25. Oktober 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , ,

In dem schraddeligen, kleinen Punk- und Ska-Laden, in dem ich mir neulich eine Ben-Sherman-Reisetasche gekauft habe und mich hinterher fragte, ob ich mit sowas womöglich Nazis unterstützt habe (habe ich nicht, ergaben meine Recherchen), in diesem Laden ist jetzt ein Frisör. “Wunderkopf” heißt er, er ist stilvoll minimalistisch eingerichtet, ein sehr schöner Herr und eine ebenso schöne Dame umschwirren einen Kunden, was machen sie? Richten sie ihm die Haare, oder geben sie ihm nur das Gefühl, angenehm umschwirrt zu sein?

Ich will nichts dagegen sagen. Die beiden sehen toll aus, gerade in Bezug auf ihre Haare, und es ist gut, wenn Frisöre selbst schöne Frisuren haben, das ist so ein Vertrauensding. So toll würde ich auch gerne aussehen, vielleicht würde es klappen, könnte ich mir einen Besuch bei “Wunderkopf” leisten, wer weiß, vielleicht könnte ich es mir leisten. Ich finde es ein wenig schade, eigentlich wollte ich mir vor dem Herbst noch ein paar neue Doc Martens kaufen, das geht jetzt nicht mehr, zumindest hier nicht. Ist aber im Grunde auch egal.

Nur die Skinheads, die zuvor im Punkladen rumhingen, für die ist der “Wunderkopf” sicher nichts mehr.

Sie planen jetzt also eine Seilbahn. Über die Elbe. Ach, wer bin ich, dass ich den Leuten den Spaß verderbe, sollen sie ihre Seilbahn bauen, sie wird hässlich aussehen, aber was sieht nicht alles hässlich aus in dieser Stadt? Würde es nach mir gehen, würde die Seilbahn nicht gebaut, aber ich bin auch nur einer von 289876 Einwohnern in Hamburg-Mitte, viel zu sagen habe ich nicht, vergleichsweise. Ich werde beim Volksentscheid im August meine Stimme abgeben, gegen die Seilbahn, das ist meine demokratische Pflicht.

Was ich aber nicht aufhören werde, ist: mich darüber zu ärgern, für wie blöde einen die Seilbahn-Befürworter halten, die Musicalbumsbetreiber Stage Entertainment am südlichen Elbufer. Behaupten, dass die Seilbahn doch ein Geschenk sei, ganz uneigennützig, für die Bürger der Stadt. Und diesen Ärger habe ich vorgestern auf Twitter formuliert. So:

 

Und auf diesen Tweet hat sich dann ein Befürworter der Seilbahn gemeldet. Ich habe mir länger überlegt, ob ich den Tweetdialog öffentlich machen sollte, aber, mal ehrlich, das ist Twitter, nicht Facebook oder Mail, das ist öffentlich! Als ob man auf einer Bühne stehen würde, um lautstark zu streiten! Deswegen muss der Herr B. jetzt auch damit leben, dass ich seine irrsinnige Argumentation in die Helligkeit dieses Blogs zerre – er hat das Ganze ja schon exponiert, indem er mir geantwortet hat. Außerdem bette ich seine Zitate nur ein, sollte ihm also plötzlich peinlich sein, was für einen Blödsinn er verzapft hat, kann er sie auf Twitter einfach löschen, dann verschwinden sie auch hier. Falls er kapiert, wie das geht. Seilbahn-Fans, kapiert ihr das?

 

 

Oh, also wird schon davon ausgegangen, dass das Ganze vielleicht doch kein Geschenk ist?

Oh ja, Hamburg ist natürlich eine ganz schlimme Stadt, die den Touristen rein gar nichts bietet. Nicht einmal einen begehbaren Fernsehturm. Und außer Fernsehtürmen und Seilbahnen gibt es ja gar keinen Grund, eine Stadt zu besuchen.

Das ist der Moment, an dem man merkt: Herr B. hat keinen Bock mehr, weiter zu twittern. Jetzt schimpft er nur noch.

… und kurz darauf bricht er die Diskussion auch ab. Nicht ohne mir noch einen mitzugeben: Ich argumentiere kleinbürgerlich. (In der Bezirksversammlung haben sich übrigens CDU und AfD in trauter Einigkeit für die Seilbahn ausgesprochen, SPD, Grüne und Linke sind dagegen. Soviel zu “Kleinbürger”.)

Ein paar Stimmen mit weniger Schaum vor dem Mund: Erik Hauth begründet in der Zeit seine Ablehnung des Vorhabens. Hamburg-Mittendrin stellt die Meinungen von Befürwortern und Gegnern einander gegenüber. Die Planer haben eine schicke Pro-Propaganda-Seite gebaut. Und auch die Gegner sind online.

15. Juni 2014 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Daddeln · Tags: , , ,

Vorbemerkung

Ihr habt schon gemerkt: Hier passiert gerade wenig. Weil alle spannenden Themen abwanderrn, dorthin, wo ich Geld für Texte bekomme. Oder zu den Flâneuren, wo wir kollektive Formen ausprobieren können. Hier hingegen gibt es manchmal Wegweiser zu ebendiesen Texten woanders und meistens gar nichts. Was auf lange Sicht auch keine Lösung ist. Also: ein neues Format muss her, ein Format, das woanders keinen Platz hat. Zum Beispiel Mens sana in corpore sano, Mensa. Restaurantkritiken aus Banausensicht. Das lässt sich noch verbessern, sicher, zum Beispiel: mit Fotos, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Mache ich beim nächsten Mal, so es ein nächstes Mal geben sollte. Die Bandschublade: ein Foodblog. Guten Hunger.

