29. August 2013 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (August 2013) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , ,

Ja, der Monat ist noch nicht vorbei, schon klar. Aber gleich haben wir ein Wochenende, an dem ich sicher keine Gelegenheit habe, eine kleine Lebensberatung zu schreiben, der Kram würde also bis in den September liegenbleiben, und hinterher sagen alle, ach, Falk, der ist auch unzuverlässig geworden. Muss doch nicht sein. Besucherzahlenmäßig war der August übrigens ein ziemlich guter Monat – was vor allem an ein paar Starblogs lag, die nach hier verlinkten. Da hatte ich dann plötzlich unzählige Besucher, die sich kurz umschauten, feststellten, dass nichts los ist und wieder abzogen. Tja. War aber trotzdem schön, dass ihr da wart. Googler kamen auch, ein paar.

1. ich werde steinbrück wählen Ja? Herzlichen Glückwunsch zu dieser Entscheidung, zumal die ziemlich gegen den Trend geht. Auch gegen den Trend hier: Ich denke, ich werde Peer Steinbrück nicht wählen (um ehrlich zu sein, kann ich ihn auch gar nicht wählen, ich kann nur mit der Zweitstimme SPD wählen, und die SPD wählt, falls ausreichend Bürger ihr die Zweitstimme geben, Steinbrück zum Kanzler, aber ich verstehe schon, was gemeint ist). Aber natürlich gbt es Gründe, das zu tun: weil eine SPD-geführte Regierung wahrscheinlich gesellschaftspolitischen Irrsinn wie das Betreuungsgeld abschaffen dürfte. Weil Ideen wie die Homoehe bei linken Regierungen in besseren Händen sind als bei rechten. Weil Linke wahrscheinlich eine zeitgemäße Einwanderungspolitik machen dürften. Nur: Einer Steinbrück-Regierung traue ich nicht zu, eine linke Regierung zu sein. Und einer SPD, die sich bei allem Streit hinter einer Figur wie Steinbrück versammelt, traue ich das auch nicht zu. Überhaupt: War die SPD eigentlich je in ihrer Geschichte eine linke Partei, gibt es da Anhaltspunkte? Nein, meine Stimme bekommt sie nicht.

2. dieter meier kassel Es gibt da ein Kunstwerk: 1972 ließ der Schweizer Popmusiker und Konzeptkünstler Dieter Meier während der documenta V eine Tafel am Kassler Hauptbahnhof anbringen mit der Aufschrift „Am 23. März 1994 von 15.00-16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen“. Am 23. März 1994 stand Meier dann auf besagter Platte. Ist das gemeint?

3. falk schreiber daniel richter interview Es gibt ein Interview, das ich vor einigen Jahren mit Daniel Richter (und Jonathan Meese) geführt habe, gemeinsam mit meiner geschätzten Kollegin Katharina Behrendsen. Das war eines der eigenartigsten, verwirrendsten, unterhaltsamsten Gespräche die ich im Laufe meiner journalistischen Karriere erleben durfte, und es ist tatsächlich sehr, sehr schade, dass besagtes Interview nicht online verfügbar ist. Wobei, viel spannender als das am Ende publizierte Interview war ohnehin das Transkript, ist ja häufig so.

4. hamburg hauptbahnhof nach wilhelmsburh am reihersteig Das Viertel heißt „Wilhelmsburg“ und die Straße heißt „Reiherstieg“, Kinder, gebt euch doch mal Mühe. Die Wegbeschreibung ist allerdings verhältnismäßig einfach: Mit der S3 in wenigen Minuten vom Hauptbahnhof bis Veddel, von dort mit der Buslinie „Wilde 13“ bis „Veringstraße Mitte“, dort rechts halten und noch ungefähr zehn Minuten laufen, dann ist man am Reiherstieg. Ging es um das Gelände des Dockville? Da ist die nächste Anfrage ebenfalls hilfreich.

