Ich bin mir so unsicher. Bei jeder Gelegenheit betonen Polizei und Verfassungsschutz, dass rechte Gewalt ja wohl gleich schlimm sei wie linke Gewalt, und die freundlichen Helfer von Springer beten das sofort nach: Keinesfalls dürfe man auf dem linken Auge blind sein, man sehe ja schon an den ständigen Autobränden, wie böse diese Linken sind. So. Nur in Hamburg nicht. In Hamburg sprechen alle von „erlebnisorientierten Jugendlichen“, die voll unpolitisch auf die Kacke hauen würden. Selbst Bild, sonst ein enger Freund der Rechts-Links-Austauschbarkeit, schrieb vor einem Jahr (Normalerweise wird dieses Blatt auf meinem Blog nicht verlinkt, hier aber doch, von wegen Quellenangabe. Guttenberg vergaß das ja, ach, ich bin mir so unsicher):

Viele der rund 1500 Störer haben gar kein Interesse an der links-politischen Ausrichtung des Schanzenviertels. Sie kommen nur zum Randalieren. Unter den 42 Festgenommenen ist nicht einer, der im Viertel lebt. Die meisten sind laut Polizei „erlebnisorientierte Jugendliche“, viele haben Migrationshintergrund, waren auffällig gut gekleidet.

Was soll das? Wollen die Konservativen gerade in Hamburg, gerade im Schanzenviertel bloß nicht den Eindruck aufkommen, da hätte jemand womöglich ein berechtigtes Anliegen und würde nur die falschen Mittel wählen? „Erlebnisorientierte Jugendliche“, das sind doch nur Bengel, mit denen man sich nicht weiter zu beschäftigen braucht, denen gibt man ein paar hinter die Ohren und schickt sie dann nach Hause, nein? Oder was? Und: Wie stehe ich eigentlich zu diesen Leuten? Sind das Linke? Oder wirklich dumme Kinder? Ich bin mir so unsicher.

Ich weiß doch gar nichts. Grundsätzlich finde ich ja gut, wenn darauf hingewiesen wird, dass das Schanzenviertel, überhaupt: die Innenstadt, kein kommerzieller Raum ist, dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass Mövenpick ein Luxushotel in einen denkmalgeschützten Wasserturm baut, mitten im Naherholungsgebiet für die Anwohner. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Rote Flora zum Objekt von Immobilienspekulation wird. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Stadt, ihr Lebensraum, geprägt wird vom Kapital und sonst von nichts. Ich finde gut, wenn man sich wehrt.
Aber: Wehrt man sich, indem man gewalttätig wird? Funktioniert das überhaupt, ist nicht die Staatsmacht in jedem Fall stärker, haben die nicht Knüppel, wenn wir Fäuste haben, haben die nicht Knarren, wenn wir Knüppel haben, haben die nicht Panzer, wenn wir Knarren haben? Mal ehrlich?
Ähnlich ist die Sache mit den brennenden Autos. Was soll das denn bringen? Das soll das bringen: Verunsicherung der Herrschenden. Denen zu sagen, dass sie nicht auf Solidarität zählen können, sie sind der Feind. „Siehst du die Reichen und Mächtigen?/Lass ihre Wagen brennen“ singt Jochen Distelmeyer, und bei dem muss man natürlich fünfmal um die Ecke denken, um zu kapieren, was er eigentlich meint. In einer Großstadt braucht man kein Auto, wer doch eines hat, der betreibt damit ein Zeichenspiel der sozialen Segregation, ja? Und ist das wirklich so? Wenn in, sagen wir, Eimsbüttel der alte Daimler vom Besuch des Nachbarn in Flammen aufgeht und durch Funkenflug der Polo von der netten jungen Frau aus dem Erdgeschoss gleich mit, ist das dann Widerstand? Die Reichen und Mächtigen, also, echt jetzt? Ich bin mir so unsicher.

Erstmals wurde eine Gruppe mutmaßlicher Auto-Brandstifter verhaftet. Und endlich sprechen die Medien auch wieder von „links-autonomen Tätern“, die Welt ist in Ordnung. Und Frau Merkel freut sich, nicht darüber, sondern darüber, dass in Pakistan ein alter, politisch anscheinend weitgehend machtloser Mann erschossen wurde. Sollen sie, zumindest wird die Welt so wieder ein Stück weit übersichtlicher.
Wird sie?

