12. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für 99-Cent-Shop-Kunst · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , ,

„Lange schon währte das Gerücht, ich wolle endlich mal das in meinem privaten Umfeld mittlerweile mythisch gewordene Fliesenprojekt (verewigt in meinem Buch The Fliesen Years, Bd. I- III) in Angriff nehmen“, schrieb der in jeder Hinsicht empfehlenswerte Kid37 schon vor über einem Jahr in einem eigenartig martktschreierisch betitelten Post namens „Yippie-yah-yah-yippie-yippie-yeah“. „Zwar half mir zunächst mitleidsvoll eine stadtbekannte Bloggerin mit ihrem E10-befeuerten Mobil, aber dann gab es neue Probleme, dann schien die Sonne, dann mußte (sic!) ich arbeiten und dann hatte ich keine Zeit.“ Als ich den Text, der auf diesem wunderbaren Niveau weiter geht, erstmals las, fand ich ihn nur gelungen; seit aber die schöne, kluge Frau (die besser als ich versteht, dass Wohnungseinrichtung auch eine Frage der Ästhetik ist) entschieden hat, dass wir eine neue Küche brauchen, weiß ich, dass dieser Text nicht nur gelungen ist, er ist auch wahr. Seither nämlich sind Arbeitsplatten und Kochfelder und Mischarmaturen zum Teil meines Lebens geworden, zum sehr drängenden Teil. Und ständig tauchen neue Probleme auf, ständig scheint die Sonne, ständig muss ich arbeiten, ja, es ist die Hölle (und das, obwohl ich nicht, im Gegensatz zum bewundernswerten Kid37, die Küche eigenhändig renovieren möchte, nein, schon alleine das Koordinieren verschiedener Handwerker macht jeden Geduldsfaden porös.)

Entsprechend berührt es mich anders als mich Kunst ohnehin schon berührt, als ich im Hamburger Kunstverein die Ausstellung „Hausrat“ von Alexandra Bircken sehe. Weil nämlich die 1967 in Köln geborene Bircken ihre Skulpturen aus ebensolchem Hausrat zusammenbastelt, aus Bügelbrettern, Kleidungsstücken, Ästen, Mullbinden. Und ganzen Küchen-Arbeitsplatten, großformatigen Arbeitsplatten in Marmoroptik, wie wir demnächst eine haben werden, so denn die Handwerker machen, wie sie sollen. „Was für hässliche Platten!“, ruft B. aus, als er vor Birckens Wandinstallation „SL120 SC, SL843 C“ (2012) steht. Ich bin sehr, sehr still.

Bircken steht natürlich nicht in der Tradition hässlicher Küchenarchitektur, sie steht in der Tradition der Arte Povera, also dem Einsatz alltäglicher (nicht ärmlicher, wie der Name suggeriert) Materialien, was weniger Armseligkeit zur Folge hat, sondern ein Auflösen der Hierarchien des Materiellen. Natürlich kann ein schief gewachsener Ast kunstfähig sein, natürlich kann ein dreckigbrauner Nylonstrumpf kunstfähig sein, natürlich kann ein Künstler sein Material im 99-Cent-Shop kaufen, statt im Künstlerbedarfshandel. Bircken ist in ihrer Kunst die Antithese zur Materialschlacht, zum Kunstluxus, für den Leute wie Damien Hirst stehen, das ist erst einmal grundsympathisch.

Es ist allerdings auch nichts wirklich neues. Die Qualität von „Hausrat“ liegt entsprechend nicht in ihrer ästhetischen Avanciertheit sondern in der freundlichen Sinnlichkeit, die die Präsentation mit sich bringt, angefangen beim charmant ironischen Ausstellungstitel über die erotische Aufladung des Bronzeskulptürchens „Koi“ (2012) bis zu den Unterwäschearbeiten „Skin 2“ (2010) und „Black Skin“ (2012). „Cagey“ (2012) wird uns vom Kunstverein als Zelt angedient, „das Schutz anbietet, Wärme suggeriert und doch filigran und porös wirkt“, das ist nett gesagt, aber „Cagey“, eine Art Iglu aus gebogenen Ästen, Wolle, Mörtel und einer Wärmedecke, macht überhaupt nicht den Eindruck eines Schutzes, im Gegenteil, das Ding sieht aus, als ob Wind und Regen erst durchfahren und dann das Gestänge einreißen würden. Außerdem sieht es aus, als ob es nicht besonders gut riechen würde, und nur ich mit meiner erkältungsbedingt verstopften Nase bleibe interessiert davor stehen. Letzteres ist wichtig bei dieser durch und durch organisch wirkenden Kunst: Sie ist in erster Linie sinnlich wahrnehmbar, man glaubt, sie zu riechen, man will sie anfassen (und dann will man sich die Hände waschen).