5. beim dockville festival über den zaun klettern Ist strafbar, als juristischer Laie würde ich auf den Tatbestand Hausfriedensbruch tippen. Und vielleicht auch nicht okay, ich meine, so teuer ist das Dockville ja nun nicht, als dass man sich da Leistungen erschleichen müsste, zumal die Dockville-Macher nun nicht gerade Großverdiener sein dürften. Andererseits verstehe ich schon, weswegen man sich solche Gedanken macht: Mit 17 kletterte ich auch einmal bei einem Festival über den Zaun respektive watete durch einen kleinen See, der das Festivalgelände in der Ulmer Friedrichsau vom öffentlichen Park abtrennte. Damals recht angesagte Bands wie New Model Army (die Toten Hosen Nordenglands), Midnight Oil (die Grünen Australiens) und die Pixies (der Heinz Erhardt Kaliforniens) spielten dort, und als Headliner David Bowie. Ich muss sagen, das war schon ziemlich cool, und der Adrenalinrausch machte es sogar noch einen Tacken cooler: Entdeckt irgendwer, dass ich kein Ticket habe? Was machen die dann mit mir? Böse, tätowierte Roadies? Oarrr!

6. typisches französisches essen Öh. Austern? Irgendwas mit viel Thymian? Kommt doch auch drauf an, ob man sich in der Provence befindet oder in der Bretagne, nicht? Jedenfalls: Aufwändig, qualitativ hochwertig, mehrgängig. Und Wein gehört dazu.

7. falk schreiber leipzig Ich war schon ein paar Mal in Leipzig, aber das ist hier wahrscheinlich nicht gemeint. Gemeint ist mein Namensvetter, der Radiomoderator beim MDR ist (oder war?) – ich habe eine Autogrammkarte gefunden, ähnlich sieht er mir eigentlich nicht.

8. morrissey größter entertainer Steven Patrick Morrissey mag eine Rampensau sein, er ist allerdings auch ein missionarischer Veganer, ein Rassist, ein blödes Arschloch, und je älter ich werde, desto klarer wird mir: Er macht auch unvorstellbar altbackene Musik. Hier spricht enttäuschte Liebe, ja.

30. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Jahresrückblick 2012 · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , , ,

Ein Jahr, vorbei. Vergleichbare Rückblicke kennen wir von 2011, 2010, 2009 und 2008.

Zugenommen oder abgenommen? Zuletzt ein wenig zugelegt, ich schiebe es auf die Vorweihnachtszeit und bin hoffnungsfroh, dass das auch wieder weniger wird.

Haare länger oder kürzer? Auf jedem Foto 2012 trage ich die Haare ziemlich kurz. Aber es gab ja auch noch einen Teil des Jahres, der nicht fotografisch dokumentiert ist.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Keine Ahnung. Den Bildschirm sehe ich problemlos.

Mehr ausgegeben oder weniger? Deutlich mehr.

Der hirnrissigste Plan? „Ach, die alte Küche, die lassen wir nicht fachmännisch abreißen, das bekommen wir auch mit roher Gewalt selbst hin.“

Die gefährlichste Unternehmung? Wie schon im Vorjahr: Wirklich gefährlich war nichts in meinem Leben.

Die teuerste Anschaffung? Eindeutig die Küche, auch wenn wir die zu zweit bezahlten. Hat sich aber jetzt schon gelohnt.

Das leckerste Essen? Ein Glas Weißwein und eine Paella Mallorquin in einem der zwei Restaurants am Ortseingang von Fornalutx/Mallorca.

Das beeindruckendste Buch? Übermäßig viel gab es da nicht, vergangenes Jahr. Mir gefiel Rainald Goetz„Johann Holtrop“. (Eine Rezension habe ich für die kulturnews geschrieben.)

Der beste Comic? Camille Jourdy, „Rosalie Blum“. (Ebenfalls für die kulturnews rezensiert.)

Der berührendste Film? „Medianeras“, eine argentinische Romantic Comedy von Gustavo Taretto. Wurde zwar schon 2011 gedreht, ich sah ihn aber erst dieses Jahr. Und zwar an meinem 40. Geburtstag.

Das beste Lied? Sophie Hunger, „Das Neue“. Die Platte berührt mich zwar nicht so, das Stück ist aber toll.

