder über Kunst, Thomas Judischs “Nur drei Schritte ins Paradies” etwa wurde tatsächlich zur Schlammschlacht genutzt, und “Ein kleiner Regen dämpft das große Gewitter” vom Institut für wahre Kunst im Anschluss dankbar angenommen, um die Schlammspuren zumindest halbwegs abzuwaschen.

Und jetzt? Wirds erstmal Herbst.

03. August 2010 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , ,

Aufs Dockville-Festival vom 13. bis 15. August freue ich mich schon ein halbes Jahr. Besonders schön für die Vorfreude: dass die Kunst auf dem Dockville schon seit einer Woche öffentlich ist. Bis zum kommenden Sonntag, und dann beim eigentlichen Festival am Wochenende drauf. Und auf umagazine.de gibts einen hübschen Kunstrundgang. Von, hüstel, mir.