Mein Ausgehverhalten hat sich verändert, in den letzten Jahren. Zu Beginn meiner Hamburger Zeit bin ich viel in der Schanze unterwegs gewesen, im Saal 2, im Thier, im Zoe II, in dieser komischen Bar am Schulterblatt, die es schon lange nicht mehr gibt. Irgendetwas hat sich verändert, ich habe mich verändert, wahrscheinlich, auf jeden Fall ging ich schon länger nicht mehr hier aus. Was nicht schlimm ist, nein. Aber wenn ich jetzt über die Schanze gehe, dann stelle ich die Veränderungen, die hier ja wohl schleichend passierten, überdeutlich fest. Die Video-Gegensprechanlagen, die Modediscounter, die Stahltore an den Einfahrten, die Pub Crawls. Die Schanze erscheint mir heute so, wie mir der Prenzlauer Berg vor fünf Jahren schien: Eine Mischung aus überteuertem Amüsierviertel, schick renoviertem Wohnquartier, Touristenfalle und, immer noch, ein, zwei hübschen Straßenzügen, mit Bars, in die ich weiterhin gerne gehe, hin und wieder.

Und mittendrin steht, immer noch, die Rote Flora. Die Rote Flora ist eine Ruine, ein 1888 erbautes Theatergebäude, das Ende der 1980er zur Musicalabspielstätte umgebaut werden sollte, dann aber besetzt wurde und heute eine Art autonomes Kulturzentrum ist. Ein schöner Ort, in dem ich immer wieder reizende Konzerte und Clubabende erlebte, was mich natürlich ein Stück weit als Typen charakterisiert, den die Flora-Betreiber eigentlich gar nicht als Gast haben wollen: als Nutzer der Infrastruktur, der mit dem politischen Hintergrund der Flora wenig am Hut hat. Als Nutzer einer Dienstleistung, die so aussieht, dass mir Musik und Getränke zu einem mehr als fairen Preis angeboten werden.
Das stimmt zwar nicht, auf der einen Seite, weil ich natürlich mit den Zielen der Stadtaneignung durch klandestine Gruppen deutlich sympathisiere. Auf der anderen Seite stimmt es wohl, weil ich persönlich diese Ziele nicht lebe, weil ich Miete zahle und Parteien wähle, die sich zumindest nicht den radikalen Systemwandel auf die Fahnen geschrieben haben. Und weil ich in die Flora gehe, wenn dort Tocotronic spielen; wenn Tocotronic aber im Uebel & Gefährlich spielen, dann gehe ich dorthin. Ich bin wahllos, untreu, und Linksradikale leben in solchen Dingen einen Treuebgriff, den selbst Erzkatholiken nicht mehr auf die Ehe anwenden würden.

Und doch, und doch. Ich halte es für wichtig, dass es Orte wie die Flora gibt, Orte, die eine Gegenöffentlichkeit darstellen, Orte, die nicht leicht konsumierbar sind, Orte, die sich verweigern. Als vor knapp zwei Jahren Künstler das Gängeviertel besetzten und in einer Public-Relations-Meisterleistung selbst die bürgerliche Presse auf ihre Seite zogen, da ließ einem der Erfolg dieser Besetzung den Mund offen stehen. Aber es muss auch Orte geben, die nicht von den netten Besetzern von nebenan geführt werden, es muss Orte geben, bei denen die Tür zugeht, sobald die Presse anklopft. Es braucht Interviews, wie das, das von Matthias Rebaschus und Joachim Mischke vorgestern fürs Hamburger Abendblatt (Achtung, Abonnenten-Login) mit den Rote-Flora-Aktivisten Andreas Blechschmidt und Florin geführt wurde, und in dem die Beiden die Frage beantworten, was passieren würde, wenn Bürgermeister Olaf Scholz plötzlich vor der Tür stehen würde.

Florin: Es ist völlig klar, dass die Tür in dem Moment verschlossen bleiben würde. Für uns haben nicht nur private Investoren wie Herr Kretschmer an der Flora nichts verloren. Auch die Stadt ist für uns kein akzeptabler Kooperations- oder Verhandlungspartner. Was die städtische Politik gegenwärtig darstellt, ist Teil des Problems, zu dem wir einen Kontrapunkt schaffen wollen.
Blechschmidt: Herr Scholz ist für uns ein politischer Gegner, mit dem wir uns nicht auf ein Kaffeekränzchen zusammensetzen wollen.

Mich würde das auch treffen, klar. Wenn nämlich am Einlass rauskäme, dass ich Journalist bin, dann lassen sie mich sicher nicht rein, ich bin Presse, ich bin der Feind. Damit muss ich dann leben. Damit, dass es Institutionen gibt, die kein Bestandteil sein wollen, für die es keinen Grund zur Versöhnung gibt. Allerdings: Eine Stadt, in der solche Institutionen fehlen, in der möchte ich eigentlich nicht mehr länger wohnen.
Und deswegen sollte ich vielleicht wieder häufiger in der Schanze ausgehen.

