25. Oktober 2014 · Kommentare deaktiviert für Skinheads · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , ,

In dem schraddeligen, kleinen Punk- und Ska-Laden, in dem ich mir neulich eine Ben-Sherman-Reisetasche gekauft habe und mich hinterher fragte, ob ich mit sowas womöglich Nazis unterstützt habe (habe ich nicht, ergaben meine Recherchen), in diesem Laden ist jetzt ein Frisör. „Wunderkopf“ heißt er, er ist stilvoll minimalistisch eingerichtet, ein sehr schöner Herr und eine ebenso schöne Dame umschwirren einen Kunden, was machen sie? Richten sie ihm die Haare, oder geben sie ihm nur das Gefühl, angenehm umschwirrt zu sein?

Ich will nichts dagegen sagen. Die beiden sehen toll aus, gerade in Bezug auf ihre Haare, und es ist gut, wenn Frisöre selbst schöne Frisuren haben, das ist so ein Vertrauensding. So toll würde ich auch gerne aussehen, vielleicht würde es klappen, könnte ich mir einen Besuch bei „Wunderkopf“ leisten, wer weiß, vielleicht könnte ich es mir leisten. Ich finde es ein wenig schade, eigentlich wollte ich mir vor dem Herbst noch ein paar neue Doc Martens kaufen, das geht jetzt nicht mehr, zumindest hier nicht. Ist aber im Grunde auch egal.

Nur die Skinheads, die zuvor im Punkladen rumhingen, für die ist der „Wunderkopf“ sicher nichts mehr.

03. März 2013 · Kommentare deaktiviert für Athen, London, Hamburg · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , ,
Es kann einfach nicht jeder im Szeneviertel wohnen.

Es kann einfach nicht jeder im Szeneviertel wohnen.

Wenn es den Lobbyisten der Vermieter zu wohl wird, geben sie Interviews. In denen erzählen sie dann, dass es hierzulande ganz und gar keine Wohnungsnot gebe, dass im Gegenteil viel freie Wohnungen am Stadtrand zu haben seien, auch noch günstige, auf die Schnelle falle ihnen zwar keine ein, aber, dochdoch, die gebe es. Nur die Wohnungssuchenden, die seien eben viel zu versnobt und würden sich nicht dazu herablassen, eine Wohnung in Billstedt oder in Neuwiedenthal auch nur anzuschauen (dass es gute Gründe gegen Wohnen am Stadtrand gibt, auch jenseits der Versnobtheit, habe ich vor einem knappen Jahr schon einmal beschrieben). Und immer wieder kommt dann das gleiche Argument: „Ein Grundrecht auf eine Wohnung in der Schanze oder anderen Szeneviertel gebe es nicht“ zitiert der NDR Axel Kloth, Verbandschef des Immobilienverbads Nord (IVD) anlässlich einer IVD-Studie, laut der der Hamburger Wohnungsmarkt problemlos funktioniere.

Wir haben keine Wohnungsnot. Wir haben – wenn überhaupt – nur örtlich begrenzten ernsthaften Wohnungsmangel. Und wir haben eine Fluktuationsrate von über zehn Prozent, was grundsätzlich für einen funktionierenden Wohnungsmarkt spricht. Wir haben keine Dramatik, so wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Was soll er auch sagen, der Herr Lobbyist. Meist kommt dann noch der Hinweis, dass die Mietpreise in Hamburg ohnehin ein Witz seien, in Berlin gleich nochmal, einzig München habe annähernd vergleichbare Preise wie internationale Metropolen. Schon klar, ein WG-Zimmer in London ist in Außenbezirken für rund 150 Euro pro Woche zu haben, in Paris zahlt man angeblich für eine kleine Kammer bis zu 1000 Euro monatlich, und durchschnittlich schlägt ein WG-Zimmer in Athen auch schon mit 250 Euro im Monat zu Buche, in Griechenland, Home of the Finanzkrise, wo die Leute sich teilweise nicht einmal mehr drei Mahlzeiten täglich leisten können! Wie zahlen die solche Mieten?

Sie zahlen sie: nicht. Es ist schwierig, aktuelle Zahlen zu bekommen, aber alles in allem lässt sich sagen: Dass in Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung zur Miete lebt, ist ein europäischer Sonderweg. In Spanien, etwa besitzen 81 Prozent der Bevölkerung Wohneigentum (Spitzenwert!), in Griechenland 76 Prozent, in Großbritannien 69 Prozent, in Frankreich 54 Prozent. Und in Deutschland 41 Prozent, weniger Wohneigentümer gibt es prozentual gesehen nur noch in Schweden und in der Schweiz. (Die Zahlen stammen aus den Jahren 1990 bis 99, es ist aber wahrscheinlich, dass im Zuge der Wirtschaftskrise der Trend zur eigenen Immobilie eher noch verstärkt werden dürfte. Quelle: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 3/2003, pdf-Link.) In den meisten Ländern leben die Menschen im eigenen Haus, teilweise unter erbärmlichen Umständen und zum Preis einer hohen Verschuldung, aber dafür mietfrei. Zur Miete leben Studenten, bei denen von vornherein klar ist, dass dieser Zustand nur vorübergehend sein dürfte, beziehungsweise Leute, die sich in irgendwie unserösen Zusammenhängen bewegen. Wenn also die Wohnungswirtschaft Londoner Verhältnisse in Hamburg fordert, dann fordert sie, dass der Hamburger etwas bezahlt, dass der Londoner auf keinen Fall zahlen würde – eine Mondpreis-Miete.