Die beste Platte? Barbara Morgenstern, „Sweet Silence“. Ich habe wenig neue Musik gehört, dieses Jahr. Irgendwie lebe ich nicht mehr wirklich da drin.

Das schönste Konzert? Santigold, die „Master of my Make Believe“-Tour auf Kampnagel, Hamburg. Verspätet, mit technischen Problemen, zu kurz. Und trotzdem herzerwärmend.

Die schönste Theatererfahrung? Jacques Offenbachs Opera Buffa “Die Banditen” in der Regie von Herbert Fritsch am Theater Bremen. Oper, eigentlich gar nicht meins, hier aber wahnwitzigst.

Die interessanteste Ausstellung? Voll unoriginell: die documenta. Gab auch einen kleinen Text für die Bandschublade her.

Die meiste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: meinen geschätzten Bürokolleginnen.

Die schönste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: der schönen, klugen Frau.

Vorherrschendes Gefühl 2012? Neubeginn.

2012 zum ersten Mal getan? An Heiligabend das Wort „Familienfest“ neu gedacht.

2012 nach langer Zeit wieder getan? Meine journalistischen Texte als freier Autor auf den Markt geworfen. Die Erfahrung gemacht: Die will jemand haben. Selbstbewusstsein gestärkt.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Die Medienkrise. Die Medienkrise. Die Medienkrise. (Und den Stress mit der Küche.)

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? „Das ist aber wirklich ein wichtiges Thema, da sollten wir einen Artikel drüber schreiben, also, ich sollte einen Artikel drüber schreiben.“

2012 war mit einem Wort…? Toll. Bestes Jahr seit Jahren.

Edit: Im näheren Umfeld schauten schon Isabel Bogdan zurück, Eva Schulz, wortlos Mark.

Mir ist klar, dass es auf Kunstmessen nicht um das Wahre, Gute, Schöne geht, sondern um Kapitalismus. Im Zentrum steht nicht das Wort „Kunst“, sondern das Wort „Messe“: Hier soll etwas verkauft werden, mehr noch, hier soll etwas verkauft werden, das keinen direkten Wert hat, der Wert von Kunst ist immateriell, gehandelt wird hier mit Geschmack, Distinktion, Bewusstsein. Eine Kunstmesse ist Bewusstseinsindustrie. Ich weiß das. Ich bin nicht naiv, ich stolperte auch übers Berliner Art Forum (solange es das noch gab), ich sah den reichen Russen, der am Stand von Contemporary Fine Arts auf ein Gemälde von Daniel Richter zeigte, nichts sagte, die Handbewegung war schon Aufforderung genug: „Kaufen. Das da.“ Es widert mich an, aber vielleicht ist so eine Szene ja notwendig für eine Kunstwelt, die so spannend ist, wie die momentane. Vor sieben, acht Jahren habe ich Daniel Richter einmal in einem denkwürdigen Gespräch (gemeinsam mit Jonathan Meese) interviewt, es ging um Geld und Markt und darum, wie man es vor dem eigenen Gewissen als doch immer noch linker Künstler vertreten könne, dieses Spiel mitzuspielen. Richter antwortete damals sinngemäß, dass es Dutzende schlimmerer Dinge gebe, die die Reichen mit ihren Millionen machen könnten, als Kunst zu kaufen, darauf wusste ich keine Antwort, beziehungsweise, mir war klar: Richter hatte recht.

(Erwin Wurm machte 2006 eine Skulptur namens „Art Basel fucks Documenta“, man sieht das Kasseler Fridericianum, den zentralen Ausstellungsort der Weltkunstschau Documenta, und das wird von einem Basler Messehochhaus, nunja, gefickt. Da sieht man, wie das Verhältnis zwischen Markt und Kunst wirklich ist, wobei, gefickt zu werden ist ja nun nicht die unangenehmste Position, die man sich vorstellen kann.)