Drumherum

Das Tschebull bezeichnet sich selbst als “Beisl, Restaurant, Bar”, das klingt unprätentiös, weil eine “Beisl” im Österreichischen das ist, was in Bayern die “Boazn” ist und in der schwäbischen Heimat die “Beiz”: ein Wirtshaus. Aber das Tschebull steht nicht in Österreich, es steht in Hamburg, im Levantehaus. Welches sich in der Mönckebergstraße befindet, der uncoolen Schickirennstrecke zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, und, ja, als wir das Tschebull besuchen, sitzt am Nachbartisch ein Junggesellinnenabschied. Gesittet zwar, aber, trotzdem: Wo Junggesellinnen sich verabschieden, sollte man sich fernhalten.

Davon ab, ist das Tschebull vor allem ein sanft hochpreisiger Laden, der tatsächlich angenehm wenig Wert auf Förmlichkeiten legt. Das zeigt sich schon in der Einrichtung: Alpenländisches wird zitiert, aber sehr zurückhaltend, mit leicht spöttischem Humor, ansonsten herrscht holzgeprägte Coolness vor (der Humor wird allerdings auf den Toiletten überstrapaziert, wo man zunächst ein angedeutetes Plumsklo besucht, und am Waschbecken sein Handtuch in eine Milchkanne fallen lässt. Aber das hier soll ja eine Restaurantkritik sein und keine Toilettenkritik). Alles in allem: ein Lokal, in dem Nasen wie wir uns durchaus wohlfühlen. Sanft hochpreisig, das heißt: Die Hauptgerichte beginnen bei 19 Euro (Tafelspitz) und enden bei 28 Euro (Rücken vom Klosterschwein). Will sagen, puh. Wir nahmen das Gourmet-Menü, das von Rindchens Weinkontor angeboten wird, 59 Euro für fünf Gänge inclusive korrespondierender Weine, Wasser und Kaffee, das ist fair. Sehr fair.

Vorspeise: Tomaten-Auberginentatar mit Burratastreifen und Brunnenkressepesto

Als Gruß aus der Küche gab es Brot mit Erdäpfelcreme, für mich ein wenig zu schwer, aber okay. Die Vorspeise dann aber sehr lecker, frisch und überraschend rauchig: ein Salätchen. Dazu ein Welschriesling vom burgenländischen Weingut Strehn, lecker, ein wenig arg unspektakulär vielleicht.

Erster Gang: Weißer Spargel in der Folie geschmort mit Bärlauchtascherln, Bröselschmelze und Tiroler Schinken

Wir sind ja Banausen, Spargel gehört bei uns gekocht und mit zerlassener Butter serviert. Aber auch Banausen lassen sich gerne mal was Neues zeigen. Beispielsweise diese sehr zurückhaltende Variante, die sich sehr, sehr, sehr auf die ursprüngliche Geschmacksfarbe konzentriert. Der schönen, klugen Frau war es ein wenig zu intensiver Spargelgeschmack, ich war eber ganz angetan. Begeistert waren wir alle vom Rotgipfler (Rotgipfler! Noch nie gehört! Und dass das ein Weißwein ist, überrascht gleich nochmal) vom Johanneshof Reinisch aus der Thermenregion, geschmacklich intensiv mit überraschend starken Karamellnoten im Abgang.

Fischgang: Dorade Royal mit Kohlrabi-Erbsengemüse, Rahmdalken und Petersiliensafterl

Holla! Sensationeller Fisch, leckeres, noch knackiges Gemüse, optisch toll angerichtet. Was “Rahmdalken” sind, habe ich nicht wirklich verstanden, die nette, etwas wuschige Kellnerin meinte, in Frankreich nenne man sie Blinis, aber ich kenne Blinis eher aus Osteuropa, und die sehen ganz anders aus, egal. Dazu einen sehr feinen Pinot Blanc vom niederösterreichischen Weingut Maurer.

Hauptgang: Warm geräuchertes Ochsenbeiried mit gebratenen Romanaherzen, Zwiebelmarmelade, Süßkartoffelpommes und Sauce Bearnaise

Die schöne, kluge Frau ist skeptisch: rotes Fleisch! Aber die rote Färbung kommt vom Räuchern, und das ist wirklich sehr, sehr gut. Das Beiried (ich wusste nicht einmal, was das eigentlich ist, anscheinend ist es ein Teil des Rückens) bekommt so einen ganz interessanten Schinkengeschmack, großartig. Frau D. hingegen bemängelt die Süßkartoffelpommes, die sind ihr zu süß, und sie hätte “lieber Kroketten” gehabt, aber gemeinsam mit der mir eigentlich zu pappigen Sauce Bernaise ergibt das eine raffinierte Kombi. Dazu: Blaufränkisch, wieder vom Weingut Strehn, schwer aber nicht zu schwer, ein toller Übergang von weiß zu rot.

