27. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Männer und Bälle: Ein Astra, bitte · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , ,

„Eigentlich wollte ich mir das Deutschlandspiel bloß in der Kneipe um die Ecke anschauen. Da ist so ein Sportplatz, und die haben ein Vereinslokal. Ich also rein, natürlich erst gefragt, ob ich als Nichtmitglied überhaupt gucken dürfte, die waren aber ganz freundlich und meinten, klar, setz‘ dich. Da dachte ich mir schon, oh je, alles voller Deutschlandfähnchen, und die hatten auch alle diese blöden Hütchen auf. Aber wo ich schonmal da war, bestellte ich

– Ein Astra bitte.

Sofort wurde es ganz still in der Kneipe, und ein Typ fragte drohend

– Sachma, bissu ne Zecke oder was?

Ich hab das erst überhaupt nicht kapiert, ich wollte doch nur ein Astra. Aber gleich nochmal

– Bissu ne Zecke oder was? Wo kommst du überhaupt her? Du kommst doch sicher aus St. Pauli, Schanze oder so.

– Nein, ich bin von hier, aus Altona.

– Bissu dir da ganz sicher?

– Ja sicher, ich bin vor ein paar Wochen hierher gezogen, um die Ecke, in die Michael-Müller-Straße. (Adresse verändert)

– Bissu dir da wirklich ganz sicher, dass du aus Altona bist? Ich bin mir da nämlich ganz und gar nicht sicher!

Ich habe dann nicht gesagt, dass ich eigentlich ganz woanders her komme und mir stattdessen ein Holsten bestellt, das geht ja auch. Und dann ging das Spiel los, und sofort fingen die an

– Boah, die Türkenschwuchtel wieder!

Ich habe versucht, da ein wenig klarzustellen, nämlich, dass besagter Spieler meines Wissens überhaupt nicht in der Türkei geboren sei, fand aber kein Gehör.

– Ach was, dassisne Türkenschwuchtel!

Alles in allem waren die aber alle total nett. Es gab dann noch eine Tombola, bei der ich echt je-des-mal verloren habe, eine Niete nach der anderen. Während die anderen ständig gewonnen haben, immer diese blöden Deutschland-Hüte. Einer hatte mindestens drei Hüte auf, weil er die alle gewonnen hat. Doch, die waren wirklich echt nett.“

(Aufgezeichnet aus der Erinnerung)

30. Dezember 2010 · Kommentare deaktiviert für Jahresrückblick 2010 · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , ,

Jünger werden wir auf jeden Fall nicht: Schon wieder ein Jahresrückblick, angelehnt an die Blicke 2009 beziehungsweise 2008, mit leichten Modifikationen, entsprechend den Veränderungen, die die Bandschublade durchgemacht hat.

Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen. Ein bisschen.
Haare länger oder kürzer? Gleich geblieben. So alt bin ich noch nicht, dass da schon ein deutlich sichtbarer Schwund einsetzen würde.
Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Auch nix neues. Mein Gott: Da verändert sich ja überhaupt nichts.
Mehr ausgegeben oder weniger? Im Vorjahr bin ich umgezogen, soviel wie 2009 konnte ich 2010 gar nicht ausgeben.
Der hirnrissigste Plan? Vegetarier werden zu wollen.
Die gefährlichste Unternehmung? Das wilde und gefährliche Leben ist auch noch nicht wiedergekommen.
Die teuerste Anschaffung? Der Kleiderschrank.
Das leckerste Essen? Im Königlichen Jagdhaus/Ess-Atelier Strauss in Oberstdorf, Flugentenbrust in Sesam-Honig-Kruste an Cranberry-Rotkohl und Spekulatiusknödeln.
Das beeindruckendste Buch? Lola Arias, Liebe ist ein Heckenschütze. (Hier meine kulturnews-Rezension)
Der berührendste Film? Breaking Bad. Okay, das ist kein Film, sondern eine Fernsehserie. Aber vielleicht haben Fernsehserien ja mittlerweile den Film als Kunstform abgelöst? Weil Serien sich die Zeit nehmen können, Charaktere langsam zu entwickeln, in ihrer Widersprüchlichkeit, ohne von vornherein in Gut-Böse-Schemata zu verfallen? Und weil „Breaking Bad“ es auch noch schafft, einen Helden zu etablieren, der diametral gegen den widerwärtig formatierten Werbeagentur-Mainstream der Nullerjahre angelegt ist, einen 50-jährigen Chemielehrer in der US-Provinz, mit schwangerer Frau, behindertem Sohn und Lungenkrebs? Der sich im Laufe der Serie auch noch als richtig miese Type entpuppt? Großartig. Aber okay, die Frage war nach einem berührenden Film, und ich will nicht den Eindruck erwecken, im Kino hätte es nur Schrott gegeben. Ich wähle: „Im Schatten“ von Thomas Arslan, von wegen spannend, reduziert, guter Schauspielerleistung und so. Berliner Schule halt.
Das beste Lied? Jens Friebe, „Charles de Gaulle“.
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=dGyx5ApIrfE]
Die beste Platte? Janelle Monáe, The ArchAndroid. Obwohl (oder weil) das Konzert nicht so atemberaubend war ganz großartig eklektizistischer Funkrockpopsoulhop.
Das schönste Konzert? Eine ganz kleine aber umso schönere Hütte: Klez.e in der Prinzenbar, Hamburg.
Die schönste Theatererfahrung? „Life and Times, Episode One“ als Koproduktion von Nature Theatre of Oklahoma (New York) und Wiener Burgtheater. Ich hoffe, mein Beitrag war damals deutlich genug.
Die interessanteste Ausstellung? Cosima von Bonins „The Fatigue Empire“ im Kunsthaus Bregenz. So gut, dass mir die Worte wegblieben.
Die meiste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: meinen geschätzten Bürokolleginnen.
Die schönste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: der schönen, klugen Frau.
Vorherrschendes Gefühl 2010? Angst. Erkläre ich bei Gelegenheit.
2010 zum ersten Mal getan? Oh mein Gott: Ich fürchte, ich habe rein gar nichts zum ersten Mal getan!
2010 nach langer Zeit wieder getan? Ein Fußballspiel besucht.
Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Etwas sehr Privates, von dem diejenigen, die es angeht, sicher wissen, was ich meine. Ein ökonomisches Durcheinander. Und eine Bahnfahrt im überfüllten ICE, am 23. Dezember, von Hamburg bis Frankfurt ohne Reservierung und dementsprechend ohne Sitzplatz. Gut, letzterer Punkt ist lächerlich, im Vergleich.
Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Hat mit dem Beruf zu tun.
2010 war mit einem Wort…? War da was? 2011 wird besser. Kann gar nicht anders.

Edit: Don Dahlmann blickt auch schon zurück. Anke Gröner auch.
Edit 2: Kommander Kaufmann mittlerweile auch.

3:0

Ich kann A. nur wenig abschlagen, zurzeit aus Gründen praktisch gar nichts. Außerdem: Wenn A. einen Vorschlag macht, dann ist der auch meistens gut, es gibt also auch gar keinen Grund, etwas abzuschlagen. Und wenn A. den Vorschlag macht, dass ich sie in Dortmund besuchen könnte, dann ist das ein guter Vorschlag, selbst wenn das heißt, dass wir dort gemeinsam das Fußballspiel Borussia Dortmund gegen Karpaty Lwiw anschauen.

