08. November 2012 · Kommentare deaktiviert für Ein kaum hörbares Knirschen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , , , , ,

Eine Großstadt, wie man sie sich wünscht: Brüssel.

Also Stuttgart. In Stuttgart wurde ein neuer Bürgermeister gewählt, und der gehört den Grünen an, deren Vertreter sonst eher nicht Bürgermeister werden. Die CDU, die seit Jahrzehnten den Bürgermeister stellte, erlitt eine Schlappe, weswegen deren Vertreter panisch wurden: Sie hätten die Großstadtkompetenz verloren, mutmaßten die konservativen Analytiker, die jungen, urbanen Schichten würden sie nicht mehr wählen. Naja, Stuttgart. Manche streiten ja darüber, ob Stuttgart wirklich eine Stadt ist und nicht nur ein Bahnhof mit ein paar ungeordneten Häusern drumrum, wobei sogar der Bahnhof in Zukunft unsichtbar werden soll, aber eigentlich ist das hier gar nicht das Thema. Das Thema ist: Was ist das eigentlich, die Großstadt, in der keine großen Parteien mehr gewählt werden?

1. Die Großstadt ist gar nicht so groß

In der Stadtsoziologie spricht man ab 100000 Einwohnern von einer Großstadt. Wer schon einmal in Osnabrück war, der weiß: Besonders urban ist das nicht. Und wenn man mal andere Städte zum Vergleich nimmt, etwa Chongquing in China, mit 28,85 Millionen Einwohnern größte Stadt der Welt und in Europa weitgehend unbekannt, dann fragt man sich schon, ob die Relationen stimmen.

2. Die Großstadt ist ein Dorf

Was macht eine Stadt Hamburg aus? Poppenbüttel? Eilbek? Marmstorf? Nein, eine Stadt wird geprägt von innerstädtischen Quartieren, im Falle Hamburgs: von St. Pauli. Knapp 24000 Einwohner, das ist eine Liga mit Mühlheim am Main. Und außenrum haben wir Speckgürtel, der zählt nicht.

3. Die Großstadt besteht aus Unterschieden

In der Kleinstadt fällt man schon auf, wenn man einen Dialekt spricht, der einen nicht eindeutig als Eingeborenen ausweist. Die Großstadt lässt, solange sie als Stadt funktioniert, Unterschiede zu. In einer funktionierenden Großstadt lebt der Beamte mit dem Studenten Tür an Tür, die Künstlerin mit der alleinerziehenden Mutter, der Aufstocker mit der Gutverdienerin, in der Großstadt glaubt der Muslim, was er glauben will, die Katholikin glaubt an den Papst, und der Atheist glaubt gar nichts. Und alle kommen irgendwie miteinander aus. Das ist so, in der perfekten Großstadt.

Leider ist die Großstadt oft nicht perfekt. Das merkt man im Prenzlauer Berg in Berlin, wo man komisch angeschaut wird, wenn man kein Schwäbisch spricht, das merkt man in der Hamburger Hafencity, wo eben kein Aufstocker mit der Gutverdienerin Tür an Tür lebt – in der Hafencity leben ausschließlich Gut- und Bestverdiener, weil alle anderen sich eine Wohnung hier nicht leisten können. Das merkt man im Münchner Hasenbergl, wo jeder, der seine Kröten irgendwie zusammenkratzen kann, wegzieht, und übrig bleiben die Übriggebliebenen. Das Gegenteil der Großstadt ist nicht das Dorf, das Gegenteil der Großstadt ist das Getto.

Wenn die Großstadt nicht funktioniert, dann gibt es Störgeräusche, manchmal ein kaum hörbares Knirschen, manchmal ein ohrenbetäubendes Kreischen, das einem sagt: Hier kippt gerade etwas. Man hört es in Hamburg, wo wütende Stadtbewohner in der „Recht auf Stadt“-Bewegung dagegen protestieren, dass die Mieten im Zentrum unerschwinglich werden. Man hört es in Stuttgart, wo Bürger sich dagegen wehren, dass ein Bahnhof an der Bevölkerung vorbei geplant wird. Und man hört es ganz hässlich in Köln, wo die Leute gegen einen Moscheebau demonstrieren. Man soll sich nichts vormachen: Die Störgeräusche der Großstadt sind manchmal wirklich widerwärtig.