Darüber, dass vergangenes Wochenende in der Hamburger Messe die deutsche Dependance der Affordable Art Fair stattfand, darüber möchte ich mich gar nicht auslassen. Die Affordable Art Fair ist eine Kunstmesse, die die Nische der niedrigpreisigen Arbeiten bedient (die gezeigten Werke fangen bei 100 Euro an und hören bei 5000 Euro auf), es gibt viel minderwertigen Kram zu sehen und einiges ziemlich Gutes, nicht anders als bei jeder anderen Messe also, und dass sich P. und R. hier eine der ziemlich guten Arbeiten als Schnäppchen mit nach Hause genommen haben, spricht ebenfalls für die Affordable Art Fair, also: nichts dagegen. Viel aber gegen die Plakate, die Hamburg seit Wochen verschandeln und die einem sofort jede Lust nehmen, sich intellektuell mit Kunst auseinander zu setzen: Man sieht ein doofes Paar über den Elbstrand turteln (barfuß! Bei der momentanen Witterung!), sie halten rosa (rosa!) Pakete in den Händen, Pakete, in denen Kunstwerke versteckt scheinen (wäre es zuviel verlangt, bei dieser Gelegenheit Kunst zu zeigen? Oder schreckt es vielleicht die angestrebte Klientel ab, wenn das Marketing anders aussieht wie das eines Möbelhauses?), und über allem schwebt der entsetzliche Spruch „Kunst, der man nicht widerstehen kann“. Als ob es hier um Schokolade oder Instantkaffe oder Dessous gehen würde.

Die Affordable Art Fair möchte Schwellenangst abbauen, möchte dafür sorgen, dass ein kunstfernes Publikum vorbeischaut und einkauft (und ICH HABE DA REIN GAR NICHTS DAGEGEN). Und um das zu erreichen, schrauben sie in ihrer Außenwirkung jeden Anspruch soweit runter, bis man überhaupt nicht mehr erkennt, um was es hier eigentlich geht. Ich aber weiß, worum es geht, und weil ich das weiß, kotze ich auf offener Straße.

Also. Der September war ein ganz akzeptabler Monat, von den Besucherzahlen her. Ach, was soll die Koketterie: Der September war besucherzahlenmäßig ein toller Monat, hier, auf der Bandschublade. Was allerdings damit zu tun hatte, dass die „Tatort“-Saison begonnen hat: Die nach der Homepage häufigsten Zugriffe verzeichnete der Post „Der Betonfleck an der Förde“, der den großartigen Kieler Krimi „Borowski und der stille Gast“ behandelt. Das muss man leider so sagen: Abseits von den „Tatort“-Rezensionen ist die Bandschublade absolutes Nischenprogramm. Und jetzt? Schreibe ich ausschließlich über den „Tatort“, weil ich das große Publikum will? Schreibe ich überhaupt nicht mehr über den „Tatort“, weil mich das große Publikum anwidert? Oder wäre es vielleicht am Besten, wenn ich alles so lasse, wie es ist? Vielleicht.

1. „sophie rois nackt“ Ich zähle nicht mehr, wie häufig nach Brüsten, Titten, Busen der doofen Sophia Thomalla gesucht wird. Bei der Suche nach der nackten Sophie Rois hingegen drücke ich ein Auge zu, weil, da habe ich Verständnis für, wenn jemand diese tolle Schauspielerin nackt sehen möchte. Vor einem Monat habe ich auch ein paar Tipps gegeben, wo sich dazu Gelegenheit bietet.

2. „fabio mauri documenta“ Es gab eine ganze Reihe Künstlersuchen in Verbindung mit der documenta, die meisten in Bezug auf den 2009 gestorbenen Italiener Fabio Mauri. Wer das wohl sucht? Galeristen, die wissen wollen, wie über ihren Schützling berichtet wird? Kunststudentinnen, die zu faul waren, selbst nach Kassel zu fahren?

3. „sarah wagenknecht privat“ Ja, was wird da wohl sein? Voll die Schreckschraube, mit der man es keine fünf Minuten in einem Raum aushält? Voll die kluge Gesprächspartnerin, mit der man sich tagelang über Goethe, zeitgenössische Kunst und Geschlechterdekonstruktionen unterhalten kann? Voll die charmante Gastgeberin, die einen sa-gen-haften Marmorkuchen macht? Man weiß es nicht.

