Eine Schnurre aus dem Leben eines freien Journalisten: Der freie Journalist spricht mit seinem Redakteur ein Thema ab. Umfang, Ausrichtung, Entlohnung eines Artikels, vielleicht auch Kleinigkeiten wie die, ob Spesen übernommen werden. Nachdem all das abgesprochen ist, macht sich der freie Journalist auf, er recherchiert, er hat Ausgaben, er schreibt. Dann schickt er den abgesprochenen Text in die Redaktion und wartet auf die Veröffentlichung (in diesem Gewerbe ist es üblich, dass Texte nach Erscheinen bezahlt werden). Und wartet. Und wartet. Und irgendwann wird ihm klar: Der Text wird wohl nicht mehr kommen. Und ein Honorar bekommt er auch keines. (Falls er ein Interview zur Recherche geführt hat: Ein weiteres Gespräch wird ihm dieser Interviewpartner auch nicht mehr gewähren, immerhin hat der sich Zeit genommen für den Journalisten, da wird man doch wohl erwarten dürfen, dass der Text auch erscheint. Nein?) Wenn er Glück hat, erstreitet sich der freie Journalist ein Ausfallhonorar, das in der Regel einen Bruchteil des abgesprochenen Honorars beträgt, dafür hat der freie Journalist von nun an in der Branche den Ruf, ein Streithansel zu sein.

Wenn ich solche Geschichten höre, bin ich erleichtert, dass ich kein freier Journalist bin, zumindest nicht so richtig.

Jedenfalls habe ich einen Artikel abgesprochen, über die Ausstellung „ARTandPRESS“ im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie. Ich wäre ohnehin nach Karlsruhe gefahren, und wahrscheinlich hätte ich auch ohnehin etwas über die Ausstellung geschrieben, hier, in diesem kleinen, sympathischen Nischenblog, aber vielleicht möchte meine Überlegungen ja auch wer anders? „Hallo C., möchtet ihr was?“ „Klar, mach‘ mal.“ Und ich mache, warum auch nicht. Dauert natürlich. Und es ist auch nicht so, dass ich nichts anderes zu tun gehabt hätte, egal, ist ja für eine gute Sache. Nur erscheint nichts, eine Woche lang nicht, zwei Wochen lang nicht, einen Monat lang nicht, plötzlich lese ich, dass der Abnehmer in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt, irgendwo lese ich das böse Wort: „Insolvenz“. Übel. Da will ich nicht rummotzen, da dränge ich auch nicht, dass sie endlich meinen Text drucken sollen, die haben gerade anderes um die Ohren als eine Ausstellungskritik aus dem Badischen.

Aber trotzdem, schade ist es schon, auch um die ganze Arbeit.

Nach fünf Wochen entscheide ich mich, den Text auf die Bandschublade zu stellen. Einfach, damit er nicht verloren geht. Ich habe ein wenig ein schlechtes Gewissen, C., wenn du das hier liest und den Text doch noch drucken möchtest, mal vorausgesetzt, es geht euch wieder besser, dann melde dich, ich nehme ihn dann wieder runter, dann habt ihr ihn auch exklusiv. Ja?

Verbrechen-Promis-Sex

Die Ausstellung ARTandPRESS in Karlsruhe ist weniger Kunstschau als Tool zur Imagepflege des Medienpartners. Von Falk Schreiber

Pop-Artists schauen dich an. Drei Wände im Karlsruher ZKM haben Gilbert & George mit ihren typischen großformatigen Collagen vollgekleistert, ältere, zurückhaltend stilvoll gekleidete Herren sind da zu sehen, die ihren Blick x-fach gedoppelt auf den Betrachter richten. Und zwischen Künstlern und Betrachtern: Schlagzeilen, kurz angerissenes Marktgeschrei. „Murder!“, „Rape!“, „Death!“

