21. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Ein paar abschließende Gedanken zum Hamburger Schauspielhaus · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

– Als Friedrich Schirmer 2005 die Intendanz des Hauses übernahm, war die Stimmung zumindest in meinem Umfeld ablehnend. Schirmer galt als Gegenentwurf zum gegen die damalige CDU-Schill-Regierung agitierenden Intendanten Tom Stromberg, installiert, um eine Oppositionsstimme auszuschalten. Ich meinte: Lasst Schirmer doch erstmal anfangen, als Intendant in Stuttgart verfolgte er jedenfalls keinen regierungsfrommen, gar rechten Kurs, und außerdem hatte ich Schirmer zu seinem Start interviewt, was er da sagte, hatte Hand und Fuß. Ich wurde enttäuscht.

– Die ersten Premieren waren künstlerisch unbefriedigende, politisch erschreckend harmlose Kulinarik, mein Umfeld schien recht zu behalten. Und gerade, als ich dachte, dass da nichts mehr kommen konnte, gab es plötzlich doch Erfolge, Inszenierungen von Volker Lösch und Sebastian Nübling, die sogar zum Theatertreffen eingeladen wurden. Plötzlich positionierte sich das Schauspielhaus auch politisch, ging in Opposition zur wachsenden sozialen Spaltung in der Stadt, der Ton würde schärfer, ich dachte, der Knoten sei geplatzt. War aber ein Strohfeuer.

– 2010 schmiss Schirmer seine Intendanz hin, das Haus war führungslos. Und wie wenn auf dem Segelschiff der Kapitän ausfällt, machte sich plötzlich anarchische Kreativität breit: Das Haus öffnete sich der Subkultur, das doofe Delphin-Logo Schirmers wurde durch einen Hai ersetzt, der Journalist Christoph Twickel konzipierte ein linkes Periodikum namens Hawaii, das kaum noch erwas mit dem Bühnengeschehen zu tun hatte, dafür aber viel mit Pop, Gentrifizierung, Stadt. Ich hoffte, dass sich aus dieser führungslosen Situation ein ganz neues Stadttheater entwickeln könnte, formlos, hierarchiefrei. Es entwickelte sich: Resignation.

– 2012 dann wurde der Bühnenturm erneuert, es wurde umgezogen auf eine Notspielstätte namens „Spielfeld“, wo das Repertoire nicht mehr aufgeführt werden konnte, also wurde für eine einzige Spielzeit noch einmal ein ganz neues Repertoire aus dem Boden gestampft. Ausschließlich Uraufführungen! Ich freute mich, vielleicht würde man sich trauen, endlich aggressiv die eigene Situation zu reflektieren, zu verlieren gab es ja nichts mehr. Man traute sich: nichts.

Gestern dann die letzte Premiere, bevor die designierte Intendantin Karin Beier, die personifizierte Zukunft, das Haus wieder auf Null stellt. Ein Abschiedsreigen: Samuel Weiss‚ „Ritt in die Sonne“. Ich habe die Aufführung für die Nachtkritik rezensiert (und bin dabei auch ein wenig auf meine Geschichte mit dem Haus eingegangen):

Das Bild des Ritts in die Sonne ist ein Bild der Hoffnung, und Weiss ruft diese Hoffnung ab, wenn er zu Beginn das (beinahe) vollzählige Ensemble aus der Unterbühne nach oben schweben lässt, in einen angedeuteten Saloon mit Bar und elektrischem Bullen (Bühne: Ralph Zeger). „Wir sind die, welche dachten, es würde immer weitergehen“, skandieren die Darsteller, aber schon die Landkarte beweist, dass jeder Ritt in die Sonne irgendwann am Pazifik enden muss, und da geht es dann nicht mehr weiter, da muss man neue Ziele suchen. Wie auch die Schauspieler: Kaum einer von denen, die da auf der Bühne stehen, wird im Herbst noch am Schauspielhaus sein.

Über die Zukunft habe ich mir auch Gedanken gemacht, zumal vergangenen Freitag Beier ihre Pläne für die nächste Spielzeit präsentiert hatte. Daraus sind zwei Artikel entstanden, einer für kulturnews.de und einer für die Nachtkritik.