Dessert: Waldmeister-Champagnercreme mit frischen Erdbeeren und Caipirinhasorbet

Die Erdbeeren hätten nicht sein gemusst, die sind sauer und bäh. Der schönen, klugen Frau missfällt auch die Waldmeister-Champagnercreme, sie findet, die sei zu bitter, weswegen Frau D. und ich uns ihre Portion mit viel Freude teilen, das Sorbet überzeugt alle. Der dazu gereichte Moscato d’Asti von der piemontesischen Cascina Fonda (der einzige nicht-österreichische Wein des Abends, btw) ist interessant, mir allerdings viel zu süß. Ja, ich weiß, Dessertwein, schon klar. Aber der hier ist eigentlich gar kein Wein mehr, sondern eine Süßspeise.

Fazit

Ja, ein großartiges Menü. Ja, eine interessante Weinzusammenstellung praktisch ohne Durchhänger (dass ich mit Süßweinen nicht so gut kann, liegt an mir, nicht am angebotenen Moscato d’Asti). Ja, ein etwas trubeliges Ambiente mit halbwegs zweifelhaften weiteren Gästen. Und ein Service, der grundsympathisch daherkommt, bei Fragen allerdings schnell ins Schwimmen gerät (“Wo befindet sich in Österreich denn die Thermenregion?” “Öh. Im Südosten?”). Und der, das ist vielleicht wirklich ein echter Minuspunkt, sehr sparsam ausschenkt. Fünf Gläser sind schon eine ganze Menge, viel mehr hätte ich unter Genussgesichtspunkten auch nicht vertragen, aber: Wir waren auch schon bei Menüs, bei denen uns ein Nachschenken angeboten worden war. Immer wieder. Hier: nichts.

Disclaimer: Dieser Restaurantbericht ist rein privat. Es gab keinerlei Zuwendungen, weder finanzieller noch anderer Art, nicht von Rindchens Weinkontor, nicht vom Restaurant Tschebull, nicht von den genannten Winzern. Die Verlinkungen sind zur Information gedacht, nicht als Werbung.

Das Sommerloch erhebt schon im Mai sein hässliches Haupt, zudem ist da das Theatertreffen, das dafür sorgt, dass recht wenig los ist. Ulkigerweise bin ich trotzdem immer gestresst und komme kaum zum Bloggen, weder hier noch drüben bei den Flâneuren. Tja.

Für die Nachtkritik habe ich vergangenen Monat nur einen einzigen Text geschrieben. Und der ist nicht einmal eine Kritik im klassischen Sinne sondern ein Bericht vom Besuch auf einem Straßenfest, also, bei “New Hamburg“, der Außenproduktion des Schauspielhauses.

Für das Schauspielhaus haben Björn Bicker, Malte Jelden und Michael Graessner auf der Veddel den Themenkomplex “New Hamburg” entwickelt, eine Mischung aus Sozialarbeit, Stadterkundung und auch Theater, das vom 3. bis 25. Oktober in ein Festival münden soll. Bicker, Jelden und Graessner haben ähnliche Projekte schon für die Münchner Kammerspiele (“Bunnyhill”) und das Theater Neumarkt in Zürich (“Arrivals”) realisiert, Ende Juni planen sie Vergleichbares in Stuttgart – als mäkeliger Kritiker hat man so schnell das Bild eines Künstler-Jetsets vor Augen, der aus der Brennpunkt-Recherche ein einträgliches Geschäftsmodell entwickelt. Man kann aber auch anerkennen, dass man es hier mit Profis zu tun hat, mit Leuten, die wissen, was sie tun, die wissen, dass es erst einmal nicht darum geht, große Kunst zu machen, sondern darum, Vertrauen herzustellen in einem theaterfremden Umfeld – die Kunst mag dann später kommen.

Auch in der Theater heute habe ich was geschrieben, eine Kritik zu Armin Chodzinskis “Allegorie der Unsterblichkeit” auf Kampnagel (die wie bei diesem Medium üblich online nur für Abonnenten verfügbar ist, ihr kennt das).

Chodzinski trägt eine Kastenbrille, einen leidlich sitzenden Anzug, einen Seitenscheitel. Die perfekte Mischung aus Spießertum und St. Pauli-Grandezza. Und er singt: Brechts „Solidaritätslied“, Vorwärts!, immer weiter, Wachstumszuversicht ist kein originär rechtes Thema. Singen, Tanzen, Brüllen, Predigen.

Im uMag habe ich mich mit den “Menschen da draußen” auseinandergesetzt. Ja, mit den Menschen, die AfD wählen. Oder so denken wie AfD-Wähler. Kein schönes Thema.

Die Menschen da draußen haben Angst. Vor Gender Mainstreaming. Vor dem Islam. Vor Homosexualität. Die Menschen da draußen halten Wladimir Putin für einen tollen Politiker und die EU für ein sozialistisches Zwangssystem. Die Menschen da draußen haben was gegen Politiker, gegen Medien und gegen Akademiker. Die Menschen da draußen wirken, alles in allem, ziemlich freudlos, umzingelt von Institutionen, die ihnen Böses wollen.

Außerdem habe ich gemeinsam mit meiner Praktikantin Lena Schütte einen Fragebogen für die Performancegruppe/Band HGich.T entworfen.

uMag: Was erträgt man leichter: schlechte Musik oder schlechtes Theater?
Paul Geisler: Schlechtes Theater sieht man zu 99 Prozent gar nicht. Schlechte Musik läuft überall. Das ist natürlich Geschmackssache, aber wenn der Geschmack genervt ist, ist man total ohnmächtig.

