17. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für Wellen um Wellen um Wellenberge · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , ,

Zunächst macht es in erster Linie Spaß, Detektiv zu spielen: durch die Sammlung Falckenberg zu spazieren und sich die Bilder anzuschauen, hier „Wo wird das enden“, ist von Robert Lucander, klar, hier „Supermodel“, ist von Ena Swansea. Man kann die Künstler gut auseinanderhalten, auch wenn man darauf verzichtet, auf die Beschilderungen zu linsen. Das macht Spaß, ist aber nach einer Weile zu einfach, als dass man einen Abend lang seine Freude dran hätte. Und ein wenig ist das dann auch das Problem der aktuellen Falckenberg-Ausstellung: dass hier zwei Künstler gezeigt werden, die verhältnismäßig wenig gemein haben außer der Tatsache, dass beides Maler sind, dass beide mehr oder oder weniger das gleiche Alter haben.
Halbwegs gelungen rettet sich Harald Falckenberg in eine Interpretation, die die Familiengeschichte beider Künstler als eine Geschichte der Zerrissenheit und des Blutes erzählt: Lucander, der zur schwedischen Minderheit in Finnland zählt, Finnland, das über Jahrtausende abwechselnd von Schweden und von Russland besetzt und ausgebeutet wurde. Und Swansea, die aus North Carolina stammt, einer der Südstaaten an der Grenze zu den Nordstaaten, ein Transitraum, in dem um die Jahrhundertwende Thomas F. Dixon Jr. wirkte, Ku-Klux-Klan-Vordenker und außerdem Urgroßvater Ena Swanseas, deren Mutter außerdem eng befreundet war mit dem antisemitischen Dichter Ezra Pound. Hübsche Familiengeschichten, die da auf die Kunst einstürmen. Was einerseits den Ausstellungstitel „Psycho“ verständlich macht, andererseits aber auf geschätzt 95 Prozent der Kunstproduktion zutreffen würde. Eine Familienhistorie des Blutes als Alleinstellungsmerkmal für Swansea und Lucander ist, nunja, ein wenig bemüht.

Wobei das aber auch vollkommen egal ist. Weil nämlich Harald Falckenberg und Kuratorin Miriam Schoofs mit „Psycho“ eine zwar ein wenig beliebige, gleichzeitig aber die beeindruckendste Ausstellung gelungen ist, seit die Sammlung Falckenberg vor einem Jahr zur Außenstelle der Deichtorhallen avancierte. Anders als bei den Präsentationen von Marilyn Minter und Dieter Meier fehlt diesmal der Celebrity-Überbau, der die Vernissagen damals etwas unkonzentriert daherkommen ließ. Anders als die thematisch konzipierte Schau „Atlas. How to carry the world on one’s back“ ist „Psycho“ keine Koproduktion mit großen Häusern wie dem Karlsruher ZKM und dem Madrider Museo Reina Sofia, sondern eine Eigenleistung, volles Risiko: Für zwei (verhältnismäßig) unbekannte Maler werden die riesigen Phoenixhallen (fast) vollständig leergeräumt, hier ein ikonographisches, vom Pop beeinflusstes Gemälde Lucanders, dort ein großformatiges, narratives detailverliebtes Bild Swanseas, viel Platz.
Mir persönlich steht Lucander näher, ich mag sein Spiel mit Zeichen, ich mag seine Ironie, ich mag auch die Materialität, die entsteht, wenn er auf Holz malt, aber der Raum wird besser genutzt durch Swansea, Swansea, die das riesige „Above the Ocean in a Storm“ fast als Suchbild daherkommen lässt, hier eine riesige, abendliche Wasserfläche, Wellen um Wellen um Wellenberge und dort dann plötzlich ein Hubschrauber, dort, ganz klein, ein Fischkutter, dort ein Segelboot. Es ist ziemlich klug erkannt, dass vor allem diese Bilder Platz brauchen, viel Platz. Platz, den ihnen die Sammlung Falckenberg bietet.

Und alles weitere: macht Spaß.

(„Psycho“, bis 25. März 2012, Sammlung Falckenberg, Hamburg-Harburg.)

Ich konnte noch nie so wahnsinnig viel mit Marilyn Minter anfangen. Zu amerikanisch-erfolgsästhetisch erschien mir das, zu clean der Sex, zu glam der Dreck, der in Minters Fotografien zwar vorkam aber immer viel zu schön drapiert war als dass man ihn als Dreck wirklich wahrnehmen wollte. Dass Minters Video „Green Pink Caviar“ den Bühnenhintergrund zu Madonnas „Sticky & Sweet“-Tour darstellte, passte da nur zu gut ins Bild, ich meine, Madonna, das ist doch auch so eine Ästhetisiererin von Sex als Spielart der Fitness, auch so eine Amerikanerin, die zwar alles andere als blöde ist, ihre Intelligenz aber ausschließlich im sozialdarwinistischen Sinn einzusetzen weiß. Kann ich nichts mit anfangen.

So gesehen, darf ich die Minter-Ausstellung in der Harburger Sammlung Falckenberg gar nicht hoch genug schätzen. Weil Minter hier eben nicht ausschließlich als Dokumentaristin glamouröser Verschattungen gezeigt wird (auch wenn Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow in seinen einleitenden Worten genau das behauptete) sondern als spannende, längst nicht immer direkt auf den Effekt zielende Malerin. Beispielsweise in der „Foodporn“-Serie (1990, oben), die zwar vom Pop gelernt hat, nicht aber beim Pop stehen bleibt. Dass Kuratorin Miriam Schoofs es geschafft hat, die massentaugliche Foto-Minter mit der zurückgenommenen Malerei-Minter in ein stimmiges Verhältnis zu setzen, ist die große Qualität dieser Ausstellung.
Wo die Schau dann an ihre Grenzen kommt, ist die Verbindung zu Hanne Darboven, der vor zwei Jahren in Harburg gestorbenen Künstlerin, für die in der Sammlung Falckenberg ein eigener Raum eröffnet wurde. Die spröde, verrätselte Darboven und die laute, immer alles offenlegende Minter zusammenzudenken, versucht die Ausstellung, indem sie eine Verbindung über mehrere Serien US-amerikanischer Dokumentarfotografie, darunter Larry Clarks „Tulsa“ (1971), zwischenschaltet. Der Versuch funktioniert leidlich auf einer intellektuellen Ebene, bleibt aber dennoch gewollt.

Aber eigentlich ist der ohnehin nur eine Spielerei, die für das, was dieser Abend sein soll, überhaupt nicht notwendig ist. Diese Ausstellungseröffnung muss nicht unbedingt zusammenpressen, was nicht zusammen gehört, sie will keine akademisch genaue Schau präsentieren, sondern ein Event, das die Hamburger Kunstszene umkrempeln wird: die Kooperation der Deichtorhallen in der Innenstadt mit der außerhalb gelegenen Sammlung Falckenberg. Die Deichtorhallen, bislang schon ein bedeutender Ort in der deutschen Ausstellungslandschaft, werden so mit einem Schlag um 6200 Quadratmeter Ausstellungsfläche erweitert und erhalten zudem eine der weltweit besten Sammlungen zeitgenössischer Kunst. Die Deichtorhallen sind seit gestern abend einer der größten Player überhaupt. Und so etwas gehört gefeiert: mit einer Schau, die eben vor allem leicht verdaulich ist, Glamour und Coolness und auch ein ganz klein wenig Dreck.

Und wir, wir feiern. Klar.