(Die Abbildung zeigt „Jungle Camp (Spax Galore)“ (2012, im Vordergrund) und „DNA“ (2012, Hintergrund). Für alle Arbeiten: Courtesy die Künstlerin, BQ, Berlin; Herald St, London; Kimmerich, New York.)

Was bisher geschah: Seit zehn Jahren wird Berlin unaufhaltsam zur Kulturmetropole. Hamburg derweil setzt zunächst aufs falsche Pferd, und läuft kulturpolitisch Amok, als klar ist, dass das nichts mehr wird.

4. Auf verlorenem Posten
Es ist nicht alles schlecht. Bei der vorgezogenen Bürgerschaftswahl am 20.2.2011 wurde die personell wie inhaltlich ausgeblutete CDU mit 21,9 Prozent der Stimmen massiv abgestraft, stärkste Partei wurde mit 48,4 Prozent die SPD, die mit Olaf Scholz jetzt den Bürgermeister stellt. Der geschätzte Blogger kid37 weist mich in den Kommentaren darauf hin, dass ich in meiner Chronik des Niedergangs auf dem (halb-)linken Auge blind sei, „eine Klammer fehlt zu Voscherau und dem der CDU vorangegangenen SPD-Senat. Schon damals (…) wurde klar, wie sehr hier generell oft Weitblick und Visionen für die Kulturszene und eben Kreativwirtschaft fehlen“, da hat er zwar grundsätzlich recht (ich rette mich in die Entschuldigung, dass ich als erst 2001 zugezogener Quiddje das SPD-regierte Hamburg gar nicht kennen kann), nur: Olaf Scholz sehe ich seit Jahren immer mal wieder in Premieren und auf Vernissagen, seine beiden Vorgänger von der CDU sah ich dort nie.
Das mag noch nichts sagen, auch die Tatsache, dass die SPD mit einer absoluten Mehrheit regiert und so dem Risiko der Machtarroganz ausgesetzt ist, verheißt nichts Gutes. Aber immerhin, es scheint der politische Wille da zu sein, für Kulturpolitik richtig Geld in die Hand zu nehmen. Und mit der aus Wowereits Berlin eingekauften parteilosen Barbara Kisseler hat Hamburg endlich wieder eine Kultursenatorin, die im Gegensatz zu ihren Vorgängern erstens ein Standing in der Szene hat und zweitens ausreichend intellektuelle Schärfe. Ach, was hatten wir das vermisst.
Und es gibt, die vorangegangenen Artikel erweckten vielleicht einen falschen Eindruck, einige, die hier etwas vermissten. Die Hamburger Kulturszene hat durchaus wache Köpfe, die einen guten Job machen, Joachim Lux etwa hat aus dem unter Ulrich Khuon nach und nach etwas zu erfolgsverwöhnten Thalia Theater in kürzester Zeit einen ziemlich coolen Diskursraum gemacht und gleichzeitig eine ganz eigene Ästhetik der Angreifbarkeit und des Unfertigen entwickelt. Man mag Dirk Luckow vorwerfen, dass die Deichtorhallen seit Beginn seiner Intendanz vor allem mit arg leicht konsumierbaren Ausstellungen an der Grenze zum Populismus auffielen, dann muss man ihm allerdings auch zugestehen, dass diese Ausstellungen, seien das nun Gilbert & George (hier mein Ausstellungsbericht) oder die Sammlung von Julia Stoschek (hier), dass all diese Ausstellungen funktionierten. Zumal Luckow dazu noch die Mammutaufgabe wuppte, die hochkarätige Sammlung Falckenberg organisatorisch in die Deichtorhallen einzugliedern. Und, überhaupt, wer Pop ohne Populismus möchte, für den gibt es Florian Waldvogels Ausstellungsprogramm im Hamburger Kunstverein, diskursiv und politisch, mit Ausstellungen wie „Freedom of Speech“ (hier). Außerdem hat es Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard mit einer klugen Dramaturgie geschafft, das Zentrum für freies Theater trotz der Lage weit ab von der Innenstadt zu einem glühenden Nachtleben-Hotspot zu machen. Wobei gerade Kampnagel auch beweist, wie fragil dieser Erfolg ist: Der extrem erfolgreiche Leiter des Kampnagel-Sommerfestivals, Matthias von Hartz, der als hochanalytischer Kopf einen interessanten Reibungspunkt zum Bauchmenschen Deuflhard darstellte, wird Hamburg 2013 verlassen, Ziel: spielzeit’europa, das Theaterprogramm der Berliner Festspiele.
Dazu kommen natürlich Sorgenkinder, allen voran das Deutsche Schauspielhaus, das führungs- und vor allem visionslos dahintreibt, bang auf 2013 wartend, wenn Karin Beier vom Schauspiel Köln kommt, endlich die intendantenlose Zeit beendet (momentan verwaltet das Haus ein Kollektiv aus kaufmännischer Geschäftsführung und Dramaturgie) und wahrscheinlich der gesamten Belegschaft kündigt. Dann die Oper, wo Simone Young fast ausschließlich auf Kulinarik setzt und dabei jeglichen Entwicklungen im Regietheater, nein, nicht einmal hinterherläuft. Und schließlich die Kunsthalle, an der Hubertus Gaßner unter solchen Finanzproblemen ächzt, dass der Ausstellungsbetrieb kaum aufrechtzuerhalten ist, gleichzeitig aber auch keine Visionen entwickelt, wo er mit dem Museumskonglomerat eigentlich hinwollen würde, wäre denn ausreichend Geld da. Aber das sind Sorgenkinder, wie es sie in wahrscheinlich jeder größeren Stadt gibt. Damit könnte man leben.