Außerdem habe ich noch einen kurzen Text geschrieben über Dietmar Daths neuen Roman. Ein Irrsinn.

Ein Beispiel aus dem “Roman der letzten Künste” “Feldeváye” (Suhrkamp Nova)? “Die Rengi im Raum larkten schockiert. Der Storarier keuchte leise, das Wilfern hatte ihn viel Sauerstoff gekostet.” 800 Seiten lang, ohne eine Erklärung, was “Larken” oder “Wilfern” eigentlich sein sollen. Dafür feiert Dath eine diebische Freude am Schichten von kaum decodierbarem Gelaber, eine Freude, die “Feldeváye” auf die Dauer nahezu sinnliche Qualität verschafft.

An Kritiken gibt es in der kulturnews eine über die fast uneingeschränkt empfehlenswerte Graphic Novel “Kinderland” des großartigen Mawil:

“Kinderland” ist wie so häufig bei Mawil die Erinnerung an Schule, erste Liebe, Versagensängste. Allerdings ist die Geschichte diesmal im Gegensatz zu “Die Band” (2004) und “Wir können ja Freunde bleiben” (2003) politisch aufgeladen: Wir befinden uns im Sommer 1989, die Erlebnisse des 13-jährigen Helden vollziehen sich vor dem Hintergrund der kollabierenden DDR. Das letztgültige Buch zur Wiedervereinigung ist “Kinderland” dabei aber trotzdem nicht geworden – es geht weiterhin mehr um pubertäres Suchen als um Politik, und das im typischen Mawil-Stil. Jetzt eben auf ernst.

Im Kino war ich auch. Und habe Götz Spielmanns “Oktober November” besprochen.

In strengen Szenenanordnungen treibt der 52-jährige Übervater des aktuellen österreichischen Filmbooms jedes Sentiment aus der Vorlage, er dreht kalt, elegant, theaternah, im Verzicht auf jedes überflüssige Element. Details stellt er in den Vordergrund, auf den ersten Blick wichtige Szenen handelt er kurz ab, behandelt Nebensächliches dafür ausführlich. Das gibt Raum für die bis in kleinste Rollen höchst motivierten Darsteller, allen voran Ursula Strauss und Nora von Waldstätten als Schwesternpaar. Kein Figur wird denunziert, beide dürfen ihre Schwächen, Stärken und Geheimnisse behalten und schaffen am Ende einen unspektakulären, stillen Film, dessen Verwerfungen sich abseits der Leinwand vollziehen.

Und jetzt: Sommer. Ja?

Alle beantworten gerade mal wieder einen Fragebogen, Anne machte es, Sven machte es, Isabel machte es ironisch verschlüsselt, ich finde so etwas großartig (siehe Punkt 5). Mache ich also auch, natürlich verspätet, wie immer. Punkt 21: Ich mache immer alles verspätet.

1. Eine meiner frühesten politischen Erfahrungen machte ich ungefähr im Alter von sieben Jahren: Damals wurde mir ein DKP-Wahlplakat mit den Worten „Die wollen, dass alle Menschen gleich sind“ erklärt. Das sollte mich eigentlich abschrecken, ich aber dachte: „Als Konzept ist das doch ganz in Ordnung.“ Im Grunde denke ich das heute noch.

2. Was hingegen anders geworden ist: Als Kind hasste ich es, wenn meine Großmutter Nasi Goreng machte. Heute liebe ich südostasiatische Küche.

3. Ich bin fast immer begeistert, ein paar Tage aufs Land zu fahren. Aber hier leben, nein danke.

4. Mit meine liebste Freizeitbeschäftigung ist Bergwandern. Das machte ich schon als Kind gerne, habe es dann ein wenig schleifen gelassen und vor ungefähr zehn Jahren auf Mallorca wieder angefangen.

5. Ich halte Stöckchen für eine der schönsten Skurrilitäten der Blogosphäre.

6. Mein ehemaliger Englischlehrer sagte mir voraus, dass ich später mal Journalist werden würde. Meine ehemalige Französischlehrerin sagte mir voraus, dass ich später mal Politiker werden würde.

7. Niemand sagte mir voraus, dass ich später mal heiraten würde.

8. Viele Leute behaupten, ich würde überaus häufig nörgeln. Wahrscheinlich ist da was dran, und ich bin ein Muffelkopp, dabei würde ich wirklich lieber mit Sympathie auf die Phänomene dieser Welt schauen.

9. Ich bin wohl wirklich nicht religiös. Manchmal finde ich das schade.

10. Sex, Drugs and Rock’n’Roll finde ich als Konzept ganz großartig, aber immer wenn es drauf ankommt, schiebe ich ästhetische Probleme vor.

11. Als Kind war es mir immer unangenehm, ins fremdsprachige Ausland zu fahren. Ich nahm an, dass die Leute ständig über mich reden würden.

12. Heute hingegen hat es durchaus seinen Reiz für mich, Alltagsgespräche einmal nicht zu verstehen. Metro Budapest, ein Paradies.

13. Städte dieses Landes, die ich sympathisch finde: Berlin, Hamburg, alles im Ruhrgebiet, Frankfurt. Ja, Frankfurt, echt.