4. „schwul islam“ Das ist ein Thema, was mich auch mal interessieren würde. Darüber geschrieben habe ich allerdings nie etwas, was nachvollziehbar ist, weil ich hier absolut keine Ahnung habe. Falls jemand mehr weiß: Hier sind schon zwei, die sich über Infos freuen würden.

5. „katalanischer modernismus“ Da weiß ich durchaus was. Eine Stilrichtung in Architektur, Design und Kunst, die in Katalonien ziemlich viele Städte prägt und dort „Modernisme“ genannt wird. Andernorts heißt sie Art Déco oder Jugendstil, wobei diese drei Begriffe nicht deckungsgleich sind, aber parallel verwendet werden können. Wichtigstes Bauwerk ist die Basílica de la Sagrada Família in Barcelona von Antoni Gaudí.

6. „rene pollesch schwul“ beziehungsweise „devid striesow schwul“ Boah, Kinder, wird euch das nicht langweilig, langsam mal? Also, soweit ich weiß, der eine ja, der andere nein, um genaueres zu erfahren, solltet ihr einfach mal direkt fragen, die meisten Leute sind da ja nicht so etepetete und erzählen durchaus, was Sache ist. Traut ihr euch aber nicht, oder? (Ich will übrigens niemanden verurteilen, der auf die Frage „schwul oder nicht?“ eine eindeutige Antwort hat, allein: Spannender finde ich ja die Leute, bei denen die Antwort schillert, bei denen eben nichts eindeutig ist, Leute wie Jens Friebe, Andreas Spechtl, von mir aus auch Pollesch oder Striesow.) Ich beschäftige mich in der Regel auf fachlicher Ebene mit Leuten wie Striesow oder Pollesch, und weil auch das privateste Politisch ist, mag da nicht zuletzt Sexualität mit reinspielen – in der aktuellen theater heute bespreche ich die Premiere von Polleschs „Neues vom Dauerzustand“ am Hamburger Schauspielhaus (Link funktioniert nur für Abonnenten), und, doch, da geht es auch um Sex:

Die politische Schärfe früher Arbeiten wurde abgelöst von einem umfangreichen Liebesdiskurs, bei dem selbst klassische Pollesch-Slogans nicht mehr so zünden wie gewohnt. „Denkst du etwa, von einer 26-jährigen Großbusigen einen geblasen zu bekommen, wäre ein Vergnügen für mich?“, das ist auf den ersten Blick witzig und auf den zweiten ziemlich blöde, trotz der genderpolitischen Souveränität, mit der der Autor diesen Satz eine Frau sagen lässt.

7. „katzen hängen übern gartenzaun“ Ich möchte gar nicht wissen, was diese Suchanfrage motiviert hat. Aber Cat Content geht ja immer.

8. „nackte penisse auf der bühne“ Ich sah einmal ein Stück, in dem eine klagende „Wandermöse“ auftrat, gildet das auch?

Der Weg ist das Ziel. Der Weg ist zentral bei der diesjährigen documenta, ein Nachdenken über Kunst, ein Prozess, der am Ende wichtiger ist als die Kunst selbst. Wobei die Kunst und der Weg an manchen Stellen zusammenfallen: im Trampelpfad von Natascha Sadr Haghighian, einem Pfad, der eine Denkmaltreppe umgeht, die die im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg gefallenen Deutschen ehren soll. Durchs-Gebüsch-Schlagen als antimilitaristischer Widerstand, auch nett, weil Haghighian den gar nicht mal so un-abenteuerlichen Pfad zudem noch multikulturell aufgeladen hat: Während man sich seinen Weg bahnt, wird man von Tiergeräuschen bedrängt, beziehungsweise von Menschen, die Tiere nachahmen, Menschen aus aller Herren Länder, die in der Einwanderungsstadt Kassel leben. Das ist allzu einfach und schweißtreibend, und während man fast abgerutscht ist, packt einen diese der Land Art verwandte Installation plötzlich: Das ist ja unglaublich charmant, in seiner Einfachheit! Natasha Sadr Haghighian übrigens ist laut Wikipedia in 1967 in Teheran geboren und lebt in Berlin, der documenta-Katalog allerdings hat ihren Lebneslauf durch die Biografie-Tausch-Maschine Bioswop gejagt, weswegen die Künstlerin plötzlich 1966 in London geboren ist und mittlerweile in Wimbledon lebt. Biographie, Herkunft, ein Spiel mit Nullen und Einsen, das sich ganz einfach verschieben lässt, ein „Miau“, das irgendwo am Hang der Kasseler Karlsaue gesäußelt wird, schön!