Ich bin in meinem Leben schon ein paarmal umgezogen. Nichts weltbewegendes, kein Ausland, kein St. Moritz, keine einsame Nordseeinsel oder so, aber häufig genug, um halbwegs einschätzen zu können, wo ich mich wohlfühle. Ich fühle mich wohl: im Ruhrgebiet. Und in Berlin. Das ist jetzt nichts Besonderes, aber man kann einen Schluss daraus ziehen: Ich scheine mich vor allem in Städten wohlzufühlen, die eher proletarisch geprägt sind, Städten, die nicht unbedingt von ihrem funktionierenden Bürgertum leben. (Dass ich selbst rein gar nichts Proletarisches an mir habe, dass ich mit meiner Ausbildung, meinem Beruf und meinen Interessen viel besser in die bürgerliche Schublade passe – geschenkt.)
Mit Hamburg tat ich mich entsprechend ziemlich lange schwer. Hamburg, das ist eben extrem wohlhabend, extrem teuer, extrem elitär, Hamburg, das ist eigentlich genau das Gegenteil von den Städten, in denen ich mich zu Hause fühle. Natürlich, Hamburg ist unglaublich schön, Hamburg hat den Hafen, hat den Fluss, hat eine weite Wasserfläche mitten in der Innenstadt, das ist ein Freizeitwert, den man nicht missen möchte. Bloß vertraut Hamburg eben auch blind auf diese Qualitäten, Hafenelbealster, eine Stadt, die sowas hat, die braucht nicht mehr, um lebenswert zu sein, oder? Aber eine Stadt braucht mehr, sie braucht bezahlbaren Wohnraum, sie braucht soziale Reibeflächen, sie braucht Freiräume, sie braucht Kunst und Kultur, und sie braucht Künstler. Dass Hamburg das alles hat, das kapierte ich erst verhältnismäßig spät: Es gibt in dieser Stadt subversive Reste, eine hochintellektualisierte Politszene aus den Überbleibseln der Hafenstraße etwa, oder eine Ausgeh- und Clubszene, die ernsthafte Anliegen ironisch verpacken konnte, den Pudel am Fischmarkt, die Mutter in der Stresemannstraße, die Weltbühne und die Tanzhalle.
Aus. Weltbühne und Tanzhalle haben längst zugemacht, die Mutter wird von Touristen überschwemmt, die Politkunstszene wohnt weitgehend in Berlin. Es ist unfair, so etwas an Personen festzumachen, aber als Angela Richter vor einem halben Jahr ebenfalls in die Hauptstadt gezogen ist und ihr Minitheater Fleetstreet daraufhin (zumindest in der bekannten Form) schließen musste, war mir klar, dass hier etwas kaputt ging.

Als ich vor zwölf Jahren nach Berlin zog, war ich unglaublich geflasht, wie sich die Szenen hier mischten. In Berlin hingen Punks, Schwule, Künstler, Linksradikale, Türken und Hedonisten zusammen, und irgendwie entstand aus diesem Gebräu etwas Spannendes. Nun gut, diese Mischung der Szenen passierte eigentlich nicht in Berlin, sie passierte in Kreuzberg, nein, sie passierte eigentlich ausschließlich im engeren Umfeld ums SO 36. Und tatsächlich gibt es solch einen eng umrissenen Bereich in Hamburg auch, er beginnt auf Höhe der Landenungsbrücken an der Elbe und zieht sich ungefähr vier Kilometer in Richtung Norden, nahezu rechteckig, durch St. Pauli, die Reeperbahn, ins Schanzenviertel, bis ungefähr auf Höhe der Roten Flora. Eine Fläche von rund acht Quadratkilometern, die zudem unter heftigstem Gentrifizierungsdruck steht. Dieser Gentrifizierungsdruck besteht ums SO 36 natürlich auch, Berlin ist wohl nicht besser als Hamburg, und das Berlin, das ich vor zwölf Jahren kennen und lieben gelernt habe, gibt es längst nicht mehr, klar. Ich bin ja nicht naiv.

Der Unterschied ist: Hamburg hat es nicht nötig, mir zu sagen, ja, es ist hier nicht alles okay, aber wir schätzen dich mit deiner Sehnsucht nach Freiräumen dennoch, und wir wollen dich nicht verlieren. Hamburg sagt: Freiräume brauchen wir nicht, wollen wir nicht, und Leute, die danach Sehnsucht haben, die sollen doch nach Berlin gehen, denen weinen wir keine Träne hinterher. Tim Hillenbrand hat das in seinem bösen, heftige Wellen schlagenden Abschiedsbrief „Hamburg, keine Perle“ vor einem Monat sehr schön formuliert:

(…) Andere Städte geben sich richtig Mühe, es ihren Bürgern nett zu machen. Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass man mit dem Fahrrad fahren kann, ohne täglich den Unfalltod zu riskieren. Du nicht. Ich habe gehört, dass Du kommendes Jahr “Green Capital Of The World” wirst. Ist das ein Witz? Mit wem musstest Du dafür ins Bett gehen? Genausogut könnte man Berlin zur “Freundlichsten Metropole der Welt” küren.
Noch ein Beispiel gefällig? Du arbeitest seit längerem daran, zur kinderfeindlichsten Stadt Deutschlands zu werden. Deine Kitaplätze, ohnehin zu dünn gesäht, kosten jetzt über 500 Euro. Du hast das Essensgeld in Kindergärten und Schulen auf einen Schlag um 60 Prozent erhöht. (…)
Das einzige, was Du dauerhaft erreicht hast, ist, Deine Bürger zu vergrätzen. Deine Leute! Die Dich immer verteidigt haben. Die immer eine Niederschlagsstatistik zur Hand hatten, wenn die Münchner Dich wegen Deines Wetters verspotteten. Die immer eine Liste namhafter Künstler herunterrattern konnten, wenn mal wieder ein Berliner behauptete. “Hamburg? Da ist doch nichts.”
Für die müsstest Du mal Standortmarketing machen. Mit bezahlbaren Wohnungen. Mit Angeboten für Familien. Ist Dir eigentlich bewusst, dass ein Krippenplatz in Hamburg fast dreieinhalb mal so viel kostet wie in München?

Ja, Hillenbrand ist unfair, und Hillebrand ist auch ein bisschen doof (weil er nämlich ausgrechnet nach München zieht, die Stadt, die nun wirklich rein gar nichts von dem hat, was er in Hamburg berechtigterweise vermisst). Aber er hat recht. Hamburg, das ist eben nicht nur die tolle Elbe, das ist auch eine Stadt, die eine Verkehrspolitik macht, die jedes Verkehrsmittel, das nicht PKW heißt, erstmal zweitrangig behandelt. Hamburg ist eine Stadt, in der jeder hilflose Ansatz, Ungerechtigkeiten zumindest ein klein wenig abzumildern, sofort niedergebügelt wird, ob das jetzt der Versuch eines Schulsystems ist, dass minimal durchlässiger wird oder eine bessere Anbindung eines Problemstadtteils an den ÖPNV – sofort bilden sich Bürgerinitiativen dagegen. Hamburg ist eine Stadt, in der Pfründe aggressivst verteidigt werden. Vielleicht lese ich zuviel die Leserbriefspalten der einzig echten Lokalzeitung, aber ich habe immer mehr den Eindruck: Diese Stadt ist bevölkert von Leuten, die eine wahnsinnige Angst haben vor Freiräumen, vor Vermischung der Szenen, vor Subversion. Diese Stadt ist viel mehr Wandsbek und viel weniger St. Pauli. (Das ist nicht so weit hergeholt: Bei der regierenden CDU etwa geht rein gar nichts ohne Rücksprache mit dem mächtigen Ortsverband Wandsbek.)

Und dann stehe ich eben doch wieder an der Elbe und bin gepackt. Diese Stadt weiß nämlich, wie sie mich kriegt: mit ihrem Fluss. Dann gehe ich ins uebel & gefährlich und glaube, im besten Club der Welt zu stehen, dann gehe ich ins Thalia und bin überzeugt, dass nirgendwo in Deutschland besseres Theater gemacht wird, dann gehe ich am Gängeviertel vorbei und glaube, dass die subversive Kunstszene doch noch nicht vollkommen nach Berlin abgewandert ist.
Und dann habe ich doch noch meinen Frieden mit Hamburg gemacht, für kurze Zeit.

Edit: Ein halbes Jahr später äußert sich Hillenbrand noch einmal selbst zu seinem Text – in einem leider etwas nichtssagenden Video.

13. September 2010 · Kommentare deaktiviert für Ich, Konservativer · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , ,

Die CDU befürchtet, dass Konservative sich nicht mehr in der Partei heimisch fühlen dürften. Das verstehe ich. Ich fühlte mich noch nie in der CDU heimisch, und konservativ, das bin ich zweifellos.

1. Ich bin ein Freund von Ritualen. Rituale strukturieren das Dasein, Rituale sorgen für ein Verknüpfen von Ästhetik und Alltag. Ich bin nicht gläubig, und wenn man mich fragt, welche Institution sofort verboten gehört, dann sage ich: katholische und evangelische Kirche, aber der katholische Ritus übt einen großen Reiz auf mich aus. Im ästhetischen Sinne, meine ich.
2. Ich bin ein Bildungsbürger. Irgendwann habe ich aufgehört, mich gegen meine Herkunft zu wehren, irgendwann musste ich anerkennen, dass es eine gute Sache war, in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem gelesen wurde, in dem die Beschäftigung mit Kunst und Theater geschätzt wurde, in dem ich ein klassisches Musikinstrument gelernt habe (auch wenn von Anfang an klar war, dass ich es an diesem Instrument zu nichts bringen würde). Mehr noch: Mir will nicht einleuchten, wie man gegen so etwas, man nennt es: klassisches Bildungsideal, wirklich etwas haben kann.
3. Ich mag Tradition. Doch, ist so. Ich höre gerne Popmusik, der man anhört, wo sie herkommt, bei der gewisse soziale Strukturen durchscheinen. Sachen wie die Südafrikanischen White-Trash-Afrikaans-HipHopper Die Antwoord, bei denen man trotz aller ironischen Brechungen merkt, was für eine Welt hinter ihnen steckt. Und eben keine Sachen wie die Parlotones, die ebenso aus Südafrika kommen, bei denen aber kein normaler Mensch hört, was da hinter steckt.