Einen Text wie diesen könnte man als Hohelied aufs Immobilieneigentum lesen, als Forderung: Schafft euch eine Eigentumswohnung an, jammert nicht und zeigt den Vermietern den Mittelfinger. Das wäre aber eine falsche Lesart, meiner Meinung nach ist der deutsche Sonderweg in dieser Frage endlich mal ein ganz kluger. Wir gehen in immer mehr Lebensbereichen von Gemeingütern aus, die kein Individuum mehr besitzt, sondern für die Nutzungsgebühren anfallen: Car-Sharing. Creative Commons. Prinzessinnengärten. Die nutzen wir, weil es Spaß macht, weil es für den Einzelnen günstig ist, nicht zuletzt aus Umweltgründen: Der ökologische Fußabdruck von Gemeingütern ist weitaus kleiner als der von Privatbesitz. Und gerade bei der Frage des Wohnens wollen wir zum Privatbesitz zurück? No way.

Davon ab: Das mit dem Mittelfinger für Vrmieter ist trotzdem eine gute Idee.

20. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für Nur Verlierer · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , ,

Angesichts dessen, wie begeistert ich allwöchentlich „Tatort“-Rezensionen poste, mag dieses Bekenntnis überraschen, aber: Eigentlich ist mir die „Polizeiruf 110“-Reihe der liebere Wochenendausklang. Die formalen Grenzgänge aus München, die harten Rostocker Krimis, die kaputte Menschen in einer kaputten Welt zeigen, die Filme aus einem Brandenburg, das hier als einziger, undefinierter Dorfraum gezeichnet wird – toll. Wobei meine Liebe zum „Polizeiruf“ natürlich eine Liebe ohne Zukunft ist: „Polizeiruf 110“ ist anscheinend in der Fernsehkrimi-Hierarchie recht weit unten angesiedelt, weswegen kaum ein ARD-Sender sich den noch leistet. Der Hessische Rundfunk ist längst ausgestiegen, obwohl ich dessen erotische Rotweinträume aus Bad Homburg ganz originell fand, dito der WDR, der seine hochironischen Provinzkrimis durch seinen schwer klamaukigen Provinz-„Tatort“ aus Münster ersetzte, dunkel erinnere ich mich, dass es einst sogar einen „Polizeiruf“ aus Österreich gab, vorbei. Keine Ahnung, wie lange der Bayerische Rundfunk seine großartigen Münchner Krimis noch unter dem Label „Polizeiruf 110“ vermarktet, angeblich gibt es ja auch dort Absatzbewegungen.

Kein Grund, den „Polizeiruf“ gut zu finden, sind in der Regel die Krimis aus Halle, verantwortet vom MDR, der bekanntermaßen auch die doofsten Beiträge zur „Tatort“-Reihe beisteuert. Die Krimis aus der Saalestadt sind, das muss man leider sagen, betuliche, konstruierte Whodunits, meist erbarmungswürdig gespielt, gedreht in einer Filmsprache, mit der ein Regisseur sich schon vor 20 Jahren bei „Derrick“ blamiert hätte. Der „Polizeiruf 110: Bullenklatschen“ allerdings geht einen Schritt weiter: Thorsten Schmidt (Regie) und Matthias Herbert beweisen, dass ästhetische Altbackigkeit Hand in Hand geht mit einer stockreaktionären Handlung.

Als hätte die Diskussion um Gentrifizierung und Stadtumwandlung nicht während der vergangenen Jahre ins Bewusstsein gebracht, dass Widerstand gegen die Kommerzialisierung des Stadtraums kein genuin linkes Anliegen, sondern auch weit in linksbürgerliche Kreise anschlussfähig ist, wird hier ein Polizist auf einem gentrifizierungskritischen Hoffest erschossen, und die anwesenden Verdächtigen sind durch die Bank Klischeeautonome, biersaufende, irotragende Doofnasen, die geil aufs „Bullenklatschen“ sind und ansonsten stumpf halbverdaute Kapitalismuskritik absondern. Die der gute Polizist natürlich problemlos kontert: „Du bist gar nicht alt genug, um zu wissen, was ein Unrechtsstaat ist!“, blafft Kommissar Schneider (Wolfgang Winkler) den Hauptverdächtigen (Sergej Moya) an, klar, der Demokratiefeind steht links, was vielleicht aus der Ost-Biografie des Kommissars verständlich ist, geäußert in der Nazihochburg Sachsen-Anhalt aber doch ein wenig übel aufstößt. (Außerdem, lieber MDR, Glückwunsch zur Chuzpe, solch einen Satz zu bringen, drei Tage, nachdem der Rechtsstaat in Frankfurt beim Auflösen der Blockupy-Proteste sein wahres Gesicht zeigte.) Doch, dieser Krimi ist zum Kotzen.

Am Ende war der Mörder natürlich keiner der Ultraautonomen, so leicht macht es sich dieser Krimi (dessen Drehbuchaufbau, das ist dann gleich nochmal eine Ecke perfider, das sonstige Halle-Niveau im Grunde übersteigt), dann doch nicht. Am Ende ist der Mörder ein armes Schwein, das eigentlich nur helfen wollte. „Warum?“ fragt dessen Freundin unter Tränen, und man möchte eine Antwort finden, bloß, die einzige Antwort, die man findet, ist: „Hättet ihr euch eben nicht unter Autonomen rumgetrieben!“ Man möchte ins Kissen beißen.

„Alles Verlierer!“ rekapituliert Kommissar Schmücke (Jaecki Schwarz) die Protagonisten dieses finsteren Machwerks. Immerhin: Der MDR plant, Schwarz und Winkler demnächst in den Ruhestand zu schicken und die Hallenser Polizeiruf-Dependance zu schließen. Vielleicht gibt es Hoffnung.

(Olle Ost-Cops: Christian Buß auf SpOn. Hölle an der Saale: Matthias Dell im Freitag.)