Und doch, und doch. Ist die Großstadt der Ort, wo man solche Misstöne aushält, wo aus solchen Misstönen etwas neues entsteht. Und wenn nichts neues entsteht, dann verschwindet die Großstadt eben, dann wird sie zur Kleinstadt, zum Ort, wo es keinen Misston gibt, sondern ausschließlich dumpfe, langweilige Stille. Grabesstille. Die Kleinstadt ist der Gegenentwurf zur Großstadt, der Ort, an dem es keine Unterschiede gibt, sondern nur noch Gleichklang. Manhattan, der Inbegriff des Urbanen, wurde so ein Ort in den Neunzigern, als die Quadratmeterpreise so in die Höhe schossen, dass kaum noch ein Normalverdiener im Zentrum New Yorks wohnen konnte. Und? Zogen die Coolen, die Künstler eben ein paar Kilometer weiter, nach Brooklyn. Dass alles im Fluss ist, ist das vierte Element der Großstadt:

4. Die Großstadt verändert sich ständig

Irgendwelche Strategien, wie politische Parteien die großstädtischen Wähler einfangen können, funktionieren entsprechend gar nicht. Weil die Städter nämlich schon wieder woanders sind, bis die Partei ihr Programm angepasst hat. Vielleicht einfach ehrlich sein, konsequent und nicht allzu abgehoben? Vielleicht keinen Bahnhof neu bauen, wenn die Stadtbewohner keinen Bahnhofsneubau wollen? Vielleicht: mal zuhören?

Und ansonsten: Leben und leben lassen. (Ich halte es für einen echten Glücksfall, in der Großstadt zu leben.)

05. September 2010 · Kommentare deaktiviert für In Richtung Nordsee tröten · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

Nachdem das Deutsche Schauspielhaus die Spielzeiteröffnung mit einer Art Jugendtheater ohne jugendlichen Appeal beging, zieht jetzt das Thalia nach und eröffnet mit, nunja, einer Art Puppentheater: Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun inszeniert ein eigenes Stück namens „Vor uns die Sintflut“. Und der Einstieg zeigt eben einen angelnden Seemann mit einem Sockenpuppen-Fisch, nicht uncharmant, aber auch ein wenig läppisch. Nun denn.
Im Vergleich zu früheren Theaterarbeiten Kameruns fällt auf, dass es eine echte Handlung gibt. Nämlich die: Eine Bordgesellschaft aus bohèmienhaften Künstlerexistenzen schippert auf einem Luxusliner über die Weltmeere, um das Seebegräbnis einer verstorbenen Operndiva zu begehen, während im Unterdeck Heizer (das Proletariat!) und Flüchtlinge (das unheimliche Andere!) vor sich hinvegetieren. Was mehr oder weniger originalgetreu die Handlung von Fellinis Film „E la nave va“ (1983) ist, im Programmheft nichtsdestotrotz als ureigene Schöpfung Kameruns bezeichnet wird. Dafür hören wir aber: Großartige Musik der All-Star-Band Die Vögel (Ja, König, Ja-Multitalent Jakobus Siebels, Goldene-Zitronen- und Stella-Mitglied Mense Reents sowie Sterne- und Goldene-Zitronen-Bassist Thomas Wenzel), einen sehr coolen Bühnehund, der eigentlich nichts macht außer hin und wieder von links nach rechts zu laufen und zu schnuppern, Schauspieler, die einem den Atem nehmen, so gut sind sie (Lisa Hagmeister!, Felix Knopp! Alexander Simon!), immer wieder gute, politisch scharfe Ideen, die die Geschichte davor abhalten, vollends ins Läppische zu rutschen. Also: alles gut?

Nö.

Weil „Vor uns die Sintflut“ nämlich trotz aller Mühen Ausstattungstheater bleibt, letztlich ohne politische Relevanz. Weil die Idee, in Fellinis Reisegesellschaft ein Symbol für die dekadente, abgehobene Upperclass zu sehen, nicht funktioniert: „E la nave va“ spielt zu Beginn des Ersten Weltkriegs, einer Zeit, in der man Künstler tatsächlich noch als Bohème sehen konnte, „Vor uns die Sintflut“ will mit Sarkozy- und Sarrazin-Zitaten aber ein Stück für 2010 sein, und 2010 stehen Künstler dem Prekariat näher als der Oberschicht. Währenddessen fahren vor dem Theaterzelt dröhnende Partyboote vorbei, währenddessen schauen wir in der Pause auf die Beachclubs am Elbufer, währenddessen trötet ein Kreuzfahrtschiff lustig in Richtung Nordsee davon und erinnert daran, wer heute eigentlich wirklich der Dekadente ist. Vor allem aber: Das Thalia hat seine Zelt-Dependance ausgerechnet auf einer Brachfläche in der Hafencity aufgebaut, dem Symbol eines gentrifizierten Eliten-Wohnviertels, abgehoben von der echten Welt. Das fröhlich auf der Thalia-Website als Produktionspartner genannt wird, Dankeschön auch.

Der taz vom Samstag hat Kamerun ein kluges Interview über die Verquickung von kommerziellen mit künstlerischen Interessen im Stadttheaterbetrieb gegeben. So klug, wie die Musik der Goldenen Zitronen, so klug wie Kameruns sonstige Theaterarbeiten. Und irgendwie hätte ich mir so etwas Kluges auch in der Hafencity gewünscht.

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