[vimeo 13079525]

4. Schließlich vertrete ich noch konservative Werte. Zum Beispiel den Wert der Solidarität, war für mich immer sehr wichtig. Außerdem einen Wert, nach dem Reichtum unbedingt verpflichtend ist. Daraus kann man einen gewissen Etatismus ableiten: Steuererhöhungen sind für mich erstmal eine gute Sache, weil ich wie jeder gute Konservative glaube, dass der Mensch nicht von Grund auf gut ist und man ihn besser dazu zwingt, ein wenig von seinem Besitz abzugeben, als dass man auf seinen guten Willen und seine Spendenbereitschaft hofft.
5. Und ich will bewahren. Ich finde es durchaus nicht in Ordnung, wenn Stadtviertel platt gemacht werden, nur um des Profits willen. Ich finde nicht okay, wenn die Lebensleistung von Menschen von einem Tag auf den anderen entwertet wird. Mir gefällt es nicht, wenn immaterielle Güter wie Musik oder Kunst lächerlich gemacht werden, wenn ihre Verwertbarkeit nicht sofort einleuchtet.

Natürlich hatten Konservative wie ich noch nie ihre Heimat in der CDU. Die CDU war von Anfang an die Partei der Herrschenden, die CDU interessierte am Konservatismus ein einziger Aspekt, und das war die Autoritätshörigkeit. Wenn man auf Autoritäten hörte, dann war man in den Augen der CDU konservativ, und Autoritäten definierten sich für die CDU nach drei Kriterien: 1. Sie waren alt (Eltern, Lehrer, Vorgesetzte) 2. Sie ware althergebrachte Autoritäten (Kirche, Militär, Polizei) und 3. Sie waren Autoritäten qua Besitz (Establishment). Dieser dritte Punkt erklärt, weswegen die momentane CDU-FDP-Koalition wahrscheinlich wirklich die natürliche Machtinstitution dieses Landes ist: Beide Parteien haben eine wahnsinnige Aversion gegen die Vorstellung, dass Hierarchien in diesem Land in Bewegung geraten könnten, beide Parteien sind eigentlich Vertreter derjenigen, die die Macht schon haben und diese, bitte schön, nicht abzugeben gedenken. Das Problem der momentanen Regierungskoalition ist, dass sie mittlerweile überdeutlich alles diesem Machtgedanken unterwirft und nicht einmal versucht, das durch, beispielsweise, Bildungsideale zu übertünchen. Diese angeblich Konservativen sind dumm wie Stroh, aber sie sind beseelt von der Annahme, die Macht zu recht in den Händen zu halten. Und dieses Beseeltsein blöken sie auch noch stolz raus.

Natürlich bin ich kein Konservativer. Bloß weil man gerne ins Theater geht, wird man nicht konservativ, zumal wenn man andere konservative Charakteristika wie zum Beispiel die Autoritätshörigkeit von Herzen ablehnt. Aber dass der CDU die Konservativen davonlaufen, das wundert nicht. Wo die CDU doch seit Jahren nichts anderes gemacht hat als den (schon per se nicht unbedingt hübschen) Konservatismus auf sein hässlichstes Merkmal zu reduzieren.
Schön.

05. September 2010 · Kommentare deaktiviert für In Richtung Nordsee tröten · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

Nachdem das Deutsche Schauspielhaus die Spielzeiteröffnung mit einer Art Jugendtheater ohne jugendlichen Appeal beging, zieht jetzt das Thalia nach und eröffnet mit, nunja, einer Art Puppentheater: Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun inszeniert ein eigenes Stück namens „Vor uns die Sintflut“. Und der Einstieg zeigt eben einen angelnden Seemann mit einem Sockenpuppen-Fisch, nicht uncharmant, aber auch ein wenig läppisch. Nun denn.
Im Vergleich zu früheren Theaterarbeiten Kameruns fällt auf, dass es eine echte Handlung gibt. Nämlich die: Eine Bordgesellschaft aus bohèmienhaften Künstlerexistenzen schippert auf einem Luxusliner über die Weltmeere, um das Seebegräbnis einer verstorbenen Operndiva zu begehen, während im Unterdeck Heizer (das Proletariat!) und Flüchtlinge (das unheimliche Andere!) vor sich hinvegetieren. Was mehr oder weniger originalgetreu die Handlung von Fellinis Film „E la nave va“ (1983) ist, im Programmheft nichtsdestotrotz als ureigene Schöpfung Kameruns bezeichnet wird. Dafür hören wir aber: Großartige Musik der All-Star-Band Die Vögel (Ja, König, Ja-Multitalent Jakobus Siebels, Goldene-Zitronen- und Stella-Mitglied Mense Reents sowie Sterne- und Goldene-Zitronen-Bassist Thomas Wenzel), einen sehr coolen Bühnehund, der eigentlich nichts macht außer hin und wieder von links nach rechts zu laufen und zu schnuppern, Schauspieler, die einem den Atem nehmen, so gut sind sie (Lisa Hagmeister!, Felix Knopp! Alexander Simon!), immer wieder gute, politisch scharfe Ideen, die die Geschichte davor abhalten, vollends ins Läppische zu rutschen. Also: alles gut?