Der Makler ist traurig. Weil nämlich die Hamburger wunderschöne Wohnungen leerstehen lassen würden, undankbar seien sie, weil sie seine Angebote verschmähen. Steht so zumindest im Hamburger Abendblatt, dem Zentralorgan der Immobilienbesitzer, dem Angstschürer vor Hausbesetzern und Mietnomaden. „Es gibt in Hamburg eine Reihe von Stadtteilen, in denen trotz guter Lage und eines guten Zustands eine Wohnung nicht ohne Weiteres vermietet werden kann“, wird Jens-Uwe Meier, Geschäftsführer der Richard E. Meier GmbH, in einem langen Artikel von Oliver Schirg zitiert: „Schöner wohnen in Billstedt. In weniger schicken Stadtteilen sind die Mieten noch bezahlbar – doch viele Interessenten gehen bei der Lage keine Kompromisse ein“. Der arme Makler.

Wohnen in Hamburg ist teuer. Und, klar, wenn ich wenig Geld habe, kann ich mir nichts allzu Teures leisten. Wenn ich wenig Geld habe, leiste ich mir keinen Urlaub auf den Malediven, sondern fahre in den Harz. Wenn ich wenig Geld habe, leiste ich mir keinen Maßanzug, sondern kaufe von der Stange. Wenn ich wenig Geld habe, ernähre ich mich nicht vom Biomarkt, sondern kaufe Eier aus Käfighaltung im Discounter … Äh? Stopp! Mache ich das wirklich? Ist es vertretbar, dass man Leuten mit wenig Geld ins Gesicht sagt: Dann ernährt euch halt von Müll?

Das ist das Gemeine an Schirgs Artikel, das ist das Gemeine an der Maklerargumentation: dass etwas essentiell Lebensnotwendiges wie Wohnen zum Luxus umgedeutet wird, auf den man im Zweifel auch verzichten kann. Aber ist es wirklich ein Luxus, wenn man sich aussucht, wo man wohnt? Wenn man sagt: Tut mir leid, ich will aber nicht in Billstedt wohnen? (Nichts gegen Billstedt, übrigens.) Wenn man womöglich noch einen Schritt weiter denkt? Wilhelmsburg, die übel beleumundete Elbinsel mit Coolnesspotenzial etwa, wäre für mich als Wohnort durchaus eine Option gewesen. Für mich, der ich halbwegs okay verdiene, halbwegs gut ausgebildet bin. Nur sind die halbwegs okay Verdienenden, die gerade nach Wilhelmsburg ziehen, die Vorhut der Gentrifizierung, das sollte man mitdenken, wenn man den Leuten vorwirft, nicht nach Wilhelmsburg ziehen zu wollen. Nichts davon steht in Schirgs Artikel, im Gegenteil:

Der Vorsitzende des Grundeigentümerverbandes in Hamburg, Heinrich Stüven, macht den geringen Bekanntheitsgrad vieler Stadtteile dafür (dass alle nur in den angeblich angesagten Vierteln wohnen wollen, F.S.) verantwortlich und rät Wohnungssuchenden, sich auch „derzeit nicht so angesagte Stadtviertel“ genau anzuschauen. Bestes Beispiel sei Wilhelmsburg. „Mit ihren vielen Kanälen und Wasserflächen ist die Elbinsel ein attraktiver Standort zum Leben.“

Es ärgert mich. Weil solche Artikel nichts anderes sind als Vorwürfe an mich: „Du bist zu anspruchsvoll!“ „Wer bist du denn, dass du dir einbildest, Wünsche formulieren zu dürfen?“ „Was für ein bürgerliches Würstchen, ist sich zu fein, nach Wilhelmsburg zu ziehen!“ Vorwürfe von Leuten, die in ihrem Leben noch nie in Wilhelmsburg waren. Weil das natürlich vollkommen unter ihrer Würde ist.

Schirg zitiert Patrick Joerend, Geschäftsführer der Privatgrund Haus- und Grundbetreuung GmbH: „Wenn Haltestellen von Bus oder Bahn zu weit entfernt liegen oder es in erreichbarer Nähe keinen Supermarkt gibt, dann wird es schwierig.“ Ja, was fällt den Leuten denn ein, wollen auch noch eine Bushaltestelle in erreichbarer Nähe! Sollen sie doch Auto fahren, als ob einem das nicht zuzumuten wäre! (Dass die ach so günstige Wohnung nahe der Fischbeker Heide plötzlich gar nicht mehr so günstig ist, wenn man die Unterhaltskosten für ein Auto zur Miete dazurechnet, für ein Auto, das man in der Innenstadt nicht braucht, sagt Joerend natürlich nicht. Und Schirg kommt auch nicht auf die Idee, da nachzufragen.)

Kann man schon verstehen, die Makler. Dass sie da traurig werden, bei solch undankbaren Mietern. Traurig und über kurz oder lang auch aggressiv.

 

Länger schon überlege ich mir, ob ich etwas schreiben soll zum Themenkomplex Schwaben-Kinderkriegen-Prenzlauer Berg. Ist ja eigentlich nicht mein Thema, mal abgesehen von der Schwabensache, geht mich nichts an. Oder?
Und dann schreibe ich eben doch. Weil ich mich geärgert habe, über einen Artikel, der vor drei Wochen in der taz erschien, der taz, der ich als ehemaliger Mitarbeiter zwar nicht mehr ökonomisch aber inhaltlich immer noch verbunden bin, „Die Weiber denken, sie wären besser“ von Anja Meier. Meier besucht eine Caféwirtin im Prenzlauer Berg und lässt die reden. Über die vielen Kinder im Umfeld, über die Zugezogenen, über die Veränderung des Viertels. Gefällt ihr alles nicht, das. „Eins im Wagen, eins am Wagen, eins im Bauch, so schettern die hier die Straße runter“, spricht das wirtingewordene Ressentiment. „Gucken Se, da draußen, schon wieder zwei Rinder. Wie die aussehen!“, so gehts weiter, und, ja, als ich noch in Berlin wohnte, da gab es auch solche Sprüche, auf mich gemünzt. Allerdings nicht im Prenzlauer Berg, sondern nur in Reinickendorf, aus Rentnermund, aus dem Mund von Leuten, die was dagegen hatten, wenn jemand andere Kleidung, eine andere Frisur, womöglich einen anderen Lebensstil hatte als sie: „Wie die aussehen!“ „Is doch wirklich wurscht, ob die bei mir einkehren. Die verzehren eh nix. Sind alles Schwaben, die leiden, wenn se mehr als einsfuffzig ausgeben müssen“, da fängt es bei mir schon an, dass ich mich ärgere, denn dieses olle Schwabenbashing, das trifft mich dann doch. „Jetzt geht’s schon los, dass sie den ganzen Gethsemaneplatz begrünen wollen, also uns Händlern hier die letzten Kundenparkplätze wegnehmen wollen“, ab diesem Punkt war mir dann klar: Das ist ja gar kein echtes Gesprächsprotokoll, das ist eine Satire! Ich meine, Kundenparkplätze! So etwas wird in der taz, in meiner kleinen taz gefordert, das kann doch niemand ernst meinen! Von da an lachte ich.

