Hierzulande gibt es (wie in den meisten westlichen Ländern) zwei politische Alternativen: eine sozialdemokratische und eine konservative. Beide Alternativen gehen grundsätzlich davon aus, dass wir alle im gleichen Boot sitzen würden, beide sind davon überzeugt, dass es den einen in diesem Boot besser gehen würde und den anderen weniger gut. Die Sozialdemokraten glauben allerdings, dass diese Unterschiede sich abschleifen lassen könnten, und zwar bestenfalls so, dass das niemandem schmerzen würde („Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor – dafür vielen besser“, sagte Helmut Kohl, der sozialdemokratischste Kanzler, den die Konservativen je hatten, 1990) die Konservativen glauben, dass die Unterschiede schon eine gute Sache wären, auch und gerade für diejenigen, die unten sind, weil das ja ihr gottgegebener Ort sei, und gegen Gott sich aufzulehnen, ist Hybris. Aus moralischer Sicht ist mir die sozialdemokratische Position zwar lieber als die konservative (was sich entsprechend in meinem Wahlverhalten niederschlägt), politisch aber bin ich davon überzeugt, dass beide Positionen auf einer falschen Basis stehen. Diese falsche Basis ist das Bild vom Boot, in dem wir alle Sitzen: Ich glaube nicht, dass ein Josef Ackermann, ein Karl-Theodor zu Guttenberg oder ein Guido Westerwelle irgendwie das Boot mit mir teilen. Ich glaube auch nicht, dass die im Oberdeck sitzen und ich unter der Wasserlinie. Ich glaube, dass es zwei Boote gibt: ein überladenes, manövrierunfähiges Floß und ein Schnellboot, das das Floß ohne Unterlass umkreist. Die Schnellbootkapitäne spritzen die Floßfahrer mit der Bugwelle nass, bringen das Floß immer wieder fast zum Kentern und fordern nicht zuletzt die Floßfahrer auf, sie abzuschleppen. Die einzige Alternative ist meiner Meinung nach, dass die Floßfahrer das Schnellboot mit Gewalt übernehmen und die Bootskapitäne über die Planke schicken. (Ja, das ist die Sehnsucht nach einer gewaltsamen Revolution, einer Revolution, die erstens nicht kommen wird und bei der zweitens ich als nächster an der Wand stehen würde. Revolutionen fressen ihre Kinder, und ich wäre in dem Fall ein sehr frühes Kind.)

Was ich eigentlich sagen will: Ich verdiene mein Geld damit, dass ich Texte schreibe, also mit immateriellen Gütern. Ich bin darauf angewiesen, dass diese Texte entlohnt werden, wenn dafür kein Geld fließt, kann ich es gleich bleiben lassen und muss mir einen Job suchen als, öh, als Busfahrer. Dann gibt es hier auch kein Blog mehr mit kostenfreien Texten, weil ich keine Querfinanzierung machen kann, auf der einen Seite das feste Redakteursgehalt, auf der anderen Seite das Texthonorar für die freien Arbeiten, gemeinsam ergibt das ein Einkommen, das mir das Überleben ermöglicht, das Überleben und hin und wieder einen Blogtext. Entsprechend: Ich bin ein absoluter Gegner der „Umsonst-Mentalität“ im Internet (auch wenn ich die Terminologie doof finde).

Dieses Blog steht unter einer Creative Commons-Lizenz. Das heißt, wer mag, darf die hier geposteten Inhalte verwenden, unter Quellenangabe und unter gleichen Bedingungen. Was er nicht darf: Geld damit verdienen. In diesem Zusammenhang verstehe ich Sven Regeners viel diskutiertes Statement im Bayerischen Rundfunk zum Urheberrecht: Wenn sich jemand Musik auf Youtube anhört, dann ist das ja nicht kostenfrei, da fließt (in Form von Werbegeldern, die wir alle beim Kauf der beworbenen Produkte zurückzahlen) ja durchaus Geld. Nur nicht in die Taschen der Künstler, deren Musik (beziehungsweise Filme beziehungsweise Kunst beziehungsweise andere geistige Produktion) gerade läuft, sondern in die Taschen des Weltkonzerns Google. So etwas muss man nicht gut finden. Man muss aber auch nicht wie Regener das Prinzip der ultrakommerzialisiserten Musikindustrie von vor zwanzig Jahren als Gegenmodell preisen.

