Ich habe eine Kleinstadtvergangenheit, das ist bekannt unter den Lesern dieses Blogs. Allerdings habe ich diese Vergangenheit hinter mir gelassen, zumindest körperlich (In Wahrheit ist es natürlich so, You can take the boy out of Gießen, but you can’t take Gießen out of the boy). Und deswegen kam gestern alles wieder hoch, beim Besuch im Theater Lüneburg zur Premiere von Dea Lohers „Klaras Verhältnisse“: die schreiende Stillosigkeit des Theatergebäudes. Die Beflissenheit, mit der das (mehrheitlich ältere) Publikum sich fein gemacht hat für den Abend – ein Premierenbesuch ist etwas Besonderes, ein gesellschaftliches Ereignis, da trägt man Anzug. Das genervte kollektive Aufstöhnen, sobald auf der Bühne etwas passiert, das man irgendwie als Sexszene interpretieren konnte. Als ob die Neunziger nicht vergangen wären.

Aber die Inszenierung Nilufar K. Münzings! Die war gar nicht einmal schlecht, besser jedenfalls als diejenige des gleichen Stücks, die ich vor zwölf Jahren am Hamburger Thalia Theater sah. Und das sage ich jetzt nicht, weil ich in aller Großstadt-Arroganz den Gönner raushängen lasse, „Ach, klar für die Provinz war das ja wirklich ganz ansehnlich!“ Nein, war wirklich gut. Und Entsprechendes habe ich auch für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Die junge Regisseurin Nilufar K. Münzing (…) vergisst eine Finanzkrise später die Aufführungsgeschichte von „Klaras Verhältnisse“ und konzentriert sich in ihrer Inszenierung auf den ökonomischen Kern des Stücks: „Klaras Verhältnisse“, das sind natürlich die Verhältnisse, die die Protagonistin eingeht, aber es sind auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Figuren leben müssen. „Wir wären gut anstatt so roh. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

21. Januar 2013 · Kommentare deaktiviert für Ästhetik des Scheiterns (7): Kässpätzle · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Meine Verhältnis zum Schwabenland ist, der regelmäßige Leser dieses Blogs weiß das, ein gespanntes. Ich bin Schwabe, da lässt sich nichts dran deuteln, ich spreche in diesem leicht näselnden Singsang, jeder hört, wo ich herkomme. Und doch: bin ich seit knapp 20 Jahren fort aus diesem Landstrich, nicht ohne Grund. Der Schwabe als solcher ist ein fremdenfeindlicher, lustloser Spießer, geprägt von Leistungsdenken einerseits und religiös verbrämter Sexualitätsangst andererseits, außerdem wählt er vorzugsweise den rechten Rand der CDU, da will ich nichts mit zu tun haben. (Sage ich. Aber wehe, irgendjemand anders kommt auf die Idee, über Schwaben herzuziehen, da werde ich zum übelsten Diaspora-Lokalpatrioten.)

Wo man definitiv nichts gegen haben kann, ist die Schwäbische Küche. Der Schwabe kocht toll, Sauerbraten, Seelen, Pfitzauf, Schupfnudla. Und natürlich Spätzle. Frisch nach Hamburg gezogen, ging ich begeistert ins Lokal „Die Schwäbin“ essen, eine Gaststätte, die leider nach und nach kulinarisches Niveau einbüßte und schließlich abbrannte, vielleicht war letzteres ganz gut so. Leckere Linsen mit Spätzle kostete ich bei „Brachmanns Galeron“, preislich war das Ganze dem Arme-Leute-Gericht allerdings nicht wirklich angemessen. Und dann machte direkt bei mir um die Ecke das „Spätzle“ auf, ein grundsympathisches Bistro, das zu akzeptablen Preisen extrem leckere Kleinigkeiten anbot. Selbst kochte ich nie schwäbisch, aus Gründen.

Zu Beginn meines Studiums entschieden wir nämlich auf dem Wohnheimflur, dass jeder Mitbewohner ein leckeres Gericht aus seiner Heimat kochen sollte, und am Ende würde es ein Best-of-Studentenwohnheim-Eichendorffring-Menü geben. Pan, der Chinese, machte ultraleckere Dumplings. Paul, der Brite, kaufte Bier. Der Russe, dessen Namen ich nicht mehr weiß, machte eine Art Eintopf. Und ich machte Kässpätzle. Beziehungsweise, ich kaufte eine Tüte vorgekochte „Original schwäbische Eierspätzle“ und eine Tüte billigen, fertig geriebenen Industriekäse, haute alles zusammen mit etwas Wasser in einen Topf und ließ es köcheln. Schmeckte grauenhaft, das muss ich zugeben, aber dass Matthias, der doofe Jungunionist aus dem Hintertaunus, die entstandene Pampe mit einem großen Klecks Ketchup verfeinerte, tat mir dann doch weh. Auf jeden Fall hatte ich meine Lektion gelernt: Spätzle würde ich nie wieder selbst machen, nur noch im Restaurant (die allerbesten Kässpätzle bekam ich im übrigen nicht in Schwaben, sondern auf der Berghütte Angerer Alm am Kitzbüheler Horn – Spätzle, die einem nahezu auf der Zunge schmolzen) oder bei berufenen Hobbyköchen.

Dass Kollegin E. leckere Spätzle zauberte, nahm ich noch hin – E. ist ebenfalls Schwäbin und im Zubereiten von raffinierter Hausmannskost deutlich versierter als ich. Als aber Isabel mir extrem gelungene Kässpätzle vorsetzte, reagierte ich im Schwabenstolz verletzt: Isabel ist Rheinländerin, weswegen sollte sie bessere Kässpätzle machen als ich? (Weil so ziemlich jeder bessere Kässpätzle hinbekommt als derjenige, der für das Eichendorffring-Desaster verantwortlich war, oder?) Auf jeden Fall kann meine Ehre nur wieder hergestellt werden, indem ich selbst Kässpätzle mache.

Versuchsanordnung:

1. Teig herstellen. 500 g Mehl und vier Eier mit einer Prise Salz verrühren. Rühren und dabei immer wieder Mineralwasser (beziehungsweise Leitungswasser mit Kohlensäure) zugeben, bis eine zähflüssige Masse entsteht, die Blasen wirft, mit anderen Worten: bis die Schulter schmerzt. Teig eine Virtelstunde ruhen lassen.