14. Städte dieses Landes, mit denen ich wenig anfangen kann: München, Düsseldorf, Stuttgart.

15. Städte dieses Landes, zu denen ich demnächst gerne ein Verhältnis aufbauen würde: Dresden, Leipzig.

16. Ich habe etwas gegen bildungsbürgerlichen Dünkel, kann mich aber selbst nicht ganz davon freimachen.

17. Mein Lieblingsspielzeug ist mein Smartphone. Mein Zweitlieblingsspielzeug der Herd.

18. Ich empfand es nie als Einschränkung meines Lebens, Brillenträger zu sein, bis ich anfing, regelmäßig in die Sauna zu gehen.

19. Ich empfinde es als Qualität, in manchen Bereichen meines Lebens gescheitert zu sein. Mathestudium abgebrochen, okay, Dissertation nicht fertiggestellt, okay. Wirklich ärgerlich ist hingegen, dass ich nie längere Zeit im Ausland gelebt habe.

20. Ein Körperteil, den ich mag: meine Augenbrauen.

23. März 2013 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , ,
Eine sbstrakte Komposition in Graustufen. Angedeutet: ein singender Keyboarder.

Eine abstrakte Komposition in Graustufen. Angedeutet: ein singender Keyboarder.

Was ich beim Jens-Friebe-Konzert gelernt habe.

- Das Fundbureau gibt es noch. Schon seit fünf, sechs Jahren nicht mehr war ich nicht mehr da, in diesem außergewöhnlich stimmungsvollen Club an einer der abgewrackstesten Ecken der Innenstadt, unter der Sternbrücke. Man merkt immer erst dann, dass man etwas vermisst hat, wenn man es unerwartet wiedersieht.

- Ebenfalls nicht gemerkt, wie sie mir gefehlt haben: die kunstvollen Camp-Chanson-Indie-Disco-Schlager des Herrn Friebe, “Frau Baron”, “Charles de Gaulle”, “Neues Gesicht”. (Warum, zur Hölle, verzichtete Friebe auf “Lawinenhund”?)

- Singen und gleichzeitig Keyboard spielen, sieht scheiße aus. Immer. Selbst wenn man so attraktiv ist wie Jens Friebe. (Was auch der Grund ist, weswegen ich ein Foto gemacht habe, auf dem man rein gar nichts erkennt. Es ist nicht so, dass ich mich nicht getraut hätte, weiter nach vorn zu gehen, es ist nicht so, dass ich einfach keine besseren Fotos machen kann, nein, ich will Friebe davor schützen, als singender Keyboarder erkannt zu werden. Keine Ursache, hab’ ich gern gemacht.)

- Stehschlagzeuger sehen hingegen immer großartig aus. Und wenn sie außerdem noch so toll klingen wie Chris Imler, dann ist das einfach nur Zucker.

- Chris Imler ist ohnehin voll die coole Socke.

- Was ist besser: ein Konzert, bei dem man nach zwei Stunden Spielzeit wie geplättet aus dem Club wankt und nur noch dumpf ins Bett möchte? Oder ein Konzert, bei dem man nach einer knappen Stunde fröhlich im Foyer steht und sich austauscht, wie schön es war, aber, ach, ein klein wenig länger hätte er doch wirklich spielen können? (Zum Beispiel hätte er noch “Lawinenhund” spielen können!)

- A propos Foyer: “Pfeffi” ist ein Getränk, das muss ich nicht zwingend noch einmal haben.

- Wenn Songs funktionieren, dann stört es auch nicht, dass alle ein, zwei Minuten eine S-Bahn über die Köpfe donnert. Man blendet das dann einfach aus. Und wundert sich später beim Pfeffi im Foyer, was das für ein nervtötendes Dröhnen ist, alle ein, zwei Minuten.

- Wie gut die Friebe-Songs funktionieren, merkt man, wenn sie sich opulent arrangiert auf CD anhört, dann ins Konzert geht, ins Konzert, bei dem Friebe an Gitarre und Keyboard steht und ansonsten nur noch die coole Socke Imler dabei hat, und alles klingt ganz anders als auf CD. Aber immer noch spannend.

- Ich habe Friebe aus den Augen verloren, während der vergangenen Jahre. Dass ich ihn vermisst habe, wurde mir gestern klar.

Ich bin niemand, der es exzessiv treibt. Ich habe Kleinstadtjugend, Studium, Punkselbstverständnis, linkes Bewusstsein und Zeiten der Arbeitslosigkeit überstanden, ohne regelmäßig harte Drogen zu konsumieren, ich bin gleichzeitig nicht zum Propheten der Enthaltsamkeit geworden, ich finde das durchaus … nicht schlecht. Das ist das eine. Das andere ist natürlich: Ich bin nicht jede Nacht unterwegs, dazu bin ich wahrscheinlich zu faul, und ich behaupte, dass mein 40 Jahre alter Körper so etwas auch nicht mitmachen würde, wahrscheinlich ist da was dran. Aber manchmal eben dann doch, in Nächten, denen Tage folgen, an denen ich über meinen schmerzenden Kopf jammere, in Nächten, nach denen ich für lange Zeit überhaupt nicht mehr ausgehen will, weil ich denke: Ich packe das einfach nicht mehr.

Ich liebe diese Nächte.