Im aktuellen Spiegel (leider nicht online, hier gibt es eine Zusammenfassung) steht ein Streitgespräch zwischen Jan Delay und dem Piratenpartei-Abgeordneten Christopher Lauer. Auch Delay glaubt von Herzen an den Kapitalismus in der Kunst:

Lauer: (…) Nach unserer Vorlage bleibt das Urheberrecht beim Urheber. Wir ändern lediglich die Spielregeln zwischen Urheber und Verwerter.

Delay: Nee, Digger. Ihr ändert bitte überhaupt keine Spielregeln. Was du da gerade erzählst, verhandelt ein Künstler mit seinem Label. Wenn er einen schlechten Anwalt hat, kriegt er einen schlechten Vertrag. Wenn er schlechte Musik macht, wird er abgezockt. Wenn er gute Musik macht, hat er bessere Chancen, weil man ihn unbedingt signen will. Das hat euch überhaupt nicht zu interessieren, welche Verträge ein Künstler unterschreibt.

(…)

SPIEGEL: (…) Der Gestus des Pop war immer eher kapitalismuskritisch. Da ist es schwierig zu sagen: Ich will, dass die Leute bezahlen.

Delay: Ich finde nicht, dass Pop per se antikapitalistisch ist. HipHop schon gar nicht.

Wenn man mal davon absieht, dass Lauer sich in dem Gespräch von Delay vollkommen an die Wand quatschen lässt, frage ich mich schon, wo dieser unverrückbare Glaube an das Gute im Kapitalismus kommt. „Wenn er schlechte Musik macht, wird er abgezockt. Wenn er gute Musik macht, hat er bessere Chancen, weil man ihn unbedingt signen will“, das würde ja bedeuten, dass die Plattenindustrie ein Interesse daran hätte, gute Musik zu veröffentlichen, eine Aussage, die jeder Blick in die monatlichen Neuveröffentlichungen Lügen straft. Und überhaupt, „Das hat euch überhaupt nicht zu interessieren, welche Verträge ein Künstler unterschreibt“, Delay hat immer noch nicht kapiert, dass er als Künstler beim Vetragsunterschreiben gegenüber der Industrie grundsätzlich in einer schwächeren Position ist, genauso übrigens wie jeder Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber. Es ist ein ziemlicher Fortschritt in der Organisation der Arbeitnehmerschaft, dass sich zum Beispiel Gewerkschaften sehr wohl dafür zu interessieren haben, was für Verträge unterschrieben werden.

Ich glaube nicht an ein Urheberrecht, das die Entlohnung des Künstlers (und, zum Beispiel, des Journalisten) nach Kriterien des Marktes und des Kapitalismus organisiert. Das Prinzip einer Kulturflatrate finde ich nicht ohne Reiz, womöglich noch eine Umdrehung radikaler: Was spricht dagegen, dass jeder Bürger (zum Beispiel über eine massive Steuererhöhung) Geld abgibt, die für Kunst, Entertainment, Journalismus … verwendet wird? Wobei die Erzeugnisse dann nach Belieben kostenfrei genutzt werden können, die Bezahlung ist ja schon über die Flatrate abgegolten. Das hätte natürlich einen bürokratischen Wasserkopf zur Folge, die Fragen, was wie mit welchem Betrag gefördert wird, muss ja irgendjemand entscheiden. Andererseits funktioniert das ja schon leidlich im Bereich der Kulturförderung, das deutsche Stadttheatersystem ist nicht zuletzt deswegen so leistungsfähig, weil es konsequent aus dem Marktgeschehen rausgenommen ist. Steuererhöhungen sind momentan als politische Forderung nicht besonders populär, schon klar, aber ich denke, dass es langsam an der Zeit wäre, dass die Floßbesatzung das Schnellboot übernimmt.

(Das Bild oben zeigt das Tempelhofer Feld im Winter. Mir war irgendwie so danach.)

11. Januar 2011 · Kommentare deaktiviert für Ästhetik des Scheiterns (3): Kohl · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , , ,

Ich bin aufgewachsen mit Helmut Kohl. Als ich anfing, mich für Politik zu interessieren, war er da, als mich die Politik zu frustrieren begann, war er immer noch da, Kohl durchzog meinen politischen Sturm und Drang, und Kohl durchzog mein Politikstudium. Irgendwie war kein Entkommen, vielleicht ist das der Grund, weswegen mich Kohl kulinarisch weniger interessiert. Obwohl er ja gut schmeckt, muss ich sagen, es gibt keinen Grund, Kohl nicht mit Freuden zwischen den Zähnen zu spüren. Nur beschäftigen möchte ich mich nicht mit ihm.