2. 250 g Käse reiben (ich nahm Allgäuer Bergkäse, funktioniert anscheinend auch mit Emmentaler oder Greyerzer.)

3. Einen großen Topf Salzwasser zum Kochen bringen. Spätzlesteig portionsweise mit dem Spätzleshobel in das kochende Wasser tropfen lassen (die gute schwäbische Hausfrau nimmt Messer und Holzbrettchen statt Hobel, aber ich bin keine gute Hausfrau), nach wenigen Sekunden schwimmen die Spätzle obenauf und sind fertig. Mit einem Schaumlöffel herausheben, kurz unter kaltem Wasser abschrecken, in eine gebutterte Auflaufform schichten.

4. Jede Schicht Spätzle pfeffern (habe ich ein wenig zu gut gemeint) und gut mit Käse belegen. Wiederholen, bis keine Spätzle mehr übrig sind, dann in den Backofen damit (eigentlich nur, damit es warm gehalten wird und der Käse schmilzt, durch sind die Spätzle ja schon).

5. Fünf Zwiebeln klein würfeln, in ordentlich Butter goldbraun anbraten.

Deliziös.

20. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Theaterwissenschaftler sind hübscher als Studenten anderer Fachrichtungen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , , , , ,

In den Jahren vor dem Abitur 1992 erhielten wir Hefte, keine Ahnung von wem, vom Baden-Württembergischen Kultusministerium? Von der Bundezentrale für Politische Bildung? Vom Studentenwerk? Jedenfalls sollten uns diese Heftchen informieren, wie es nach dem Abi weitergehen würde, und der übliche Weg war damals recht deutlich vorgezeichnet: Studium. Es gab ein dickes Heft, in dem erklärt wurde, was einen im Ingenieursstudium erwarten würde, es gab ein dickes Heft, in dem es um Wirtschaftsstudiengänge ging, es gab mehrere sehr dicke Hefte, in denen die Lehrämter erklärt wurden. Und es gab ein ganz dünnes Heft namens „Studieren in eigener Regie“: Theaterwissenschaft.

Das Heft erklärte ziemlich eindeutig, dass man solch ein Studium besser erst gar nicht anfangen sollte (Brotlose Kunst! Und überhaupt, wen interessiert das eigentlich?), stellte aber pflichtschuldig die Studiengänge an acht Hochschulen grob vor (Mainz und Frankfurt hatten damals noch keine vergleichbaren Institute aufgebaut, und in den Osten traute man sich schlicht nicht). In Baden Württemberg gab es: keine einzige Uni, die das Fach anbot. Und als ich zur Studienbaratung der Uni Ulm ging, erklärte man mir auch frei heraus, dass es solch eine Fachrichtung gar nicht gebe. (Der Schwabe als solcher ist bekanntermaßen recht pragmatisch, was Wissenschaft angeht: Ein Studium, das nicht Maschinenbau heißt, des isch irgendwie nix rechts.) Ich musste mich also auf „Studieren in eigener Regie verlassen, bezüglich meiner Studienortwahl, und irgendwie war mir alles zu unsympathisch, was da genannt wurde. Hamburg war zu weit weg, Erlangen zu nah, München zu münchnerisch, Bayreuth zu verwagnert, Köln zu karnevalistisch. Bochum sagte mir zu, auch Berlin, aber überall gab es einen NC, und mein erwarteter Abischnitt schien mir hier das Genick zu brechen. Es gab allerdings eine Ausnahme: das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft an der Uni Gießen.

An allen anderen Unis studierte man Theaterwissenschaft auf Magister (für die Spätgeborenen: Das ist sowas wie Bachelor, nur für ganz alte Menschen), in Gießen war man am Ende „Diplom-Theaterwissenschaftler“. Außerdem gab es zwar ebenfalls einen NC, der allerdings erst zum Zuge kommen sollte, nachdem die Bewerber durch Einreichen einer Mappe sowie eine künstlerisch-wissenschaftliche Aufnahmeprüfung vorsortiert wurden, ich konnte also darauf hoffen, dass sich das Bewerberfeld so stark reduziert haben würde, dass auch Leute mit mittelprächtigem Abi noch eine Chance haben sollten. Frohgemut stellte ich meine Mappe zusammen, ohne auch nur annähernd Ahnung zu haben, was da eigentlich erwartet wurde: eine Kritik zu meinen laienhaften Versuchen als Schauspieler, in Kohouts „August August, August“ am Ulmer Jugendtheater Spielschachtel. Ein Empfehlungsschreiben meines Deutschlehrers. Ein dilettantischer Versuch einer Aufführungsanalyse.

Es war ein Desaster. Ich flog in der ersten Runde raus.

Worauf ich die Theaterwissenschaft sein ließ und mich für Literaturwissenschaft einschrieb. Ironischerweise landete ich zwei Semester später dennoch in Gießen, und weil die Theaterwissenschaftler fachfremd Seminare besuchen mussten, saßen ständig welche in den literaturwissenschaftlichen Veranstaltungen, abschätzig beäugt von uns „echten“ Wissenschaftlern: „Drama, Theater, Medien“ (wie dder Studiengang zeitweise hieß), das waren doch diese Luftikusse, die irgendwie in Kunst machten. Mein Verhältnis zur Angewandten Theaterwissenschaft war indifferent. Einerseits war ich eifersüchtig, ich meine, das waren Studenten, die die Plätze besetzten, auf denen eigentlich ich sitzen wollte. Andererseits waren die meist auch ziemlich nett. Und hübsch. (Das mag weit hergeholt sein, aber ich glaube wirklich, dass die Theaterwissenschaftler hübscher waren als die Studenten der anderen Fachrichtungen. Das ging so weit, dass mir das Mensaessen in der benachbarten Uni Marburg nicht schmecken wollte – in Marburg konnte man keine Theaterwissenschaft studieren, weswegen dort ausschließlich unattraktive Menschen in der Mensa saßen.) Und drittens muss ich sagen, dass das, was dort am Institut künstlerisch passierte, wirklich recht interessant war. Natürlich war es auch so, dass in einer kleinen Stadt wie Gießen die Probebühne des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft unglaublich wichtig für das Nachtleben war, mit Performances, Partys, Konzerten. Mit anderen Worten: Ich hing da ständig rum.