Gilbert & George beziehen sich für die Ausstellung ARTandPRESS auf eine typische Werbeform der Boulevardmedien, wie man sie auch hierzulande findet: Einzelne, möglichst reißerische Schlagworte auf Plakaten und Aufstellern verweisen auf den vollständigen Artikel im zu kaufenden Heft, meist aus dem Kontext Verbrechen-Unfall-Prominenz-Sex. Was zunächst irritiert, weil das Laute, Populistische gar nicht wirklich zum distinguierten Habitus dieses Künstlerpaares zu passen scheint, auf den zweiten Blick dann aber doch stimmig ist: Gilbert & George waren immer schon gleichzeitig urbritische Upperclass und fröhlich Sun-lesende Labour-Wählerschaft. Die drei Arbeiten aus der Serie „London Pictures“ sind keine Irritation, im Gegenteil: Sie passen perfekt zu ARTandPRESS. Weil sie die Intention wie die Problematik dieser Ausstellung nahezu prototypisch darstellen.

ARTandPRESS will Wechselwirkungen, gegenseitige Beeinflussungen und Differenzen von (Print-)Medien und Bildender Kunst nachspüren. Und kommt zu einem eher pessimistischen Urteil: Nahezu alle ausgestellten Künstler scheinen der Presse zutiefst skeptisch gegenüber zu stehen, Schmierfinken scheinen da am Werk zu sein, die vereinfachen, wo sie analysieren sollten, die Propaganda verbreiten, wo sie informieren sollten, die Wirtschaftsinteressen bedienen, wo sie ethisch handeln sollten. Bei Richard Prince werden die Medien so zur oberflächlichen Promi-Maschinerie, bei Josephine Meckseper zu Apolegeten eines unerreichbaren Schönheitsideals, dem als ironische Spitze die alltägliche Hässlichkeit eines Schuh-Verkaufsstands gegenüber gestellt ist, bei William Kentridge zum Insignium wirtschaftlicher Macht, einer Macht, die parallel Folter, Leid und Ausbeutung mit sich bringt, wovon nichts in der Zeitung steht. Was alles stimmt und meist auch ästhetisch überzeugt, selbst wenn man recht häufig Zeitungspapier als Leinwand für alles in allem recht konventionelle Malerei sieht, was als künstlerische Entscheidung doch verhältnismäßig dürftig ist – vor allem, wenn man in direkter Nachbarschaft eine vielschichtige Arbeit hat wie Farhad Moshiris „Kiosk“: 500 Perserteppiche, die die Titelbilder westlicher Zeitschriften zeigen, Klatsch und Glamour aus Vogue et al.

Das Problem von ARTandPRESS ist nicht die Qualität der gezeigten Kunst, das Problem ist der sehr enge Begriff, den die Ausstellung von den Printmedien hat: Medien ist gleich Boulevard, so scheint man hier zu denken. Und dann fällt einem plötzlich auf, wer Medienpartner dieser Ausstellung ist: die Bild (die auf diesem Blog traditionell nicht verlinkt wird). Ein Druckerzeugnis, das seit Jahren darum kämpft, als Presse ernstgenommen zu werden, eine Zeitung zu sein, mit der man sich argumentativ auseinandersetzen muss, und nicht nur ein ziemlich ekliges Unterhaltungs-Etwas. ARTandPRESS ist eigentlich keine Ausstellung, sondern ausschließlich ein Tool zur Imagepflege des Medienpartners.

Ein Tool, das allerdings ziemlich gut funktioniert, muss man neidlos anerkennen. Nach dem Ausstellungsbesuch jedenfalls fällt es auch dem seriösen Feuilleton nicht mehr schwer, in den Kohlezeichungen Robert Longos ein „Occupy Girlie“ zu entdecken. Womit die diskriminierende Sprache des Boulevards hastdunichtgesehen in den echten Journalismus eingesickert ist. Danke, Bild.

ARTandPRESS. Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit. Bis 10. 3., ZKM, Museum für Neue Kunst, Karlsruhe. Auf dem Foto: Annette Messager: „Dancing Newspaper“, 2010. Für das Werk: © VG Bild-Kunst Bonn 2012/ Annette Messager, Courtesy Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn. Im Hintergrund: Marlene Dumas: „Figure in Landscape“, 2009. Für das Werk: © Marlene Dumas/David Zwirner Gallery.

30. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für Jahresrückblick 2011 · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , ,

Ein Jahr, vorbei. Vergleichbare Rückblicke kennen wir von 2010, 2009 und 2008.

Zugenommen oder abgenommen? Erst zugenommen, dann abgenommen, am Ende wieder ein bisschen zu. Jojo.
Haare länger oder kürzer? Alles in allem länger. Was vor allem daran liegt, dass meine geschätzte Friseurin Ayshe in meiner freien Zeit oft nicht konnte und ich entsprechend auf den Friseurbesuch ganz verzichtete.
Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Minimal kurzsichtiger. Für eine neue Brille langte es.
Mehr ausgegeben oder weniger? Alles in allem wohl ganz ähnlich.
Der hirnrissigste Plan? Eine neue Küche kaufen zu wollen. So hirnrissig, das wird uns noch die gesamte erste Hälfte von 2012 vermießen.
Die gefährlichste Unternehmung? Gefährlich? Hier? (Mit einer Großfähre über den Skagerrak zu schippern, zählt nicht wirklich, oder?)
Die teuerste Anschaffung? Eine Zahnkrone. Ach.
Das leckerste Essen? Im Restaurant Apples/Hyatt Hotel Hamburg. Eigentlich das gesamte Menü, großartig war aber schon alleine das geeiste Melonensüppchen als Amuse-Gueule.
Das beeindruckendste Buch? Christina Maria Landerl, Verlass die Stadt.
Der beste Comic? Kati Rickenbach, Jetzt kommt später.
Der berührendste Film? How I ended this summer, ganz großartiger russischer Psychothriller. Taiga-Einsamkeit, übersteigertes männliches Autoritätsgehabe, Eisbären, kaputte Natur – alles da.
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=45_2ZZlbirY]

Das beste Lied? Boy, „Little numbers“. (Luftiger Sommerfolkpop, gar nicht so unbedingt meine Musik, hier passt aber alles, nicht zuletzt das tolle Video. Und ein schönes Konzert spielten Boy ebenfalls.)
[vimeo http://vimeo.com/27190020]

Die beste Platte? PJ Harvey, Let England shake. Folkbluespunk, längst nicht mehr so selbstquälerisch und introspektiv wie auf den vorangegeangenen CDs, sondern hasserfüllt, leidenschaftlich, politisch. (Ja, ich bin mittlerweile ein alter Mann, der nicht mehr dem neuesten Hype hinterherrennt, schon verstanden.)
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=lHACHdNFH0Y]

Das schönste Konzert? Vorhersehbar, trotzdem toll: Ja, Panik im uebel & gefährlich, Hamburg. (Das Video ist nicht aus Hamburg, sondern aus dem Berliner HAU, aber immerhin von derselben Tour.)
[vimeo http://vimeo.com/23506608]

Die schönste Theatererfahrung? „7 Schwestern“ von She She Pop, ganz großartiges Erwachsenwerdtheater.
Die interessanteste Ausstellung? Gilbert & George, „Jack Freak Pictures“ in den Hamburger Deichtorhallen. Eigentlich mag ich ja thematisch aufgebaute Geschichten mehr, hier stimmte aber alles.
Die meiste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: meinen geschätzten Bürokolleginnen.
Die schönste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: der schönen, klugen Frau.
Vorherrschendes Gefühl 2011? Trauer. Frust.
2011 zum ersten Mal getan? Einen kleinen Hund ins Herz geschlossen.
2010 nach langer Zeit wieder getan? Jemandem die Pistole auf die Brust gesetzt und eine grundsätzliche Entscheidung abverlangt.
Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Die Erfahrung, dass Religion nicht einmal theoretisch ein Trost sein kann. Was hilft es, sich einzureden, dass alles einen höheren Sinn haben soll? Was soll denn da für ein Sinn drin liegen, wenn es am Ende dennoch einen der liebsten, freundlichsten und sympathischsten Menschen überhaupt trifft, ganz gnadenlos? Und diese Erfahrung überschattet alles andere, hätte ich auf diese Erfahrung verzichten dürfen, dann hätte ich den gesamten Rest mit Freuden in Kauf genommen.
Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? So geht das nicht weiter, wir müssen ein neues Modell finden.
2011 war mit einem Wort…? A. beschrieb 2010 als stinkenden Hund. Ich beschreibe 2011 als stinkenden Hund ohne Charakter, der auch nichtmal süß ist. Sondern Würmer hat.