Kurz vor Ausstellungsschluss noch auf der documenta gewesen, verschwitzt, gehetzt, viel zu wenig Zeit. Neun Stunden, da muss man ganze Ausstellungsorte auslassen, Videokunst geht gar nicht, auch das „Sanatorium“ von Pedro Reyes,  das mir Matthias Schumann vom Hamburger Feuilleton wärmstens ans Herz gelegt hat, muss dran glauben: Die dort angebotenen Therapien dauern jeweils über eine Stunde, eine Stunde, die dann andernorts fehlt. Was geht, ist Kunst, an der man schnell mal vorbei schlendern kann, und bei der von vornherein klar ist, dass man sie nicht kapieren wird, allerdings hat man davon auch wenig. Attila Csörgös „Squaring the Circle“ nimmt man so mit, am Ende sieht die Installation auf dem Foto recht beeindruckend aus, aber inhaltlich: nüscht. Es hilft nichts, man muss das Beste aus der Situation machen, man muss den Weg akzeptieren, die Reise nach Kassel, das frühe Aufstehen, den schon ab Lüneburg verspäteten Intercity, man muss akzeptieren, dass das Monster von Katalog einem während der kommenden neun Stunden einen Rückenschaden verschaffen wird, man muss sich klar machen, dass man zu wneig Wasser mitgenommen hat, dass es ohnehin zu heiß ist, dass man aufs Mittagessen verzichten wird, dass der Weg das Ziel ist, und dieser Weg, er wird kein leichter sein. Dann ist man soweit, dann ist einem klar, dass die Erfahrung dieser Hardcore-documenta nur übers Leiden funktionieren wird, dann hat man die leicht esoterisch anmutende Freundlichkeit von Ausstellungsmacherin Carolyn Christov-Bakargiev verinnerlicht, obwohl man sich doch eigentlich vorgenommen hatte, dass man das auf keinen Fall machen würde.

Aber die Ausstellung funktioniert ja, gerade hier. Wo man die große erste Halle des Fridericianums betritt, und die Halle ist: leer. Ein verschwendeter Kunstraum, eine Verweigerung einer Ausstellung, einzig ein leichter Windhauch mildert die unerträgliche Hitze dieses Tages ein wenig, das ist schön. Und plötzlich merkt man: Dieser Windhauch, das ist nicht etwa ein eigenartiges Zugphänomen im Museum, das ist die Kunst. Man steht mitten in „I need some Meaning I can memorise (The invisible Pull)“ von Ryan Gander, und das ist solch ein stilles, zu Herzen gehendes Werk, man möchte heulen. Was natürlich auf der anderen Seite bedeutet, dass man gerade eigentlich nur Kunst anschaut, die zu Herzen geht. Man sieht ja, angeblich, auch nur mit dem Herzen gut, aber das ist eine Lüge, eine strunzreaktionäre Lüge, die der Leistung, dem Widerspruchscharakter des Intellekts entgegen steht. Dabei gibt es in dieser Ausstellung auch mehrere Positionen, die intellektuell erfasst werden wollen, allen voran naturwissenschaftlich orientierte Arbeiten wie Anton Zeilingers quantenphysikalische Versuchsanordnungen, aber mal ehrlich: Das verstehe ich doch ohnehin nicht! Eher irritiert mich, dass Politik in dieser documenta kaum einen Raum hat, mal abgesehen vom Occupy-Camp auf dem Friedrichsplatz, das eine Dopplung der ganz ähnlichen Aktion auf der Berlin Biennale darstellt, einer Aktion, die ich schon dort nicht ganz einleuchtend fand.

