30. Januar 2013 · Kommentare deaktiviert für Jenseits der Grenzen des Nationalen · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

„Verrücktes Blut“ ist schuld. Mit dieser Produktion setzte das Berliner Ballhaus Naunynstraße vor zwei Jahren den Begriff „postmigrantisches Theater“ auf die Agenda – Migrationsprozesse sind demnach in Deutschland abgeschlossen, bleiben aber dennoch in der Lebensrealität der Zuwanderer spürbar. Das Theater soll diese Realität sowohl inhaltlich wie ästhetisch abbilden, und selbst wenn „postmigrantisches Theater“ als Genrebegriff zu hoch gehängt ist, liegt hier zweifellos Einiges im Argen. Wo die postmigrantische Generation längst in Kino, Kabarett, Tanz und Comedyszene angekommen ist, ist das deutsche Stadttheater weiterhin Hort kultureller Homogenität. Außer in der Kreuzberger Naunynstraße.

Ich habe in diesem sympathischen kleinen Blog schon mehrfach erwähnt, dass ich unzufrieden bin mit der nationalen Homogenität im deutschen Stadt- und Staatstheater, gerade wenn ich Stücke gesehen habe wie „Hajusom in Bollyland“ der Hamburger multinationalen Gruppe Hajusom, oder „Open for everything“ von Constanza Macras‘ Gruppe Dorky Park. Weil ich bei solchen Arbeiten immer spürte, welche Kraft, welche Sinnlichkeit, auch welche Aggression in einem Multikulturalismus steckt, der die Grenzen des Nationalen überwindet. In der morgen erscheinenden Ausgabe von Theater heute habe ich unter dem Titel „Ihr werdet jetzt alle assimiliert!“ einen längeren Text über den Trend hin zum postmigrantischen Theater geschrieben, anlässlich des Kampnagel-Minifestivals „Krass“ Ende des vergangenen Jahres.

(In besagter Theater heute-Ausgabe findet man, ebenfalls von mir, Besprechungen zu „Männer Frauen Arbeit“ am Hamburger Schauspielhaus sowie zu „Die Affaire Rue de Lourcine“ am Theater Bremen, es gibt diesen Monat also recht viel Falk fürs Geld. Links sind, wie bei Theater heute üblich, nur für Abonnenten zugänglich.)

Edit: Fürs das aktuelle uMag habe ich ein Interview mit Constanza Macras geführt, in dem ich mit der Choreographin unter anderem über das Thema Migration rede.

17. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Ein ungemütliches, bruchstückhaftes Durcheinander · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

A. ist total genervt von dem Abend. Um Gefühle sollte es gehen, zumindest wurde uns das versprochen, aber dann geht es um Komik, und Komik, das ist doch kein Gefühl. Da hat A. recht. Wobei, tatsächlich wurde behauptet, dass es in „Hajusom in Bollyland“ der Hamburger Sozio-Theater-Gruppe Hajusom auf Kampnagel um „Rasas“ gehen würde, und der Sanskrit-Begriff „Rasa“ wurde am Anfang eher ungeschickt mit „Gefühl“ übersetzt, meint aber acht Grundprinzipien der indischen Ästhetik, die im Zusammenhang stehen mit nicht in Worte fassbaren Empfindungen. Gefühle, nunja.

„Hajusom in Bollyland“ sieht also so aus, dass da 20 Jugendliche mit Migrationshintergrund auf der Bühne stehen, eigene und fremde Erfahrungen referieren und dazwischen (mit aller laienhaften Unbedarftheit, mit allem laienhaften Charme) kurze Spielszenen antäuschen, die insgesamt die acht Rasas ergeben: Liebe, Komik, Kummer, Heldentum, Angst, Ekel, Wut, Staunen. Dazu spielt Ashraf Sharif Khan Sitar und Viktor Marek Synthesizer, einiges passt nicht zusammen, einiges ist gewollt, und vieles ist ganz großartig. Nicht wegen der transportierten Inhalte, die sind anrührend, aber sie sind auch nichts neues, ich weiß ja, dass Migranten ein Fremdheitsgefühl haben, wenn sie nach Deutschland kommen, auch nicht wegen der manchmal etwas weit hergeholten Bollywood-Bezüge, weil ich von Bollywood verhältnismäßig wenig verstehe. Andererseits: Vielleicht finde ich es ja gerade deswegen so toll, weil ich nicht verstehe. Bollywood: bunt und wild und vollkommen unverständlich, eigentlich. Klasse.

Ich mag diese Randbereiche der Ästhetik, wo meine Erfahrung, meine Bildung an ihre Grenzen stößt. Japanische Fernsehshows, indonesisches Tanztheater, kolumbianischer HipHop: ganz großartig. Immer wenn ich solche kulturellen Bastardformen sehe, wird mir bewusst, in was für einer bunten, alles andere als homogenen Welt ich lebe, immer wenn ich solche kulturellen Bastardformen sehe, wird mir bewusst, wie langweilig doch Kino aus Hollywood, Malerei aus Leipzig und Indiepop aus Manchester in Wahrheit ist.

Multikultur ist etwas überaus Cooles, zumindest, wenn man sie nicht als Mischmasch, nicht als Melting Pot missversteht, sondern als ungemütliches, bruchstückhaftes, kreatives Durcheinander. (Ganz ähnlich empfand ich auch bei Constanza Macras‘ Tanzstück „Open for Everything“, vor kurzem am gleichen Ort.) Matthias bemängelte vor einigen Jahren, dass der Ort, wo in Hamburg Flugzeuge ankommen, als „Hamburg Airport“ firmiere und nicht als „Flughafen Hamburg“ – für mich geht das in Ordnung. Noch besser würde ich es finden, wenn die Verantwortlichen nicht das vorgeblich coole englische „Airport“ gewählt hätten, sondern Ungarisch: „Hamburg Repülőtér“, okay, wäre vielleicht nicht allzu praktisch gewesen, da findet sich ja niemand mehr zurecht. Aber vielleicht wird klar, was ich meine: Ich mag dieses Durcheinander. Tut mir leid, ich finde es großartig, wenn ein afghanischer und ein iranischer Jugendlicher auf einer Bühne stehen, ihre Performance gerade gegenseitig voll geil finden, und ein Hamburger und ein pakistanischer Musiker spielen dazu, und ich höre mit die beste Musik seit langem.

(Und die ganzen Schlechtmenschen mögen mich von nun an gerne als Gutmensch beschimpfen: Ich weiß selbst, dass solch ein Durcheinander nicht ohne Probleme abläuft. Nennen wir es Reibungshitze.)