Vor fünf Jahren habe ich Jonathan Meese fürs uMag interviewt (Leider nicht online, schade, das Gespräch ist lesenswert). Das war die Zeit, als Meese gerade durch die Decke ging, nach „Képi Blanc, nackt“ in der Frankfurter Schirn, kurz vor „Mama Johnny“ in den Hamburger Deichtorhallen. Ein kommender Star. Entsprechend wollte ich mit ihm über Geld sprechen, das fand ich spannend, in einer Zeit, in der der internationale Kunstmarkt geil auf Deutsches war, mit jemandem zu reden, der diese Geilheit befriedigte und der sich, so dachte ich, das auch entsprechend bezahlen ließ. Das Interview war lustig, das Interview war wirr, das Interview war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte: Meese behauptete mehr oder weniger, dass er sich kaum für Geld interessiere, dass er aber nicht nein sagen würde, das auch nicht könne, jede Anfrage sei ein Input für ihn, eine Inspiration, also versuche er, die Anfragen zu bedienen. Und dafür gebe es dann Geld, in Gottesnamen, das „sammle“ er dann. Das war ein Stück weit Pose, sicher, aber im Großen und Ganzen habe ich ihm geglaubt, ich glaube ihm immer noch.

Und jetzt wirbt Jonathan Meese für die Bild.

Wir sind Helden haben sich dieser Werbung verweigert und damit Anerkennung geerntet, auch über den eingeschworenen Fankreis hinaus. Vor allem hat die Neohippie-Band mit ihrer Verweigerung offen gelegt, wie die Bild-Kampagne überhaupt funktioniert: Promis (Jonathan Meese! Ein Promi!) werden gebeten, ihre ehrliche Meinung zu dem Printprodukt aus dem Hause Springer zu aufzuschreiben, das entstandene Werk wird daraufhin unverändert vergrößert und prominent plakatiert. Geld bekommen die Testimonials nicht, im Besten Falle ist die Werbung ein Gewinn für beide Seiten: Der Promi wird noch ein Stück prominenter (und kann in der Antwort seine Kreativität und seinen Humor beweisen), Bild inszeniert sich als tolerant, kritikfähig, diskussionsbereit. In der Realität ist es hingegen so, dass zumindest bei mir Promis unten durch sind, sobald sie auf den Bild-Plakaten auftauchen, Gottschalk, Lahm, Schweiger, okay, die gehen ohnehin nicht, aber: Richard von Weizsäcker, war das nichtmal einer von den Guten? Anscheinend nicht.
Und jetzt Jonathan Meese. Taucht mit einem eher lieblos hingeschluderten Heavy-Metal-Artwork auf, blökt in Abwandlung zum Kampagnen-Spruch „Bild dir deine Meinung“ den Meese-Klassiker „Die Diktatur der Kunst braucht keine Meinung“ und ist augenscheinlich ein Künstler, bei dem die Werber sogar Bild-Lesern zutrauen, etwas mit ihm anfangen zu können. Macht mich traurig, einerseits. Andererseits: Meese war für mich ohnehin überkommuniziert, etwas mit ihm machen hätte ich längst nicht mehr gekonnt, eigentlich kann es mir egal sein. Und ihm ist es wohl auch egal, er konnte halt mal wieder nicht nein sagen.

Auf St. Pauli tauchen seit kurzem Plakate auf, die optisch an die Bild-Kampagne angelehnt sind. Sie stammen von der Anwohnerinitiative No BNQ und wenden sich gegen den Gentrifizierungsprozess, der dem Viertel seit einiger Zeit schwer zu schaffen macht. Die Plakate zeigen Protagonisten aus dem Viertel, ganz normale Einwohner einerseits, Künstler und damit irgendwie auch Promis andererseits (St. Pauli ist Bohème, das lässt sich ja auch nicht wegdiskutieren). Und von einem Plakat grinst Melissa Logan vom Allround-Kunst-Kollektiv Chicks on Speed. Die passt da hin, klar, sie repräsentiert St. Pauli gut. Aber glücklich macht es einen nicht, dieses Plakat zu sehen. Weil Logan nämlich aus einer ähnlichen Szene kommt wie Meese, beide waren im erweiterten Umkreis des Hamburger Theaters Fleetstreet, beide haben eine ideelle Nähe zur Hafenstraße. Nur gibt die eine jetzt ihr Gesicht für eine Anwohnerinitiative her.
Und der andere seines für Bild.