Ach, was hatt‘ ich mich gefreut. Endlich wieder „Tatort“ aus dem Pott, dacht‘ ich, Pott ohne die doch schwer unter dem Staub der Achtziger liegende Schimanski-Ästhetik, außerdem aus Dortmund. Das Ruhrgebiet allgemein und Dortmund speziell sind so eine Art Sehnsuchtsorte für mich, ich hatte mich wirklich gefreut auf diesen ersten Dortmunder „Tatort“, „Alter Ego“.

Hömma! Was‘ das denn? „Alter Ego“ ist ein Desaster, und das liegt nicht am Fall. Der ist 08/15, Klemmschwuppe mit Vaterkomplex meuchelt offensiv lebende Schwule, weil die ihn emotional anfassen, dafür gewinnt Autor Jürgen Werner keinen Originalitätspreis, aber das kann man machen, gerade wenn man ein neues Team einführen muss. Dass „Alter Ego“ so misslungen daher kommt, liegt auch nicht am Team, das ist nämlich klasse. Jörg Hartmann als depressiver Stinkstiefel, Aylin Tezel als hardboiled Kekilli-Lookalike, Anna Schudt als Queen of Cool und schlechte Laune, Stefan Konarske als intellektuell nicht übermäßig beschlagener Sympathiebolzen, das sind kurz angerissene Biografien, die allesamt Lust machen, dass wir mehr über sie erfahren und die auch eine gewisse Spannung im Zusammenspiel versprechen. Nein, dass „Alter Ego“ so misslungen ist, das liegt ausschließlich an der Inszenierung des beim „Tatort“ viel beschäftigten Thomas Jauch.

Geht schon los, mit einer Sexszene, die so bieder abgefilmt ist, dass man glaubt, in einem garantiert jugendfreien Fitnessvideo gelandet zu sein, und die zumal gegengeschnitten wird mit Bildern des ersten Mordes, wobei man durchaus fragen darf, was solche eine Parallelführung von Sex und Gewalt eigentlich inhaltlich bedeuten soll. Geht weiter: mit Bildern (Kamera: Clemens Messow), die an die üble Videoästhetik der Mittneunziger-Berlin-Krimis erinnern, billigste Bilder, die mit Reißschwenks und vollkommen unmotivierten Zooms kaschiert werden. (Kinners! Das kann vielleicht Dominik Graf, die Beschränktheit der Mittel so ausstellen, dass man kapiert, was für eine ästhetische Entscheidung dahinter steht, Thomas Jauch aber kann das nicht!) Geht immer noch weiter: Weil dieser Krimi eigentlich überall spielen kann, haut man ein paar blaustichige Bilder von Sehenswürdigkeiten und Klischees dazwischen, das Dortmunder U, Zechentürme, am ärgsten: einen Taubenzüchter (Uli Krohm, der allerdings als Vater eines Opfers ein schauspielerisches Kabinettstückchen abliefert, inklusive der Jahrhundertsätze „Was haben die denn alle dagegen, wenn jemand anders ist? Ich habe ja auch nichts dagegen, wenn die alle gleich sind“, der sich einerseits auf den aus der Bergmannstradition gefallenen schwulen Sohn bezieht, andererseits auf die Gentrifizierungstendenzen in Dortmunder Arbeitervierteln). Geht immer noch weiter: Die Kommissare ermitteln in einer Schwulenbar (wer sehen möchte, wie man so etwas klug, originell und nicht diskriminierend inszeniert, der schaue den alten Münchner Krimi „Liebeswirren“!), und vor der Bar treffen sie, hach wie peinlich!, die Borussenkumpels vom Sympathiebolzenbullen. Die ein solch billiges Bild abgeben, eine Handvoll gelbschwarzer Schalträger in der ansonsten leeren Dortmunder Innenstadt, dass man nicht umhin kann, sich vorzustellen, wie die Diskussion bei der Produktion gelaufen sein muss: „Wir brauchen da eine große Menge Fußballfans!“ „Hm, ja, für fünf Komparsen reicht der Etat noch.“ „Scheiße. Naja, dann staffieren wir sie am besten möglichst trottelig aus, dann wird das schon.“ Nein, Regie, das wird nicht! Im Gegenteil, das sieht lieblos aus, billig und nicht so, als ob ihr euch auch nur annähernd Gedanken gemacht hättet, was ihr mit euren Bildern eigentlich erzählen wollt!