Als ich in Gießen anfing, hatte der Institutsgründer Andrzej Wirth gerade die Uni verlassen und war ersetzt worden durch Helga Finter, eine spröde Person, die das Künstlerische im Vergleich zur Wissenschaft zu vernachlässigen schien, und gegen die es am Institut eine mächtige Oppositionsbewegung gab. Nichtsdestotrotz vergötterte ich Finter, weswegen ich mein eigenes Studium mit Finters Inhalten aufzuladen versuchte: Ich interessierte mich extrem für französischen Strukturalismus, für Körperkonzeptionen, für interdisziplinäre Fragen, und, hey!, Interdisziplinäres, das war doch genau mein Thema! Als Literaturwissenschaftler, der doch eigentlich Theaterwissenschaftler sein wollte. Durch die Hintertür kam ich also via Finter wieder ins Spiel. Seit 1999, also nach meinem Weggang aus Gießen, ist Heiner Goebbels Professor am Institut, der anscheinend dem Künstlerischen wieder mehr Raum gibt, allerdings muss man natürlich sagen: Unter Finter, also in der künstlerisch umstrittenen Zeit, machten Theaterleute wie She She Pop, Showcase Beat le Mot oder Rimini Protokoll ihre Abschlüsse, Theaterleute, die heute die internationalen Festivals prägen und so nicht zuletzt im Ausland das Paradebeispiel für deutsches Theater sind.

Und ich hatte schon Arbeiten von ihnen gesehen, als sie noch keiner kannte! Vor fünf Zuschauern! Auf der Gießener Probebühne!

Das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften hat meinen Blick aufs Theater geprägt, mehr als alle Castorf-Inszenierungen, die ich später begeistert verfolgt habe. Dieses konsequente: Leben als Basis fürs Theater nehmen. Dieses Bekenntnis zur Ironie. Diese Lust am intellektuellen Spiel. Diese Bereitschaft zum Dilettantismus, wenn nur das Endergebnis funktioniert. Dieser Tage feiert das Institut seinen 30. Geburtstag, ich sage dann mal: Herzlichen Glückwunsch. Und Danke.

28. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Kirche im Dorf lassen · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , ,

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„Nestflüchter“, sagt sie. Ich protestiere, nie sei ich ein Nestflüchter gewesen, aber sie bekräftigt: Wer mit 19, direkt nach dem Abi, fluchtartig die Heimat verlassen würde, was sei der denn, bitte, wenn kein Nestflüchter? Ich mag solche eindeutigen Zuschreibungen nicht. Was aber klar war: Ich wollte weg, damals, mit 19. Ich wollte so dringend weg, ich war sogar bereit, nach Gießen zu ziehen, und bei aller Liebe, die ich zu dieser Stadt, Alma Mater, heute immer noch empfinde: Große, weite Welt ist etwas anderes.

Das Rusenschloss ist eine Burgruine, rund 15 Kilometer von meiner Heimatstadt, auf einem Fels hoch über dem Tal des kleinen, unregulierten Flüsschens Blau. Irgendwie war die Ruine immer Teil meines Lebens, schon als ich klein war, wurde regelmäßig dort spazieren gegangen. (Wie ich heute erfahren habe, stammte meine Großmutter aus der Ecke, vielleicht fuhren wir mit ihr manchmal dorthin? Hatte sie vielleicht Verwandtschaft, die besucht wurde, es gab Kaffee und Kuchen, und zur Verdauung gab es eine kurze Wanderung, hoch zum Schloss? Keine Ahnung.) Später kletterte ich manchmal an den Felsen unterhalb des Schlosses, ein schwachsinniger Sport, der einiges an Nervenkitzel bereit hielt, allerdings auch nicht ungefährlich war, für Flora und Fauna der Felsen, meine ich. Egoistisch, wie nur Teenager sein konnten: der eigenen Lustbefriedigung das Existenzrecht von Flechten wie Eulen auf den Felsen unterzuordnen, schlimm. Gut, dass das Klettern im Blautal schon seit langer Zeit geächtet und verboten ist. Zum Rusenschloss wurde dennoch immer wieder gewandert, wenn ich vom Studium zu Besuch kam, im Herbst, wenn kalter Nebel durch die Täler der schwäbischen Alb kroch, im Winter, wenn der Blick ins Tal über weite, schneebedeckte Wiesen schweifte, im Spätsommer, wenn die Blätter des Laubwaldes sich zu verfärben begannen und eine nur noch halbwarme Sonne den Boden vergoldete. Selbst im ersten Studiensemester besuchte ich ein Blockseminar, das in einem Gästehaus der Uni Tübingen in Blaubeuren abgehalten wurde, und nachts fiel uns hirnverbrannten, angetüddelten Erstsemestern nichts besseres ein, als lallsingend aufs Rusenschloss zu klettern und oben Mörike zu zitieren, wir hoffnungslosen, lebensmüden Romantiker. (Credits für diesen Irrsinn gehen an Prof. Moritz Baßler, heute in Münster.)

Nach mehreren Jahren Abstinenz war ich heute wieder auf dem Rusenschloss. Die Zeit ist stehen geblieben, dort oben: Immer noch schleppt man sich auf einem schmierigen Pfad durch den Wald, es ist mühsam, unübersichtlich, an mehreren Stellen ist der Weg abgerutscht, und man muss auf seine Schritte achten. Die letzten Meter bis in die eigentliche Burg geht man immer noch an einem alten, morschen Holzgeländer, und oben angekommen stellt man fest, dass in die Burgmauer immer noch der Sicherungsring einzementiert ist, der einen beim Beklettern der Westwand hätte schützen sollen, dem Kletterverbot zum Trotz. Es ist eine Landschaft, so wunderschön, man möchte schreien.

Und dann ist natürlich auch klar: Ich stehe hier auf dem Rusenschloss, ich bin begeistert, nein, ich bin ergriffen von all dieser Schönheit (die man allerdings nur sieht, wenn man nach halbrechts schaut; links nimmt den Talgrund hingegen ein Parkplatz des Blaubeurer Industriegebiets ein), aber ich bin im Urlaub. Leben könnte ich hier nicht mehr, wovor ich weggelaufen bin, war einzig das Gefühl: Das hier ist Kleinstadt, und daran wird sich hier ja nichts ändern, Kleinstadt mit ihren undurchdringlichen Kleinstadthierarchien wird das hier immer bleiben. (Eine andere Frage ist, ob das in Hamburg wirklich so wahnsinnig anders ist. Wie zum Beispiel konnte der „Lichtkünstler“ Michael Baatz wohl seine Position innerhalb der Hamburger Kulturszene erreichen, wenn nicht durch geschicktes Spiel mit den hanseatischen Kleinstadthierarchien?) Ich bin froh, dass es für mich auch eine Welt geben kann, jenseits dieser hier, aber erstmal kann ich das hier schlicht als atemberaubend schön anschauen.