Leider bringt die schönste Satire nichts, wenn sie niemand versteht. Witzereißer Dieter Hallervorden gab vor Jahrzehnten den viertellustigen Sketch „Deutsch für Türken“ zum Besten, in dem, haha!, der Satz „Der Türke packt seine Koffer!“ eingeübt werden sollte:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=t1sozxDsCrU]
Wie diese harmlose Kritik an Ausländerfeindlichkeit wirklich ankommt, liest man in den Kommentaren unter dem Youtube-Clip: „Auch ich wünsche allen Ausländern eine schnelle, glückliche und gute Heimreise“, schreibt „MrJohnDoe1959“, „Die ganze welt putzt sich mit der türkischen Flagge den Arsch, ganz besonder die Deutschen. In Deutschland putzen eh die türken die klos wo ganz EUROPA reingeschissen haben“ (sic!) stammelt „sonofMegaAlexandros“, immer wieder wird der Clip auf Naziseiten verlinkt. So ähnlich ist das auch mit dem Artikel von Anja Meier, zumindest, wenn man sich die Leserkommentare durchliest. Die eine Leserhälfte blökt Zustimmung, Genau so ist es, nö, noch viel schlimmer, mit den ganzen schwulen Drecksschwabenmüttern. Die andere Leserhälfte findet den Artikel faschistoid und droht nebenbei gleich mit Kündigung ihres taz-Abos, weil man nur dafür bezahlt, was man auch lesen will. Keiner kommt auf die Idee, dass dieser Text womöglich nicht ernst gemeint sein könnte.

Recht cool geht die Blogosphäre mit dem Thema um, im Blog Fuckermothers findet man zwar ebenfalls einen eher unreflektierten Verriss des Artikels: „Neben mangelnden Humor haben sich bislang einige (der humoristischen taz-Texte, FS) durch eklatanten Rassismus ausgezeichnet, andere durch Transphobie und Sexismus. Ein neues Glanzstück kommt nun von Anja Maier“, steht da unter dem Titel „beleidigungssatire in der taz“, aber immerhin wird zumindest in den Kommentaren noch die Frage aufgeworfen, wie real das geschilderte Millieu überhaupt sein mag. Peter Praschl erwähnt Meier in seinem Text „30. Meine Frau. Das Arschloch“ vernichtend. Und Markus rückt im Blog Nusenblaten immerhin ein paar von Meiers Vorurteilen bezüglich der Bioladen-Discounter-Verteilung im Prenzlauer Berg zurecht: „Immer dieses Prenzlauer-Berg-Bashing“.

Und was mache ich? Ich bemühe mich um eine gewisse Coolness. Ich sage: Leute, die ihren Kinderhass nicht in den Griff bekommen, sind genauso schlimm wie diejenigen, für die Kinder einen Fetisch darstellen; beide glauben, dass Kinderkriegen etwas sei, was unvorstellbar bedeutsam für die Welt ist, beide können sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Kinder etwas sind, dass man eben bekommt. Oder auch nicht. Ich lese einen Artikel auf SpOn, „Die Kinder-Lüge vom Prenzlauer Berg“ von Julia Heilmann und Thomas Lindemann, in dem das Autorenpaar darlegt, dass es überhaupt nicht stimme, dass im Prenzlauer Berg so wahnsinnig viel Nachwuchs herrsche (hätte ich auch nicht gedacht, dass ich jemals einen SpOn-Text gegenüber der taz verteidigen würde), ich nicke zustimmend, dann denke ich, nein, ganz so harmlos ist das alles doch nicht, es findet ja eine Verdrängung, eine Gentrifizierung, eine Formierung statt, im Prenzlauer Berg, und die paar Latte-Macchiato-Mütter, die es dort womöglich wirklich gibt, sind nicht unschuldig daran. Auf der einen Seite. Andererseits deuten Heil- und Lindemann aber auch an, dass das Modell „Eltern im Prenzlauer Berg“ etwas ganz anderes sein könnte, nämlich der Versuch, ein Leben zu leben, in dem die Entscheidung für ein Kind nicht gleich auch die Entscheidung gegen etwas anderes sein muss: gegen Clubgänge, gegen Promiskuität, gegen Drogen. Eltern im Prenzlauer Berg, das können auch Eltern sein, die Familie leben wollen ohne missgünstige Nachbarn, ohne Pfarrer, der das Kind früh tauft und ihm später beim Duschen zuschaut, ohne Dorf. (Ob die Latte-Macchiato-Mütter diesen Versuch nun tatsächlich leben oder ob sie ihn nicht etwa pervertieren, darüber müsste man natürlich auch noch reden.) Der Schädel dröhnt mir.

Und dann lese ich die wunderbaren Cartoons „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ von OL. Und bin halbwegs ruhig.

Was bisher geschah: Seit zehn Jahren wird Berlin unaufhaltsam zur Kulturmetropole. Hamburg derweil setzt zunächst aufs falsche Pferd, und läuft kulturpolitisch Amok, als klar ist, dass das nichts mehr wird.