25. April 2011 · Kommentare deaktiviert für Kennst du den Faust? Den Doktor? · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

Nach sieben Jahren noch einmal angeschaut: Jan Bosses „Faust“ am Deutschen Schauspielhaus, diese epochale Inszenierung aus der letzten Spielzeit von Intendant Tom Stromberg, diese Inszenierung, die dem Hamburger Publikum ins Gesicht brüllte, wie sträflich es Stromberg missachtete und Strombergs Nachfolger Friedrich Schirmer keine Chance ließ. Nach sieben Jahren festgestellt: Die Inszenierung funktioniert immer noch, in ihrer Glätte und ihrem Witz und ihrem unausgegorenen Charme. Die Inszenierung macht immer noch ihre bösen, billigen, sehr guten Scherze auf Schirmers Kosten, die jetzt, nach dem Rücktritt des Intendanten leider ins Leere zielen. Die Inszenierung muss leider eine Umbesetzung hinnehmen, das Gretchen wird nicht mehr von der wunderbaren Maja Schöne gespielt (die mittlerweile nämlich im Ensemble des benachbarten Thalia Theaters ist, und ein Gastengagement bei der lokalen Konkurrenz, das scheint nicht zu gehen), sondern von Julia Nachtmann aus dem Schauspielhaus-Ensemble, die ich nicht mag. Was aber nicht so schlimm ist, weil sich Bosses Inszenierung verhältnismäßig wenig fürs Gretchen interessiert.

Denn Goethes „Faust“, das ist ja nicht ein einziges Stück, das sind drei Stücke, mindestens. Die Gretchentragödie, die sich auf den historisch verbürgten Fall der Frankfurter Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt bezieht. Die Gelehrtentragödie, die mit ironischen Spitzen die Biografie des Magiers Johann Faust nachzeichnet. Und nicht zuletzt das philosophisch unterfütterte Verhältnis Fausts zu Mephisto, den man sich als eine Art bösen Geist aus der mittleren Führungsebene der Hölle vorstellen muss. Bosse auf jeden Fall konzentriert sich auf Mephisto, was schon dadurch deutlich wird, dass er den mit Joachim Meyerhoff besetzt, dem zurzeit wahrscheinlich raumgreifendsten Theaterschauspieler. Das ist okay, aber nicht zwingend notwendig – dieses Stück lässt einem extrem viel Raum, worauf man sein Augenmerk richtet. Und das ist es auch, was „Faust“ so spannend macht.
Denn: „Faust“ ist eben kein monolithischer Block, nicht das Standardwerk deutscher Klassik, als das dieses Stück immer wieder bezeichnet wird. „Faust“ ist schon bei Goethe ein Flickenteppich, der danach schreit, ständig mit neuen Flicken ausgebessert zu werden. „Faust“ ist nicht einmal wirklich deutsch, und auch die romantische Mittelalterkulisse ist Dekor, das schon von Goethe immer wieder mit zeitgenössischen Elementen angereichert wird. Es gibt ganz wenige Ortsangaben, Leipzig, den Brocken, Padua, dazu kommt noch die historische Figur Faust, die wahrscheinlich im Badischen lebte – das alles ist ein unzusammenhängendes Sammelsurium, nichts passt, und am Ende passt alles. Schön, eigentlich.
Wer „Faust“ als urdeutsche Geschichte von rechts vereinnahmen möchte, der muss sich alleine auf die Gelehrtentragödie beschränken und dabei auch die ganze Ironie dieses Textes ignorieren: dann hat man den grübelnden Denker, den sein Gegrübel am Ende in Teufels Küche bringt. Kann man, natürlich, führt nur nirgendwo richtig hin. Für alle anderen tritt dann ein Faust auf die Bühne, der an sich zweifelt, der Humor hat, der spöttelt, der nicht zuletzt Atheist ist und außerdem ein durchweg unsicheres moralisches Fundament beackert. Wenn das der Urdeutsche ist, dann will ich gar nichts gegen die Deutschen haben.

„Faust“, das ist ein Stück Bricolage-Deutschland. Ein postmodernes, postmigrantisches, europäisches Theaterdeutschland, fest geformt und an allen Ecken und Enden auseinanderstrebend. Ein Kanon, der seit sieben Jahren im Spielplan des Schauspielhauses steht, immer passend, gutes Theater, tut nicht weh. Und im Publikum sitzt die tolle Sibel Kekilli, die ganz genau weiß, dass dieses Deutschland vieles ist, nur nicht definiert, und plötzlich kapiert man, dass das immer noch aktuell ist: diese Inszenierung, diese Stadt, dieses Stück, 2011.

20. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für The Geek shall inherit the Earth · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , , , , ,

Ein Klassenfoto.

Ich bin der, der da in der Ecke steht. Ein bisschen rundlich, mit den dicken Brillengläsern und der Zahnspange. Ich bin der, bei dem man nicht so recht weiß, ob er wirklich dazu gehört, der Unsichere, der, der nicht selbstgewiss den Fotografen angrinst. Ich bin der Geek.
Spätestens ab dem Studium störte mich das nicht mehr. Spätestens ab 19 war mir klar, dass mein Leben interessanter werden würde als das der Mittelpunktjungs, spätestens ab 19 wohnte ich in den interessanteren Städten, beschäftigte ich mich mit den interessanteren Dingen und, ja, spätestens ab 19 küssten mich auch die interessanteren Menschen. Die Mittelpunktjungs, das zeichnete sich da schon ab, studierten Maschinenbau oder Wirtschaft und hingen ab 25 im Umfeld der Heimatstadt fest, mit Frau und Kind und Bausparvertrag. (Ich komme aus Schwaben, da trifft das Klischee durchaus zu, tut mir leid.) Ein wenig kultivierte ich mein Geektum, und irgendwie sah es so aus, als ob andere, manchmal tatsächlich überaus coole und spannende, Menschen da mitziehen würden. Das ist jetzt vorbei. Keine Geeks mehr, plötzlich wieder: Alphatierchen, die zum Workout rennen und sich fit machen, das Gegenüber wegzubeißen.

Machs gut, Alphamann. Hallo, Alphamann.

Nur kurz zur Erinnerung, in welchem Bereich ich mich beruflich bewege: Journalismus. Und dann eine kurze Überlegung, wer eigentlich die wirklich wichtigen Journalisten dieses Landes sind, gehen wir doch einfach mal die Chefredakteure einiger Medien (was keine Aussage über deren Qualität sein soll, natürlich) durch: Thomas Osterkorn und Andreas Petzold (Stern), Hans Werner Kilz (Süddeutsche), Claus Strunz (Hamburger Abendblatt), Matthias Müller von Blumencron und Georg Mascolo (Spiegel), Jan-Eric Peters (Die Welt), Kai Diekmann (Bild, wird hier nicht verlinkt), Giovanni di Lorenzo (Die Zeit), Joachim Frank und Rouven Schellenberger (Frankfurter Rundschau), Sven Gösmann (Rheinische Post), Uwe Vorkötter (Berliner Zeitung) … Ermüdet? Ja, weil das eigentlich immer das gleiche ist (und so auch ewig weiter gehen könnte): In den Chefsesseln sitzen Männer. Fast ausschließlich: Einzig die taz leistet sich mit Ines Pohl eine Chefin, die kleine, gute taz. Ansonsten sind die großen, überregionalen Printmedien dieses Landes in fester Männerhand.
Ds ist ja nicht schlimm, ich bin kein Sexist, gleiche Chancen für alle, und wenn der Zufall eben gerade lauter Männer in bestimmte Positionen spült, dann bin ich der letzte, der eine Quote fordert, um da was dran zu ändern. Auch glaube ich nicht, dass Frauen bessere Menschen/Chefs/Journalisten als Männer sind, so. Ich glaube aber, dass weibliche (oder besser: als weiblich konnotierte) Prinzipien durchaus hin und wieder nicht schaden könnten, beispielsweise in der Wirtschaftswelt, beispielsweise im Journalismus: dass man immer wieder an sich selbst zweifelt, dass man kein Platzhirsch ist, dass man eher still urteilt, dass man um die eigene Fehleranfälligkeit weiß und das auch thematisiert. Die oben aufgezählten Chefredakteure aber sind keine Männer, die diese weiblichen Prinzipien kultivieren, es sind durch die Bank Alphatiere: selbstgewiss, autoritär, vor Testosteron strotzend (bei Vorkötter und di Lorenzo würde ich da eine Ausnahme machen, vielleicht). Möglicherweise braucht man das, um in strengen Hierarchien nach oben zu kommen, bloß: Es ist noch gar nicht lange her, da wurde behauptet, dass strenge Hierarchien auf dem freien Markt ein Wettbewerbsnachteil seien. Das scheint vorbei zu sein.
Es ist eigenartig: Gerade in einer Zeit, in der die explizite Männlichkeit im öffentlichen Diskurs an Bedeutung verloren hat, als wir eine Frau als Kanzlerin haben und einen verheirateten, durchaus effeminierten Schwulen als Außenminister, drängt sich das explizite Männlichkeitsgehabe durch die Hintertür wieder in die Diskussion. Vielleicht ist es ja so, dass die genannten Politiker sich so unmöglich benehmen, dass man sich von ihnen deutlich abgrenzen möchte? Danke auch.
Man könnte das Spiel von oben nochmal spielen: Welche wichtigen deutschsprachigen Theater werden eigentlich von Frauen geleitet? Schauspiel Köln (von Karin Beier) und Schauspiel Zürich (von Barbara Frey), gut, aber sonst? Sonst sitzen überall die begnadeten Netzwerker, Ulrich Khuon am DT Berlin, Oliver Reese in Frankfurt, Hasko Weber in Stuttgart, Typen, die genau wissen, wem man bei der Premierenfeier wie lange die Hand schütteln sollte (und die, das sollte man auch nicht verschweigen, mit diesem Händeschütteln teilweise ganz großartiges Theater ermöglichen). Dazu kommen noch die klassischen Testosteronschleuder-Künstler, Claus Peymann am Berliner Ensemble oder Thomas Ostermeier an der Schaubühne, vor deren Alphatiergehabe man ohnehin sofort in Deckung gehen möchte.
Ein einziger Theatermacher fällt mir ein, der nicht in dieses maskulin geprägte Schema passt: Friedrich Schirmer. Der allerdings am Hamburger Schauspielhaus vor kurzem aus unterschiedlichen Gründen scheiterte. Schirmer war ein stiller, zurückhaltender Mensch, einer, dem man ansah, wie unangenehm es ihm war, den Mitarbeitern vor der Premiere „Toi toi toi“ zu wünschen. Und den das Spiel um Macht und Kontaktpflege nach und nach kaputt machte: Im aktuellen Spiegel (leider nicht online verfügbar) steht ein langes Interview, in dem Schirmer recht eindeutig darlegt, wie ihn die Arbeit am Schauspielhaus konsequent in die Depression führte. Schirmer war, allem Anschein nach, zu weich.