Und dass ich das mittlerweile kann, das ist nicht gerade ein schlechtes Zeugnis für mich alten Nestflüchter.

Und dann fragte mich M., ob ich schon einmal ein Stück von René Pollesch gesehen hätte. Hatte ich noch nicht, ich war schon froh, mit Stefan Pucher etwas anfangen zu können, von wegen ultrazeitgenössicher Regie, damals, Ende der Neunziger. Außerdem war Pollesch mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden, nach seinem Studium bei Andrzej Wirth in Gießen, wie man hörte, machte er freies Theater in der hintersten pfälzischen Provinz, Frankenthal oder Pirmasens. M. aber war er aufgefallen, während des Studiums in den ausgehenden Achtzigern, als ich noch längst nicht in Gießen war.

Kurz darauf knallte mir Pollesch tatsächlich ins Gesicht, mit wildromantischen Textflächen: „Drei hysterische Frauen“ beim Praterfestival oder wie das hieß, 1998 an der Volksbühne, „Superblock“ am Berliner Ensemble, einem extrem musikalischen Text über die Klötzchenarchitektur am Potsdamer Platz, der natürlich nicht ahnen konnte, wie schlimm sich das alles tatsächlich entwickeln würde, „Heidi Hoh 3 – Die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat“ am Frankfurter Mousonturm, ein Stück toller als das andere, großartige Schauspieler, eher sogar: Schauspielerinnen, die hochtourig schwer theoretische Textwasserfälle übers Publikum kippten, anstrengend, lustig, durchgedreht, immer wieder unterbrochen von Schreiattacken, ihr FICKSÄUE! Pollesch wurde wiederentdeckt von der damaligen Luzerner Intendantin Barbara Mundel, die Pollesch noch vom Studium kannte und ihn aus der einen Provinz Pfalz in die andere Provinz Zentralschweiz rettete. Und von Luzern aus ging es dann ganz schnell mit Polleschs irgendwie verspäteter Karriere: Als ich 2001 nach Hamburg zog, war er schon da und inszenierte am Schauspielhaus seine Soap „www-slums“.

Das war damals noch neu: die Erkenntnis, dass sich unter gut ausgebildeten, hoch mobilen, extrem anpassungsfähigen und technikaffinen, naja, Leistungsträgern eine Art intellektuelles Subproletariat herausbildete. Und vor allem, dass es ziemlich kompliziert werden dürfte, den möglichen widerständigen Charakter dieses High-End-Proletariats herauszukitzeln. Weil wir Leistungsträger der kreativen Klasse uns erfolgreich einreden ließen, dass es doch eine coole Sache sei, so ungebunden, selbstausbeuterisch, unterbezahlt zu werkeln, wie es im Künstlertum doch Usus ist! (Und weil Künstlertum das Coolste überhaupt ist, lässt sich das doch wunderbar ausweiten. Auf Journalisten, Werber, Sachbearbeiter, Busfahrer: alles Künstler! Alle glücklich, wenn sie ausgebeutet werden!) Ich fraß Pollesch-Stücke, „Smarthouse“ in Stuttgart, „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“ am Hamburger Thalia, „24 Stunden sind kein Tag. Escape from New York“ an der Volksbühne, wo Pollesch bald die künstlerische Leitung des Praters übernahm, alle Stücke mehr oder weniger mit der gleichen These: Wie lässt sich, bitteschön, ein revolutionäres Subjekt konstruieren, wenn die Lebensumstände schon so entfremdet sind, dass man die Entfremdung als ganz natürlichen Zustand ansieht? Ich ignorierte, dass Polleschs politische Analyse oberflächlich blieb, in etwa auf dem Niveau Slavoj Zizeks, der ja ebenfalls mehr cool als gedanklich scharf ist, aber, hey!, was gibt es denn gegen Coolness einzuwenden? Ich ignorierte, dass Pollesch zumindest ein diskutables Autorenbild vor sich herzutragen schien, ein Autorenbild, das an einen Gottkünstler denken ließ, der seine Stücke grundsätzlich nicht zum Nachspielen freigab, weil niemand sie so gut inszenieren konnte wie der Meister selbst. (Dieses Bild wurde unfreiwillig revidiert durch den alles in allem misslungenen Episodenfilm „Stadt als Beute“, in dem Pollesch sich selbst spielte und dabei eine Art Einblick in das gab, was bei ihm Theaterproben sind: weniger ein Hinarbeiten auf eine Premiere zu, als ein kollektiver Diskurs, der sich eben nur in einer einzigen Inszenierung findet. Der Gedanke an eine Nachinszneierung dieser Stücke wäre entsprechend nicht defätistisch, aber doch ziemlich absurd.)

Spätestens ab „Fantasma“, 2008 am Wiener Burgtheater, hatte Pollesch dann seine Form gefunden: die durch den diskursiven Fleischwolf gedrehte Künstlertragödie. Der Künstler als tragischer Held des Neoliberalismus, sich fürs System aufopfernd: in „Mädchen in Uniform. Wege aus der Selbstverwirklichung“ am Hamburger Schauspielhaus oder in „Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen“ am Frankfurter Schauspiel tauchte er explizit auf, und man kam nicht umhin, hier René Pollesch zu sehen, wie er ein Stück nach dem anderen inszeniert, wie er Kritik am System übt und damit doch das System eigentlich stützt. „Ihr seid doch gar kein Chor, wie soll ich denn da eine Oper auf die Beine stellen?“, ruft Catrin Striebeck verzweifelt in der jüngsten Pollesch-Arbeit „Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!“, einer Coproduktion von Volksbühne und Hamburger Schauspielhaus. „Wir sind ein Netzwerk!“, antwortet der Chor.

Und dann fragte mich M., ob ich schon einmal ein Stück von René Pollesch gesehen hätte. M., der als Redakteur beim Gießener Anzeiger arbeitete, erst in der Kultur, dann in der Politik, schließlich im Lokalen, sobald er sich in eine Redaktion reingearbeitet hatte, wurde er versetzt, M., der perfekte Arbeitnehmer, der Künstler, der selbstausbeuterische Selbstverwirklicher.

06. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Hexe, die zwischen den Tannen lauert · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , , , ,

Ich bin am Waldrand aufgewachsen. Der Wald roch, er war feucht und dunkel, und er war ein Spielplatz, ich hatte nie Angst vor dem Wald. Ich spielte im Wald, ich fuhr Schlitten, fing Kaulquappen, einmal bauten wir uns abseits der Spazierwege eine Hütte, unsere Eltern machten sich Sorgen, was wir nicht verstanden. Selbst als Teenager, wenn ich nachts nach Hause kam und durch den Wald ging, mein Fahrrad durch den Wald schob, beunruhigte mich das nicht. Man hörte von Jugendlichen, die im Wald lungern würden, man hörte von einer Vergewaltigung, letzten Sommer, auf dem dunklen Weg zur Fußgängerunterführung, es schreckte mich nicht. Der Wald war da, der Wald war in Ordnung.

Ich weiß nicht, wann das anfing, dass ich mich plötzlich im Wald gruselte. Vielleicht als T. während einer Party am Rande des Gießener Philosophenwaldes plötzlich in den Bäumen verschwand und nach ein paar Minuten wieder auftauchte, die Kapuze ins Gesicht gezogen, einen Stock schwingend, nur Grunzgeräusche ausstoßend? Und niemand traute sich, ihn anzusprechen, weil, klar, das war T., aber warum waren wir uns eigentlich so sicher? Wir kicherten. Oder fing das an, als ich das erste Mal „Blair Witch Project“ sah, das Dunkle, das Gegenstück zur Zivilisation, die Hexe, die zwischen den Tannen lauert? Oder Lars von Triers „Antichrist“? Plötzlich schnürte mir jedenfalls etwas die Kehle zu, am Waldrand, plötzlich nahm ich einen Umweg, um nicht zwischen die Tannen zu müssen, nachts. Ich habe nicht wirklich Angst im Wald, aber mir gruselt. Ein wohliger Grusel, keine nackte Furcht, der mich weiterhin begleitet. Und den ich immer wieder suche.

Der Wald hat sich nicht verändert, seit 40 Jahren. Der Wald ist immer noch feucht und ein wenig modrig, der Wald lebt irgendwie, und in ihm leben Rehe und Vögel und eigenartiges Gewürm. (In ihm leben sogar Wildschweine, auch wenn ich noch nie eines gesehen habe.) Im Wald kann man laufen und plötzlich feststellen: Das sieht hier alles gleich aus, genau an dieser Stelle war man doch schon einmal, vor drei Stunden, man ist im Kreis gelaufen, oder doch nicht? Lost in a forest, all alone.

Ich suche diese Situation, seit ich in der Stadt wohne. Der Stadt, in der es keinen Wald gibt, in der es andere, spannende Orte gibt, die ich keinesfalls missen möchte, nur eben keinen Wald. Ich finde diese Situation vor den Toren, in der Göhrde, im Harz, im Allgäu, es ist nicht gefährlich, aber plötzlich beschleicht mich doch das Gefühl: Was wäre, wenn jetzt die Dunkelheit hereinbrechen würde, wenn ich einfach nicht mehr herausfinden würde, aus diesen endlosen, immer gleich aussehenden Baumreihen? Manchmal suche ich dieses Gefühl auch virtuell, beim Spielen von S.T.A.L.K.E.R., da lüge ich mir natürlich in die Tasche, aber egal, trotzdem spüre ich den Grusel, durch eine entvölkerte Waldlandschaft zu gehen und zu wissen, es gibt zwar die Zombies und die Mutanten und die verfeindeten Banditen, aber der wirkliche Gegner ist die Natur. Die abwesende Natur, die zerstörte, vergewaltigte, verschobene Natur, die sich ganz grauenhaft rächt für das, was man ihr angetan hat. Der feuchte, lebendige Wald.

20. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Nicht nur in der Kölner Südstadt ein stolzer Schwuler sein · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , , , ,

In meinem Kopf dröhnt ein Schlager. Ostdeutsch kraftmeiernd Kraftklub nennt sich die Band, sie kommt, wie die Bandmitglieder sagen, aus Karl-Marx-Stadt, Chemnitz für uns Spätgeborene, also aus dem „Manchester Sachsens“, was bei Licht betrachtet auch nicht viel mehr ist als das Oberhausen des Ostens, also vor allem: tiefste Provinz, ganz weit hinter den Bergen. Kraftklub jedenfalls dröhnen, mit einem Song namens „Ich will nicht nach Berlin“, aber, tut mir leid, Jungs, falls ihr in diesem Business irgendwohin wollt, dann müsst ihr nach Berlin. Und ich denke an Chemnitz, und dann denke ich an Gießen, wo ich einige sehr schöne Jahre meines Lebens verbracht habe, Gießen, aus dem nach und nach all die Menschen, die diese Jahre mit mir geteilt haben, weggezogen sind.

Im Gießener Infoladen hing ein Plakat der Aidshilfe, man sah ein schwules Paar durch eine windzerblasene Dünenlandschaft wandern, „Es muss nicht immer Großstadt sein – wir fühlen uns hier wohl“ lautete der Slogan, ein kluger Slogan, der dazu animieren sollte, sich selbstbewusst Räume anzueignen, eben nicht nur in der Kölner Südstadt oder in der Schöneberger Motzstraße ein stolzer Schwuler zu sein, sondern auch in den Dünen von Jeverland (das eigentlich rein gar nichts mit dem hessischen Gießen zu tun hatte, aber okay, ländlicher Raum ist ländlicher Raum). Ich fand das Plakat damals charmant, ja, es war durchaus möglich, sich in Gießen wohlzufühlen. Und während des Studiums funktionierte das auch, alles. Nur spätestens mit dem Abschluss dünnte der Freundeskreis aus, irgendwie musste man ja Geld verdienen, und die Kleinstadt war nicht in der Lage, uns allen auch nur halbwegs ein Auskommen zu finanzieren. Irgendwann war S. weg, irgendwann war T. weg, und bald war dann ja auch ich weg. Man schaute noch nach Gießen, man sah W., wie er dort saß und Kunst machte, keine schlechte Kunst, und irgendwie dachte man: Der hat es nicht geschafft. Man sah L., wie sie dort saß und sich mit Lokaljournalismus abmühte, L. machte das gut, dachte man, und gleichzeitig dachte man: Die hat es nicht geschafft. In Gießen, da blieben die, die hängengeblieben waren, auch wenn man selbst sich gerade mal ein Stückchen weiter gehangelt hatte.