Ich bin als Stadionbesucher der Typ, den die echten Fans von Herzen hassen: freundlich desinteressiert am Spiel, überheblich, fachlich vollkommen inkompetent. Der Typ, der zur Weltmeisterschaft mal ein paar Spiele anschaut. Der Typ, der nach 20 Minuten fragt, wer den jetzt eigentlich wer sei. Der Typ, der Spieler danach beurteilt, wie eloquent sie in einer Talkshow aufgetreten sind, bei der er neulich mal für eine Viertelstunde reingezappt hat. Der Typ, der nicht kapiert, dass Fußball nicht nur eine leidlich spannende Nachmittagsunterhaltung ist, sondern eine Lebenshaltung, der Grundstock einer Kultur.
Andererseits macht es mir diese Kultur eben auch nicht wirklich leicht. Zunächst: Ich finde Fußball einfach nicht besonders spannend, also, die Spielpraxis. Für mich hat es nichts Nervenzerrendes, wenn 22 Männer einem Ball hinterherrennen. Außerdem stößt mich das Umfeld ab, die zur Schau gestellte Maskulinität, der Chauvinismus, der Bierdunst, der kleinste gemeinsame Nenner im Musikgeschmack, der Kommerz. Ich finde es nicht schön, wenn „schwul“ als immer funktionierende Charakterisierung von allem Schlechten gebraucht wird, mir gefällt es nicht, wenn die Solidarität mit dem eigenen Verein immer auch eine Abwertung des Gegenübers beinhaltet. Erzählt mir nix von wegen, dass das Folklore sei und ironisch, am Dortmunder Hauptbahnhof wollte mir ein Fliegender Händler T-Shirts verkaufen mit dem Aufdruck „FC Schalke – die größte Scheiße der Liga“, 1998 grölten Fans von Fortuna Düsseldorf beim Drittliga-Spiel gegen Jena „Wir haben Arbeit – und ihr nicht!“ Call me humorlos – mein Ironieverständnis stößt da an seine Grenzen.
Auf der anderen Seite dann eben: die echte Begeisterung, die einen im Stadion erfasst. Eine Woge, die einen trägt, plötzlich singt man selbst mit, plötzlich umarmt man den Fremden neben einem, ein Tor ist gefallen, oder ein Tor hätte fallen können. Nicht zuletzt: echte Ironie. Einmal war ich bei einem Spiel von St. Pauli gegen die Amateurmannschaft des BVB, St. Pauli war gerade in die dritte Liga abgestiegen und kickte, das merkte sogar ich, grottenschlecht. Und nach dem zweiten Gegentor begannen die St.-Pauli-Fans zu singen: „Nie mehr zweite Liga!“ Fand ich lustig, wie hier ein Mutmachsong für Aufsteiger selbstironisch umgedeutet wurde zu einem Spottlied, wir haben keine Chance, also haben wir wenigstens ein bisschen Spaß.

Dortmund gegen Lviv also, UEFA-Cup, ich habe keine Ahnung, was das überhaupt für ein Wettbewerb ist. Langweilig. Dortmund musste gewinnen, gleichzeitig musste in einem parallel laufenden Spiel Paris-St.-Germain gegen Sevilla gewinnen, ansonsten wäre der BVB aus dem Wettbewerb ausgeschieden. Schon nach ein paar Minuten war klar: Dortmund zieht das durch. Ein, zwei, drei Tore fürs Ruhrgebiet, verhaltener Jubel, von den 80000 Plätzen im Signal-Iduna-Park (den die Fans immer noch „Westfalenstadion“ nennen, auch das sympathisch) sind gerade mal gut 40000 besetzt, es ist saukalt, es ist auch irgendwie nicht besonders aufregend, wie das hier weiter geht. Wir frieren, wir tanzen, auf den Rängen wird gesungen. Sie singen: „Olé BVB!“ Sie singen „Oh-ho Bohorussia!“ zur Melodie von „Go West!“, lustig, wie die stockheterosexuellen Fußballfans solch einen stockschwulen Song für sich adaptieren. Sie singen irgendwas zur Melodie von „Guantanemera„, bei Minus sieben Grad. Was, um Himmels Willen, singen sie denn da eigentlich? Sie singen: „Fußbodenheizung! Wir wolln ’ne Fußbodenheizung!“

Ich mag sie schon sehr.

Ach, hin und wieder macht es doch noch Freude, den Spiegel zu lesen. Zum Beispiel, wenn Alexander Osang einen Artikel schreibt. Aktuell einen Text über die Veränderungen im deutschen Selbstbild während der Fußball-WM, „Neue Deutsche Männer“, ein toller Text. Auch wenn ich nicht ganz Osangs Meinung bin, er konstruiert da ein positives Deutschland, das sich während der Weltmeisterschaft herausgebildet habe, ein spielerisches, ironisches, lustvolles Deutschland, und von dort ist es meiner Meinung nach nicht weit zum Gutfinden schwarzrotgoldener Besoffenheitsgefühle. Und dass ich damit, trotz Spiel und Ironie und Lust ein Problem habe, ist bekannt.