Edit: Im näheren Umfeld schauten schon Kommander Kaufmann zurück, Mark, der eine von den Post Artcore-Jungs und auch der andere. Außerdem Anke Gröner und Don Dahlmann.

25. Juni 2011 · Kommentare deaktiviert für Und Boris Blank isst eine Brezel · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , ,

Als Teenanger hörte ich manchmal die Schweizer Band Yello. Die schnellen, hektischen Titel, „Oh Yeah“, „Rubberbandman“, „The Race“, den einzigen echten Chartshit in der Bundesrepublik. Wobei ich diese Songs nicht als Techno-Vorläufer wahrnahm, auch nicht als Tribal-Exegese, sondern nur als lustige Rhythmusexplosion. Die andere, jazzige Seite Yellos, Songs wie „Desire“ oder „The Rhythm Divine“, fand ich schon damals langweilig, auf Plattenlänge aushalten mochte ich das Duo ohnehin nicht. Heute interessiert mich ein Stück wie das schnelle „Bostich“ gar nicht mehr, dafür finde ich „Desire“ plötzlich spannend, was wohl bedeutet, dass ich ein alter Sack geworden bin, der gerne ruhige Sachen hört, weil er mit ungestüm jugendlicher Rhythmik nicht mehr klar kommt.

So gesehen ist es ein wenig blöde, dass bei Dieter Meiers Ausstellungseröffnung in der Hamburger Sammlung Falckenberg lauter Videos zu schnellen Songs laufen. Was andererseits aber auch Sinn macht, weil der Sänger von Yello in diesen Promovideos eine Stopmotiontechnik anwendet, die selbstgemacht wirkt und gleichzeitig auch ausreichend Kunstcharakter hat, dass sie problemlos als Übergang zum Werk Meiers als Bildender Künstler funktioniert.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=F7-wSiuAvCo]

Dieter Meier ist bei Yello zuständig für Texte, Sprechgesang und alles Visuelle. Boris Blank ist zuständig für alles Musikalische. Das zerhackt zwar ein wenig das Rockband-Modell, das Ideal „Fünf Freunde müsst ihr sein“, das eröffnet Meier aber gleichzeitig auch eine Möglichkeit, mehr als nur Popmusiker zu sein: Filmemacher. Bildender Künstler. Konzeptkünstler. Wobei ein Teil dieser Konzeptkunst dann das Konzept „Band“ sein kann. Ein anderer wäre typische 70er-Jahre-Aktionskunst im öffentlichen Raum, das Beschreiten einer Linie im Stadtraum etwa, oder Meiers bekanntestes Werk im Kunstkontext, die Erstellung einer Tafel in Kassel zur documenta 1972 mit der Aufschrift „Am 23. März 1994 von 15.00-16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen“ und der Umsetzung dieser Ankündigung, 22 Jahre später. Oder aber: das Geschichtenerzählen. Meier ist ein großartiger Fabulierer, der eine hinreißende Fotoreportage zur Besteigung des fiktiven „Monte Dorado“ erstellen kann und dabei den subversiven Schalk eines Erwin Wurm ausspielt, schön.

Zur Vernissage aber spielt Maier plötzlich wieder den Chansonnier, er ist ein älterer, gepflegter, ein wenig skurriler Protoschweizer mit leichtem Gilbert & George-Touch, ein lebendes Kunstwerk, das sich ans Mikro stellt und tatsächlich singt, begleitet von Gitarre und Violine. Yello-Sidekick Boris Blank derweil, der Mann für Samples und Maschinen und Dekonstruktion des Popduo-Konzepts, steht im Publikum und isst eine Brezel. Ganz kurz denkt man sich: Vielleicht weint er gerade.