Szenenwechsel: Januar 2012.

Die Galerien der Hamburger Fleetinsel eröffnen gemeinsam die Ausstellungssaison, und die Produzentengalerie zeigt die Schau „Wechsel ist nicht Austausch“: Die Dokumentation einer Ausstellung vor 30 Jahren, als die leerstehenden Gebäude Kampnagels im Arbeiterstadtteil Barmbek abgerissen werden sollten und stattdessen von Künstlern übernommen wurden, Bogomir Ecker und Joseph Beuys beispielsweise, die ganz Großen der damaligen Szene, die für einen kurzen Augenblick eine Einheit von Stadtteilpolitik, Kunst und Geschichtsbewusstsein herstellten. Heute werden dieser Dokumentation zeitgenössische Arbeiten gegenüber gestellt, von Beate Gütschow etwa, die in den 1990ern in Hamburg studiert hatte und längst in Berlin lebt. In Berlin, wo sie ja alle mittlerweile leben. Die Ausstellung in der Produzentengalerie will etwas anderes, aber sie ist ein Stich ins Herz, weil sie den Blick auf die Tatsache lenkt, dass mittlerweile fast alle Künstler, die damals eine aggressiv-politische Hamburger Ästhetik bildeten, entweder tot sind oder aber in Berlin.

Das soll nicht heißen, dass diese Saisoneröffnung schlechte Kunst zeigt, im Gegenteil, ganz tolle Schauen sind dabei: Philipp Schewe bei Melike Bilir, wunderbare, schräg-wütende Collagen. Christian Hans Albert Hoosen bei Katharina Bittel, ein comichaft wilder Trip. Christina Zurfluh bei Mathias Güntner, dunkle, schwere Alpträume in Acryl. Es sind tolle Ausstellungen (dass auch ein paar unmotivierte Schauen dabei sind, versteht sich von selbst), aber wenn man zuerst in der Produzentengalerie war und sich dort diese nostalgische „Wechsel ist nicht Austausch“-Geschichte angeschaut hat, fällt es schwer, sich darauf einzulassen, dass hier klug Komponiertes, Heutiges gezeigt wird. Dann denkt man nur noch: Man ist hängengeblieben. Man hat es nicht geschafft. Nicht nur alle wichtigen Künstler sind in Berlin, auch alle, die sich mit Kunst beschäftigen, sind in Berlin, diejenigen, die hier tolle Ausstellungen kuratieren, das sind diejenigen, die nicht weggekommen sind. Und eigentlich könnten sie ihre Künstler auch gleich in Gießen ausstellen, ist ja egal, wohnen doch ohnehin alle in Berlin.

Man steckt ein wenig im luftleeren Raum, wenn man in Hamburg bleibt. Dass alle in Berlin sind, das liegt ja nicht nur an den sprichwörtlich günstigen Mieten in der Hauptstadt (die mittlerweile auch mehr Legende sind als Realität), das liegt vor allem daran, dass alle anderen ebenfalls da sind. Für jedes Künstlerinterview, das ich führe, buche ich mittlerweile ein Ticket nach Berlin, geht gar nicht mehr anders. Hier ruft man in die Wüste, und manchmal kommt ein Echo, das mehr ist als bloße unkreative Selbstzufriedenheit. Vielleicht ändert sich das ja auch mal, längst sind ja nicht mehr nur die Coolen in Berlin, auch die vielen, vielen Deppen zieht es ostwärts. Und bis dahin schaue ich, ob ich noch irgendwo im Internet ein vergilbtes Plakat finde: „Es muss nicht immer Großstadt sein – wir fühlen uns hier wohl“. Und das hänge ich mir dann aufs Klo.

(Das Bild zeigt die kunstinteressierte Provinz in Fleetinsel-Treppenhäusern. Wen es interessiert: Kraftklubs „Ich will nicht nach Berlin“ mit nervenzehrendem Video gibts hier.)

Ich begegnete Sahra Wagenknecht Mitte der Neunziger. Die Gießener DKP hatte die Chefin der Kommunistischen Plattform in der PDS eingeladen, in ein Hinterzimmer der Kongresshalle, da dachte ich mir: Hörstes dir mal an, auch wenn du kein Parteimitglied bist. Zur Erklärung für die Spätgeborenen: Die DKP ist die Deutsche Kommunistische Partei, heute ein praktisch irrelevant gewordener Verein von Sozialisten, Kommunisten, Antikapitalisten, denen SPD wie Grüne zu kapitalfreundlich waren und die mittlerweile in großen Teilen zur Linken abgewandert sind. Damals, in der westdeutschen Provinz, sprach aber noch niemand von der Linken, und die DKP hatte durchaus eine gewisse Relevanz, war auch in einigen Kommunalparlamenten vertreten, hauptsächlich wegen ihrer Vernetzung in die Gewerkschaften hinein.
Entsprechend saßen an diesem Abend auch hauptsächlich: ältere Gewerkschafter, Biertrinker, ausschließlich Männer, meist vom Land, die nirgendwo dazu gehörten. Und mittendrin Sahra Wagenknecht, schlank und streng und Wasser trinkend. Einer der Männer meldete sich: „Liebe Genossin Sahra, ich bin ein nicht-leninistischer Sozialist, und ich habe folgendes Problem …“ Wagenknechts Lippen wurden schmal. „Dann gebe ich IHNEN folgenden Rat: Lesen SIE. Lesen SIE Lenin, seine Schrift ‚Was tun?‘ wird IHNEN weiter helfen.“ Gespräch beendet. Ich will Wagenknecht nichts vorwerfen, das Ambiente war wirklich sehr, sehr bieder, und eine gewisse Arroganz darf man sich als junger, kluger Politstar vielleicht auch leisten: Wagenknecht war damals Mitte, Ende Zwanzig, in diesem Alter lief ich ebenfalls noch gehörig überheblich durch die Gegend, womöglich mache ich das heute noch. Aber irgendwie spürte ich, dass diese jämmerlich hilflosen Männer eigentlich nichts Böses gemacht hatten, im Gegenteil, sie hatten ja immerhin Wagenknecht eingeladen, weil sie dachten, dass da jemand mit ihnen diskutieren würde, der auf ihrer Seite sei, eine Kommunistin. Und dass Dünkel und Besserwissertum der linken Sache nicht unbedingt dienlich sein dürften, das spürte ich auch.