Nö.

Weil „Vor uns die Sintflut“ nämlich trotz aller Mühen Ausstattungstheater bleibt, letztlich ohne politische Relevanz. Weil die Idee, in Fellinis Reisegesellschaft ein Symbol für die dekadente, abgehobene Upperclass zu sehen, nicht funktioniert: „E la nave va“ spielt zu Beginn des Ersten Weltkriegs, einer Zeit, in der man Künstler tatsächlich noch als Bohème sehen konnte, „Vor uns die Sintflut“ will mit Sarkozy- und Sarrazin-Zitaten aber ein Stück für 2010 sein, und 2010 stehen Künstler dem Prekariat näher als der Oberschicht. Währenddessen fahren vor dem Theaterzelt dröhnende Partyboote vorbei, währenddessen schauen wir in der Pause auf die Beachclubs am Elbufer, währenddessen trötet ein Kreuzfahrtschiff lustig in Richtung Nordsee davon und erinnert daran, wer heute eigentlich wirklich der Dekadente ist. Vor allem aber: Das Thalia hat seine Zelt-Dependance ausgerechnet auf einer Brachfläche in der Hafencity aufgebaut, dem Symbol eines gentrifizierten Eliten-Wohnviertels, abgehoben von der echten Welt. Das fröhlich auf der Thalia-Website als Produktionspartner genannt wird, Dankeschön auch.

Der taz vom Samstag hat Kamerun ein kluges Interview über die Verquickung von kommerziellen mit künstlerischen Interessen im Stadttheaterbetrieb gegeben. So klug, wie die Musik der Goldenen Zitronen, so klug wie Kameruns sonstige Theaterarbeiten. Und irgendwie hätte ich mir so etwas Kluges auch in der Hafencity gewünscht.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=zICbt6BZmz8]

Wenn ich Gefahr laufe, zum Positive-Thinking-Monster zu mutieren, wenn ich glaube, dass die Menschheit im Großen und Ganzen eigentlich schon ganz in Ordnung ist, dann lese ich Internetforen. Oder die Kommentare auf welt.de. Oder Politblogs ohne strikte Moderation. Und hinterher sind die Verhältnisse wieder gerade gerückt: Die Menschheit, das sind doch in erster Linie spießige, rechte, intolerante Arschlöcher.

In Hamburg fand vergangene Woche eine Aktion gegen Mietwucher statt: Demonstranten aus dem Recht-auf-Stadt-Umfeld enterten eine Wohnungsbesichtigung im Schanzenviertel und funktionierten diese zur „Fette-Mieten-Party“ um. Ich will gar nicht sagen, dass ich solche Aktionen uneingeschränkt toll finde, Spaßguerilla hat für mich immer auch einen Hintergrund von: muss man nicht so ernst nehmen, ist mehr Kunst als Politik, ist viel zu nett, ist zu Ende gedacht eigentlich systemstabilisierend. Andererseits: Immerhin macht mal jemand was.
Egal, die Aktion fand statt, und weil die Recht-auf-Stadt-Öffentlichkeitsarbeit auf Zack ist, gab es auch eine ganze Menge Medienaufmerksamkeit. Unter anderem Spiegel Online berichtete, wobei ich es aus journalistischer Sicht problematisch finde, dass diesen Bericht ausgerechnet Christoph Twickel schrieb, Twickel, der zwar einerseits ein profunder Kenner der Themen Gentrifizierung und Kultur des urbanen Raumes ist, auf der anderen Seite als einer der Väter von Not in our Name, Marke Hamburg leider auch alles andere als ein überparteilicher Beobachter ist. Nunja. Twickel auf jeden Fall berichtete, und der Bericht war gut, was will man mehr.