André Müller ist gestorben, 65-jährig, am Dreckskrebs. Und obwohl ich Müller nie kennengelernt habe, ist das ein Stich. Weil ich ihn eben doch kennengelernt habe, irgendwie. André Müller war ein Journalist, der in seinen Texten immer mit offenem Visier arbeitete, sich angreifbar machte, einen an seinen Ängsten teilhaben ließ. Und trotzdem Journalismus nie als Nabelschau missverstehen wollte. André Müller war ein Interviewer, wahrscheinlich der beste Interviewer, den diese oft als minderwertig geschmähte journalistische Form anzubieten hatte. André Müller war großartig.

Warum mache ich das, warum führe ich Interviews? Vor fast einem Jahr habe ich schon einmal ein paar Gedanken zu diesem Thema formuliert, hauptsächlich hielt ich mich dabei bei dem Gegensatz zwischen einem Interview und einem echten Gespräch auf, nicht falsch, was ich da dachte, bloß: Eine Anwort auf die Frage oben ist es eigentlich nicht. Eine Antwort wäre, dass ich beim Interviewen Leuten begegne, die ich interessant finde. Und dass ich mit diesen Leuten Themen bespreche, die sie ebenfalls interessant finden. Und dabei machte ich einige tolle Erfahrungen, das ist die Antwort.
(Was jetzt folgt sind ein paar Selbstverlinkungen, das ist nicht besonders elegant, muss aber wohl sein, zur Verdeutlichung.) Es war toll, mich mit den Theatermachern Hygiene Heute treffen zu dürfen, lange bevor sie als Rimini Protokoll bekannt wurden (dass die taz meinen Text damals unter dem Namen des Regisseurs Falk Richter statt unter meinem abdruckte, ärgerte mich damals ein wenig, heute weiß ich, dass das Fehler sind, die im Redaktionsalltag eben passieren). Es war toll, die Schauspielerin Julia Jentsch ein wenig anschwärmen zu dürfen. Ich war beseelt, mich mit dem Künstlerpaar Gilbert & George über Religion erst streiten und dann doch auf einer Wellenlänge wissen zu dürfen. Und es war klasse, die weitgehend unbekannte Malerin Heide Nord aus ihrer Reserve locken zu können.
Auffallend allerdings, bei all meinen Texten: Die Basis sind Interviews, am Ende schreibe ich aber nicht die Illusion eines Gesprächs nieder, sondern einen Fließtext. Wahrscheinlich kann ich das nicht so gut: Das, was mich in diesem Moment bewegt, das, was mich eigentlich an meinem Gesprächspartner interessiert, in meinen Fragen formulieren. Wahrscheinlich benötige ich genau für dieses Moment des Interesses noch den erlösenden, erklärenden Satz. Den Satz, der im Gespräch selbst eben nicht fällt.
Denn darum geht es: um Interesse. Ein Interview funktioniert nur auf der Basis, dass man interessiert ist an dem, was das Gegenüber sagt. Man sollte sein Manuskript vergessen, damit man individuell auf seinen Partner reagieren kann, man sollte Augenkontakt halten, man sollte sofort verstehen, was das eben Gesagte mit dem eigenen Leben zu tun hat. Und darauf dann die Folgefrage stellen, die jetzt einzig richtige. Ich scheine das nicht zu können.

André Müller, der konnte das. 2000 sprach Müller für den Tagesspiegel mit Jörg Haider, ein harter Brocken, an dem die meisten scheiterten, am spektakulärsten Erich Böhme in seiner Fernsehshow Talk in Berlin (erster von neun Teilen, die folgenden Teile sind rechts verlinkt). Müller geht ganz klassisch vor, konfrontiert den österreichischen Rechtspopulisten zunächst mit einigen kontroversen Zitaten, Provokationen, auf die der professionell abgefuckt reagiert. Und dann dreht der Interviewer das Gespräch plötzlich, wird persönlich bis zur Schmerzgrenze.

Warum sprechen Sie von „Nichtstuern im Süden“? Warum benutzen Sie diese Worte? Was ist ein Nichtstuer?

HAIDER: Vielleicht fällt es Ihnen leichter, wenn ich sage: einer, der dem Müßiggang frönt, einer, der keiner geregelten Erwerbstätigkeit nachgeht.

Das ist ein Nichtstuer?

HAIDER: Ja.