Ich verfolgte Wagenknechts Karriere weiter, sie schien ja ihren Weg zu machen, auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, dass dieser Weg nirgendwo hinführte. Wagenknecht prägte die Kommunistische Plattform, zunächst in der PDS, dann in der Linken, wobei mir die Kommunistische Plattform immer mehr an den Rand gedrängt vorkam, unwichtig, eigentlich. Wagenknecht heiratete den westdeutschen Journalisten und Unternehmer Ralph T. Niemeyer, der sich selbst als „liberal“ bezeichnet. Wagenknecht sah sich in der DDR-Tradition religionsähnlicher Goethe-Verehrung (und ließ sich leider auch dazu hinreisen, damit ihre Abneigung gegen Regietheater zu begründen: Das nämlich verletze die Intention des Heiligtums Goethe). Wagenknecht ließ sich beim Hummer-Essen fotografieren und ging mit dem anschwellenden Kichern eher uncool um. Wagenknecht baute auf die Karten Weiblichkeit, Bildung und Schönheit, das gefiel mir noch nie, auch wenn ich nicht ahnen konnte, dass Weiblichkeit in der Politik über kurz oder lang von Püppchen wie Bettina Wulff, Kristina Schröder und Stephanie zu Guttenberg definiert werden würde.

Ich mag Sahra Wagenknecht nicht.

Einerseits. Andererseits bin ich natürlich der Meinung, dass es eine Alternative geben muss zum alternativlosen Pragmatismus, zur Gestaltungsmacht, die nur in einer Regierungsbeteiligung liegt, selbst wenn man dafür alle linken Ideale aufgeben muss. Ich finde es wichtig, dass es etwas gibt wie die kommunistische Plattform, einen Stachel im Fleisch des Parlaments, der sich eben nicht den Sachzwängen anpasst. Nur dass dieser Stachel ausgerechnet von Sahra Wagenknecht repräsentiert wird, das passt mir nicht, von Sahra Wagenknecht, bei der ich mich tatsächlich frage, ob sie wirklich eine Linke ist und nicht doch ein arrogante, durch und durch bourgeoise Schnalle.

Und ganz davon abgesehen, freue ich mich, dass Oskar Lafontaine eine neue Freundin gefunden hat. Jeder Topf findet irgendwann seinen Deckel, und Unsympathin zu Unsympath, doch, das passt.

(Foto: Nicole Teuber)

Nach dem Abitur wählte ich meinen Studienort nach dem Ausschlussverfahren. Entgegen kam mir, dass man Theaterwissenschaften damals ohnehin nur an einer Handvoll Unis studieren konnte, die reduzierten sich von selbst. Hamburg: zu weit weg von der Heimatstadt. München: zu nah an der Heimatstadt. Erlangen: zu klein. Berlin: zu groß. Bayreuth: zuviel Wagner. Köln: zuviel Pappnasen. Gießen: Ich hatte weder Ahnung, wo das lag, noch, was mich dort für Menschen erwarten würden.
Übrig blieb: Bochum. Und im Hintergrund sang Herbert Grönemeyer ein altes, dummes Lied.

Jeder hat Sehnsuchtsorte. Manchmal sind diese Orte Klischees, Tahiti, New York, Paris, Venedig. Bei Tschechows „Drei Schwestern“ ist es Moskau. Und ich habe den Sehnsuchtsort Ruhrgebiet. Ich bin ein Kleinstadtkind, wahrscheinlich begeisterte mich deswegen immer schon schiere urbane Größe, und über fünf Millionen Einwohner, das war im Vergleich zu den gerade mal 100000 meiner Heimatstadt doch eine ziemlich gewaltige Hausnummer (ich nahm das Ruhrgebiet immer als eine einzige Großstadt wahr, ignorierte, dass Dortmunder nichts mit Bochumern zu tun haben wollten, Bochumer nichts mit Essenern und Essener nichts mit Duisburgern). Außerdem war ich immer schon begeistert von Industrie, und Industrie hatten sie dort durchaus, nahm ich an (zumindest solange der Strukturwandel nicht voll durchschlug). Und schließlich litt ich unter dem Baden-Württembergischen Konservatismus, zu dem ich im sozialdemokratischen Pott ein Gegenbild sah, im Grunde meines Herzens sehe ich das sogar heute noch so. Diese Begeisterung fürs Ruhrgebiet ist relativiert, verschwunden ist sie nicht. Mir geht immer noch das Herz auf, wenn ich kurz hinter Lünen den ersten Förderturm sehe.

Ich studierte nicht in Bochum. Tatsächlich landete ich erst in Tübingen und dann in der Stadt ohne Eigenschaften, in Gießen, ich blieb dem Kleinstädtischen treu. Der Hesse sagt: „Mr waas ned, wofür es gud is'“, man weiß es nicht. A. auf jeden Fall zog nach Dortmund, immer wieder war ich daraufhin im Ruhrgebiet, immer wieder war ich begeistert, vom Urbanen, vom Dreckigen, vn den rußschwarzen Fassadaden. Ich schaute Fußball, ich ging ins Bochumer Schauspielhaus, ich kickerte und rauchte und trank, und frühmorgens fiel ich in frühe Straßenbahnen. Das Ruhrgebiet blieb mein Tahiti.

Tatsächlich habe ich nie wirklich im Ruhrgebiet gewohnt, sieht man einmal von einem Monat theoretischer Journalistenausbildung in Hagen ab. Ich war nur immer wieder dort, in dieser eigenartig provinziellen Riesenstadt, in dieser Industrieregion mit von Besuch zu Besuch weniger Industrie, in diesem fußballverrückten Vorort, der gar kein Vorort war, sondern tatsächlich die Stadt, die man schon verlassen hatte, als man noch dachte, man fährt gerade erst rein. Ich fuhr ins Ruhrgebiet und war glücklich, mein Sehnsuchtsort. Werde ich vermissen, das alles.