Andere Menschen. Andere Leser. Vor allem: andere Kommentatoren im SpOn-Forum:

135 Beiträge, and counting. Einer hasserfüllter als der andere, Marke: Der Markt wirds schon richten, und die langhaarigen Drecksäcke sollen besser ordentlich studieren anstatt im Szeneviertel von früh bis spät Party zu machen. „wieso bilden diese Leute sich ein, sie müssten billiger wohnen als andere Leute?“ (alle orthographischen Ungenauigkeiten: sic) schreibt „Europa“. „(…) wenn partout keine der machtnahen Parteien sich um dieses Thema kümmern will, muss das zum Studieren in die Big Bad City gekommene Bürgerfräulein halt auch mal zwei U-Bahnstationen weiter fahren, um in die „In“-Gegend zu kommen. Das wäre dann auch ein nachhaltig praktizierter Protest gegen den (gemeinten oder echten) Wucher; und „nachhaltig“ mögen wir ja“, meint „Wintermute“. „Anstelle sich ne billige Wohnung zu nehmen oder haerter zu arbeiten (ja … das geht auch) wollen sie top wohnen und das zum Minimalpreis. (…) Diese Billigkultur kotzt mich an. Wenn du was willst, musst Du dafuer arbeiten. Punkt!“ behauptet „Sitrom“. Und „na hoffentlich hatte jeder von den hipstern sein iPhone dabei und hat fleissig getwittert. rebellion ist schick!“ glaubt „Bobby Shaftoe“. So geht das immer weiter, zum Heulen.

Diese Menschen, das sind Widerlinge, misgünstig, hässlich und dumm. Ich will sie nicht sehen, ich will sie nicht haben. Ich will, dass sie weggehen. Ach.

Foto: Michael Schmidt, aus der Serie „Frauen“ (1997–99), Copyright Michael Schmidt, Courtesy Galerie Nordenhake (Berlin)

Überall in Berlin hängen diese Fotos: Schwarzweißaufnahmen junger Frauen, meist ungeschminkt, meist kurzhaarig, meist in Bewegung. Nichts weiter, kein Bildhintergrund, keine Requisiten, kein Text. „Frauen“ heißt die Fotoserie, sie stammt von Michael Schmidt, und sie ist so etwas wie das zentrale Kunstwerk der diesjährigen Berlin Biennale. Kunst, die von einer provozierenden Unkünstlichkeit lebt. Und Kunst, die rausgeht aus dem Museum, auf Plakatwände, Websites, Zeitschriften. Für Schmidt repräsentieren die Porträtierten „eine Generation von jungen Frauen, die für einen Umbruch und ein neues weibliches Selbstbewusstsein stehen.“ Was aus dem Mund eines 1945 geborenen Fotografen ein bisschen unangenehm an eine schwiemelige Männerfantasie erinnert, dennoch: Diese Bilder zeigen tatsächlich eine neue Form von Weiblichkeit, sie zeigen einen Frauentypus, wie er sich um die Jahrtausendwende in Berlin breit gemacht hat, unbekümmert desillusioniert, ungezwungen erotisch, im Bewusstsein, dass die Multioptionalität der Gegenwart erstens eine Zumutung darstellt und dass man zweitens aus dieser Zumutung das Beste machen sollte. Wenn man so will, hat Schmidt für „Frauen“ einen Augenblick der Realität eingefangen, so gut das Kunst eben kann.

Darum geht es in dieser Ausstellung: einen Zugang zu realistischer Kunst zu finden, trotz aller Berechtigten Zweifel am künstlerischen Realismuskonzept. „Die in der Ausstellung versammelten künstlerischen Positionen verbindet ihr Blick auf die Wirklichkeit. (…) Das Ziel der Ausstellung ist dabei nicht die Verwechslung der Welt mit dem Ausstellungsraum; ihr Ziel ist es, den Betrachter zurück auf die Welt zu verweisen, auf das, was draußen wartet“, schreibt Kuratorin Kathrin Rhomberg im Katalog. In der Praxis sieht das dann so aus: In den Kunst-Werken ist ein Stockwerk in grelles Licht getaucht, ein riesiger, leerer, weiß getünchter Raum ohne jedes Kunstwerk. Nur in einer Ecke gibt es ein Fenster, das den Blick in den Nachbarraum erlaubt. Und dort sehen wir die riesige Installation „The places I’m looking for, my dear, are utopian places, they are boring and I don’t know how to make them real“ (2010) von Petrit Halilaj: die Holzverschalung eines Hauses, das der Künstler in seiner Heimatstadt Pristina baut. Der Blick geht aus dem White Cube hinaus auf ein Kunstwerk, das seinerseits den Blick weiter leitet in die soziale Realität des Kosovo, so funktioniert die Theorie dieser Biennale.