Gendertrouble.

Über kurz oder lang landen wir immer wieder bei Judith Butler, und, ja, ich weiß, dass die US-amerikanische Feministin nicht unumstritten ist, egal. Es war auf jeden Fall einmal ein Fortschritt, zu erkennen, dass das soziale Geschlecht etwas performativ beeinflussbares ist und dass es Spaß macht, damit zu spielen. Es war ein Fortschritt, dass Frauen sich als Butch in Lesbenbars rumtreiben und trotzdem mit Männern schlafen konnten, es war ein Fortschritt, dass heterosexuelle Männer sich schminken konnten, und es war ein Fortschritt, dass nicht jeder Schwule die effeminierte Dramaqueen geben musste. Es war ein Fortschritt, dass die Grenzen zwischen Mann und Frau, und homo- und heterosexuell sich aufzulösen begannen. Ich fürchte, das ist vorbei.
In Tom Tykwers Film „3“ (ab Weihnachten im Kino) verliebt sich ein Paar (Sophie Rois und Sebastian Schipper) gleichzeitig in denselben Mann (Devid Striesow), und in einigen Dialogen macht der Film recht hübsch klar, dass es hier nicht um Homo-, Hetero- oder Bisexualität geht. Nur sind die Orte bezeichnend, an denen das Objekt der Begierde zuerst Kontakt mit seinen Affären aufnimt: Die Frau trifft er im Theater, den Mann aber im Schwimmbad, also beim Sport, sie schwimmen um die Wette, und hinterher wird der Sieger masturbiert.

Und irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass alle Geschlechtergrenzen, die zuvor niedergerissen wurden, durch dieses doofe Wettschwimmen gleich wieder aufgerichtet werden.