22. Mai 2011 · Kommentare deaktiviert für Was hat dich bloß so ruiniert? · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Als ich 1993 an die Uni Gießen wechselte, entwickelten dort ein paar junge Theaterstudentinnen gerade ihre erste gemeinsame Performance „Sesam, Sex und Salmonellen“. Die sah ich zwar noch nicht, aber im Laufe des Studiums begegnete ich Johanna Freiburg, Mieke Matzke und Ilia Papatheodorou immer wieder, auf der Theaterwissenschaftler-Probebühne, auf dem Campus, manchmal in literaturwissenschaftlichen Seminaren, die die Theaterleute in Stichproben besuchen mussten und dabei mit der leichten, schönen Arroganz des Künstlers auf uns Wissenschaftsspießer hinabsahen. 1997 gab es beim studentischen Festival Theatermaschine dann „West End Girls“, eine Daily Soap, die das WG-Leben dreier Theaterstudentinnen in der Gießener Weststadt zum Thema hatte. Ich war geflasht: Mein Leben! Soapfähig! Inclusive Liebeshändel, Berufsunsicherheiten, Geldproblemen! Kurz darauf tauchten Freiburg, Matzke, Papatheodorou, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen und Berit Stumpf in Berlin auf, unter dem Namen She She Pop.
Die „West End Girls“ wurden noch einmal zitiert, in dem schönen Jugendverluststück „The things that I used to do (I ain’t gonna do them no more)“, das ich im damaligen Theater am Halleschen Ufer in Berlin (heute HAU 2) sah, auch ein Problematisieren meines eigenen Lebens in der Großstadt, ohne genau zu wissen, was ich da eigentlich sollte. Und von da an waren She She Pop eigentlich immer an meiner Seite: Sie zogen Jugoslawienkriegskritisch als Modeschau durch den Volksbühnen-Prater („She She Pop: En Vogue“, 1999), sie scheiterten ganz grauenhaft mit einem Hightechstück bei kollabierendem Hightech vor „Ausziehen! Ausziehen!“ brüllendem Prollpublikum auf einer Gießener Parkplatzbrache („Das Feld der Verklärung“, 2000), sie zeigten Karrierestrategien als Spielshow („Live!“, 2001), sie wussten nichts wirklich mit ihrer Szenenregie bei Schnitzlers „Reigen“ am Hamburger Schauspielhaus anzufangen („1/10 Reigen“, 2001), sie zerpflückten auf gnadenlos exhibitionistische Weise theatrale Strukturen („Bad“, 2002), Gruppendynamik („What’s wrong (it’s okay)“, 2003) und soziale Konventionen („Warum tanzt ihr nicht?“, 2004). Ich entwickelte mich weiter, She She Pop entwickelten sich weiter, ich stellte mir neue Fragen, She She Pop stellten sich die gleichen Fragen, irgendwie waren sie immer da, irgendwie begleiteten sie mich. Ich nahm ihnen einzelne schwächere Arbeiten nicht übel („Die Relevanz Show“ ließ mich 2007 recht kalt), ich nahm ihnen nicht übel, als sie 2002 für „Homestory“ das Konzept des Frauenkollektivs aufbrachen und mit Sebastian Bark einen männlichen Performer in die Gruppe ließen, ich freute mich für sie, dass sie letzte Woche mit „Testament“ zum Theatertreffen eingeladen wurden und damit endlich voll akzeptiert waren vom Establishment, auch wenn sie auf diese Akzeptanz eigentlich nie Wert legten. She She Pop war die Kunst, mit der ich alt werden würde.

Und jetzt: „7 Schwestern“ auf Kampnagel, eine Paraphrase von Tschechows „Drei Schwestern“, das vor kurzem am Thalia werkgetreu Überdruss verbreitete (hier geht es zur sehr schönen Besprechung von Mat­thias Schu­mann). Menschen werden 40 (und sind trotzdem immer noch so jung wie schön), schauen auf ihr Leben und wissen, dass da doch einmal noch etwas war, das erreicht werden wollte und das wohl nicht mehr erreicht werden wird. Nach Moskau, nach Moskau! Und irgendwie macht das schon Angst: Wie schaffen es She She Pop, sich immer genau die Fragen zu stellen, die ich mir mehr oder weniger gleichzeitig stelle?
Natürlich landen She She Pop ziemlich schnell bei der existenziellen Fourtysomething-Frage: Kinder? Einige der Performerinnen haben welche, andere nicht, und nahtlos schließt sich an: Was hat dich bloß so ruiniert? Was ist aus dem Ideal geworden, das System aus den Angeln zu heben oder zumindest den eigenen Körper, was ist aus den Drogen geworden und dem unübersichtlichen Sexualleben? Und heißt, die Nacht zum Tage zu machen, in erster Linie, das kranke Kind in den Schlaf zu singen? Und was macht das aus dem feministischen Theaterkollektiv, dieses Älterwerden, dieses Downsettling?
„7 Schwestern“ endet mit einem Video, in dem Sebastian Bark die Brut seiner heterosexuellen Theatergenossinnen in die Nacht schickt: weggehen sollen sie, bloß nicht wiederkommen. „Und wenn euch jemand fragt, wo ihr hinwollt, dann sagt ihr: raus aus dem System.“ Vielleicht schaffens sie es ja, diese kleinen Zwerge, die da jetzt durch die Barmbeker Nacht irren, Richtung Osten, nach Moskau, wahrscheinlich schaffen sie es aber nicht, raus aus dem System, genauso wenig wie die Theatertreffen-geadelten She She Pop. Ach!

She She Pop machen Theater, das irgendwo mein Leben ist. Und natürlich muss es da noch anderes Theater geben, klar, macht mich ja auch glücklich. Mein Leben, das ist gar nicht so wichtig. Außerdem: Für das, was mein Leben ist, für mein dummes, eigenes Empfinden habe ich ja in diesem netten, kleinen Blog die Ablage „Cat Content“. Und trotzdem: Jedesmal, wenn ein neues She She Pop-Stück auf den Markt kommt, freue ich mich.

Das Foto stammt von der Kampnagel-Pressestelle und trägt den Copyrightvermerk „Krieg“. Ich weiße noch daraufhin, dass ich für das (noch bis Monatsende aktuelle) uMag ein langes Interview mit Ilia Papatheodorou geführt habe.

Edit: Ich habe den Beitrag an einer unscheinbaren, wenngleich zentralen Stelle verändert. Weswegen eure Kommentare, liebe Mayarosa, liebe Isabo, plötzlich ein wenig unvermittelt in der Luft hingen. Deswegen habe ich mich entschieden, die Kommentare zu löschen. Das geht nicht gegen euch, ich freue mich über eure Rückmeldung – aber eine Diskussion ohne echten Diksussionsgegenstand ist irgendwie doof. Tschuldigung.