Womit man aber kaum noch leben kann, das ist das Gefühl der halbwegs erfolgreichen Kulturmacher, nicht ohne Fortune zu kämpfen und dennoch auf verlorenem Posten zu stehen. Das Gefühl, in einer Stadt zu arbeiten, die sich zwar nach einer langen Durststrecke langsam wieder für Kultur zu engagieren scheint, im Grunde aber keinen Sinn für die Künste hat.
Symptomatisch ist der Zustand der erfolgreichsten kulturellen Initiative der vergangenen Jahre, der Besetzung des Gängeviertels: Die Künstler, die hier auf Verdrängung und Formierung des Stadtraums hinwiesen, haben vordergründig einen Sieg errungen, das Quartier wird nicht wie geplant abgerissen und für ein Büroprojekt verramscht. Aber längst sind die Verhandlungen über die weitere Nutzung festgefahren, das Interesse der Politik an einer künstlerischen Bespielung der Stadt geht wieder gegen Null.

Und das tut mir in der Seele weh: dass die Stadt, die ich doch mag, in der ich seit zehn Jahren doch gerne lebe, sich so überhaupt nicht interessiert. Für Kunst.

Ich bin ein Freund der Political Correctness. Ich kann mich nicht besonders für das Minderheiten-Quartett begeistern, das der Spiegelfechter als Weihnachtsgeschenk bejubelt. Ich habe auch schon mit Matthias (und, einmal, mit German Psycho) manch einen Strauß ausgefochten. Ich kenne, nein: Ich verstehe die Argumente, die kluge Leute gegen Political Correctness vorbringen, Denkverbote, Spießertum, Formierung der Sprache, alles richtig. Allein, ich teile sie nicht. Ich will einfach nicht von „Negern“ sprechen, nachdem ich weiß, dass der Begriff diskriminierend gebraucht (oder zumindest empfunden) wird, ich will einfach nicht von „Gutmenschen“ sprechen, nachdem ich weiß, dass der Begriff in erster Linie in rechtsextremen Zusammenhängen eingesetzt wird, um all diejenigen zu diskreditieren, die nicht rechts sind. Tut mir leid, das liegt vielleicht an meinem Beruf, dass ich sprachliche Wendungen erstmal abklopfe, bevor ich sie verwende: Steht da vielleicht etwas zwischen den Zeilen, steht da vielleicht etwas, das nicht direkt ausgesprochen wird? Call me politically correct, call me linker Spießer, die Diskussion langweilt mich mittlerweile ein wenig.
Die spannende Frage ist ja auch nicht, ob man Politische Korrektheit als Religion vor sich hertragen sollte. Auf Metalust wird dem Spiegelfechter „neurechtes Agitieren“ vorgeworfen, wegen eines bei Licht betrachtet eher pubertären „Boah, ich trau‘ mich was!“-Artikelchens, na gut. So denke ich nicht. Nie würde ich jemandem vorwerfen, Regeln der politischen Korrektheit zu missachten, wer möchte – bitte. Nur gut finden muss ich das nicht. Politische Korrektheit, das ist für mich eher so eine Art Leitfaden, ein paar Kriterien, auf die ich mein eigenes Verhalten abklopfe: Mache ich gerade noch alles so, dass ich weiterhin in den Spiegel schauen kann? Ich brauche übrigens nicht zu erwähnen, dass ich diese Frage keinesfalls immer mit „Ja“ beantworte – und dennoch nichts an meinem Verhalten ändere. Inkonsequenz, sei mein Freund.