26. September 2010 · Kommentare deaktiviert für Was alles nicht ging · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

Man könnte natürlich einen Bericht schreiben, wie es denn so war, bei der Premiere von „Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg“ am Hamburger Schauspielhaus. Dann könnte man schreiben, dass es schwierig war, sich in die Ästhetik von Regisseur Volker Lösch reinzudenken, dass seine vorangegangene Produktion „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden“ politisch schärfer war, dass man eine ganze Weile das unangenehme Gefühl von Sozialvoyeurismus hatte, man ist Schauspielhaus-Bildungsbürgertum und geht jetzt Mümmelmannsberger Assis gucken. Man könnte aber auch schreiben, dass sich dieses Gefühl plötzlich umdrehte, dass plötzlich wir Zuschauer die Angegriffenen waren, die ein großes Interese daran haben, dass der soziale Brennpunkt Mümmelmannsberg bitteschön weiterhin sozialer Brennpunkt bleibt, man könnte schreiben, dass die Inszenierung von diesem Moment ab plötzlich funktionierte, als nämlich mit einem Mal Ross und Reiter genannt wurden. Oder man könnte schreiben, dass man Marion Breckwold noch nie so gut sah, wie gestern abend, man könnte auch etwas zum Einsatz des Chores in der Ästhetik Volker Löschs schreiben, ach, man könnte so vieles.

Und in jedem Fall wäre man am Thema vorbei geschliddert.

Weil nämlich das Schauspielhaus gerade ganz andere Probleme hat als das Gelingen oder das Misslingen einer Premiere: eine Etatkürzung in Höhe von 1,2 Millionen Euro. Was viel ist, zu viel, es ist vollkommen verständlich, dass das Team diese Kürzung als Kampfansage auffasst, und es ist großartig, dass das Team bereit scheint, diesen Kampf aufzunehmen. Zumal das Schauspielhaus seit dem überraschenden Rücktritt von Intendant Friedrich Schirmer ein leichtes Opfer zu werden schien, führerlos wie es war.
Gestern abend auf jeden Fall skandierte das Ensemble „Wir sind das Schauspielhaus!“, worauf das Publikum im Chor „Wir auch!“ antwortete. Was mich allerdings ein wenig irritierte: Ich bin gerne solidarisch mit dem Schauspielhaus, nur nicht bedingungslos, tut mir leid. Und: Es muss doch einen Grund geben, weswegen mir dieses „Wir auch!“ schwer über die Lippen ging, weswegen ich manchmal bezweifelte, dass das Schauspielhaus tatsächlich uneingeschränkt mein Theater ist. Warum ich das bezweifle, dafür suche ich jetzt ein paar Gründe.

1. Tom Stromberg
Der Vorgänger Schirmers als Schauspielhaus-Intendant. Ästhetisch lief bei Stromberg längst nicht alles rund, aber Stromberg hatte das Glück, dass während seiner Intendanz die CDU-Schill-Koalition in Hamburg ihr Unwesen trieb und mit ihr die unsägliche Kultursenatorin Dana Horáková. Gegen die machte Stromberg von Anfang an Front, weswegen sein Theater schnell den Ruch des Widerständigen hatte, einen Nimbus, der ästhetisch eigentlich nicht begründet war. Nachdem Strombergs Provokationen zur Nichtverlängerung seines Vertrags führten, musste sich sein Nachfolger Friedrich Schirmer entsprechend dagegen wehren, als handzahmer Intendant von Regierungsgnaden zu gelten. Dass er das nicht schaffte, lag nicht zuletzt am

2. Delphin
Das Wappentier von Schirmers Schauspielhaus, ein entsetzliches Missverständnis. Schirmer wollte damit an die Macht der Phantasie appellieren, an die Kraft des Glaubens an Unmögliches, er wollte Hamburg ans offene Meer führen, ungeachtet der 100 Kilometer hoch industrialisierter Elbe bis zur Mündung. Was er mit dem doofen Meeressäuger schaffte, war: an ein hochintelligentes, im Volksglauben aber schwer harmloses und zudem von blöden Esoterikern vereinnahmtes Tier zu gemahnen. Eine der ersten Aktionen nach Schirmers Rückzug war: den Delphin durch einen Hai zu ersetzen. Zähne zeigen, endlich, gut so.

