Köhler meinte, es habe zwar eine Zeit lang die Notwendigkeit gegeben, die Klassiker zu entstauben und zu problematisieren. “Aber das heute immer noch fortzusetzen, erscheint mir wie der Ausweis einer neuen arroganten Spießigkeit. Ein ganzer Tell, ein ganzer Don Carlos, das ist doch was!”

Man sollte Schillers Werke nicht “auf kleines Maß reduzieren”, meinte Köhler, der sich als ein Verehrer des Dichters bekannte. Seine Werke hätten sich Jahrzehnte nicht dagegen wehren können, “in Stücke zerlegt und nach Gutdünken wieder zusammengesetzt zu werden”. Dabei seien die grundlegenden Konflikte zwischen Individuum und politischer Verstrickung, zwischen Unterdrückung und Freiheitsverlangen, Selbstverwirklichung und Verantwortung, zwischen Ideal und Wirklichkeit auch heute immer neu auszufechten.

“Schillers Leben und seine Werke sind ohne Zweifel ein Geschenk an die Kulturnation Deutschland”, deren Menschen auch heute noch stolz darauf sein könnten, im “Land der Dichter und Denker” zu leben. Es gebe keinen Grund, “sich dessen zu schämen”.

(Der damalige Bundespräsident Horst Köhler, 2005 zum Schillerjahr im Berliner Ensemble, zitiert von der dpa auf Zeit Online.)

Eine Bahnfahrt, Mitte der Neunziger, mit dem Spätzug um 23.30 von Frankfurt nach Gießen. Die schöne, kluge Frau und ich treffen zufällig eine Kommilitonin im Zug, niemanden, den wir näher kennen, eben jemand, mit dem man ein, zwei Seminare zusammen besucht hat und mit dem man schnell ein gemeinsames Gesprächsthema finden muss. “Und? Was habt ihr in Frankfurt gemacht?” “Wir waren im Theater.” “Ach? Wie wars?” Ich bin mir nicht sicher, was ich antworten soll, heute erinnere ich mich nicht mehr daran, welches Stück wir sahen, nur dass es eher bieder inszeniert war, das weiß ich noch. “Nicht so besonders.” “Ah. War es wieder so modern gemacht, oder?”

Ich verstehe nicht, weswegen “modern” (in seiner ungenauen Bedeutung: Nicht die Epoche der Moderne ist gemeint, sondern irgendein unbestimmtes “zeitgenössisch”, das all das beinhaltet, mit dem man sich nicht auseinander setzen möchte) in der Diskussion übers Theater solch ein Schimpfwort geworden ist. Ich verstehe nicht, weswegen ein Horst Köhler (den man wegen vielem kritisieren konnte, zum Beispiel wegen seiner ideologisch verbohrten Marktgläubigkeit, nicht aber wegen seiner ästhetischen Meinung, denn da hat er schlicht keine, er plappert nur nach, was wahrscheinlich viele hören wollen) Beifall genießt, genauso wie Daniel Kehlmann, der 2009 bei den Salzburger Festspielen eine andere Position einnahm als der Bundepräsident, nicht die des Spießers, der die Welt um sich nicht mehr versteht, sondern die des beleidigten Künstlers, dabei aber mehr oder weniger das gleiche sagte:

Eher ist es möglich, unwidersprochen den reinsten Wahnwitz zu behaupten, eher darf man Jörg Haider einen großen Mann oder George W. Bush intelligent nennen, als leise und schüchtern auszusprechen, daß die historisch akkurate Inszenierung eines Theaterstücks einfach nur eine ästhetische Entscheidung ist, nicht besser und nicht schlechter als die Verfremdung, auf keinen Fall aber ein per se reaktionäres Unterfangen.

Ich war immer schon eher von Goethe begeistert als von Schiller, deswegen argumentiere ich jetzt mit ihm, was problematisch ist, weil der Ex-Bundepräsident ja explizit zum Schillerjahr sprach. Vielleicht ist es so, dass das bei Schiller ganz anders ist, dann mögen mir die Freunde der Werktreue meine Argumente um die Ohren hauen, aber: den “Faust” werktreu inszenieren zu wollen, das ist Blödsinn. “Faust” spielt in einem mittelalterlichen Setting, die sozialen Kontexte, in denen die Protagonisten sich bewegen, entsprechen aber in Teilen der Goethezeit. “Faust” selbst ist also eine Aktualisierung, vom Autor übrigens zwischen 1772 und 1832 immer wieder um- und weitergeschrieben. Kein homogenes Werk, sondern ein Hybrid, der hier aktuelle Bezüge aufnimmt, dort von der Zeit Überholtes fallen lässt. Das soll man nicht aktualisieren dürfen? Bitte! (Um Daniel Kehlmann allerdings Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Peter Stein, wahrscheinlich der interessanteste Reaktionär in dieser doch recht uninteressanten Debatte, versuchte 2000 für die Expo Hannover eine tatsächlich irgendwie werkgetreue Interpretation des “Faust”. Ein Unterfangen, das gerade in seinem Scheitern nicht ohne Reiz war.)

Wohin Werktreue aber in ihrer radikalen Ausprägung führt, sah ich vergangenen Samstag in der Berliner Schaubühne. Da inszenierte Alvis Hermanis Puschkins “Eugen Onegin”, einen Roman, den ich weder in Buch- noch in Theaterform kannte, den mir diese Inszenierung aber extrem nahe brachte. Hermanis inszenierte werktreu bis zum Exzess, was bedeutete: Die Schauspieler trugen nicht nur Kleidung, wie sie im Russland um 1820 üblich war, sie traten auch immer wieder aus ihren Rollen heraus und gaben Hintergrundinformationen, weswegen die Aufführung über kurz oder lang den Charakter eines Volkshochschulvortrags annahm: Wir sehen jetzt zwei, drei Minuten Handlung, und dann hören wir, was hinter dieser Handlung steht, inclusive Lichtbildern. (Besagte Dias zeigten Gemälde aus der Entstehungszeit des Stücks zur Verdeutlichung des Gezeigten. Meine Begleiterin, die in der russischen Kunstgeschichte bewanderter ist als ich, meinte, sie seien nicht immer zu 100 Prozent stimmig ausgewählt gewesen, aber, hey!, wenn es 75 Prozent waren, dann ist das doch ebenfalls eine Rechercheleistung, die man nicht zu gering schätzen sollte.)

Mit anderen Worten: “Eugen Onegin” war eine gute Inszenierung, eine spannende Inszenierung, 100 Minuten Theater, aus dem ich sicher nicht dümmer rauskam als ich reingekommen bin. Und außerdem eine Inszenierung, die mir in der Rückschau auf eine Weise egal war, wie es kaum eine Theaterarbeit je schaffte. Was so ziemlich die klarste Aussage ist, die ich zum Thema “Werktreue” treffen kann.