Osangs Text ist aus anderen Gründen großartig. Weil Osang genau hinschaut, weil er weiß, wann ein unwichtig erscheinendes Detail wichtig ist, weil er weiß, wie welche Aussage einzuordnen ist. An einer Stelle in „Neue Deutsche Männer“ beschreibt er Michael Becker, den Manager von Michael Ballack, dem Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der verletzungsbedingt nicht mit zur WM fuhr und mittlerweile als Musterbeispiel für eine gottlob überwundene Fußballästhetik gilt. Auf jeden Fall lästert Becker gegenüber Osang anscheinend freimütig über die seiner Meinung nach von schwulen Seilschaften durchzogene Nationalmannschaft:

Als ich ihn fragte, ob denn ein Spieler, der etwas überraschend nominiert worden war, seiner Meinung nach auch schwul sei, sagte Becker nur: „Der ist halbschwul“, und ich begriff, dass das alles ein Synonym war für etwas, was Becker nicht mehr verstand. Irgendetwas Leichtes, Unideologisches, Tänzerisches, Schönes, Freudvolles, in dem man sich verirren konnte, wenn man sich bislang an Hackordnungen und Hierarchien orientiert hatte.

Als ich diesen Satz las, blieb mir der Mund offen stehen. Nicht, weil Osang hier ganz elegant die Karriere eines Fußballspielers beendet – der zitierte Satz macht die Runde, dass Michael Ballack später noch irgendwo etwas reißen dürfte, ist fraglich, was vor allem deswegen fies ist, weil es hier um eine Aussage geht, die ja nicht einmal von Ballack selbst kommt. Aber eigentlich ist das auch egal, ob und wo Ballck in Zukunft auf Bälle tritt, interessiert mich herzlich wenig. Weswegen mir der Mund offen steht, weswegen ich Osang für seinen Artikel umarmen möchte, das ist ein Halbsatz: Osang hat erkannt, dass Leute wie Michael Becker „schwul“ nicht als Beschreibung einer sexuellen Präferenz sehen, sondern als Beschreibung von Leichtigkeit, von etwas Freudvollem. Von etwas, in dem man sich verirren kann. Verrückt. Dass ausgerechnet ein Artikel über Fußball kommen muss, damit ich verstehe, weswegen ich alte Hete mich so sehr für schwule Kultur interessiere: weil es gar nicht um „schwul“ im Sinne von Homosexualität geht. Wer wann was mit welchem Körperteil macht, ist eigentlich von meiner Warte aus … eher langweilig. Was wichtig ist, ist: alles nicht so bierernst zu nehmen. Freude daran haben, sich zu verirren. Leicht zu werden. Auf dem Schulhof und auf dem Fußballplatz nennt man das anscheinend: schwul.

Muss ich das auch so nennen? Ich finde ja, Osangs Beschreibung hat viel von Judith Butlers Queernessbegriff, mit dem ich mich viel eher anfreunden kann (ja, ich kenne Antje Schrupps kluge Argumentation gegen Butler, dank Kommander Kaufmann. Ich teile auch vieles, was Schrupp sagt, glaube aber, dass ihre Ablehnung stark mit der Person Judith Butler zu tun hat, Queerness ist damit aber noch längst nicht diskreditiert). Im Endeffekt sind wir damit aber auf der Terminologie-Ebene angelangt, auch Queerness hat ihren Ursprung in der Sexualität und wurde später erst in die Alltagskultur erweitert, wer lieber „schwul“ zu bestimmten Verhaltensweisen sagen möchte, der soll es doch. Wichtig ist nur, dass man diese Verhaltensweisen mal benennt: ob unter negativen Vorzeichen (wie Michael Becker) oder unter positiven (wie ich).

Nur die Deutschlandbegeisterung, die möchte ich weiterhin scheiße finden dürfen. Und das wäre dann auch gut so.