3. Dramaturgie
Das erfolgreiche Thalia-Theater in direkter Nachbarschaft zum Schauspielhaus hatte unter Intendant Ulrich Khuon eine schillernde Dramaturgie: den leutseligen Netzwerker Michael Börgerding. Die coole Karrieristin Sonja Anders. Den Hansdampf in allen Gassen John von Düffel. Das Schauspielhaus hatte Michael Propfe, einen älteren Herrn mit dem Image eines Oberstudienrats, sehr klug sicher, aber im Verein mit der übrigen Dramaturgenriege Nicola Bramkamp, Florian Vogel und Stephanie Lubbe doch nie von der intellektuellen Strahlkraft der Nachbarbühne. Statt dessen: brav. Kein Widerpart zu Regie, zu Kritik, zu Publikum und vor allem: kein Widerpart zur Intendanz.

4. Falsche Freunde
Für die Inszenierung „Frühlings Erwachen/Kids“ arbeitete das Schauspielhaus mit dem Verein „Werte erleben e.V.“ zusammen. Da hat niemand was dagegen, Werte zu erleben, ist ja eine gute Sache, und das ist eben das Problem: Alles ist hier schwammig, unentschieden, passt nicht zusammen. „Werte erleben“ hieß früher übrigens „Atlantic Forum“ und war ein übelster bildungsbürgerlicher Zusammenschluss, der als wichtigsten Wert die Westorientierung schon im Namen führte. Ich wage zu behaupten: Am Thalia hätte man solche Gestalten nicht einmal mit dem Hintern angeschaut.

Kein Grund: Stücke
Sicher gab es am Schauspielhaus unter Schirmer Flops, arge. Die gab es auch am Thalia. Und die gab es auch unter Stromberg. Es gehört zum Theatermachen, Flops zu produzieren und vor allem, Flops auszuhalten, wenn man klug ist, schafft man es sogar, den Umgang mit Misserfolgen zu einer eigenen Ästhetik umzudeuten. Das schaffte das Schauspielhaus nicht, zugegeben. Was es aber schaffte, waren viele ganz großartige Inszenierungen, nur mal zum Beispiel:
Hanns Henny Jahnn, Die Krönung Richards III., Regie: Sebastian Nübling
Ödön von Horváth, Zur schönen Aussicht, Regie: Martin Kusej
Simon Stephens, Pornographie, Regie: Sebastian Nübling
Rocko Schamoni, Dorfpunks, Regie: Studio Braun
Ödön von Horváth, Glaube Liebe Hoffnung, Regie: Karin Henkel
Volker Lösch nach Peter Weiss, Marat, was ist aus unserer Revolution geworden, Regie: Volker Lösch
Heinrich von Kleist, Penthesilea, Regie: Roger Vontobel
Maxim Gorki, Unten (Nachtasyl), Regie: Jürgen Gosch

Und wegen dieser Stücke bin ich: solidarisch. Weil sie mich hoffen lassen, dass das Hamburger Schauspielhaus einmal wieder uneingeschränkt mein Theater sein wird. Bald.

15. September 2010 · Kommentare deaktiviert für Intendantenkarussell, revisisted · Kategorien: Bretter · Tags: , ,

Intendant Friedrich Schirmer verlässt das Deutsche Schauspielhaus. Innerhalb von zwei Wochen, zum Ende des Monats. Offiziell wegen verweigerter Mittelerhöhungen für die größte deutsche Sprechbühne, die allerdings schon seit November vergangenen Jahres bekannt waren. Wahrscheinlicher ist dieser Grund: Unter Schirmer manövrierte sich das Schauspielhaus konsequent in Richtung ästhetischer Bedeutungslosigkeit, Schirmer verantwortete in den fünf Jahren seiner Intendanz einen Spielplan, der vor allem durch Mittelmäßigkeit auffiel. Es gab Erfolge, sicher, es gab auch grauenhafte Flops, vor allem aber gab es unglaublich viel Mutloses. Und weil Schirmer die Kritik an dieser Mutlosigkeit nicht mehr aushielt, macht er jetzt einen Strich. (Was allerdings auch nicht ganz logisch ist: Die Spielzeiteröffnung wurde kritisiert, auch hier, die jüngste Premiere aber, „Penthesilea“ in der Regie Roger Vontobels, kam bei der Kritik recht gut weg.)
Nur: Wie geht es jetzt weiter? Die restliche, künstlerisch schon fertig geplante Spielzeit macht der Kaufmännische Geschäftsführer Jack Kurfess den Interimsintendanten, aber dann? In der Regel braucht ein Theaterleiter mindestens zwei Jahre Vorlaufzeit, wie die Stadt da einen Nachfolger für Schirmer finden soll, ist schleierhaft. Zumal der Markt mehr oder weniger leer gefegt ist: Vor einem Jahr wurden mehrere große Häuser neu besetzt, wer ans Schauspielhaus passen könnte, hat sich erst frisch neu gebunden und ist entsprechend nicht verfügbar. Trotzdem, ein kurzer Überblick über die Szene.