Vielleicht liegt das ja daran, dass diese Nächte keine Selbstverständlichkeit sind für mich, Nächte, in denen ich trinke und laute Musik höre und auf einer Welle der hinreißenden Oberflächlichkeit in Bars geschwemmt werde, in denen ich noch nie war, in Bars, in denen ich immer weiter trinke, und irgendwann fange ich plötzlich wieder an, zu rauchen, meine Güte, Rauchen!, habe ich ja schon seit Monaten mehr gemacht. Und wenn ich halbwegs vernünftig bin, ziehe ich irgendwann die Reißleine, solange das Geld noch reicht für ein Taxi nach Hause. Leben als Nachteule, das ist mehr als das dumme, gedankenlose Feiern, das Pinnebeg und Tostedt Samstagabends auf den Kiez treibt, voller Hoffnung auf die Nacht aller Nächte, und wenn Pinneberg und Tostedt auf der Reeperbahn nachts um halb eins zu dämmern beginnt, dass das heute nichts mehr wird mit einer irgendwie außergewöhnlichen Nacht, wenn sie kapieren, dass sie heute so ungeküsst bleiben werden wie immer, dann beginnen sie, aggressiv zu werden. Davon rede ich nicht.

Ich rede von der schönen Langeweile, während der man ins Gespräch kommt mit einer Frau, die man eigentlich uninteressant findet und plötzlich nicht mehr weiß, was an ihr eigentlich so uninteressant ist. (Dieser Moment als man überlegt: Ich fand den Menschen mir gegenüber doch immer fade, weswegen eigentlich? Und dann realisiert man, dass man nicht mehr verstehen kann, weswegen.) Ich rede von Worten die aus einem fließen, während laute, schöne Musik in einen fließt. (Ich kenne diese Musik überhaupt nicht, noch nie hat mir jemand gesagt, wie schön die ist!) Ich rede vom Ausklinken aus den Zwängen des Erwerbslebens, ich rede vom bewussten Sich-Untauglich-Machen. Von der Negation irgendwelcher moralischer Regeln: Ab heute gilt nur noch, was niemandem wehtut.

Und genau deswegen schmerzt es mich tatsächlich, dass Jorinde Dröse die Dramatisierung von Tino Hanekamps Ausgeh-Roman “So was von da” am Hamburger Schauspielhaus sowas von in den Sand gesetzt hat. Genauer begründe ich das in der aktuellen Theater heute (Link nur für Abonnenten abrufbar):

An zwei Stellen gelingt es Dröse, sich von der Vorlage zu lösen. Einmal in einer Konzertszene, bei der die (ansonsten überraschend zurückhaltend eingesetzten) 1000 Robota im Hintergrund einen Song spielen, während auf der Bühne (Natascha von Steiger hat hier eine teils kaputte, teils versiffte, teils urgemütliche Klubsituation ge­staltet) eine ganz andere Aktion abläuft und der Text parallel eine dritte Bedeutungsebene aufmacht. Und dann in der Mitternachtsszene, als Nebelschwaden die Bühne verdunkeln. Man sieht nichts mehr, hört Oskar reden, die Band spielt eine sanfte Melodie: Das ist der Moment, an dem man sich küssen sollte.

P.S. Anselm Lenz und Alvaro Rodrigo Pina Otey haben den Sammelband “Das Ende der Enthaltsamkeit. Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs” bei Edition Nautilius herausgegeben, den sie heute abend in der Bar Golem vorstellen. Kann ich nur empfehlen.

Seit Mai mache ich diese Analyse der Googleanfragen auf der Bandschublade, und seit Mai ärgere ich mich: darüber, dass sich immer nur Anfragen nach nackten und/oder schwulen Halbpromis hier sammeln, nie aber die Frage nach dem Sinn des Lebens oder zumindest nach einer tollen Theaterinszenierung. Mit anderen Worten, es brauchte ein Dreivierteljahr, bis ich kapiert habe, dass spannend nicht die häufigsten Anfragen sind (im Dezember war das, wer hätt’s gedacht, “sophia thomalla brust”, mal wieder), sondern diejenigen, die nur ein-, zweimal auftauchten. Ansonsten ist Google aber auch ein komisches Tool – weswegen dieses kleine Blog Platz eins bei der Eingabe “Oh, Danke” ist, weiß wohl nur ein irre gewordener Server, irgendwo in der schwedische Einöde. Egal, hier kommen ein paar ausgewählte, nicht allzu häufig aufgerufene Anfragen.

1. “tino hanekamp berlin” Habe ich mich auch schon gefragt – was passiert, wenn Tino Hanekamp, diese zentrale Figur des Hamburger Nachtlebens, irgendwann das macht, was alle machen, nämlich nach Berlin ziehen? Bricht dann hier alles zusammen? Aus berufenem Munde kann ich Entwarnung geben: Anscheinend lebt Hanekamp noch in Hamburg, wenn auch am Stadtrand Richtung Berlin, aber die Hauptstadt ist auch nicht mehr das, was sie mal war, und über kurz oder lang zieht man vielleicht eher richtig aufs Land?

2. “porno schlechtes gewissen” Muss man meiner Meinung nach keines haben.

3. “ich verstehe die rolle der sarah brandt nicht” Lustig, ein Beitrag auf der Bandschublade begann ganz ähnlich, eine der mir mittlerweile unlieb gewordenen “Tatort”-Besprechungen: “Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht.” Nunja, was soll ich dazu sagen? Anscheinend verstehen mehrere Leute diese von der geschätzten Sibel Kekilli gespielte Figur nicht, und ein wenig Licht ins Dunkel bringt womöglich dieses Blog hier.