Dann bin ich einer.

HAIDER: Das kann schon sein. Unter Journalisten gibt es mehrere solche.

Vielleicht ist Denken schon Tun. Das kann doch auch nützlich sein.

HAIDER: Ja gut, okay. Aber Sie müssen ja nicht unbedingt in einem System leben, wo man das subventioniert. Bei mir würden Sie nicht subventioniert. Die EU fördert Betrügereien, indem Leute, ohne daß sie was tun, also obwohl sie zum Beispiel keine Oliven anbauen, durch betrügerische Antragsstellung und Fälschung von Dokumenten zu ihrem Geld kommen.

Betrogen hab ich noch keinen.

HAIDER: Na gut, solange Sie niemandem zur Last fallen…

Offenbar falle ich jetzt Ihnen zur Last.

HAIDER: Mir gehen Sie höchstens auf die Nerven.

Müller macht hier etwas, was man als Journalist eigentlich nicht darf: Er spricht von sich. Und wie er von sich spricht, entlarvt er Haider in seinen Antworten, ganz hart, ganz klar. Das funktioniert nur, weil er sich ohne Einschränkungen dafür interessiert, was Haider da sagt.
Und weil wir solche Interviews in Zukunft nicht mehr lesen dürfen, deswegen ist der Tod von André Müller solch ein schmerzhafter Verlust.

Die „Jack Freak Pictures“ sind Bilder von Gilbert & George. Viel mehr braucht man nicht zu sagen, Gilbert Prousch und George Passmore machen, was sie machen, also großformatige, comicartige Collagen, in denen sie hoch ironisch gegen restriktive Sexualmoral, Religion und Konventionen agitieren. Das ist immer extrem unterhaltsam, immer handwerklich auf höchstem Niveau und immer auch irgendwie dasselbe. Bei den „Jack Freak Pictures“ geht es in erster Linie um die Auseinandersetzung der beiden Endsechziger mit Religion, und dabei freut es einen erstmal, dass die Arbeiten in den Hamburger Deichtorhallen ausgestellt sind. Die bieten nämlich ausreichend Platz für die 120 teilweise riesigen Arbeiten. Ansonsten haben Prousch und Passmore diesmal den Reiz des Kaleidoskops entdeckt, immer wieder wird der Blick gebrochen, verzerrt, vervielfältigt, bildet neue Anordnungen und Muster und sorgt spätestens beim dritten Bild dafür, dass man sich fühlt, als ob man die Decke eines gotischen Kirchenschiffs betrachten würde, das ist raffiniert. (Eher nervig ist, dass man sich spätestens beim sechsten Bild fühlt, als ob man eine Esoterikzeitschrift lesen würde, das ist weniger schön, wird aber dadurch relativiert, dass einem immer wieder die Gilbert & George-typische Ironie dazwischen grätscht. Denn mit Ironie haben es echte Esos ja nicht so.) So durchwandert man die Ausstellung, findet eigentlich alles ganz gut und fragt sich nach einer Weile, ob man sich denn langsam mal ein Bier holen sollte.

Leider holt man sich keines, weil erstmal das Mikro knackt. Der britische Botschafter Simon McDonald hält eine freundliche Rede, das geht noch. Dann aber kommt Reinhard Stuth, der scheidende CDU-Kultursenator, und jetzt möchte man ganz schnell betrunken sein. Denn Stuth hat auf ziemlich vielen Bildern von Gilbert & George den Union Jack entdeckt, und das ist für ihn der Aufhänger für seine Rede. „Mit nationalen Symbolen tut man sich in Deutschland ja schwer“, ach was, warum wohl? Stuth versucht ernsthaft, Gilbert & George als Kronzeugen für einen unverkrampften Umgang mit der Flagge zu gewinnen, aber er hält seine Rede auf Deutsch, man darf also hoffen, dass die beiden Künstler ihn nicht verstehen.
Es gab einmal eine Zeit, da wurde gemutmaßt, dass Gilbert & George einen leichten Rechtsdrall hätten. Diese Vermutungen waren schon damals an den Haaren herbei gezogen: Grob gesagt, bezogen sie sich auf eine Bilderserie, auf denen einzelne Neonazis zu sehen waren, es war aber nicht schwer, in den aggressiv maskulinen Codes der Skinheads schwule Pornoposen nachzuweisen, falscher Alarm also. Außerdem sind Gilbert & George nicht gerade Fans des Islam, Kunststück, Gilbert & George mögen überhaupt keine Religion. Vor sechs Jahren interviewte ich die Beiden fürs uMag, und in diesem Gespräch ging es um genau dieses Thema.