Oft hat die hier gezeigte Kunst eine dokumentarische Anmutung, so etwa wenn Bernard Bazile Demonstrationen in Paris filmt, wenn Mark Boulos Rituale nigerianischer Terroristen in einer Zweikanalinstallation mit der kollektiven Exstase einer Termingeschäftsbörse koppelt, wenn Renzo Martens mit Haut und Haar eine nüchterne Bestandsaufnahme der ökonomischen Ungerechtigkeiten zwischen erster und dritter Welt torpediert und so eine Art Michael Moore für den Kunstbetrieb wird. Sehr selten spürt man einen sinnlichen Reiz, manchmal aber schleicht sich ein stiller Humor in die Schau: Wenn Ron Tran zwei Reihen von Parkbänken fast unbemerkt verrückt, wenn Anna Witt in einem Video ihre eigene Geburt nachstellt. Und eine Arbeit rührt einen dann doch an, von Herzen: Ferhat Özgürs Video „I can sing“ (2008), in dem verschleierte Frauen zwischen Ankaraer Baustellen, Brachflächen und Moscheen singen. Beziehungsweise: die Lippen zu Jeff Buckleys Version von Leonard Cohens „Hallelujah“ bewegen.
Neben Özgür gibt es noch eine weitere Künstlerin aus der Türkei: Nilbar Güres. Ihre Fotoserie „Circir“ (2010) ist härter als der melancholische Religions-Clash Özgürs, sie zeigt die Bewohnerinnen eines Istanbuler Vororts und damit eine durchmischung von Generationen, Lebensstilen, sozialen und sexuellen Identitäten. Das Stadtviertel wird zum Körper, und Güres dokumentiert die Veränderungen dieses Körpers – wobei die finale Veränderung nur in zwei, drei Fotos spürbar ist: Das Viertel wird über kurz oder lang einem Tunnelbau weichen.

So wird der Blick ins Freie wieder eröffnet, der Realismus, den die Berlin Biennale einfordert. Und so kommt eben auch ein unangenehmer Aspekt dieser Ausstellung zur Sprache: Was bedeutet es eigentlich fürs soziale Umfeld, wenn die Kunst einfällt? Die Berlin Biennale bespielt neben den Kunst-Werken auch verschiedene Orte in Kreuzberg, zentral ein leerstehendes Kaufhaus am Oranienplatz. Allerdings stieß die Bespielung dieses Ortes nicht auf ungeteilte Begeisterung, in Kreuzberg befürchtet man mit dem Einmarsch der Kunst einen ersten Schritt zur Gentrifizierung des Viertels (Andrej Holm hat Verständnis für diese Befürchtungen, Harald Jähner in der Berliner Zeitung eher weniger).
Ganz falsch ist diese Annahme sicher nicht. In Mitte, im Dreieck Auguststraße-Gipsstraße-Sophienstraße, hat es die Kunstszene geschafft, ein funktionirendes Nebeneinander aus Wohnen, Arbeiten und Ausgehen innerhalb von zehn Jahren zur hochpreisigen Luxusmeile zu verschandeln. Ironischerweise auf eigene Kosten: Immer mehr Galerien kehren Mitte den Rücken, was bleibt sind Boutiquen, schlechte aber teure Restaurants und unbezahlbare Wohnungen. Nur ist die Berlin Biennale nicht der erste Adressat für solche Vorwürfe: Die Biennale ist keine Galerienschau, es geht bei ihr nicht um einen Kunstmarkt, es geht ihr um Theorie. Tatsächlich werden wohl an kaum einem Ort soziale Verschiebungen so klar und selbstkritisch reflektiert wie hier – man denke nur an Güres‘ Video. Ted Gaier, Rocko Schamoni, Melissa Logan und andere Hamburger Künstler haben diese selbstkritische Reflexion durch das Manifest Not in our Name, Marke Hamburg sehr klug formuliert: dass sie selbst gleichzeitig Opfer von Gentrifizierung wie auch Gentrifizierer sind.

Wir kommen aus besetzten Häusern, aus muffigen Proberaumbunkern, wir haben Clubs in feuchten Souterrains gemacht und in leerstehenden Kaufhäusern, unsere Ateliers lagen in aufgegebenen Verwaltungsgebäuden und wir zogen den unsanierten dem sanierten Altbau vor, weil die Miete billiger war. Wir haben in dieser Stadt immer Orte aufgesucht, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren – weil wir dort freier, autonomer, unabhängiger sein konnten. Wir wollen jetzt nicht helfen, sie in Wert zu setzen.

„Not in our Name, Marke Hamburg“ hat die Janusköpfigkeit von Kunst und Gentrifizierung recht gut verstanden, soweit ich den Berliner Diskurs überblicke, ist man dort noch nicht ganz so weit. Was der Protest gegen die Biennale aber auf jeden Fall gebracht hat: Der Anspruch der Ausstellung, den Zusammenstoß mit der Realität zu wagen, hat wohl sich radikaler erfüllt, als es die Ausstellungsmacher erwartet haben. Die Kunst ist in die Realität eingebrochen, hat versucht, die Realität zu reflektieren – und derweil hat sich die Realität selbst in den Diskurs eingemischt. Hat darauf hingewiesen, dass das alles gar nicht so toll ist, wie es hier abläuft. „Was draußen wartet“ war das Motto der Biennale – dass das, was draußen wartet, nicht unbedingt freundlich gesinnt ist, ist eine hübsche Volte dieses Gedankens.