Indem man diese documenta in zwei Ebenen einteilt, hier das Emotionale (nahm ich dankend an), dort das Intellektuelle (konnte ich wenig mit anfangen), irgendwo auch noch das Randständige, die Politik, ignoriert man ein wenig, dass diese riesige Ausstellung noch viel mehr ist: eine historische Schau etwa, die Fabio Mauri (gestorben 2009) zeigt, Julio Gonzales (gestorben 1942) oder Maria Martins (gestorben 1973). Man ignoriert die Verweigerung politischer Kategorien, die selbst schon wieder politisch ist, schon in Natasha Sadr Haghighians oben erwähntem Trampelpfad. Man ignoriert, wie lustvoll Carolyn Christov-Bakargiev große Namen aus der Ausstellung raushält, kaum gehypte Kunststars gibt es hier, und dann eben doch noch eine Klanginstallation von Janet Cardiff und George Bures Miller, Erfolgskünstler im immer weiter durchdrehenden Kunstmarkt. Man versteht nicht, was deren (tolle) Arbeiten hier zu suchen haben, und dann wird einem klar: Genau das ist der Punkt! Es geht (auch) darum, nicht zu verstehen! Es geht darum, Erwartungen nicht zu erfüllen, eben keine Ausstellung zu machen, die sich den eingefahrenen Konventionen des Ausstellungsbetriebs verweigert, sondern eine Ausstellung zu machen, die sich auch dieser Verweigerung verweigert. Es geht um die Peripherien, die Ränder, und es geht nicht zuletzt darum, zu kapitulieren: Ich werde das nicht alles verstehen. Ich werde da nicht mehr durchsteigen. Ich werde ganze Ausstellungsorte nicht sehen, nicht die documenta-Halle, nicht das Ottoneum. Ich werde scheitern, scheitern, scheitern.

Ein großartiger Ausflug.

31. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für In der Wildnis · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , ,

Und so wandert man durchs Gras, schaut sich Gags an wie den nachgebauten Autobahnstreifen »Autobahn A0« der Hamburger Ole Utikal und Hannes Mussbach oder die Körperschrift-Reenactment-Phantasie »Krieg und Frieden« des Kollektivs Krautzungen; man findet die Sachen mal läppisch, mal cool, man schaut den unvorstellbar hübschen Indiejungs und -mädchen hinterher, man verliert ein wenig das »Entweder. Oder.«-Motto aus dem Blick. Und plötzlich fällt einem wie Schuppen von den Augen: Der Ausweg aus dem Entscheidungsdilemma, das ist nicht das feige »Sowohl als auch«, das ist das Verlieren. Das Treibenlassen in dieser Mischung aus Künstlerkommune, Hipsterevent, ernsthaftem politischen Anliegen und gutem Willen. Der Ausweg ist ein »Irgendwie habe ich vergessen, wie ich überhaupt in dieses Dilemma geraten bin«.

Dass ich das Kunstcamp im Vorfeld des Dockville-Festivals für das spannendste Kunstevent des Sommers halte (ja, klar, documenta!) ist seit einigen Jahren bekannt. Und weil ich das so spannend finde (und darauf hinwirken möchte, dass kommendes Wochenende noch möglichst viel Publikum das Camp stürmt, schon alleine, um einen gewissen Druck aufzubauen, in den Verhandlungen mit der Stadt, die das Festival über kurz oder lang der Hafenwirtschaft opfern möchte), habe ich an verschiedenen Orten Texte zum Camp geschrieben. In der jungen Welt von heute eine Besprechung der Vernissage vergangenen Donnerstag. Und im aktuellen uMag einen Artikel über das Park-Kunst-Konzept der serbischen Kunstcamp-Teilnehmerin Dusica Drazic.

(Auf dem Foto: Mladen Miljanovics Installation „Hahaha – Ahahah“)

08. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Kassel! · Kategorien: Stoffe · Tags: , , ,

Es ist ein Missverständnis, dass es hier darum ginge, Kunst anzuschauen – was Kunst zurzeit kann, sieht man besser bei der Biennale von Venedig (staatstragend!), der Art Cologne (erfolgreich!) oder bei der Berlin Biennale (streitbar!). Die documenta war immer schon Sand im Getriebe solcher Leistungsschauen; weil Kunst aber im Laufe der Jahre zum globalisiserten Mainstream wurde, ist der Sand mittlerweile wichtiger als das Getriebe selbst. Bei der documenta geht es entsprechend weniger um den Stand der zeitgenössischen Kunst als vielmehr um den Stand des Nachdenkens über Kunst.