4. Auf verlorenem Posten
Es ist nicht alles schlecht. Bei der vorgezogenen Bürgerschaftswahl am 20.2.2011 wurde die personell wie inhaltlich ausgeblutete CDU mit 21,9 Prozent der Stimmen massiv abgestraft, stärkste Partei wurde mit 48,4 Prozent die SPD, die mit Olaf Scholz jetzt den Bürgermeister stellt. Der geschätzte Blogger kid37 weist mich in den Kommentaren darauf hin, dass ich in meiner Chronik des Niedergangs auf dem (halb-)linken Auge blind sei, „eine Klammer fehlt zu Voscherau und dem der CDU vorangegangenen SPD-Senat. Schon damals (…) wurde klar, wie sehr hier generell oft Weitblick und Visionen für die Kulturszene und eben Kreativwirtschaft fehlen“, da hat er zwar grundsätzlich recht (ich rette mich in die Entschuldigung, dass ich als erst 2001 zugezogener Quiddje das SPD-regierte Hamburg gar nicht kennen kann), nur: Olaf Scholz sehe ich seit Jahren immer mal wieder in Premieren und auf Vernissagen, seine beiden Vorgänger von der CDU sah ich dort nie.
Das mag noch nichts sagen, auch die Tatsache, dass die SPD mit einer absoluten Mehrheit regiert und so dem Risiko der Machtarroganz ausgesetzt ist, verheißt nichts Gutes. Aber immerhin, es scheint der politische Wille da zu sein, für Kulturpolitik richtig Geld in die Hand zu nehmen. Und mit der aus Wowereits Berlin eingekauften parteilosen Barbara Kisseler hat Hamburg endlich wieder eine Kultursenatorin, die im Gegensatz zu ihren Vorgängern erstens ein Standing in der Szene hat und zweitens ausreichend intellektuelle Schärfe. Ach, was hatten wir das vermisst.
Und es gibt, die vorangegangenen Artikel erweckten vielleicht einen falschen Eindruck, einige, die hier etwas vermissten. Die Hamburger Kulturszene hat durchaus wache Köpfe, die einen guten Job machen, Joachim Lux etwa hat aus dem unter Ulrich Khuon nach und nach etwas zu erfolgsverwöhnten Thalia Theater in kürzester Zeit einen ziemlich coolen Diskursraum gemacht und gleichzeitig eine ganz eigene Ästhetik der Angreifbarkeit und des Unfertigen entwickelt. Man mag Dirk Luckow vorwerfen, dass die Deichtorhallen seit Beginn seiner Intendanz vor allem mit arg leicht konsumierbaren Ausstellungen an der Grenze zum Populismus auffielen, dann muss man ihm allerdings auch zugestehen, dass diese Ausstellungen, seien das nun Gilbert & George (hier mein Ausstellungsbericht) oder die Sammlung von Julia Stoschek (hier), dass all diese Ausstellungen funktionierten. Zumal Luckow dazu noch die Mammutaufgabe wuppte, die hochkarätige Sammlung Falckenberg organisatorisch in die Deichtorhallen einzugliedern. Und, überhaupt, wer Pop ohne Populismus möchte, für den gibt es Florian Waldvogels Ausstellungsprogramm im Hamburger Kunstverein, diskursiv und politisch, mit Ausstellungen wie „Freedom of Speech“ (hier). Außerdem hat es Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard mit einer klugen Dramaturgie geschafft, das Zentrum für freies Theater trotz der Lage weit ab von der Innenstadt zu einem glühenden Nachtleben-Hotspot zu machen. Wobei gerade Kampnagel auch beweist, wie fragil dieser Erfolg ist: Der extrem erfolgreiche Leiter des Kampnagel-Sommerfestivals, Matthias von Hartz, der als hochanalytischer Kopf einen interessanten Reibungspunkt zum Bauchmenschen Deuflhard darstellte, wird Hamburg 2013 verlassen, Ziel: spielzeit’europa, das Theaterprogramm der Berliner Festspiele.
Dazu kommen natürlich Sorgenkinder, allen voran das Deutsche Schauspielhaus, das führungs- und vor allem visionslos dahintreibt, bang auf 2013 wartend, wenn Karin Beier vom Schauspiel Köln kommt, endlich die intendantenlose Zeit beendet (momentan verwaltet das Haus ein Kollektiv aus kaufmännischer Geschäftsführung und Dramaturgie) und wahrscheinlich der gesamten Belegschaft kündigt. Dann die Oper, wo Simone Young fast ausschließlich auf Kulinarik setzt und dabei jeglichen Entwicklungen im Regietheater, nein, nicht einmal hinterherläuft. Und schließlich die Kunsthalle, an der Hubertus Gaßner unter solchen Finanzproblemen ächzt, dass der Ausstellungsbetrieb kaum aufrechtzuerhalten ist, gleichzeitig aber auch keine Visionen entwickelt, wo er mit dem Museumskonglomerat eigentlich hinwollen würde, wäre denn ausreichend Geld da. Aber das sind Sorgenkinder, wie es sie in wahrscheinlich jeder größeren Stadt gibt. Damit könnte man leben.

Womit man aber kaum noch leben kann, das ist das Gefühl der halbwegs erfolgreichen Kulturmacher, nicht ohne Fortune zu kämpfen und dennoch auf verlorenem Posten zu stehen. Das Gefühl, in einer Stadt zu arbeiten, die sich zwar nach einer langen Durststrecke langsam wieder für Kultur zu engagieren scheint, im Grunde aber keinen Sinn für die Künste hat.
Symptomatisch ist der Zustand der erfolgreichsten kulturellen Initiative der vergangenen Jahre, der Besetzung des Gängeviertels: Die Künstler, die hier auf Verdrängung und Formierung des Stadtraums hinwiesen, haben vordergründig einen Sieg errungen, das Quartier wird nicht wie geplant abgerissen und für ein Büroprojekt verramscht. Aber längst sind die Verhandlungen über die weitere Nutzung festgefahren, das Interesse der Politik an einer künstlerischen Bespielung der Stadt geht wieder gegen Null.