uMag: Sind Sie religiös?
George: Wir beschäftigen uns mit Religion in unseren Bildern, ja. Gilbert wurde katholisch erzogen, ich protestantisch.
Gilbert: Ich glaube nicht an Gott. Ich glaube an eine Kraft, bei der wir nicht wissen, wo sie herkommt, aber nicht an einen christlichen Gott. So ist das.
uMag: Ich habe Ihre Ausstellung im Frankfurter Portikus gemeinsam mit einer spanischen Katholikin gesehen, und sie fühlte sich von Ihren Bildern angegriffen.
George: Die Katholiken sind die Muslime der christlichen Welt. Wenn man alle unterschiedlichen christlichen Gruppen nimmt, Katholiken, Anglikaner, Baptisten, Methodisten, Quäker … dann sind Katholiken die Muslime. Sie haben die gleichen Ansichten über Kondome und so.
Gilbert: Es ist gut, wenn sie sich angegriffen fühlen. Es muss sie angreifen, weil sie Unrecht haben. (mit Nachdruck) Sie haben Unrecht. Die Kirche hat Unrecht.

Und, ja, das sind Ansichten, die dürfen Gilbert & George vertreten. Es geht hier um ein schwules Paar, und das wird angegriffen, von Katholiken, von Muslimen, da dürfen sie sagen: Wir mögen die nicht. Wenn man dafür gleich von rechts vereinnahmt wird, dann weiß ich auch nicht.
Ich habe damals das Gespräch anlässlich der Ausstellung „Twenty London East One Pictures“ in der Kestnergesellschaft Hannover geführt, einer Ausstellung, die ziemlich scharf das Wohnumfeld der Künstler im Londoner East End porträtierte. Wenn ich es richtig verstehe, ist die Gegend so eine Art britisches Kreuzberg: migrantisch geprägt, unter starkem Gentrifizierungsdruck, mit heftigen sozialen Gegensätzen. Es ist sicher nicht immer schön, da zu leben. Aber das Leben im Londoner East End ist eben auch ein Leben, bei dem die Gegensätze eine kreative Reibung erzeugen, die Kleinbürger und die Junkies und die Islamisten – und mittendrin das schwule Künstlerpaar. Diese kreative Reibung macht das Leben lebenswert, bei allen Problemen. Das Künstlerpaar mit dem Union Jack einzusacken, wie Kultursenator Stuth es versucht, das funktioniert nicht, zumal das Britische schon bei Gilbert & George ein gebrochenes Nationalgefühl ist: Gilbert Prousch wurde 1943 im ladinischen Bergdorf St. Martin in Thurn geboren und kam erst in seinen Zwanzigern nach London, hat also selbst einen Migrationshintergrund. Wenn Gilbert & George den Union Jack verwenden, dann wirkt das eher wie ein typisch britischer, extrem negativer Umgang mit nationalen Symbolen, der seinen Ursprung im Punk hat: von den Sex Pistols („God save the queen/the fascist regime“) über Morrissey („The kind people/have a wonderful dream:/Margret on the guillotine“) bis ganz aktuell zu PJ Harvey („What is the glorious fruit of our land?/The fruit is orphaned children!“). Kennt Stuth natürlich alles nicht.
Zum Ende seiner Rede möchte der Kultursenator noch einen Witz machen, leider auf Englisch. Und er zitiert Bismarck, vor dem distinguierten, klugen, schwulen Künstlerpaar (und merkt gar nicht, was für einen homphoben Klopper er da unfreiwillig landet): „Short speeches, long sausages!“

Und in dem Moment möchte man vor Fremdscham schon am liebsten im Boden versinken.