Dieses Wochenende eröffnet die 13. documenta in Kassel, und natürlich werde ich während der kommenden 100 Tage ins Nordhessische fahren. Obwohl Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev mir nach diversen durchaus irritierenden Vorabberichten so sehr auf den Keks geht, dass ich mich frage, ob ich wirklich soll. Klar soll ich. Und zur Einstimmung habe ich mir im aktuellen uMag ein paar Gedanken gemacht.

25. Juni 2011 · Kommentare deaktiviert für Und Boris Blank isst eine Brezel · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , ,

Als Teenanger hörte ich manchmal die Schweizer Band Yello. Die schnellen, hektischen Titel, „Oh Yeah“, „Rubberbandman“, „The Race“, den einzigen echten Chartshit in der Bundesrepublik. Wobei ich diese Songs nicht als Techno-Vorläufer wahrnahm, auch nicht als Tribal-Exegese, sondern nur als lustige Rhythmusexplosion. Die andere, jazzige Seite Yellos, Songs wie „Desire“ oder „The Rhythm Divine“, fand ich schon damals langweilig, auf Plattenlänge aushalten mochte ich das Duo ohnehin nicht. Heute interessiert mich ein Stück wie das schnelle „Bostich“ gar nicht mehr, dafür finde ich „Desire“ plötzlich spannend, was wohl bedeutet, dass ich ein alter Sack geworden bin, der gerne ruhige Sachen hört, weil er mit ungestüm jugendlicher Rhythmik nicht mehr klar kommt.

So gesehen ist es ein wenig blöde, dass bei Dieter Meiers Ausstellungseröffnung in der Hamburger Sammlung Falckenberg lauter Videos zu schnellen Songs laufen. Was andererseits aber auch Sinn macht, weil der Sänger von Yello in diesen Promovideos eine Stopmotiontechnik anwendet, die selbstgemacht wirkt und gleichzeitig auch ausreichend Kunstcharakter hat, dass sie problemlos als Übergang zum Werk Meiers als Bildender Künstler funktioniert.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=F7-wSiuAvCo]

Dieter Meier ist bei Yello zuständig für Texte, Sprechgesang und alles Visuelle. Boris Blank ist zuständig für alles Musikalische. Das zerhackt zwar ein wenig das Rockband-Modell, das Ideal „Fünf Freunde müsst ihr sein“, das eröffnet Meier aber gleichzeitig auch eine Möglichkeit, mehr als nur Popmusiker zu sein: Filmemacher. Bildender Künstler. Konzeptkünstler. Wobei ein Teil dieser Konzeptkunst dann das Konzept „Band“ sein kann. Ein anderer wäre typische 70er-Jahre-Aktionskunst im öffentlichen Raum, das Beschreiten einer Linie im Stadtraum etwa, oder Meiers bekanntestes Werk im Kunstkontext, die Erstellung einer Tafel in Kassel zur documenta 1972 mit der Aufschrift „Am 23. März 1994 von 15.00-16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen“ und der Umsetzung dieser Ankündigung, 22 Jahre später. Oder aber: das Geschichtenerzählen. Meier ist ein großartiger Fabulierer, der eine hinreißende Fotoreportage zur Besteigung des fiktiven „Monte Dorado“ erstellen kann und dabei den subversiven Schalk eines Erwin Wurm ausspielt, schön.

Zur Vernissage aber spielt Maier plötzlich wieder den Chansonnier, er ist ein älterer, gepflegter, ein wenig skurriler Protoschweizer mit leichtem Gilbert & George-Touch, ein lebendes Kunstwerk, das sich ans Mikro stellt und tatsächlich singt, begleitet von Gitarre und Violine. Yello-Sidekick Boris Blank derweil, der Mann für Samples und Maschinen und Dekonstruktion des Popduo-Konzepts, steht im Publikum und isst eine Brezel. Ganz kurz denkt man sich: Vielleicht weint er gerade.