Und das tut mir in der Seele weh: dass die Stadt, die ich doch mag, in der ich seit zehn Jahren doch gerne lebe, sich so überhaupt nicht interessiert. Für Kunst.

Was bisher geschah: Seit 2001 entwickelt sich Berlin unaufhaltsam zur Kulturmetropole. Hamburg steigt währenddessen ab.

2. Ole von Beust
Man konnte nicht behaupten, dass Ole von Beusts CDU die Hamburger Bürgerschaftswahl 2001 gewonnen hätte. 26,2 Prozent, das waren viereinhalb Prozent weniger als noch vor vier Jahren, außerdem über zehn Prozent hinter der SPD, Sieger sehen anders aus. Dass von Beust dennoch Bürgermeister wurde, lag an der rechtspopulistischen Schill-Partei, die aus dem Stand knapp 20 Prozent erreichte und von Beust zusammen mit der Fünf-Prozent-FDP eine knappe Mehrheit sichern konnte. Das als Vorbemerkung, nur um zu verstehen, weswegen jemand wie Ole von Beust, der eigentlich nicht typisch für die CDU steht, plötzlich im SPD-Erbhof Hamburg an der Spitze stehen konnte.
Von Beust ist kein typischer Christdemokrat. Aber was ist ein untypischer Christdemokrat? „Wofür Beust inhaltlich stand, war schon immer etwas schwierig zu sagen – sicher war immer sein Einsatz für gesellschaftspolitische Liberalität und seine Abneigung gegen sturen Konservatismus“, beschrieb Anna Reimann 2010 im Spiegel den Bürgermeister. Wahrscheinlich ließ er sich am besten so beschreiben: Eigentlich dachte von Beust überhaupt nicht politisch. Er wollte an die Macht, Inhalte vertreten wollte er nicht. Von Beust stand für einen eher hedonistisch geprägten Teil des Bürgertums, junge Menschen aus Pöseldorf, Eppendorf, den Walddörfern, in Teilen sicher auch aus der Schwulenszene in St. Georg, die ihr Coming Out nicht mehr als politischen Kampf verstand, sondern als Lifestyle. All die landeten in der CDU, nicht weil sie so wahnsinnig bürgerlich gewesen wären, sondern weil sie qua Geburt wohlhabend waren und wussten, dass die CDU die Partei ist, die dafür sorgt, dass an diesen Einkommensverhältnissen sich nichts zu ihren Ungunsten ändert. Die 26 Prozent, die 2001 CDU wählten, die fanden solche Typen gut.
Und die knapp 20 Prozent, die Schill wählten, das waren dann eben die anderen. Die wirklich Bösen. Die Ausländerfeinde, die Wohlstandschauvinisten, die Vorortspießer. Deren Partei stellte die Regierung, 2001, in Gestalt von Ronald Schill (Innensenator), Mario Mettbach (Bausenator) und Peter Rehaag (Umwelt- und Gesundheitssenator). Gestalten, mit denen sich keine mögliche Kultursenatorin an einen Tisch setzen würde. Und wer da alles im Gespräch für den Posten war: Von der Kulturmanagerin Nike Wagner bis zur Schlagersängerin Vicky Leandros holte sich der Senat einen Korb nach dem anderen, am Ende wurde es die Bild-Journalistin Dana Horáková. „Das Akzeptierte, Durchgesetzte, Etablierte, gefahrlos Glamouröse ist ihre Welt“, schrieb Christof Siemes in der Zeit über die kulturell bestenfalls Naive. Von Beust dürfte das egal gewesen sein, der Bürgermeister erklärte freimütig, mit Kultur wenig anfangen zu können. Und seine Koalitionspartner von ganz rechts hatten ohnehin keinen Sinn für die Kulturszene, zumal Intendant Tom Stromberg vom Deutschen Schauspielhaus von Anfang an einen harten Oppositionskurs gegen den Mitte-Rechts-Senat fuhr. Weswegen Horáková einfach vor sich hin dilettieren durfte. „Dana Horáková (…) schaufelt immer mehr Sand in die – vorerst noch – rund laufende Maschine, die sie eigentlich ölen sollte“, schrieb Alfred Nemeczek 2003 in der Berliner Zeitung.

Das Trauerspiel schien zu Ende, als sich Ole von Beust und Ronald Schill 2003 überwarfen. 2004 gab es vorgezogene Neuwahlen, die CDU erreichte mit gut 47 Prozent überraschend eine absolute Mehrheit, und Horáková wurde ersetzt durch Karin von Welck. Die Ethnologin kam von der Kulturstiftung der Länder, war eine dezidierte Konservative und lag entsprechend oft mit den Verantwortlichen über Kreuz, hatte aber zumindest Ahnung von ihrer Materie. Und musste mit den Hinterlassenschaften ihrer Vorgängerin irgendwie einen Umgang finden. Ab 2005 war Friedrich Schirmer Intendant am Schauspielhaus, bekam das größte Sprechtheater der Republik aber nicht in den Griff. Die Kosten der entstehenden Elbphilharmonie entwickelten sich immer mehr zum Fass ohne Boden. Und Projekte wie das Internationale Maritime Museum beschädigten die Hamburger Kulturpolitik auf lange Zeit: „Sachliche Information besteht aus unkritischer Kolonialgeschichte und ausführlichen Erinnerungen der kaiserlichen Admiralität“ beschrieb Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung das Projekt, das zwar noch von Horáková angedacht wurde, allerdings 2008 von von Welck eröffnet werden musste.
Währenddessen entwikelte die CDU das Konzept der Wachsenden Stadt (pdf-Link): Hamburg sollte nach und nach zur Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole anwachsen, allerdings praktisch ohne öffentlich geförderten Wohnungsbau. Was massive Gentrifizierung in Stadtteilen wie St. Pauli, dem Schanzenviertel oder Ottensen zur Folge hatte – die Quartiere, die bislang subversive, künstlerische Bevölkerungsschichten beheimateten, konnten sich plötzlich nur noch Gutverdiener leisten. Was die Schickies um von Beust nicht interessierte und die Rechten, die von der Schill-Partei zurück zur CDU gewandert waren, freute. Ziel war, aus Hamburg so etwas wie München zu machen, allerdings ohne das gute Wetter, ohne die Nonchalance, ohne das Leben-und-Leben-lassen, das München ausmachte.