Daher: mein Dank an die Kollegen von der Beef!, einer Zeitschrift, die ich längst nicht so schlecht finde, wie mir immer alle einreden wollen (Hallo! Das ist doch eine gute Idee, ein Männermagazin, das das Mannsein nicht an der Frage „Welche meiner großbusigen, intimrasierten Sekretärinnen vernasche ich denn heute abend?“ festmacht, sondern an der Frage „Was soll ich denn heute abend kochen?“). Dankeschön, dass ihr in der Ausgabe 3/2010 die Renaissance des Kohls einläutet. „Beef! befreit Rot-, Grün und Rosenkohl aus ihrem matschigen Beilagendasein und erklärt sie endlich zum Hauptgericht“, das ist doch mal ’ne Ansage!
Und dann das: Das Rotkohl-Rezept (hier gehts zum pdf-Download, ich rate aber vom Nachkochen ab) ist eine schwere Enttäuschung.

Versuchsanordnung:
1. Einen Kopf Rotkohl (im Rezept stand 600 Gramm, meiner war geringfügig schwerer, egal, ich nahm auch von den übrigen Zutaten ein wenig mehr) putzen etc., in feine Streifen schneiden. Zwei (in meinem Fall also drei) Zwiebeln ebenfalls in Streifen schneiden und in drei Esslöffeln Butter andünsten, in einem (bzw. zwei, ich lass‘ das jetzt mit dem Umrechnen, schreibe immer nur auf, was ich tatsächlich genommen habe) Esslöffel braunem Zucker glasieren lassen. Kohl und 60 Gramm getrocknete Cranberrys zugeben, kurz andünsten. 350 Milliliter Cranberrysaft zugeben (ihr wolltet 300 Milliliter, aber daran konnte es doch nicht gelegen haben, dass das Gericht nahezu ungenießbar war. Cranberrysaft, das ist un-glaub-lich sauer, meintet ihr vielleicht Sirup? Oder irgendein Mischgetränk? Oder ganz was anderes? Rotwein vielleicht?), drei Lorbeerblätter zufügen, bei schwacher Hitze zugedeckt dünsten. (Wie lange, stand da nicht, ich dünstete einfach, bis der Kohl weich war und dann noch eine Ecke weiter.)
2. Inzwischen 75 Gramm Nüsse (ich nahm einfach die Nussmischung, die noch übrig war, laut Beef! hätten es Walnusskerne sein sollen … Wahrscheinlich eine gute Idee, die Walnüsse in der Mischung waren am Ende die mit Abstand leckersten) ohne Fett rösten, dann grob hacken. Fruchtfleisch von acht reifen Feigen grob zerkleinern. Alles zusammen unter den Rotkohl mischen. Mit Balsamico, Zucker (wegen des Cranberrysafts: viel Zucker!), Salz, Pfeffer und drei Teelöffeln Pfefferkuchengewürz (im Rezept stand Lebkuchengewürz, ist das nicht dasselbe? Diese komischen norddeutschen Produkte in diesen komischen norddeutschen Regalen bringen mich immer noch durcheinander, trotz mittlerweile knapp zehn Jahren Hamburg) abschmecken. Kurz vor dem Servieren eineinhalb Esslöffel kalte, fein gewürfelte Butter unterrühren.

Ergebnis:
Wie schon angedeutet: an der Grenze zum Ungenießbaren. Viel zu sauer, und das lag nicht an meinen leichten Abwandlungen des Rezepts, das lag am Cranberrysaft. Auch optisch wenig ansprechend, alles in allem eine rote, undefinierbare Pampe. Mal ehrlich, Beef!, wäre nicht das Anschlussrezept Brokkoli mit Feta nicht zumindest halbwegs essbar gewesen (wenn auch nicht weltbewegend … Also, mich hätte man damit nicht ins Bett kochen können, zumindest nicht ohne eine gewisse Grundsympathie), dann wärst du als Medium für mich, hihi, gegessen gewesen.
So aber: Eine Chance hast du noch. Weil ich, wie gesagt, die Idee hinter dir als Zeitschrift nicht ohne Reiz finde.