Ich habe mich entschieden, nicht über Thilo Sarrazin zu schreiben. Über Sarrazin haben schon andere geschrieben, ausführlicher, weitergehender, schärfer und lustiger als ich es gekonnt hätte. Also steht hier nichts über Sarrazin.

Hier steht etwas über Mavericks.

Im amerikanischen Englisch bezeichnet “Maverick” einen Querdenker. Einen Menschen, der Ansichten vertritt, die nicht konform mit dem Mainstream gehen, und der diese Ansichten polemisch, satirisch, manchmal auch verletzend artikuliert. Der Maverick handelt oft aus purer Lust an der Provokation, meist aber, weil er durch seine Polemiken einen Diskussionsprozess in Gang setzen will. Ein Maverick ist ein von allen Seiten unabhängiger Intellektueller.
Solche Mavericks scheint es in den USA zu geben, in der Bundesrepublik gibt es sie nicht. Weil Querdenken in der Bundesrepublik heißt: rechts zu denken. Das muss man erklären. Wenn man in der europäischen politischen Diskussion nur lange genug nachdenkt, dann landet man früher oder später unweigerlich links. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung beschreibt Hildegard Hamm-Brücher anschaulich, wie der Rechtsruck der FDP unter Guido Westerwelle mit einer intellektuellen Verflachung einher ging:

Er (Westerwelle, F.S.) hat mit seiner Einseitigkeit das Kapital verspielt, das ihm der Wähler gegeben hat. Und dann bin ich bei meinem Hauptthema: Dass in der FDP außer Herrn Westerwelle fast niemand wirklich bekannt ist. Wer steht für Bildung? Wer steht für Umwelt? Es gibt immer nur Steuerermäßigung. Das ist ein Jammer. (…) Ich war in den neunziger Jahren noch mal im Vorstand der Partei und auch im Präsidium. Dort habe ich nicht ein Mal eine intellektuelle Diskussion erlebt, sondern immer nur kurzfristig gucken: Wie positionieren wir uns?

Wenn Intellektualität in der politischen Diskussion aber bedeutet, offen nach Links zu sein, dann kann ein Querschläger zu diesem Denken schlicht nur offen nach rechts sein. Und so agieren die selbst ernannten deutschen Mavericks auch: Sie geben das Denken auf und kämpfen stattdessen gegen alles, was nach Reform, Entwicklung und Hierachieabbau klingt, sie sind, ganz klassisch, Rechte.
Sie kämpfen gegen die Rechtschreibreform, die sie mit ihrem unbeholfenen Sinn für Ironie konsequent “Schlechtschreibreform” nennen. Sie hetzen gegen die kreative Weiterentwicklung von Sprache und lästern über “Dummdeutsch” und “Denglisch”. Sie suchen ihr Heil im klassischen Bildungskanon und gründen Bürgerinitiativen zum Erhalt der Gymnasien. Sie sind gegen das, was sie sich unter “Regietheater” vorstellen, ohne den Begriff auch nur rudimentär mit Inhalt füllen zu können. Sie haben sich noch nie mit dem Konzept der “Political Correctness” beschäftigt, sind aber davon überzeugt, dass alles, was auch nur von fern den Anschein erweckt, pc zu sein, von übel ist. Sie lassen sich vom Pöbel feiern und glauben, todesmutig gegen den Meinungsmainstream gekämpft zu haben.
Und kommen dabei doch erst im Mainstream an.
Es tut mir leid, ich muss doch noch einmal auf Sarrazin zu sprechen kommen. Sarrazin, der Kämpfer gegen Denkverbote, Sarrazin, der unbequeme Wahrheiten ausruft, die doch niemand auszusprechen wagt: Er tut das per Vorabdruck seines Buches. In Spiegel und Bild. Vorabdrucke in den reichweitenstärksten Medien des Landes! Und so jemand wagt es, für sich in Anspruch zu nehmen, unterdrückten Meinungen eine Stimme zu geben!

Es hilft nichts: Wer sich hierzulande als Maverick geriert, der ist so was von Meinungsmainstream, das tut schon weh. Er ist einfach von der linken Konvention mit fliehenden Fahnen zur rechten Konvention übergelaufen. Nur aufs Denken und auf Intellekt hat er unterwegs verzichtet.