In einem Punkt sind sich von Beust und Klaus Wowereit ähnlich: Beide gelten als Linke innerhalb ihrer Partei, und bei beiden fragt man sich, wo ihre Politik eigentlich wirklich links ist. Am Ende seiner Amtszeit zumindest machte von Beust tatsächlich einen Linksschwenk: Nachdem die CDU bei der Bürgerschaftswahl 2008 mit 42,6 Prozent die absolute Mehrheit verloren hatte, ging die Partei eine Koalition mit den Grünen ein. Schwarz-grün möglich gemacht zu haben, das sollte von Beusts Karriere krönen. Und von Beust engagierte sich. Vor allem unterstützte er massiv die grünen Pläne einer Schulreform, nach der neben dem Gymnasium auch andere Wege zum Abitur führen sollten – ein Affront gegen den gymnasialfetischistische CDU. Worauf von bürgerlicher Seite massiv gegen die Reform (und damit auch gegen von Beust) getrommelt wurde.

Für eine lebendige Kulturszene trommelten die Bürger deutlich leiser.

To be continued.

23. August 2011 · Kommentare deaktiviert für Wie konnte das alles nur so den Bach runter gehen? (Teil 1) · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , , , , , ,

Als ich vor rund zehn Jahren nach Hamburg zog, war das nicht die dümmste Entscheidung. Hamburg hatte einiges auf der Habensseite, war die zweitgrößte Stadt der Republik, da war es auch klar, dass Hamburg auch in kultureller Hinsicht zumindest die zweite Geige im deutschsprachigen Raum spielen würde. Und dem war ja auch so, Tom Stromberg hatte als Intendant des Deutschen Schauspielhauses eine funktionierende Bühne übernommen und ließ dort junge, unkonventionelle Leute wie Stefan Pucher oder die freie Gruppe She She Pop spannendes Theater machen, am benachbarten Thalia war ein (bislang verhältnismäßig unbekannter) Schwabe namens Ulrich Khuon erfolgreich dabei, dem Haus seinen etwas konservativen Ruf auszutreiben, und an der Hamburgischen Staatsoper wandte Louwrens Langevoort gemeinsam mit seinem Hausregisseur Peter Konwitschny konsequent Regietheaterstrategien auf die Oper an (was mich zu diesem Zeitpunkt zwar nicht interessierte, aber wenn man schon mal da war, konnte man doch ein wenig Interesse entwickeln, nein?). Gut, bei der Bildenden Kunst sah es schon damals mehr oder weniger mau aus in Hamburg, aber wenn ich erstmal in der Stadt angekommen wäre, müsste es sich über kurz oder lang schon ergeben, dass ich eine spannende Galerie nach der anderen kennenlernen würde, dachte ich. Schließlich die Subkultur, Hamburg, die Stadt von Beatles, Hafenstraße und Blumfeld, Hamburg, die Pophauptstadt der Republik!
Und heute? Spielt Hamburg längst nicht mehr die zweite Geige, von einer Augenhöhe mit Berlin möchte man gar nicht mehr sprechen, aber es gibt auch keine Augenhöhe zu Köln mehr, nein, nicht einmal zum immer verachteten München. Hamburg ist Kulturprovinz, und mir tut das in der Seele weh. Aber wie konnte das passieren, wie konnte hier alles nur so den Bach runter gehen? Eine Spurensuche.

1. Klaus Wowereit
Ich bin kein Freund von Wowereit. Manche halten ihn für einen herausragenden Vertreter des linken SPD-Flügels, ich nicht. Nur weil jemand mit der Linken koaliert, heißt das nicht, dass er auch für linke Politik steht, im Gegenteil empfinde ich die Berliner Lokalpolitik seit Wowereits Machtübernahme als massive Politik der Entsolidarisierung, als Politik der Gentrifizierung und der Eventisierung. Linkes finde ich da nicht. Andere gestehen Wowereit zumindest einen Sinn für die Künste zu, meist auf Grund der Tatsache, dass der Bürgermeister eine Nähe zu Glamour und Entertainment pflegt und zudem tatsächlich hin und wieder auf Vernissagen zu sehen ist – und nicht zuletzt, weil er den Posten des Kultursenators abgeschafft, das Ressort beim Bürgermeisteramt angesiedelt hat und dabei auch tatsächlich ein ehrliches Interesse am Thema erkennen lässt. Peter Raue hat im heutigen Tagesspiegel recht klug ausgeführt, weswegen er diese Ansicht für ein fatales Missverständnis hält.
Nein, die Qualität Wowereits ist eine andere, die Qualität Wowereits liegt in zwei altbekannten Aussagen begründet. Zum einen ist da Wowereits Outing 2001: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so!“ Damit brachte der Bürgermeisterkandidat eine gewisse Chuzpe, eine gewisse Nonchalance, vor allem aber eine ziemliche Risikobereitschaft in die Politik (2001 konnte solch ein Outing auch einen Karriereknick bedeuten). Von so jemandem wollten (zumindest die Coolen), naja, nicht gerne aber doch nicht extrem widerwillig regiert werden.
Zum anderen wichtig war Wowereits Charakterisierung Berlins 2004 als „arm, aber sexy“. Man stelle sich das mal vor: Plötzlich waren Reichtum, Fleiß, Pflichtbewusstsein gar nicht mehr erstrebenswert, plötzlich war Sexyness das, worauf es eigentlich ankam. Und Berlin hatte das – musste ja, wenn sogar der Bürgermeister das sagte. Kein Wunder, dass all diejenigen, die ebenfalls arm aber sexy waren (Künstler! Kreative! Cooles Prekariat!) dort hinziehen wollten. Ein Paradies für die kreative Klasse – und das waren ja wohl diejenigen, die laut Richard Florida die Zukunft darstellten. Gegen das Berlin Wowereits konnte Hamburg nur verlieren.