Eigentlich wollte ich ja etwas ganz anderes erzählen. Eigentlich wollte ich die Ausstellung „Freedom of speech“ erwähnen, die noch bis Ende März im Hamburger Kunstverein zu sehen ist. „Freedom of speech“ geht als politische Kunstausstellung dahin, wo es richtig weh tut, stellt die Frage: Was darf Kunst? (Alles! sagt mein linksliberal geschultes Bewusstsein, voller Verachtung für jede Art von Zensur.) Aber ist dann eine Arbeit wie Olaf Metzels „Turkish Delight“ (2006, der Schnappschuss stammt von der Vernissage) tatsächlich nötig? Was bringt es der politischen Diskussion, eine nackte Muslima zu zeigen? Verhärtet das nicht, im Gegenteil, alle Fronten? (Tatsächlich macht es das: Die Skulptur stand zunächst vor der Wiener Kunsthalle und wurde nach Protesten und Vandalismus entfernt.) Und schon ist man ganz weit weg von jeglicher Kunstfreiheit, schon denkt man: Vielleicht ist Zensur gar nicht das allerschlechteste?
Der Kunstverein stellt diese Frage auch, er verpackt sie nur anders. Er fragt: „Was, wenn nur der sprechen dürfte, der die Wahrheit sagt?“ Schon denkt man, dass das durchaus besser wäre, Thilo Sarrazin etwa könnte gleich einpacken, wenn man ihm nachgewiesen hätte, dass seiner biologistischen Argumentation Hand wie Fuß fehlt. Aber: Wer entscheidet eigentlich, was die Wahrheit ist? Bei Sarrazin wäre das nicht schwer, eigentlich muss man nur zwei und zwei zusammenzählen, um zu merken, was für einen Blödsinn der Ex-Bundesbanker zusammenschwafelt, aber was ist mit Fällen, bei denen es nicht so eindeutig ist? Zum Beispiel bei Kunst, der Paradedisziplin des Uneindeutigen?
Was toll ist an „Freedom of speech“: dass die Ausstellung selbst uneindeutig bleibt. Sie zeigt die vor vier Jahren viel diskutierten Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Tageszeitung Jyllands Posten und provoziert damit einen billigen „Das muss man doch noch sagen dürfen!“-Ausruf. Dem stellt sie die Bild-Kampagne für Thilo Sarrazin „Wir wollen keine Sprechverbote“ gegenüber. Und kontrastiert das mit der Bild-Schlagzeile vom 15. Dezember: „Stephanie zu Guttenberg: Wir finden die gutt! Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“

„Freedom of speech“ macht es einem nicht leicht. Und weil man merkt, dass es hier nicht einfach zugeht, weil man hier keine klaren Antworten bekommt, wird einem auch deutlich, wie schal die eigene politische Korrektheit ist. Die nämlich läuft immer Gefahr, Redefreiheit in erster Linie für linke Positionen zu gewähren, während man rechts ganz gerne mal ein wenig Zensur üben würde. Allerdings behauptet die Ausstellung auch nicht, dass eine bloße Erweiterung der Redefreiheit alle Probleme lösen würde. Wäre alles gut, wenn links wie rechts ihre Argumente in den Raum blöken könnten?
Ein Blick auf die Mohammed-Karikaturen lässt einen Zweifeln.

Abbildung: Olaf Metzel, Turkish Delight (2006), Copyright Sammlung Hamburger Kunsthalle, Foto: Falk Schreiber

P.S. Die Bandschublade verabschiedet sich in die Weinachtsferien. Ich lasse die Kommentare offen, werde aber unter Umständen ein wenig brauchen, bis ich sie freischalte – nicht beleidigt sein.