Ich bin wrklich verärgert, echt jetzt. Und nur, weil ich glaube, dass in diesem Team noch ziemlich viel Potenzial steckt, freue ich mich jetzt schon auf die nächste Folge aus Dortmund. (Das ist wie beim Fußball. Nur weil die Borussia einmal verliert, bleibt der Fan am nächsten Wochenende doch auch nicht zu Hause.)

„Als wär’s die 72. Lena-Ödenthal-Folge“: Matthias Dell im Freitag. „Menschen sollte man machen lassen“: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. „Anschluss verpasst“: Christian Buß auf SpOn. „Viel Potenzial, aber Luft nach oben“: der Wahlberliner. „Die wie mit dem Salzstreuer auf den Film verteilten Schauplätze“: die Revierpassagen.

17. November 2010 · Kommentare deaktiviert für Vervettelung · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , , ,

Ich will mich gar nicht darüber aufregen, dass die ARD das Finale von Dominik Grafs Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ von einem undankbaren Sendeplatz auf einen noch undankbareren Sendeplatz verschoben hat. Das haben schon andere kommentiert, und ich wäre nicht so wahnsinnig origineller. Außerdem habe ich die Serie ja ohnehin nicht im Ersten geschaut, sondern einzelne Folgen im Frühjahr auf arte (und den Rest werde ich mir wohl demnächst mal auf DVD holen), da kann ich nicht behaupten, dass die ARD-Entscheidung für mich den Untergang des Abendlandes darstellen würde. Nicht schön ist das, gut, aber es gibt Vieles auf der Welt, das nicht schön ist. Darüber muss man nicht weinen.

Ich zahle GEZ-Gebühren, auch wenn ich nur wenig fernsehe. (Nämlich mal: Einzelne Folgen von „Im Angesicht des Verbrechens“ auf arte.) Ich zahle GEZ-Gebühren, weil ich glaube, dass es wichtig ist, ein Massenmedium zu haben, das unabhängig von den Wünschen der Wirtschaft agiert, im Kulturbereich und im Politikbereich. Wer das nicht glaubt, der braucht sich nur mal die Nachrichten der Privatsender anzuschauen, ich hoffe, dass er danach nicht mehr behauptet, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen unwichtig ist. Ich war immer der Meinung: In den Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sitzen Journalisten, also Leute wie ich, und die machen ihren Job sehr gut. Das will ich honorieren, das will ich vor allem finanziell gut ausgestattet wissen.
Und dann schaue ich vergangenen Sonntag Tagesschau, das Flaggschiff des öffentlich-rechtlichen Journalismus-Anspruchs. Und werde mit dem Aufmacher geschockt, dass eine südhessische Provinznase Weltmeister im Im-Kreis-Fahren geworden sei, kulturlos und laut und umweltschädlich. Als Aufmachermeldung. Aber nicht nur das, es blieb nicht bei der Meldung: Nachfolgend gab es eine gefühlt fünfminütige Reportage aus dem Heimatkaff des, Glückwunsch auch!, Weltmeisters. Dramaturgischer Höhepunkt: Während des Public Viewings in Südhessen fiel für kurze Zeit der Beamer aus (am Ende war aber alles gut). Andere Themen wie die Vorbereitungen zum CDU-Bundesparteitag, die Gesundheitsreform, die Freilassung von Aung San Suu Kyi mussten sich dafür ein wenig kürzer fassen, klar, ist ja auch nicht so wichtig. Ich kotzte.
Ulkigerweise scheint man sich auch in der Tagessschau-Redaktion für diese journalistische Meisterleistung zu schämen. Zumindest auf Youtube hat „Tagesschaubackup“ eine ungewöhlich verstümmelte Version eingestellt: Gerade mal 30 Sekunden wird vom Motorsport berichtet, dann geht es nach Karlsruhe zur CDU. Allerdings ist der Clip auch nur 12 Minuten lang, im Gegensatz zu den 15, die am Sonntag gesendet wurden.

Es ist so peinlich. Weswegen unterstütze ich das, bitte?

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