Jens Hillje, Dramaturg, gründete gemeinsam mit Thomas Ostermeier 1998 die Baracke am Deutschen Theater Berlin. 1999 übernahmen Hillje, Ostermeier und das Tanz-Duo Sasha Waltz und Jochen Sandig die Berliner Schaubühne. Vom Ziel eines Autorentheaters entfernten sich Hillje und Ostermeier immer mehr, trotz einiger Rückschläge spielt die Schaubühne aber immer noch in der A-Klasse der deutschen Bühnen. Vor einem Jahr schied Hillje aus der Theaterleitung aus, in der Berliner Zeitung deutete er an, irgendwann einmal ein Haus leiten zu wollen.
Klaus Schuhmacher, Regisseur, leitet bislang am Schauspielhaus die Jugendsparte Junges Schauspielhaus. Schuhmacher wäre eine interne Lösung, also nicht unbedingt ein Schlussstrich unter die ästhetisch unbefriedigenden Schirmer-Jahre, zumal Schuhmachers eigene Regiearbeiten eher wenig visionär waren. Allerdings ist das Junge Schauspielhaus die mit Abstand erfolgreichste Sparte am Schauspielhaus. Nur: ein Künstler mit Jugendtheater-Hintergrund für das größte deutsche Sprechtheater?
Sebastian Nübling, Regisseur, verantwortete mehrere Erfolge der Schirmer-Zeit („Zur schönen Aussicht“, „Pornographie“). Steht für eine eigene, entschiedene Regiehandschrift, allerdings dürften es andere Handschriften schwer haben, neben ihm zu bestehen. Außerdem ist fraglich, ob Nübling überhaupt Interesse haben dürfte, eine Intendanz zu übernehmen, so gut wie er als Regisseur im Geschäft ist.
Elmar Goerden, Intendant und Regisseur, scheiterte diesen Sommer am Schauspielhaus Bochum mit ganz ähnlichen Rezepten wie Schirmer in Hamburg: Mutlosigkeit, Dünnhäutigkeit, kaum Verknüpfung der eigenen Arbeit und Person mit der Stadt. Als Regisseur gilt Goerden als sensibler Textarbeiter, eine Ästhetik, mit der er sich am Bayerischen Staatsschauspiel München einen guten Ruf erarbeitet hat. Zudem gilt er als extrem gut vernetzt – und meldete angeblich schon vor Jahren Interesse am Schauspielhaus an. Aber ob die Bochumer Erfahrungen ihn wirklich für Hamburg empfehlen?
Barbara Mundel, Dramaturgin und Regisseurin, leitete das Theater Luzern, wäre beinahe Kölner Opernintendantin geworden, war dann Dramaturgin an den Münchner Kammerspielen, und ist seit 2006 Chefin des Theater Freiburg. Eine Lösung aus der Provinz also, wenn auch jenseits aller Provinzialität. Mundel hat einen postdramatischen Hintergrund und kann den mit einer genauen Analyse ihres städtischen Umfelds verbinden – besseres Theater als sie kann man in Freiburg kaum machen. Allerdings ist sie gebunden: Ihr Vertrag läuft bis 2013. Ein Vertrag lässt sich auch lösen – aber will Mundel das?

Sofort sind noch weitere Namen in der Diskussion, Michael Thalheimer, Sebastian Hartmann, Matthias Lilienthal. Alles möglich, und wahrscheinlich in dem Moment schon wieder verbrannt, wie sie genannt sind. Was leider keine Antwort auf die Frage ist: Wie, um Himmels Willen, geht das nur weiter, hier. Eine letzte Möglichkeit spukt diversen Kulturpolitikern sicher schon im Kopf rum:

Die Schließung des Deutschen Schauspielhauses.