to be continued

02. Juni 2011 · Kommentare deaktiviert für He lücht! · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , ,

Ihr, die ihr behauptet, ein Stadtpark würde nicht zur modernen Freizeitgestaltung passen, ihr, die ihr behauptet, die Menschen würden keinen Park wollen, sondern Eventlocations, kommerzielle Funsportareale, ihr, die ihr behaputet, die Menschen würden gerne Eintritt zahlen für den Besuch in einem Gelände, von dem sie vergessen haben, dass es ihnen doch eigentlich gehört, weil das nämlich zur Folge habe, dass diejenigen, die keinen Eintritt zahlen können oder wollen, draußen bleiben:

IHR LÜGT! IHR LÜGT! IHR LÜGT!

(Und wenn man nur mal kurz Cui bono? fragt, die klassische Krimifrage: Wer hat eigentlich etwas davon, dass zum Beispiel der Altonaer Volkspark umgestaltet werden soll zu einer kommerziellen Freizeit-, Sport- und Vergnügungsstätte?)

Vor fünf Jahren habe ich Jonathan Meese fürs uMag interviewt (Leider nicht online, schade, das Gespräch ist lesenswert). Das war die Zeit, als Meese gerade durch die Decke ging, nach „Képi Blanc, nackt“ in der Frankfurter Schirn, kurz vor „Mama Johnny“ in den Hamburger Deichtorhallen. Ein kommender Star. Entsprechend wollte ich mit ihm über Geld sprechen, das fand ich spannend, in einer Zeit, in der der internationale Kunstmarkt geil auf Deutsches war, mit jemandem zu reden, der diese Geilheit befriedigte und der sich, so dachte ich, das auch entsprechend bezahlen ließ. Das Interview war lustig, das Interview war wirr, das Interview war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte: Meese behauptete mehr oder weniger, dass er sich kaum für Geld interessiere, dass er aber nicht nein sagen würde, das auch nicht könne, jede Anfrage sei ein Input für ihn, eine Inspiration, also versuche er, die Anfragen zu bedienen. Und dafür gebe es dann Geld, in Gottesnamen, das „sammle“ er dann. Das war ein Stück weit Pose, sicher, aber im Großen und Ganzen habe ich ihm geglaubt, ich glaube ihm immer noch.

Und jetzt wirbt Jonathan Meese für die Bild.

Wir sind Helden haben sich dieser Werbung verweigert und damit Anerkennung geerntet, auch über den eingeschworenen Fankreis hinaus. Vor allem hat die Neohippie-Band mit ihrer Verweigerung offen gelegt, wie die Bild-Kampagne überhaupt funktioniert: Promis (Jonathan Meese! Ein Promi!) werden gebeten, ihre ehrliche Meinung zu dem Printprodukt aus dem Hause Springer zu aufzuschreiben, das entstandene Werk wird daraufhin unverändert vergrößert und prominent plakatiert. Geld bekommen die Testimonials nicht, im Besten Falle ist die Werbung ein Gewinn für beide Seiten: Der Promi wird noch ein Stück prominenter (und kann in der Antwort seine Kreativität und seinen Humor beweisen), Bild inszeniert sich als tolerant, kritikfähig, diskussionsbereit. In der Realität ist es hingegen so, dass zumindest bei mir Promis unten durch sind, sobald sie auf den Bild-Plakaten auftauchen, Gottschalk, Lahm, Schweiger, okay, die gehen ohnehin nicht, aber: Richard von Weizsäcker, war das nichtmal einer von den Guten? Anscheinend nicht.
Und jetzt Jonathan Meese. Taucht mit einem eher lieblos hingeschluderten Heavy-Metal-Artwork auf, blökt in Abwandlung zum Kampagnen-Spruch „Bild dir deine Meinung“ den Meese-Klassiker „Die Diktatur der Kunst braucht keine Meinung“ und ist augenscheinlich ein Künstler, bei dem die Werber sogar Bild-Lesern zutrauen, etwas mit ihm anfangen zu können. Macht mich traurig, einerseits. Andererseits: Meese war für mich ohnehin überkommuniziert, etwas mit ihm machen hätte ich längst nicht mehr gekonnt, eigentlich kann es mir egal sein. Und ihm ist es wohl auch egal, er konnte halt mal wieder nicht nein sagen.

Auf St. Pauli tauchen seit kurzem Plakate auf, die optisch an die Bild-Kampagne angelehnt sind. Sie stammen von der Anwohnerinitiative No BNQ und wenden sich gegen den Gentrifizierungsprozess, der dem Viertel seit einiger Zeit schwer zu schaffen macht. Die Plakate zeigen Protagonisten aus dem Viertel, ganz normale Einwohner einerseits, Künstler und damit irgendwie auch Promis andererseits (St. Pauli ist Bohème, das lässt sich ja auch nicht wegdiskutieren). Und von einem Plakat grinst Melissa Logan vom Allround-Kunst-Kollektiv Chicks on Speed. Die passt da hin, klar, sie repräsentiert St. Pauli gut. Aber glücklich macht es einen nicht, dieses Plakat zu sehen. Weil Logan nämlich aus einer ähnlichen Szene kommt wie Meese, beide waren im erweiterten Umkreis des Hamburger Theaters Fleetstreet, beide haben eine ideelle Nähe zur Hafenstraße. Nur gibt die eine jetzt ihr Gesicht für eine Anwohnerinitiative her.
Und der andere seines für Bild.