4. “was macht eigentlich heidi brühl” Die ist tot. Schon seit 21 Jahren, sie starb gerade mal 49-jährig nach einer Krebsoperation.

5. “krabbeltiere auf nackter haut erotisch” Aerch. Irgendwie habe ich gerade total das Bedürfnis, mich zu kratzen.

6. “roter sack in bochum” Zuerst dachte ich, da sucht jemand eine Kneipe, nur gibt es in Bochum keine namens “Roter Sack”. Mittlerweile habe ich erfahren, dass der Windelsack in Fröndenberg “viel diskutiert” wird, von Fröndenberg ist es nicht allzu weit nach Bochum, es könnte also sein, dass ein Bochumer von diesen Diskussionen erfahren hat und wissen möchte, ob es so etwas auch in Bochum gibt. Soweit ich das verstanden habe: Gibt es nicht.

7. “islam einen geblasen bekommen” Ich habe keine Ahnung, was der Islam zu dem Thema sagt. Ich könnte was zur katholischen Sicht auf die Sache erzählen, da ist Oralsex explizit verboten – der dient ja nicht der Reproduktion, und weil Katholiken ausschließlich deswegen Sex haben, blasen sie nicht. Im Islam denken sie wahrscheinlich ähnlich, vielleicht nicht ganz so radikal. Wenn ich es richtig verstehe, gibt es hier das Konzept, dass etwas “makruh” ist, nicht verboten, aber missbilligt. Wobei es in der Praxis wohl so ist: der eine Imam sagt das, der andere jenes, und am Ende schlagen sich alle die Köpfe ein.

8. “dem intendanten des theaters bremen es geht immer nur um geld” Das klingt jetzt vielleicht doof, aber: Das Spielzeitthema in Bremen ist momentan tatsächlich “Geld” (auch wenn Michael Börgerding, der Intendant, das ein wenig differenzierter sieht), entsprechend kann man dem gesuchten Satz vielleicht wirklich zustimmen. Aber wahrscheinlich war das anders gemeint, oder?

Taxi fahren, das ist für mich kleinen Bub vom Land immer schon mit Glamour behaftet. Taxi fährt man, wenn man keine Lust hat, auf den letzten Bus zu warten, vielleicht auch keine Zeit, wenn klar ist, ich setze mich jetzt auf diese Bank an der Haltestelle, und innerhalb von drei Minuten bin ich eingeschlafen, dann raubt man mich aus, und ich bleibe bis zum Morgen liegen, und dabei erkälte ich mich, besser, ich rufe ein Taxi. Taxi fährt man nicht, weil man es sich leisten kann, man kann es sich auch nicht leisten, man fährt Taxi, weil ohnehin alles egal ist, keine Ahnung, wieviel Geld man den Abend über in Getränke umgesetzt hatte, also geht die Fahrt auch noch, und wenn sie nicht mehr geht, weil man nur noch fünf Euro in der Tasche hat, dann fährt man eben soweit diese fünf Euro reichen. Außerdem, so ist es ja nicht, nehmen Taxis auch Karte. Dieses Gefühl: Ich könnte alles tun. Drogen nehmen, endlich. Mein bürgerliches Leben auf den Müll schmeißen. Überhaupt mein Leben aufgeben. Ein Containerschiff nach Südamerika besteigen und dort neu anfangen. Ein echtes Verbrechen begehen. Einen Menschen küssen, den ich nie zuvor gesehen habe und den ich nie wieder sehen werde. Für all das brauche ich kein Geld mehr, hier, nimm. Dieses Gefühl, das ist Taxi fahren. (Dort, wo ich herkomme, wurde praktisch nie mit dem Taxi gefahren. Weswegen auch.)

Anselm Lenz, ehemaliger Dramaturg am Schauspielhaus, Hamburger Nachtleben-Maskottchen in uebel & gefährlich und Golem, Autor zwischen Hamburg, Berlin und irgendwie auch Palermo, hat einen Film gedreht, gemeinsam mit Sarah Drath, Hendrik Sodenkamp, Yennj Rudloff und Jenia Bayat Mokhtari: “Taxi Altona”, entstanden aus einer Performance beim Kaltstart-Festival. Das Ganze erinnert an die bewundernswerte arte-Serie “Durch die Nacht mit …”: Acht beziehungsweise neun, naja, Szeneberühmtheiten steigen jeweils zu zweit in ein Taxi, cruisen durch Hamburg, reden darüber, was sie mit dieser Stadt verbindet, was sie hassen, was sie lieben, und was das über sie aussagt, und am Ende treffen sich alle in Erika’s Eck und essen Gulaschsuppe. Das heißt: Das Chick on Speed Melissa Logan geht mit dem Journalisten Andreas Hilmer in einen Stripclub, die Künstlerin (und in Hamburg unvermeidliche Gängeviertel-Aktivistin) Christine Ebeling hat sich mit Clubbetreiber und Schriftsteller Tino Hanekamp eigentlich nichts zu sagen, das aber ganz reizend, und in einer wunderbaren Szene wird der Schauspieler Antoine Monot jr. von Ex-Sterne-Keyboarder Richard von der Schulenburg in der Einöde stehengelassen. Das ist wunderbar, auch wenn die Tonqualität einen hin und wieder wünschen lässt, man hätte in früher Jugend ein paar weniger Hardrock-Konzerte mitgemacht, das ist aber vor allem eine Liebeserklärung. Ans Taxifahren. Ans Nachtleben. Und irgendwie auch an Hamburg, diese eigenartige Stadt, die sich blöde mit “Hamburg, meine Perle”- und “Schönste Stadt der Welt!”-Brustgeklopfe selbst feiert, in Wahrheit aber einerseits ein hässlicher Betonhaufen in öder Landschaft ist und andererseits einen Charme hat, den kein verhaspeltes Selbstlob auch nur in Ansätzen erfasst. (Eine Stadt, der ich mich jahrelang versperrt habe, bis sie mich plötzlich doch gekriegt hat, in einem Moment, in dem ich es ganz und gar nicht erwartet habe.)

Sympathisch an der “Taxi Altona”-Premiere im Hochbunkerclub uebel & gefährlich war übrigens, dass Taxifahrer umsonst rein kamen. Ganz großartig aber: dass einige Taxler dieses Angebot auch annahmen. Das sind so Momente, an denen man kapiert, wie offen die vordergründig unnahbare Kulturszene dieser Stadt eigentlich ist, allem Hipster-Bashing zum Trotz. Und dann fragt man sich: Ob es solch eine Offenheit wohl auch in, zum Beispiel: München gibt? Ja, das fragt man sich.

Mir ist klar, dass es auf Kunstmessen nicht um das Wahre, Gute, Schöne geht, sondern um Kapitalismus. Im Zentrum steht nicht das Wort “Kunst”, sondern das Wort “Messe”: Hier soll etwas verkauft werden, mehr noch, hier soll etwas verkauft werden, das keinen direkten Wert hat, der Wert von Kunst ist immateriell, gehandelt wird hier mit Geschmack, Distinktion, Bewusstsein. Eine Kunstmesse ist Bewusstseinsindustrie. Ich weiß das. Ich bin nicht naiv, ich stolperte auch übers Berliner Art Forum (solange es das noch gab), ich sah den reichen Russen, der am Stand von Contemporary Fine Arts auf ein Gemälde von Daniel Richter zeigte, nichts sagte, die Handbewegung war schon Aufforderung genug: “Kaufen. Das da.” Es widert mich an, aber vielleicht ist so eine Szene ja notwendig für eine Kunstwelt, die so spannend ist, wie die momentane. Vor sieben, acht Jahren habe ich Daniel Richter einmal in einem denkwürdigen Gespräch (gemeinsam mit Jonathan Meese) interviewt, es ging um Geld und Markt und darum, wie man es vor dem eigenen Gewissen als doch immer noch linker Künstler vertreten könne, dieses Spiel mitzuspielen. Richter antwortete damals sinngemäß, dass es Dutzende schlimmerer Dinge gebe, die die Reichen mit ihren Millionen machen könnten, als Kunst zu kaufen, darauf wusste ich keine Antwort, beziehungsweise, mir war klar: Richter hatte recht.

(Erwin Wurm machte 2006 eine Skulptur namens “Art Basel fucks Documenta”, man sieht das Kasseler Fridericianum, den zentralen Ausstellungsort der Weltkunstschau Documenta, und das wird von einem Basler Messehochhaus, nunja, gefickt. Da sieht man, wie das Verhältnis zwischen Markt und Kunst wirklich ist, wobei, gefickt zu werden ist ja nun nicht die unangenehmste Position, die man sich vorstellen kann.)

Darüber, dass vergangenes Wochenende in der Hamburger Messe die deutsche Dependance der Affordable Art Fair stattfand, darüber möchte ich mich gar nicht auslassen. Die Affordable Art Fair ist eine Kunstmesse, die die Nische der niedrigpreisigen Arbeiten bedient (die gezeigten Werke fangen bei 100 Euro an und hören bei 5000 Euro auf), es gibt viel minderwertigen Kram zu sehen und einiges ziemlich Gutes, nicht anders als bei jeder anderen Messe also, und dass sich P. und R. hier eine der ziemlich guten Arbeiten als Schnäppchen mit nach Hause genommen haben, spricht ebenfalls für die Affordable Art Fair, also: nichts dagegen. Viel aber gegen die Plakate, die Hamburg seit Wochen verschandeln und die einem sofort jede Lust nehmen, sich intellektuell mit Kunst auseinander zu setzen: Man sieht ein doofes Paar über den Elbstrand turteln (barfuß! Bei der momentanen Witterung!), sie halten rosa (rosa!) Pakete in den Händen, Pakete, in denen Kunstwerke versteckt scheinen (wäre es zuviel verlangt, bei dieser Gelegenheit Kunst zu zeigen? Oder schreckt es vielleicht die angestrebte Klientel ab, wenn das Marketing anders aussieht wie das eines Möbelhauses?), und über allem schwebt der entsetzliche Spruch “Kunst, der man nicht widerstehen kann”. Als ob es hier um Schokolade oder Instantkaffe oder Dessous gehen würde.

Die Affordable Art Fair möchte Schwellenangst abbauen, möchte dafür sorgen, dass ein kunstfernes Publikum vorbeischaut und einkauft (und ICH HABE DA REIN GAR NICHTS DAGEGEN). Und um das zu erreichen, schrauben sie in ihrer Außenwirkung jeden Anspruch soweit runter, bis man überhaupt nicht mehr erkennt, um was es hier eigentlich geht. Ich aber weiß, worum es geht, und weil ich das weiß, kotze ich auf offener Straße.